„Du bist nur eine graue Maus ohne Geld“, sagte meine Freundin. Doch genau an meinem Jubiläum stand sie mit einem Tablett an der Tür.

20.Juni
Heute sollte mein Jubiläum im Büro sein, doch meine langjährige Freundin Katharina stand mit einem Tablett im Eingangsbereich und sagte zu mir: Du bist doch nur eine graue Maus ohne Geld. Genau an meinem Jubiläum stand sie dort, als wäre das ihr Auftritt.

Du kannst dich einfach nicht richtig präsentieren, murmelte ich, während ich träge an meinem Cocktail rührte. Auf meinem Handgelenk blitzte ein mit Kristallen besetztes Armband, das ich mir erst kürzlich leisten konnte.

Katharina sprach mit dieser lässigen, beinahe nachlässigen Überheblichkeit, die längst zu ihrer Visitenkarte geworden ist.

Es geht nicht nur um das Auftreten, flüsterte Lena Ermen, während sie den Sprung in ihrer günstigen Teetasse betrachtete. Mir fehlt einfach die nötige Erfahrung für diese Stelle.

Erfahrung, Erfahrung was für ein Langweiler, seufzte Katharina theatralisch. Wichtig sind das Funkeln in den Augen und teure Schuhe. Beides fehlt dir.

Ihr prüfender Blick ließ Lena sich zusammenziehen, als hätte sie ein Gericht verurteilt bekommen: Fehlware, zu entsorgen.

Hör zu, ich will dir doch helfen, beugte Katharina sich näher und senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. Du bist meine beste Freundin. Wer sonst sagt dir die Wahrheit?

Lena schwieg. Das Wort beste Freundin blieb wie ein Kloß im Hals, fremd und scharf.

Versteh mich richtig, in unserer Welt wird nach dem Äußeren beurteilt, Verbindungen öffnen Türen. Du bist eine graue Maus ohne Geld. Solange du das nicht erkennst, wirst du immer wieder in belanglose Vorstellungsgespräche laufen, sagte Katharina und traf jedes Mal ins Schwarze, als würde sie uns die Luft aus den Lungen saugen.

Ich starte gerade ein Projekt, fuhr Katharina fort, sichtbar genüsslich über Lenas Reaktion. Dafür brauchen wir Leute für simple Aufgaben: Akten sortieren, Kuriere empfangen.

Sie hielt inne, ließ Lena das Angebot verdauen.

Ich kann dich vorübergehend einstellen, bis du etwas findest, das dich erfüllt, sagte sie mit einem kaum merklichen Lächeln.

Lenas Blick wurde zu kaltem Metall, als wäre etwas in ihr zu Stein erstarrt. Sie sah Katharina die makellose Frisur, die verächtlich gekrümmten Lippen, das Armband, das ihr Jahresgehalt kostete. Nicht mehr eine Freundin, sondern eine Raubtier, das ihren Spott genoss.

Danke für das Angebot, sagte Lena langsam. Aber ich lehne ab.

Katharinas Brauen hoben sich überrascht. Sie hatte das nicht kommen sehen.

Du lehnst ab? Von meinem Angebot?, knarrte ihre Stimme metallisch. Na gut. Dann komm nicht weinend zu mir, wenn du die Miete für deine Wohnung nicht mehr zahlen kannst.

Sie zog mehrere hohe Geldscheine aus ihrer Handtasche, warf sie auf den Tisch und deckte damit die Rechnung.

Ich lade ein, rief sie über die Schulter und verließ den Raum, die Absätze klapperten auf dem Marmorboden.

Lena blieb allein zurück. Sie berührte weder das Geld noch den kalten Tee. Sie sah aus dem Fenster die teuren Autos vorbeiziehen und spürte zum ersten Mal nicht Verzweiflung, sondern Aufregung.

Am nächsten Morgen verwandelte sich diese Aufregung in eine kalte, pulsierende Energie. Lena war stets unauffällig, doch sie hörte und sah, was andere übersahen: Details, Muster, verborgene Motive ihr einziger echter Kapital.

Sie setzte sich an ihren alten Laptop und erstellte einen Plan. Auf einer Freelancer-Plattform bot sie Recherche und Analyse unstrukturierter Daten an. Klingt vage, doch Lena wusste, worauf es ankam.

Die ersten Monate waren ein Inferno: kleine Aufträge, launische Kunden, Bezahlung, die kaum Miete und Essen deckte. Mehrfach dachte sie daran, Katharina anzurufen, doch das Bild ihres Lächelns wirkte wie ein Schutzschild.

Nach sechs Monaten kam der Durchbruch. Eine kleine Anwaltskanzlei beauftragte sie, Wettbewerbsdaten für einen Prozess zu sammeln. Lena arbeitete eine Woche lang schlaflos und lieferte einen Bericht, der den Anwälten zum Sieg verhalf. Sie bekam das Dreifache ihres üblichen Honorars und dauerhafte Aufträge. Empfehlungen folgten.

