Am Samstag, als der März endlich dem April Platz machte, herrschte in der kleinen Wohnung von Heike und Thomas ein gewohnt träumerisches Wochenendritual. Thomas begann den Tag mit seinem Hobby er hantierte in der Küche mit der Kaffeemühle, maß winzige Verhältnisse für eine neue Bohnenmischung. Heike stapelte auf dem Sofa Zeitschriften und schrieb eine Einkaufsliste: Nach dem Mittag wollte sie zum Supermarkt, doch ein leichter Nieselregen hatte bereits die Straße in einen flüssigen Spiegel verwandelt. Draußen schmolz der nasse Schnee gemächlich, hinterließ Pfützen mit schimmernden Eissplittern, und im Flur stand schon ein kleiner Archipel aus Gummistiefeln und Hausschuhen.
Thomas blickte von seiner Tasse ab:
Möchtest du etwas knabbern? Ich habe ein Rezept für Quarkklöße ohne Grieß gefunden.
Heike lächelte die Pläne waren einfach: zusammen frühstücken, danach jeder seinem Tun nachgehen. Sie wollte gerade antworten, da erschallte ein helles Klopfen an der Tür.
Im Türrahmen stand die Nachbarin Gisela aus der Wohnung gegenüber. Sie wirkte etwas nervöser als sonst, ein kleiner Junge von etwa acht Jahren hängte sich an ihre Hand kein völlig Fremder, aber auch nicht lange Bekannt.
Entschuldigt die Störung Ich stecke in einem Notfall: ich muss sofort zu einem Geschäftstermin, mein Mann steckt irgendwo zwischen dem Berliner Ring und dem Weltraum fest. Könnt ihr bitte für ein paar Stunden auf Lukas aufpassen? Er ist ganz still das Wichtigste ist hier, sagte sie und reichte einen kleinen Rucksack, aus dem ein plüschiger Dinosaurier hervorlugte, er muss nicht gefüttert werden er hat gerade gefrühstückt. Aber er liebt Äpfel.
Thomas sah Heike an; sie zuckte mit den Schultern wer würde sonst sofort ja sagen? Nachbarn halfen manchmal. Sie nickten Gisela kurz zu:
Natürlich, er kann bleiben! Keine Sorge.
Lukas trat vorsichtig über die Schwelle, blickte von unten nach oben, neugierig und wachsam. Seine Gummistiefel hinterließen sofort neue, feuchte Fußabdrücke im Flur. Gisela erklärte hastig: Das Handy der Eltern immer griffbereit, bei Problemen einfach anrufen, keine Allergien, er mag Tierfilme. Dann küsste sie ihren Sohn schnell an die Stirn und verschwand hinter der Tür.
Der Junge hängte seine Jacke an einen Haken neben der Heizung, neben fremden Sachen. Er sah sich um: Die Wohnung wirkte ein wenig dunkler als sein gewohntes Zuhause, weil schwere Vorhänge das Wohnzimmer verdunkelten, doch ein angenehmer Duft von frischem Kaffee mischte sich mit der warmen Luft der Heizung.
Na, Lukas? Willst du einen Film schauen oder etwas spielen?
Heike versuchte, sämtliche Kinderspiele gleichzeitig im Kopf zu haben.
Lukas zuckte mit den Schultern:
Vielleicht ein Dinosaurierfilm? Oder etwas zum Bauen
Die ersten halben Stunden vergingen ruhig: Thomas schaltete Lukas die Serie Dino Park ein, ließ sich dann von den Nachrichten auf dem Handy ablenken. Heike blätterte weiter durch die Zeitschriften, beobachtete aus dem Augenwinkel den neuen Mitbewohner, der mit dem Rucksack auf dem Teppich vor dem Fernseher saß. Doch ein eigenartiges Gefühl der Vergänglichkeit hing wie ein Nebel über dem dritten Werbeblock hintereinander.
Um ein Uhr nachmittags wurde klar, dass die Erwachsenenpläne schneller schmolzen als der Märzschnee an den Heizkörpern. Gisela schrieb eine Nachricht: Entschuldigung! Wir stecken seit einer Stunde im Stau! Wir versuchen, bis zum Abend zurück zu kommen. Dann klingelte Lukas Vater, seine Stimme klang schuldbewusst:
Leute! Vielen Dank! Wir sind gleich da! Ist alles in Ordnung?
Heike versicherte:
Ja, ja! Alles gut! Keine Sorge!
Sie legte das Telefon zurück und sah Thomas an:
Wir müssen das Mittagessen wohl umplanen
Thomas zuckte mit den Schultern:
Na dann ein bisschen gemeinsames Experimentieren!
Die erste kleine Peinlichkeit löste sich durch Lukas kindliche Unbefangenheit von selbst. Er zeigte stolz seine Sammlung von drei Dinosaurierfiguren und fragte, ob er beim Kochen helfen dürfe.
