Ich rufe an, murmelte er, während er zur Tür stolperte.
Deine Geliebte hat angerufen. Sie schickt Grüße!, rief Irma in den Raum, ohne den Herd loszulassen, wo auf einer Pfanne etwas Vertrautes brutzelte, wie das alte, festgefahrene Muster ihres gemeinsamen Lebens.
Andreas erstarrte im Küchenflur. Zwanzig Jahre ein ganzes Leben flitzten wie ein kurzer Blitz vor seinen Augen. Die Schlüssel glitten ihm aus der Hand, fielen zu Boden und klirrten mit einem unangenehmen Metallklang, der die Stille zerschmetterte
Was erzählst du da? Welche Geliebte? zitterte seine Stimme, als sie die Ängste und das Aufgewühlte der letzten Monate preisgab. Er spürte, wie der Boden unter seinen Füßen nachgab.
Lotte, deine Assistentin, nehme ich an? drehte Irma sich endlich um, die Arme verschränkt vor der Brust. Ein junges Fräulein, fünfundzwanzig Jahre alt. Sie sagt, das ist schon den vierten Monat. Herzlichen Glückwunsch, Papa!
In Irmas Augen lag ein Schmerz, der Andreas das Gefühl gab, durch die Erde zu sinken oder aufzuwachen. Ja, genau, aufzuwachen und begreifen, dass das alles nur ein Alptraum sei.
Ira, ich erkläre alles, begann er, doch die Worte blieben im Hals hängen.
Erklärst du? lachte sie heiser. Was willst du mir genau erklären, Andreas? Wie du dich mit deiner Sekretärin vergnügt hast, während ich durch die Klinik hastete? Oder wie du mir gelogen hast, dass du Überstunden machst?
Die Pfanne zischte, und der Geruch von verbranntem Fleisch füllte die Küche. Irma drückte reflexartig das Gas ab, als könnte das das ganze Leid, die Bitterkeit, den Verrat zum Stillstand bringen.
Weißt du, was das Widerlichste ist? flüsterte sie. Ich habe es geahnt. All deine Besprechungen, späten Anrufe, Dienstreisen und ich habe geglaubt. Wie ein Trottel, habe ich geglaubt!
Irrige Irma, hör zu, machte Andreas einen Schritt auf sie zu, doch sie stellte die Hand wie eine unsichtbare Mauer zwischen sich und ihm.
Komm nicht ran! schimmerten Tränen in ihren Augen. Gott, das ist ekelhaft Zwanzig Jahre wie ein toter Katzenschwanz!
Hör auf, versuchte er sich zu sammeln, doch seine Stimme bebte. Lass uns in Ruhe reden. Das ist alles kompliziert.
Kompliziert? lachte Irma erneut, doch ihr Lachen war ein Schluchzen. Was ist hier kompliziert? Du hast eine junge Geliebte. Sie hat dich verführt. Und ich ihre Stimme brach, ich bin einfach alt, kann keine Kinder bekommen, ja?
Sag das nicht! drängte er und trat noch einen Schritt vor.
Irma wirbelte sich aus seinen Armen, als wäre sie verbrannt. Im nächsten Moment zerriss ein lauter Klaps die Stille der Küche.
Verschwinde, hauchte sie, die Stimme zitternd. Verschwinde zu ihr. Wenn sie dir geben kann, was ich nicht konnte.
Irma
Geh! schnappte sie sich das Salzstreuerchen vom Tisch und warf es nach ihm.
Andreas streckte die Hand aus, das Salz zerfiel auf dem Boden, weiße Kristalle funkelten im Lampenlicht. Schlechtes Omen, flackerte ein Gedanke durch seinen Kopf.
Ich rufe an, murmelte er erneut, während er zur Tür stolperte.
Irma wandte sich schweigend zum Fenster. Ihre Schultern zitterten, als wäre es kalt, obwohl draußen längst der Frühling war.
Im Flur, hastig den Mantel über die Schultern ziehend, hörte er gedämpfte Schluchzer. Seine Hand verharrte am Türgriff. Was könnte er sagen? Wie rechtfertigt man den Betrug?
