Lass sie nicht einladen! Verstehst du? Unter keinem Vorwand!
Aber es ist dein Geburtstag. Fünfunddreißig ein ernstes Datum.
Mir egal. Ich will sie nicht sehen.
Stefan, reicht das? Zehn Jahre sind vergangen.
Und weitere zehn kommen. Und zwanzig. Sie sind für mich tot.
Anja setzt sich neben ihn, ergreift seine Hand heiß, angespannt, wie immer, wenn es um die Eltern geht.
Florian hat angerufen. Er wollte wissen, ob er kommen darf.
Jannik ja. Einer. Ohne die anderen.
Er sagte, die Mutter weint. Sie will dich sehen.
Lass sie weinen. Wo war sie, als ich aus dem Haus geworfen wurde? Als ich nachts bei Freunden übernachte?
Alte Geschichte. Anja kennt sie auswendig: zweites Semester, harte Prüfungsphase, Exmatrikulation. Der Vater ein pensionierter Oberst, ein Mann nach strengen Prinzipien. Schäme die Familie verschwinde. Und Stefan verschwunden. Nichts mehr
Du hast es geschafft. Einen anderen Beruf gefunden.
Allein! Ohne die anderen! Und Jannik hat später eine Wohnung gekauft! Und ein Auto. Lieblingsstück!
Sei nicht böse auf deinen Bruder. Er ist nicht schuld.
Ich bin nicht böse. Aber ich will die Eltern nicht mehr an der Tür sehen.
Anja seufzt. Das Gespräch bleibt leer, wie immer.
Am Abend spült sie das Geschirr und denkt an ihr eigenes Leben. An die Mutter, die sie drei Jahre vor ihrem letzten Atemzug nicht gesehen hat.
Sie erinnert sich an die ständige Beschuldigung, an ungerechtfertigte Strafen, an Demütigungen. Sie zog in eine andere Stadt, änderte die Telefonnummer.
Dann ruft die Tante an: Die Mutter ist tot, Lebererkrankung. Nur noch eine im Krankenbett.
Noch immer erscheint ihr nachts die Stimme der Mutter:
Anja, vergib mir. Sie legt den Hörer weg.
Was überlegst du? Stefan umarmt sie von hinten.
An meine Mutter.
Grübelst du wieder?
Ich kann nicht loslassen. Ich hätte kommen sollen, wenigstens zum Abschied.
Sie hat dich betrogen, Anja! Deine Stipendium geklaut.
Aber sie war krank. Die Vorliebe für das Starke ist doch eine Krankheit.
Und? Das ist nur eine Entschuldigung?
Nein. Aber ich hätte verzeihen können. Jetzt ist es zu spät.
Stefan dreht sie zu sich.
Quäl dich nicht. Du hast getan, was du konntest. Du hast dich gerettet.
Doch meine Seele habe ich verloren.
Unsinn. Du hast das hellste Herz, das ich kenne.
Er küsst sie an der Schläfe, und Anja kuschelt sich an ihn. Er versteht nicht, wie man mit Schuld leben soll.
Der Geburtstag wird zu Hause gefeiert. Fünfzehn Gäste enge Freunde, Kollegen, Florian mit seiner Frau.
Morgens dreht Anja in der Küche. Salate, warme Speisen, ein bestellter Kuchen. Stefan hilft schneidet Gemüse, deckt den Tisch.
Kommt Jannik wirklich allein? fragt er zwischen den Aufgaben.
Er hat versprochen.
Gut.
Um sieben Uhr kommen die ersten Gäste. Florian taucht gegen halb acht auf. Hinter ihm drängen sich zwei Gestalten.
Der Vater grau, gerade wie ein Stock, im strengen Anzug. Die Mutter klein, im Kleid mit Blumen, eine Schachtel in der Hand.
Stefan bleibt mit einer Flasche in der Hand stehen.
Was soll das bedeuten?
Stefan, mein Sohn die Mutter macht einen Schritt nach vorn.
Ich habe euch nicht eingeladen.
Wir kommen von selbst, knurrt der Vater. Wir haben ein Recht!
Ihr habt kein Recht! Florian, was soll das?
