Der friedliche Abend senkte sich wie ein samtener Schleier über das kleine Dorf Hohenfeld, als die 78jährige Anneliese Schuster, von allen nur Oma Trude genannt, vor ihrem knarrenden Häuschen hervortrat. Sie schritt zur Nachbarzaun, klopfte dreimal mit den Fingernägeln an das Fenster der Stube nebenan. Das Glas gab ein dumpfes, vertrautes Geräusch zurück. Ein Moment später erschien das runzelige Gesicht der Nachbarin Gerda Stoll in dem Schimmer. Sie riss die alte, quietschende Tür auf und trat auf die Veranda, während sie ein widerspenstiges silbernes Haar aus dem Gesicht strich.
Trude, mein Kind, warum stehst du hier wie ein Gespenst an der Schwelle? Komm rein, ich setze gerade den Tee auf, rief Gerda über den Hof, doch ihre Stimme trug ein Ziehen in sich.
Nee, Gerda Stoll, danke, ich bleibe draußen, flüsterte Anneliese, ihr Atem bebte, und sie überraschte sich selbst mit dieser plötzlichen Schwäche. Ich muss zu dir, es ist dringend. Meine Augen spielen verrückt Tränen ohne Unterlass, alles verschwimmt, wie Nebel im Wald, und nachts brennt das Licht wie Feuer in meinen Lidern. Der junge Arzt hat sofort eine Notoperation verordnet, sonst könnte ich erblinden. Ich weiß nicht, wohin ich soll, ich bin ganz allein. Vielleicht gibt es doch noch gute Menschen, die mir den Weg zeigen.
Trude, mein Schatz, natürlich, fahr sofort!, erwiderte Gerda, während sie in ihren abgetragenen Hausschuhen hin und her wankte. Ich passe auf dein Haus, deine Ziege Leni, die Hühner und alles auf mach dir keine Sorgen! Allein in der Dunkelheit zu sitzen, das wäre ein böses Los. Gott schütze dich!
Anneliese war über siebzig. Das Leben hatte sie über Berge und Täler getragen, ihr Rücken war vom vielen Aufstehen und Fallen gebeugt. Doch sie hatte immer wieder aufgestanden. Schließlich hatte sie, wie ein verwundeter Vogel, ein kleines Häuschen von verstorbenen Verwandten geerbt. Der Weg in die Stadt, nach Fulda, schien endlos und beängstigend. In dem wackeligen Bus drückte sie ihre abgewetzte Tasche fest an die Brust und drehte immer wieder dieselben ängstlichen Gedanken:
Wird man mir mit einem Messer an die Augen kommen? Der Arzt sagte: Fürchte dich nicht, die OP ist einfach, doch mein Herz pocht wie ein Trommelschlag voller Vorahnung. So furchtbar, so allein
Im Krankenzimmer der Universitätsklinik war es still, nach Desinfektionsmittel duftend. Am Fenster lag eine junge Frau, ihr Gegenüber ein greiser Mann das beruhigte Anneliese ein wenig. Sie ließ sich müde auf das Bett sinken und dachte: Es ist nicht nur meine Not, das Leid kennt Jung und Alt gleichermaßen.
Nach der Mittagsruhe, die die Klinik die stille Stunde nannte, strömten Verwandte herein. Der junge Mann neben der jungen Patientin trug einen Korb voll Äpfel und Saft für seine Frau und seinen Sohn. Zu Annelieses Nachbarin kam eine Tochter mit Ehemann, einem kleinen, lockigen Enkelkind, das lauthals lachte. Sie umarmten ihre Mutter, gaben ihr Wärme, doch niemand setzte sich zu Anneliese. Sie blieb allein an der Wand, das Herz von bitterer Eifersucht und tiefer Einsamkeit durchbohrt.
Am nächsten Morgen trat Dr. Verena Krause, in makellosem, weißem Kittel, herein. Ihre Stimme war warm, beruhigend, fast mütterlich.
Wie fühlen Sie sich, Frau Schuster? Wie ist Ihre Stimmung?
Ach, nichts, ich halte durch, was soll ich machen, stammelte Anneliese. Entschuldigen Sie, wie darf ich Sie nennen?
Verena Krause, Ihre behandelnde Ärztin. Und Sie, Frau Schuster, kommen heute noch Verwandte? Kinder?
Ein Stich durchfuhr das Herz der alten Frau. Sie senkte den Blick und murmelte die flüchtige Lüge: Nein, mein Kind, ich habe keine mehr. Gott hat mir keine Kinder geschenkt
Verena streichelte sanft ihre Hand, notierte etwas in der Akte und ging. Anneliese blieb zurück, von Schuld und Scham zerfressen. Sie dachte an ihre einzige Tochter, die sie einst aus Liebe zu einem flüchtigen Stadtmann, Karl Müller, zurückgelassen hatte. Die Tochter, Liselotte, war in ihrer Kindheit verschwunden, während Trude mit einer Kuh und ein paar Hühnern kämpfte.