Die Eingangstür knarrte. In der leeren Wohnung herrschte ein drückendes Schweigen, nur das Ticken der altmodischen Standuhr ein Hochzeitsgeschenk seiner Eltern dröhnte. Zwanzig Jahre hatte die Uhr gezählt, gleichmäßig die Sekunden ihres gemeinsamen Lebens herunterzählend.
Irma ließ sich langsam auf den Küchenstuhl sinken. Ihr Blick fiel auf das verstreute Salz. Man sagt, das bringt Unglück, dachte sie und brach in ein hysterisches Lachen aus. Ohne dieses Omen wäre ihr Leben nicht in so viele weiße Splitter zerbrochen, die nun den dunklen Boden bedeckten.
Das Handy in ihrer Kitteltasche vibrierte. Irma griff mit zitternden Händen nach der Nachricht von einer unbekannten Nummer:
Entschuldigung. Ich wollte nicht, dass es so endet. Lotte.
Schlampige Schnöselin, flüsterte Irma, das Telefon fest an die Brust drückend. Kleine Plage
Draußen begann zu nieseln. Die ersten Tropfen trommelten gegen den Fensterrahmen, als würde jemand eine traurige Melodie auf einem unsichtbaren Xylophon spielen.
Irma stand auf, griff automatisch nach Besen und Kehrschaufel. Während sie das Salz einsammelte, drehte sich ein absurder Gedanke in ihrem Kopf: Aber ich habe ja nie gefragt, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen erwartet
Sie hielt inne, die Kehrschaufel fest gedrückt. Regen, Salz, das Ticken der Uhr alles verschmolz zu einem ununterbrochenen Strom, als wäre ihr ganzes Leben jetzt nur noch aus diesen Kleinigkeiten zusammengesetzt. Mehr blieb nicht übrig.
Andreas saß im Auto und starrte stumm auf sein Handy. Fünfzehn verpasste Anrufe von seiner Mutter Irma hatte natürlich die Schwiegermutter angerufen, weil sie die Schwiegertochter immer geliebt hatte.
Und jetzt? fragte er sein Spiegelbild im Rückspiegel. Der verwirrte Mann, fünfundvierzig, sah ihn streng an.
Das Handy vibrierte erneut. Lotte leuchtete auf dem Bildschirm.
Ja, Kleines
Wo bist du? ihre Stimme bebte, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Ich hatte solche Angst Sie war so furchtbar!
Wer? verstand Andreas nicht.
Deine Frau! Sie kam zu mir zur Arbeit, hat eine Szene gemacht
Was?!, riss er sich auf. Wann?
Vor etwa einer Stunde, schluchzte Lotte. Sie schrie durch das ganze Büro, dass ich eure Familie zerstört habe. Sie warf mir Unterlagen zu das waren ihre Untersuchungsergebnisse.
Er ließ ein Stöhnen los und senkte den Kopf auf das Lenkrad.
Ich wusste nicht, fuhr Lotte fort. Wirklich nicht, dass ihr keine Kinder bekommen könnt. Ich dachte, ihr wollt einfach
Ich habe es doch gewusst, flackerte ein Gedanke durch sein Gehirn. Ich wusste und trotzdem
Komm, ich bitte dich, komm zu mir. Ich habe Angst, allein zu sein.
Bin gleich da, murmelte er.
Er drehte den Motor an, doch bevor er losfahren konnte, klingelte das Telefon erneut diesmal die Mutter.
Ja, Mama.
Ach du du Hund!, donnerte ihre Stimme durch den Hörer. Was hast du nur getan? Hast du dein Gewissen verloren?
Mama
Schweig! Irma weint in Tränen, kaum beruhigt. Zwanzig Jahre zusammen, und du?! Du hast das mit einer jungen Dame!
Mama, ich
Ich bin nicht mehr deine Mutter! Solange du nicht erwachst, ruf nicht mehr an. Und stell dich nicht mehr vor die Tür!
Sie legte auf. Andreas ließ das Telefon schwer auf den Schoß fallen, als wäre es plötzlich zu schwer. Stille, nur das leise Brummen des Motors.
Er blickte auf Irmas Haus. Die Fenster strahlten ein warmes, heimeliges Licht aus. Doch er konnte nicht mehr dorthin. Er konnte nicht mehr irgendwohin.