Bruder, beruhige dich. Das sind doch meine Eltern!
Mir egal! Verschwindet!
Die Gäste erstarren. Einer mit Glas, einer mit Teller. Eine unbeholfene Stille breitet sich aus.
Stefan, bitte, das reicht nicht, berührt Anja seine Hand.
Doch, das reicht!, reißt er los. Zehn Jahre habt ihr mich nicht gekannt! Ihr habt meine Hochzeit ignoriert! Den Enkel nicht anerkannt! Und jetzt taucht ihr plötzlich auf?
Wir wollten nur gratulieren, sagt die Mutter und reicht die Schachtel. Alles Gute zum Geburtstag.
Steckt eure Glückwünsche weg Ich will nichts von euch!
Stefan, hör auf mit der Szene!, brüllt der Vater. Benimm dich wie ein Mann!
Wie du mich gelehrt hast? Einen Sohn aus dem Haus werfen, weil er gestrauchelt ist?
Du hast die Familie beschämt!
Ich war nur ein Student! Ein ganz normaler Student, der die Prüfungen nicht bestanden hat!
Wegen Feiern und Mädchen!
Und was? Ein Grund, den Sohn hinauszuwerfen?
Die Mutter weint. Der Vater wird rot.
Wir wollten dir nur eine Lektion erteilen!
Ihr habt mein Leben zerstört! Ohne dich, Anja, ohne die Freunde, wo wäre ich?
Übertreib nicht! Ich habe überlebt!
Ohne euch habe ich überlebt! Und ich werde weiterleben!
Florian versucht, sich dazwischen zu stellen.
Beruhigt euch. Die Gäste
Lasst sie gehen! Stefan wendet sich den Türen zu. Raus! Beide!
Der Vater richtet sich noch steifer.
Na gut. Jetzt weiß ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Das ganze Erbe geht an Florian. Bis zum letzten Cent! Und du bist nichts, ein leeres Feld!
Mir egal, was ihr habt!
Wir sehen, wie du singst, wenn wir nicht mehr da sind.
Er verlässt den Raum, die Mutter schluchzt, der Vater geht im schweren Schritt davon. Florian folgt ihm, versucht zu reden, zu überreden.
Im Zimmer bleibt Stille.
Entschuldigung, sagt Stefan zu den Gästen. Familienstreit.
Schon okay, das kommt vor, versucht jemand die Atmosphäre zu lockern.
Doch die Feier ist ruiniert. Die Gäste gehen schnell. Nur Florian bleibt, blass und bedrückt.
Warum hast du sie gebracht?, fragt Stefan erschöpft.
Ich dachte, ihr könnt euch versöhnen. Die Mutter hat es so gewünscht.
Lass sie wünschen, wie viel sie will. Mir egal.
Bruder, das ist nicht richtig. Sie sind schon alt.
Und? Alter ist eine Entschädigung?
Der Vater spricht ernst vom Testament. Er lässt dir nichts.
Gott sei Dank. Ich brauche ihre Almosen nicht!
Florian geht. Anja räumt schweigend den Tisch ab. Stefan setzt sich aufs Sofa, legt das Gesicht in die Hände.
Habe ich das Richtige getan?
Weiß ich nicht. Aber ich verstehe dich.
Sie haben sich nicht einmal entschuldigt. Sie kommen, als wäre nichts gewesen.
Stolz verbietet das.
Und mein Stolz? Konnte er mich zerquetschen?
Anja setzt sich neben ihn, umarmt ihn.
Nicht. Aber manchmal manchmal ist Verzeihung besser, solange es noch nicht zu spät ist.
Wie geht es deiner Mutter?
Es geht gut.
Das ist etwas anderes, Anja. Deine Mutter war krank. Meine Eltern waren einfach grausam.
Vielleicht. Vielleicht wissen sie einfach nicht, wie man anders liebt.
Drei Jahre vergehen. Ein normaler Morgen, Stefan macht sich bereit zur Arbeit. Das Telefon klingelt Florian.
Bruder, Vater im Krankenhaus. Schlaganfall.
Etwas im Inneren zerreißt.
Ernsthaft?
Die Ärzte sagen vielleicht überlebt er es nicht.