Thomas griff überraschend leicht nach den Eiern im Kühlschrank, und Lukas knackte die Schalen an den Rand einer Schüssel diesmal traf er das Ziel. Die Küche füllte sich mit dem Geruch von Butter und gebratenem Brot; der Junge rührte den Teig mit einem Holzlöffel, bis er an die Konsistenz von Beton erinnerte.
Während die Erwachsenen darüber stritten, welchen Film ein Achtjähriger sehen sollte von Der König der Löwen bis zu alten deutschen Komödien stapelte Lukas alle Kissen im Wohnzimmer zu einem hohen Hügel neben dem Couchtisch. Nach ein paar Minuten wurde dieser Haufen zum Hauptlager der Expedition erklärt, zu dem jeder eingeladen war, egal welches Alter oder welche Größe.
Draußen senkte sich ein früher Abend, zu früh für das Ende des März. Die Laternen im Hof spiegelten sich in den Pfützen wie Glühwürmchen auf schmelzenden Schneetümpeln vor dem Treppenhaus.
Als die Eltern des Jungen zum Abend hin erneut anriefen diesmal beide gleichzeitig wurde klar: Heute würden sie nicht nach Hause kommen.
Thomas brach das Schweigen zuerst:
Sieht so aus, als müssten wir übernachten! Was meinst du?
Heike blickte nachdenklich zu Lukas, der breit grinsend seine neue Kissenburg betrachtete; keine Angst, nur die Aufregung eines Forschers vor einer großen Expedition ins Erwachsenenleben durch die Nachbarschaft.
Dann erkläre ich das WohnungsCamp aus!, rief Thomas feierlich. Wer kümmert sich um das Menü?
Zu dritt kochten sie überraschend fröhlich, obwohl sie schon lange keine AbenteuerKüche mehr hatten. Lukas schälte eine Kartoffel und machte sie fast quadratisch, Thomas schnitt das Gemüse für den Salat, Heike deckte den Tisch mit Plastikschalen ein Lager braucht schließlich ein besonderes Flair!
Während der Regen lauter an das Fenster trommelte, erzählten alle von ihren Lieblingsfilmen aus der Kindheit (jede Generation hatte ihre eigenen Klassiker), von lustigen Schulgeschichten Lukas berichtete von einer Mathelehrerin und einer Plastik-Echse. Das Lachen schwebte leicht, als wären sie nie Fremde, die Sorgen lösten sich im Duft von geschmortem Gemüse und dem sanften Schein der Küchenlampe auf.
Im Wohnzimmer entstand ein improvisiertes Zeltlager ein paar Bettlaken wurden über die Sofas gespannt, dort herrschten eigene Lagerregeln: Geschichten nur flüstern und vor den Waldgeistern (die jetzt ein plüschiges Nilpferd spielte) verstecken. Und als die Uhr weit über die übliche Schlafenszeit hinaus tickte, dachte niemand mehr daran, Lukas an seine Tagesroutine zu erinnern.
Das Zeltlager hielt erstaunlich gut: Die Laken rutschten nicht, die Kissen dienten zugleich als Wände und Matratzen. Lukas, jetzt in einer viel zu großen Pyjama, der ihm das Gefühl einer wahren Expedition verlieh, kuschelte sich zusammen mit dem plüschigen Nilpferd. Neben ihm lag ordentlich der DinosaurierRucksack.
Heike brachte eine Tasse warme Milch und ein Tablett mit Keksen.
Hier ist euer nächtlicher Proviant für die Expedition, verkündete sie mit ernster Miene.
Thomas setzte ausgerechnet ein Küchenhandtuch als Kopfbedeckung auf statt einer Halstuchbinde.
Unser Lager hat heute ein besonderes Gesetz: Nach dem Licht aus nur flüstern!, flüsterte er und zwinkerte Lukas zu, der zustimmend nickte und sich mit dem Bau eines neuen KissenTunnels beschäftigte.
Der Abend zog sich länger hin, als es Erwachsenen normalerweise erlauben. Sie lasen Lukas komische Märchen von einem tollpatschigen Bären (jedes Mal die Namen der Figuren gegen Nachbarn ausgetauscht), überlegten, was man in einer echten Wanderung mitnehmen würde. Thomas erinnerte sich an seine erste Übernachtung bei Freunden wie er sich vor fremden Tapeten fürchtete, später aber die ganze Woche von einer ähnlichen Festung aus Stühlen träumte. Heike erzählte von Familienausflügen zum See und davon, wie sie einmal einen Hausschuh im Schnee vor der Haustür verlor.