Er stellte die Zündung ab. Das Auto ächzte und verstummte. Und er blieb allein in einer Stille, die plötzlich ohrenbetäubend laut war.
Kurze Pieptöne dröhnten aus dem Hörer.
Verdammt, flüsterte Andreas und schlug gegen das Lenkrad, bis seine Finger sich verkrampften.
Das Handy vibrierte wieder eine Nachricht von Irma:
Die Scheidungspapiere sind in einer Woche fertig. Du holst die Sachen am Wochenende. Ich fahre.
Er las sie mehrmals. Die Zeilen fügten sich zu keinem sinnvollen Ganzen. Scheidung. Alles. Zwanzig Jahre. Zerbrochen. Komplett.
Ein neuer Anruf kam Lotte.
Bist du bald da? Der Bauch tut weh
Bin gleich da!, rief er und drehte das Lenkrad, als wolle er diesem Albtraum entfliehen.
Der Regen wurde stärker, die Scheibenwischer kämpften mühsam, die Stadt löste sich in grauen Flecken hinter dem Glas.
Das Handy piepte erneut wohl die Mutter rief wieder an. Andreas drehte nicht einmal um. Was machte es schon? Alles zerfiel, und er konnte nicht begreifen, wie das geschehen konnte.
Vor einem Jahr kam Lotte als Praktikantin in die Firma. Jung, strahlend, mit Augen voller Hoffnung Sie sah zu ihm hinauf mit derselben Bewunderung, die Irma einst in den UniJahren gezeigt hatte.
Dann ein Betriebsausflug, ein flüchtiger Kontakt Und plötzlich fand er sich, wie ein alter Narr, vor ihr kniend, blumige Geschenke kaufend, in Restaurants fahrend, verliebt wie ein Junge.
Er mietete ein Zimmer für heimliche Treffen, wie ein Kind im Versteck, beobachtete ihr Leuchten, ihre Pläne, ihre Träume.
Dummkopf, dachte er, während er auf die nasse Straße starrte. Alter Trottel.
Das Telefon klingelte erneut.
Was ist denn, griff er nach dem Hörer, ohne auf das Display zu schauen. Lotte, ich
Das ist nicht Lotte, sagte Irma, ihre Stimme ungewöhnlich gelassen. Ich habe einen Test gemacht. Stell dir vor, ich warte auch auf ein Kind.
Alles um ihn herum erstarrte. Ein lauter Bremsgeräusch, Aufprall. Dunkelheit.
Herzinfarkt, sagte der Arzt nüchtern. Plus Schädel-Hirn-Trauma. Der Zustand ist schwer.
Irma stand am Fenster der Intensivstation, blickte auf den Mann, der von Schläuchen und Drähten umgeben war. Neben ihr saß Lotte, ihr rundes Gesicht in den Händen vergraben, leise Schluchzer ausströmend.
Hör auf zu jammern, sagte Irma, ohne aufzublicken. Du bist nicht in einer Serie.
Entschuldigung, wischte Lotte die Tränen weg, versuchte nicht zu sehen. Ich wir ein Kind
Ja, ja, selbstverständlich, verzog Irma die Lippen. Ein Kind ohne Vater wie komisch. Und ich ohne Mann toll, nicht wahr?
Ihr ihr auch? flüsterte Lotte, stumm.
Auch reingefallen? grinste Irma. Zwanzig Jahre ohne Nachwuchs und plötzlich bumm! Vielleicht vom Stress.
Das Herzmonitor piepste gleichmäßig. Der Regen klopfte wie in den letzten drei Tagen an das Fenster, ließ nicht vergessen, dass jenseits dieses weißen Raums das Leben weiterging. Ein seltsamer, unsichtbarer Zusammenhang zwischen Regen und dem, was hier geschah.
Weißt du, sagte Irma plötzlich, den Blick unverwandt auf die reglose Gestalt ihres Mannes gerichtet, ich habe ihn schon im ersten Semester geliebt. Er war damals schmächtig, mit Brille Die Mädchen lachten, fragten, was du in ihm sahst. Und ich sah, was er wirklich war.
Lotte schwieg, zupfte am Vorhang, als könnte dort ein rettender Funke versteckt sein.
