Nein, Mama. Ich komme nicht. Alles, was ich brauche, kaufe ich im Geschäft. – Aber… wie soll das gehen? Vorräte! Vitamine!

Nein, Mama, ich komme nicht. Alles, was ich brauche, kaufe ich im Laden.
Aber aber wie soll das gehen? Vorräte! Vitamine! Du liebst das doch!
Deine Vorräte brauche ich nicht, sagte Klara Schmidt ruhig. Und die, die sie brauchen, sollen sich die Zeit und die Mühe selbst holen.

Noch zwanzig Gläser Gurken und das wars für heute, verkündete Anneliese Schuster, während sie die Hände an ihrer Schürze abwischte.

Klara fuhr die Hand über die Stirn und wischte den schweißnassen Tropfen weg. Das T-Shirt klebte nass am Körper, die Luft in der kleinen Küche war stickig, schwer, durchdrungen vom Geruch von Essig und Dill.

Sie ließ ihren Blick über den Tisch gleiten, der von Gläsern, Deckeln und Gemüse überquoll. Im Keller warteten noch Tomaten, Kohl zum Einmachen, ein Dutzend verschiedener Salate. Noch eine Woche Arbeit lag vor ihnen.

Gut, Mama, seufzte Klara und griff nach dem nächsten Glas.

Ihre Hände bewegten sich fast automatisch: Gurken ins Glas legen, mit Lake übergießen, Deckel draufdrehen. Immer und immer wieder. Klara arbeitete, ohne an die noch zu erledigende Menge zu denken.

Sieh nur, sagte Anneliese zufrieden, während sie die Reihen fertiger Gläser betrachtete, bald ist unsere Familie für den Winter gerüstet.

Klara ließ das Geschirr beiseite und wandte sich ihrer Mutter zu.

Mama, wo ist Greta? Warum hilft sie nicht?

Anneliese senkte den Blick, wischte den nun bereits sauberen Tisch ab.

Greta hat einen neuen Job. Sie kann sich nicht einfach freinehmen, verstehst du? Eine verantwortungsvolle Position, strenge Chefs.

Klara presste die Lippen zusammen. Natürlich, Greta fand immer eine Ausrede. Im letzten Jahr hatte die jüngere Schwester genau in der Woche, in der die Gläser zugedreht werden mussten, eine schwere Erkältung eingefangen. Vor zwei Wochen ein DienstreiseTermin, der exakt mit dem Einmachzeitplan kollidierte. Und Klara selbst durfte keinerlei Pläne mehr haben. Ihre Mutter verlangte fast befehlend, dass sie die Arbeit freinehmen und nach Hause kommen solle.

Klara, sei nicht so ernst, sagte Anneliese sanft, als sie den Ausdruck auf ihrer Tochter bemerkte. Aber wir werden den ganzen Winter über unsere Vorräte essen. Vitamine! Es gibt nichts Gesünderes.

Klara nickte. Das war der einzige Lichtblick. Zumindest schmeckten die Essiggurken hervorragend.

Die nächsten Tage verschmolzen zu einem endlosen Strudel: Tomaten einlegen, Salate zubereiten, Kohl fermentieren. Sie schleppte schwere Kisten voller Gläser in den Keller, stieg die steilen Treppen immer wieder hinauf und hinunter. Sie half beim Aufräumen nach jeder EinmachSchicht, wischte den Boden, polierte die Tische, brachte den Müll hinaus. Ihre Hände schmerzten, der Rücken pochte. Abends sank sie erschöpft ins Bett.

Endlich, als alles vorbei war, fuhr Klara zurück in ihre kleine Wohnung. Sie war ausgebrannt. Der Jahresurlaub war auf einen Tag reduziert, und sie wollte diesen Tag in völliger Ruhe verbringen. Zu Hause war es leer. Der Kühlschrank zeigte nur halb leere Regale. Doch ihre Mutter war zufrieden und das war das Wichtigste. Greta hatte sich nie gemeldet, nicht gefragt, wie es lief, keine Hilfe angeboten.

Der Winter kam. Klara fuhr immer wieder zu ihrer Mutter, um ein paar Gläser zu holen Gurken, Tomaten, Salate. Alles war lecker, hausgemacht. Anneliese freute sich jedes Mal über den Besuch, sie tranken Tee und plauderten lange.

Ende Januar kam Klara erneut. Anneliese empfing sie mit einem Lächeln, deckte den Tisch. Auf dem Tisch standen gekaufte Wurst, Käse und Brot, aber keine selbstgemachten Salate, keine anderen Vorräte.

Klara runzelte die Stirn. Das war ungewöhnlich. Normalerweise stellte ihre Mutter immer etwas aus den eigenen Einmachgläsern hin. Doch der Tisch wirkte karg.

Sie unterhielten sich, Anneliese erzählte Neuigkeiten, fragte nach der Arbeit. Klara vergaß beinahe, dass etwas fehlte.

Als es Zeit war zu gehen, stand Klara auf, zog die Jacke an.

Mama, ich gehe gleich in den Keller und nehme drei Gläser Kraut mit Karotten, sagte sie und ging zur Tür.

Nicht nötig!, hielt Anneliese sie plötzlich zurück.

Klara drehte sich überrascht die Augenbrauen hochziehend.

Warum? Ich wollte doch gerade für die Woche etwas einplanen

Einfach nicht nötig, Klara. Geh nicht in den Keller.