Verstanden.
Kommst du?
Weiß nicht.
Stefan, er ist dein Vater. Was auch immer passiert.
Er legt auf. Anja schaut fragend.
Vater liegt am Rand.
Fahr los.
Wozu? Er will mich nicht sehen.
Und du? Willst du, dass er so geht?
Stefan schweigt. Er erinnert sich an die Kindheit: Vater lehrt Fahrradfahren, Angeln am See, erste Klasse mit schwerem Ranzen und der festen Hand des Vaters.
Wann zerbrach es? Als der Beschützer zum Tyrann wurde?
Fahr, wiederholt Anja. Später wird es zu spät sein.
Im Krankenhaus riecht es nach Medikamenten. Die Mutter sitzt im Flur klein, grau, verloren. Sie sieht Stefan, packt ihn.
Stefan! Du bist da!
Sie umarmt ihn, er steht wie ein Pfahl, unbewegt.
Wie geht es Vater?
Schlecht. Die Ärzte geben keine Hoffnung.
Kann ich zu ihm gehen?
Er ist bewusstlos, aber sie sagen, er hört noch.
Das Zimmer: Vater im Bett, Schläuche, Tropf, Monitore. Nicht mehr der strenge Oberst, sondern ein schwacher Greis.
Stefan sitzt daneben, legt seine trockene Hand leicht wie ein Vogel auf seine.
Vater, ich bins. Stefan.
Stille. Nur das Piepen der Monitore.
Ich ich muss dir sagen. Ich war wütend auf dich. Lange wütend. Weil du mich rausgeworfen hast. Wegen deiner Gleichgültigkeit. Wegen deiner Liebe zu Jannik, nicht zu mir.
Seine Hand zuckt. Vielleicht nur Einbildung.
Aber weißt du was? Ich vergebe dir. Hörst du? Ich verzeihe dir alles.
Die Augen des Vaters öffnen sich, trüb, doch er erkennt ihn.
Vater?
Seine Lippen bewegen sich. Stefan beugt sich.
Ent entschuld
Ein Wort, kaum hörbar. Doch Stefan vernimmt es.
Ich habe ver vergeben, Vater. Alles gut.
Der Vater schließt wieder die Augen, jetzt jedoch mit friedlichem Gesicht.
Stefan bleibt sitzen, hält seine Hand. Erzählt von der Arbeit, von der Familie, vom Enkel, den der Greis nie gesehen hat.
Der Vater geht in der Nacht. Leise, im Schlaf. Die Mutter sagt, er habe gewartet. Auf Verzeihung.
Nach der Beerdigung sitzen Stefan und Anja zu Hause, trinken Tee, schweigen.
Wie geht es dir?, fragt sie.
Seltsam. Ich dachte, ich würde mich rächen. Und innen ist es leer.
Du hast richtig gehandelt, wegzugehen.
Weißt du, er hat Verzeihung gesagt. Das erste Mal in meinem Leben.
Stolz zerbrach vor einer anderen Welt.
Ja. Und meiner auch.
Anja richtet sich auf.
Anja, vergib dir selbst. Für die Mutter. Sie würde nicht wollen, dass du dich quälst.
Woher weißt du das?
Weil Eltern ihre Kinder lieben. Auch wenn sie es krumm, schmerzhaft, aber sie lieben. Und sie verzeihen alles.
Anja weint. Stefan umarmt sie fest.
Wir beide sind dumm. Wir hielten an Groll fest, nagten uns selbst. Wir hätten einfach einfach verzeihen sollen.
Jetzt wissen wir.
Jetzt zu spät für sie. Aber wir leben. Und wir können ohne diese Last weiterleben.
Draußen fällt Schnee. Der erste des Jahres, rein und weiß. Wie Verzeihung. Wie ein neues Blatt.
Stefan denkt an den Vater. Wie sie früher hätten Frieden schließen können. Wie viel Zeit in Aggression verloren war.
Aber er hat es geschafft. Er hat zumindest gesagt. Und das reicht schon.
Sei weise, lerne zu verzeihen, denn Eltern sind nicht ewig und wir können sie nicht wählen