Jahre vorher, als Trude noch jung und schön war, hatte sie Karl, einen stolzen Kaufmann aus Berlin, kennengelernt. Er versprach ihr ein besseres Leben, glänzende Berge aus Gold. Ohne zu zögern ließ sie Liselotte bei ihrer Mutter zurück und folgte ihm in den Zug nach Berlin, dann weiter nach Hamburg. Dort arbeiteten sie, schickten Briefe, doch Karl wanderte von Ort zu Ort, vergaß das Versprechen, die Tochter immer weiter in den Hintergrund drängend. Schließlich wurde Karl bei einem betrunkenen Streit erschlagen. Trude verkaufte das wenige Hab und kehrte nach Hohenfeld zurück, hoffnungslos nach ihrer Tochter suchend.
Als sie zurückkam, fand sie das Haus ihrer Mutter verlassen, die Tür zugeschlagen. Sie legte ein paar Feldblumen auf das Grab ihrer Mutter und fuhr weiter, Tränen flossen wie ein bitterer Strom.
In der Nacht vor der OP lag Trude wach, das Herz hämmerte. Verena hatte ihr versichert, alles werde gut, doch die Angst blieb. Ein Gedanke kam wie ein Blitz: Meine Tochter hieß Liselotte, ihr zweiter Vorname war MüllerPetersen Ist das Zufall? Warum sieht ihr Gesicht mir so vertraut?
Am Morgen eilten Pflegekräfte, die Sanitäter schoben sie ins Operationszimmer. Fragen blieben unbeantwortet. Nach der Narkose war ihr Blick von dunklem Tuch bedeckt, die Angst schnürte ihre Brust. Plötzlich spürte sie eine Hand, die das Tuch vorsichtig löste. Vor ihr stand eine Krankenschwester, die lächelte:
Sehen Sie? Ich rufe gleich den Arzt.
Der Chirurg trat ein, blickte in ihre Augen und nickte zufrieden: Alles gut, Sie werden wieder sehen. Jetzt achten Sie gut auf sich, keine Anstrengungen.
Die Schwester legte ein Päckchen auf den Nachttisch: Verena hat Ihnen ein paar Äpfel, ein Zitronenbonbon und Vitamine gebracht. Sie ist heute frei.
Trude atmete verwirrt: Wie kann das sein? Die Ärztin bringt mir Geschenke?
Zwei Tage später, beim abendlichen Rundgang, trat Verena ein, ein offizielles Schreiben in der Hand. Sie flüsterte, als wolle sie das Zimmer nicht stören: Guten Abend, Mama. Trude erstarrte, ihr Herz schlug bis zum Hals.
Guten Abend, meine Liebe Warum nennen Sie mich Mama?
Weil Sie meine Mama sind, bebte die Stimme der Ärztin, Tränen glitzerten. Ich bin Liselotte, Ihre Tochter. Ich habe Sie gesucht, ich habe Ihren Namen, das Geburtsdatum, sogar die alte Familiengeschichte gefunden. Mein Mann, Matthias, ist Herzspezialist, wir haben einen Gentest gemacht, und das Ergebnis ist eindeutig Sie sind meine Mutter.
Ein Schwall von Glück und Schock überrollte Trude. Sie hielt die Hand der jungen Frau, als würde sie ersticken, und flehte: Verzeih mir, dass ich dich verlassen habe. Wie hast du ohne mich überlebt?
Liselotte lächelte: Mama, ich war nie allein. Meine Großmutter hat mich geliebt, mein Mann Matthias hat mich unterstützt. Wir haben zwei Kinder, deine Enkelkinder, und sie freuen sich, dass Sie jetzt wieder bei uns sind.
Trude fühlte sich, als schwebte sie im Himmel, als wäre sie auf einem anderen Planeten gelandet. Die Worte der Ärztin wurden zu einem göttlichen Zeichen, das ihr neues Leben einläutete.
Nach der Entlassung holen wir Sie nach Hause, wir haben ein großes Haus, ein Zimmer wartet schon auf Sie. Sie sind nicht mehr allein.
In dieser Nacht schlief Trude nicht aus Angst, sondern aus überschäumender Freude. Sie dachte an die Zukunft, an die Enkelkinder, an die Fragen, die sie ihnen stellen würde: Wo wartest du all die Jahre?, und sie wusste, dass sie ehrlich sein würde, um die Wahrheit zu teilen. Sie dankte Gott für dieses Wunder, für die neue Familie, für das Glas Wasser, das ihr nun in der Altenzeit gereicht werden würde. Sie betete, dass Vergebung ihren Platz finden möge.
Das Leben von Oma Trude fand endlich Frieden. Ihr Sohn, Matthias Krause, ein anerkannter Internist, fuhr mit Liselotte und den Enkeln zurück in das Dorf, um ihre Sachen zu holen. Die alte Ziege Leni schenkte Trude an Gerda Stoll, die überglücklich war, nicht nur das Tier, sondern auch die nun gesunde Nachbarin zu sehen, die endlich im Licht der Liebe und Versöhnung stand. In Gerdas faltigen Augen spiegelte sich reine, helle Freude über das späte, doch kostbare Glück.