Lukas hörte aufmerksam zu, lächelte manchmal, stellte Fragen: Warum reden Erwachsene so gern über die Vergangenheit? Warum haben alle ihre eigenen Gruselgeschichten? Er sprach ruhiger über die Schule und Klassenkameraden als am Tag; hier zupfte ihn niemand am Ärmel oder unterbrach ihn. Irgendwann gestand er:
Ich dachte, es wird langweilig aber es fühlt sich an wie ein Fest.
Heike lachte:
Siehst du! Hauptsache gute Gesellschaft.
Nach und nach verstummten die Gespräche. Draußen war die Straße fast in Dunkelheit getaucht nur vereinzelte Autos warfen Lichtstreifen durch die Vorhänge. Auf dem Küchentisch stand noch eine halb geleerte Tasse Tee und ein Stück Brot mit Kruste niemand beeilte sich, das Abendessen wegzuräumen. Die Wohnung lag in einer angenehmen, leichten Müdigkeit, als hätte man einen Tag ein Stück länger gelebt.
Heike rollte Lukas in die KissenBurg, legte darüber eine weiche Decke mit gelben Streifen ein Lieblingsstück seit Sergejs Kindheit. Der Junge kuschelte sich ein. Auf Lukas Bitte hin las Heike noch eine Geschichte vor: von einer Stadt, in der nachts Papierboote über Frühlingspfützen treiben. Nach der Erzählung herrschte stilles Schweigen.
Hast du Angst ohne Mama?, fragte Heike leise.
Nein es ist lustig nur ein bisschen seltsam, antwortete er.
Morgen früh wird alles wieder wie gehabt sein Aber wenn du noch einmal bleiben willst, bist du jederzeit willkommen, versprach Heike. Lukas nickte schläfrig, die Augen schlossen sich fast sofort.
Als der Junge eingeschlafen war, atmete gleichmäßig und lächelte im Schlaf, ging Heike zur Küche zu Thomas. Auf seinem Handy blinkte eine Nachricht von Gisela: Wir sind endlich zu Hause, alles gut; wir kommen morgen früh zurück.
Ich hätte nie gedacht, dass der Abend so endet, sagte Heike und ließ sich leise auf den Hocker fallen.
Ich auch nicht ein unerwarteter Planbruch, aber viel gemütlicher als jeder Familienabend in letzter Zeit, erwiderte Thomas. Sie sahen sich an, still, und wussten beide, dass das ein seltener Moment der Nähe war nicht nur zum Nachbarsjungen, sondern auch zueinander.
Die Wärme der Heizung erfüllte die Küche, nur das Regenplätschern und das leise Atmen des schlafenden Lukas waren zu hören. Thomas schlug plötzlich vor:
Vielleicht sollten wir solche Lager öfter machen? Nicht nur für Kinder
Heike schmunzelte:
Auch Erwachsene brauchen einen ungeplanten freien Tag.
Sie einigten sich, das Experiment wenigstens einmal im Monat zu wiederholen einfach zum gemeinsamen Abendessen oder Brettspiel.
Der Morgen kam überraschend hell: Sonnenstrahlen drangen durch die dichten Vorhänge und malten Lichtstreifen auf den Fußboden neben der Heizung. Im Flur roch es nach frischer Luft jemand hatte das Fenster weit geöffnet, um die Wohnung nach der Nacht zu lüften.
Lukas wachte etwas früher als die Erwachsenen, schlich leise aus seiner Festung und betrachtete die Magnetspiegel am Kühlschrank. Dann half er Heike, den Tisch für das Frühstück zu decken: Toast mit Käse und Apfelmus aus dem Glas das einfache Lager-Menü gefiel ihm.
Kurz darauf kamen die Eltern: Gisela wirkte müde, aber dankbar; Lukas Vater begann sofort, ihren Sohn nach den Eindrücken zu befragen er berichtete begeistert von der Kissenburg. Thomas schilderte alles im Detail: wo sie geschlafen, was sie gegessen, welche Filme sie gesehen hatten.
Zum Abschied fragte Lukas plötzlich:
Darf ich noch einmal kommen? Nicht nur, wenn Mama beschäftigt ist einfach so?
Heike lachte:
Natürlich! Wir haben jetzt das WohnungsCamp samstags!
Die Eltern nickten ohne Zögern und versprachen, das nächste Mal ein Brettspiel zur Gedächtnisförderung mitzubringen es könnte allen Generationen nützlich sein.
Als die Tür hinter den Nachbarn ins Schloss fiel und die Wohnung wieder weit und leer wirkte, sagte Thomas zu Heike:
Was meinst du, noch jemand einladen?
Sie zuckte mit den Schultern:
Mal sehen Hauptsache, wir haben jetzt unser kleines Geheimnis gegen langweilige Wochenenden!
Beide fühlten sich ein wenig jünger, als hätten sie ein winziges Wunder der Wirklichkeit vollbracht.