Anneliese wandte den Blick ab. Etwas in ihrer Haltung spannte Klara an. Sie ließ die Jacke auf den Stuhl fallen.

Mama, was ist los? Warum darf ich keine Gläser nehmen?

Ich ich kann dir einfach nichts geben, murmelte Anneliese, den Blick auf den Boden gerichtet.

Klara schürfte die Augen zusammen. Ärger brodelte in ihr.

Mama, ich habe die ganze Woche Vorräte gemacht. Erinnerst du dich? Und jetzt soll ich keine Gläser mehr nehmen? Erklär mir bitte, was hier passiert.

Klara, das ist jetzt nicht wichtig Ich kann dir einfach nichts geben, das wars.

Klara drehte sich um, rannte fast die Treppe hinunter. Aus der Küche schrie ihre Mutter:

Klara! Nicht anfassen, ich habe es dir gesagt!

Aber Klara hatte bereits die Kellertür geöffnet, das Licht im kleinen Raum flammte auf. Die Regale standen leer. Dort, wo noch vor kurzem ordentliche Reihen Gläser standen, war jetzt weniger als die Hälfte übrig. Sie erinnerte sich genau, dass die Regale erst kürzlich noch voll waren. Wohin war alles verschwunden?

Langsam ging sie nach oben, stand in der Küche und sah ihre Mutter, die den Kopf gesenkt hatte, die Wangen gerötet vor Scham.

Mama!, schlug Klara erschrocken aus. Fehlt dir das Geld? Verkaufst du die Vorräte? Sag es mir! Ich hätte dir das Geld überweisen können. Du darfst in deinem Alter nicht frieren und deine Gläser verkaufen!

Sie versuchte, ihre Mutter am Arm zu packen, doch Anneliese zog die Hand zurück. Klara verzog das Gesicht, das Innere fror.

Geht es nicht darum, dass du sie verkaufst?

Anneliese schüttelte den Kopf. Klara ließ sich langsam in einen Stuhl sinken, sah ihr fest in die Augen.

Ja, also erzähl

Stille legte sich über den Raum. Anneliese seufzte, fuhr mit der Hand über ihr Gesicht.

Alles ist an Greta gegangen, flüsterte sie. Sie hat einen Freund gefunden, dessen Familie in Berlin sehr groß und einflussreich ist. Greta hat ihnen gesagt, dass sie Vorräte für den Winter anlegt. Und plötzlich verlangte die ganze Familie die Gläser.

Also das eine, das andere. Greta kann nicht nein sagen, verstehst du? Sie will heiraten, die Familie ist reich, einflussreich und das Ganze endete schnell.

Klara hielt den Atem an. Sie dachte, ihre Mutter sei in Gefahr. Stattdessen war die Realität banal.

Du hast mir verboten, Gläser zu nehmen, damit Greta genug hat? sagte Klara langsam.

Anneliese schwieg.

Denkst du nur an Greta? Und ich? Mama, wer hat all das eingedreht? Wer? Greta? Wo war sie, als ich die ganze Woche hier geschuftet habe? Und jetzt räumt sie die Regale leer, als wäre nichts geschehen!

Klara, verstehe Greta steckt gerade in einer entscheidenden Phase ihres Lebens, begann Anneliese zu rechtfertigen. Sie muss bei seiner Familie Eindruck schinden. Und du das ist für dich nicht so wichtig. Versteh mich und Greta, bitte.

Klara schüttelte den Kopf, stand auf, griff nach ihrer Jacke.

Genug. Ich habe alles verstanden.

Sie verließ das Haus, drehte sich nicht um, setzte sich ins Auto und drückte das Lenkrad so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. Wut, Groll und Bitterkeit brodelten in ihr. Tränen stiegen fast über die Wangen, doch sie hielt sie zurück, startete den Motor und fuhr davon.

Monate vergingen. Greta zog zu ihrem Freund. Klara besuchte ihre Mutter nur noch selten, nahm keine Gläser mehr. Anneliese brachte das Gespräch wieder auf das Wetter, die Arbeit, die Nachbarn. Doch zwischen ihnen schien eine Mauer gewachsen zu sein.

Als die nächste EinmachSaison begann, klingelte das Telefon an einem Abend. Klara sah die Nummer: ihre Mutter. Sie hob ab.

Klara, liebe Tochter, ich erwarte dich nächste Woche. Wir müssen die Vorräte für den Winter anlegen, dieses Mal noch mehr, damit alle genug haben.

Klara erstarrte. Das bedeutete, Greta würde wieder die Gläser verteilen und sie müsste wie verrückt arbeiten.

Ich komme nicht, Mama.

Was?, blieb die Stille am anderen Ende der Leitung. Klara, was soll das? Natürlich kommst du. Ich schaffe das nicht allein.

Nein, Mama. Ich komme nicht. Alles, was ich brauche, kaufe ich im Laden.

Aber aber wie? Vorräte! Vitamine! Du liebst das doch!

Deine Vorräte brauche ich nicht, sagte Klara ruhig. Und die, die sie brauchen, sollen sich die Zeit und die Mühe selbst holen.

Klara! Du kannst das nicht tun! Und Greta? Ich bin deine Mutter! Du solltest

Klara legte auf. Sie würde nicht länger das süße Lamm sein, das für andere arbeitet. Es reichte. Sie schuldete niemandem mehr etwas.

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