So wuchs ein kleiner Strom von Aufträgen. Nach zwei Jahren konnte sie ihr Büro abbezahlen und einen Assistenten einstellen.

Katharina meldete sich ab und zu. Ihr Leben klang wie ein ewiges Fest.

Liselotte, hallo! Ich bin gerade mit Partnern auf einer Yacht in St. Moritz. Und du? Sitzt du immer noch in deinem kleinen Büro?

Hallo. Nein, nicht mehr. Ich arbeite, antwortete Lena, während sie den Finanzbericht eines neuen Kunden durchsah.

Arbeitest?, dehnte Katharina das Wort. Kein Problem, mein Platz für Mädchen auf Sprünge ist noch frei. Bring meinem neuen Assistenten den Kaffee.

Früher hätte Lena sich zurückgezogen. Jetzt zuckte sie nur mit den Schultern: Danke, das brauche ich nicht. Ich habe meine eigene Agentur.

Agentur?, lachte jemand aus der Ferne. Eine Agentur zum Bodenwischen?

Doch Katharinas Worte hatten keine Kraft mehr.

Vier weitere Jahre vergingen. Ermen & Partner hatte ein Büro im Zentrum, fünf Analysten im Team. Lena war in der Unternehmensaufklärung bekannt. Dann schlug Katharina zu.

Ihre Firma Belser GmbH stahl einen wichtigen Bericht von Lena, indem sie einen jungen Angestellten mit Schulden lockte und ausnutzte.

Lena sammelte Beweise, deckte Katharinas finanzielle Löcher, Verschwendung und Betrug auf und schickte einem Investor einen makellosen Analysebericht.

Am nächsten Tag rief Katharina wütend an: Du hast alles zerstört!

Ich habe nur meinen Job gemacht, erwiderte Lena gelassen.

Zwei Jahre später feierten wir Lenas Jubiläum in einem Restaurant auf dem Dach eines Wolkenkratzers. Glanz, Freunde, Musik.

Mitten im Service sah ich Katharina in Uniform, ein Tablett in den Händen. Unsere Blicke trafen sich, ein Funken Erkennung: in ihr Hass, in mir reine Kälte.

Ich nickte kaum, erkannte einfach ihre Anwesenheit als das Übliche. Dann wandte ich mich den Gästen zu. Dieser kleine Akt war lauter als jeder laute Tadel. Er zeigte: Für mich existierte Katharina nicht mehr. Sie war zu einer belanglosen Funktion degradiert, die in wichtigen Dingen keinen Platz hat.

Katharina erstarrte, biss sich auf die Lippe und eilte zum Hinterausgang.

Ich verfolgte sie mit meinem Blick und verstand: Die Welt ist fair und logisch. Wer dich als graue Maus bezeichnet, fällt oft selbst in die Falle. Das ist keine Rache, sondern natürliches Gleichgewicht.

Ein halbes Jahr später expandierte mein Geschäft international. Beim Durchsehen meiner Mails stieß ich auf eine Nachricht einer Universitätsbekannten:

Du glaubst nicht, dass ich Katharina Belser neulich im Fitnessstudio am Stadtrand gesehen habe. Sie arbeitet dort als Administratorin. Man hat sie nach dem Skandal aus dem Restaurant rausgeschmissen. Sie bat mich um Geld, klagte über Verrat und Ungerechtigkeit

Ich schloss den Laptop, ohne Triumph oder Mitleid zu empfinden. Katharinas Geschichte war nicht mehr meine.

Am nächsten Tag, als ich an einem Schaufenster vorbeiging, sah ich mein Spiegelbild. Eine selbstbewusste Frau blickte zurück, die weiß, ihren eigenen Wert zu schätzen.

Ich erinnerte mich an Katharinas Worte über das Funkeln in den Augen und teure Schuhe. Meine Schuhe waren tatsächlich teuer, doch das wahre Glänzen kam nicht von ihnen.

Es entstand aus der Erkenntnis meiner eigenen Kraft. Die wahre Werte liegen nicht im Äußeren, sondern in dem, was man mit eigenen Händen und Verstand erschafft.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch, ein neuer, anspruchsvoller Auftrag wartete. Als ich mich zurücklehnte, spielte sich ein leichtes Lächeln auf meinem Gesicht aus.

Die graue Maus blieb keine Raubkatze. Sie wurde zu dem, was sie tief in ihrem Inneren immer war: einer klugen, unauffälligen Jägerin, die Informationen schätzt und geduldig auf den richtigen Moment wartet.

Und dieser Moment ist jetzt.

**Lehre:** Der wahre Wert liegt nicht im äußeren Glanz, sondern im inneren Können und der Beharrlichkeit, die uns in die Lage versetzen, unser eigenes Schicksal zu formen.

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„Du bist nur eine graue Maus ohne Geld“, sagte meine Freundin. Doch genau an meinem Jubiläum stand sie mit einem Tablett an der Tür.
Она отказалась идти на вечеринку, но именно в этот день произошла жуткая тайна…