Dann die Hochzeit, fuhr Irma fort, als spräche sie zu einer Leere. Ringe, Schleier, alles wie ein Märchen. Seine Mutter freute sich: Eine gute Schwiegertochter, das wird. Und ich wurde zur defekten
Sag das nicht, hauchte Lotte kaum hörbar, ihre Stimme so zart wie ein Herbstblatt.
Wie soll ich es sagen?, fauchte Irma scharf. Du weißt, wie viele Ärzte ich durchlaufen habe? Wie viele Eingriffe? Und er flüsterte immer: Mach dir nichts draus, Liebste, wir kommen auch ohne Kinder klar Lüge. Einfach nur Lüge.
Er liebt dich, sagte Lotte, doch das Wort hallte hohl. Wirklich? Er redete immer von dir.
Und wenn er dich nennt? lachte Irma, das Lachen kratzig und wütend wie eine zweite Welle des Ärgers.
Lotte zuckte zusammen, schützte ihren Bauch, als wolle sie den Schmerz abschirmen.
Ich dachte ich dachte, wir hätten Liebe, flüsterte sie, den Blick nach unten gerichtet. Er war so aufmerksam, so zärtlich
Und ich also, schnitt Irma ihm ein, eine zänkische Ehefrau, Karrierefrau, kinderlos?
Nein! Ich Lotte verstummte, wusste nicht mehr, was sie sagen sollte.
Weißt du, was das Lächerlichste ist?, unterbrach Irma sie. Ich verstehe dich fast. Jung, verliebt sah einen erfolgreichen Mann, verlor den Kopf. Ich war das auch. Nur das Unglück: dieser Mann ist mein Mann.
Andreas zuckte leicht, die beiden Frauen rückten nach vorn, dann verstummten sie wieder.
Was machen wir jetzt?, fragte Lotte, als die Stille das Zimmer erfüllte.
Was wirst du tun?, sagte Irma müde, streichelte ihr Kinn. Andreas wird zwei Erben haben oder Erbinnen. Was macht das für einen Unterschied?
Und er?, hakte Lotte nach, unfähig, die Frage zu bannen.
Und was er?, sah Irma ihn verbittert an, wie einen seltsamen, doch vertrauten Menschen. Er kann wählen. Aber Sie lächelte, seine Wahl ist lahm: alte Ehefrau mit Anhängsel oder junge Geliebte mit Kind.
Ich reiße nicht um, begann Lotte, versuchte die Worte zu finden, die nicht in ihr Herz schnitten.
Doch du willst es, schnitt Irma ihr ein. Ihr alle wollt etwas. Ich sage dir, Mädchen Ich gebe mein Leben nicht aus der Hand. Zwanzig Jahre sind mein Besitz, verstehst du? Zwanzig Jahre Du sprangst in einen fremden Zug. Aber das ist nicht deine Strecke. Nicht dein Bahnhof.
Eine Krankenschwester hustete leise von hinten.
Entschuldigung, die Besuchszeit ist beendet.
Ja, natürlich, korrigierte Irma. Kommen wir, Zwiebelgewürz. Ich zeige dir, wo der Teemaschine steht. Wir müssen hier noch lange bleiben.
Andreas kam nach einer Woche wieder zu Bewusstsein. Als er die Augen öffnete, sah er seine Frau neben dem Bett sitzen, die Hand sorgsam auf dem Bauch. Ein Gedanke blitzte: Wie habe ich das nie bemerkt?
Irma, seine Stimme rau, fremd, nicht seine eigene.
Sie zuckte zusammen, ihre Augen weit offen:
Nun, hübscher Mann?, sagte sie mit einer leichten Spöttelei. Ich dachte schon, du hängst im Himmel mit jungen Engeln.
Entschuldigung
Fang nicht an, verzog Irma das Gesicht. Dein Anwalt war hier. Die Wohnung teile ich nicht du kannst sie behalten. Das Auto auch, du brauchst es mehr. Ich habe meinen Job gekündigt.
Was? stieß Andreas, das Gesicht von Sorge verzerrt. Warum?
Ich ziehe zurück nach Langenfeld, zu denUnd während der Regen leiser wurde, schwebte Irma hinaus in den Morgen, ihr Lächeln zerbrach die Stille und ließ den Traum endgültig in den Schatten des Tages versinken.







