Mutter, ich habe mich nicht als Dienstmädchen angeheuert, sagt mein Sohn am Telefon.
Mama, wir haben ein Problem. Die Vermieterin will die Wohnung sofort geräumt haben. Räum bitte mein Zimmer, mach so viel Platz wie möglich frei. Wir kommen heute mit der ganzen Familie, hört Liselotte in der Leitung, während sie den Morgenanruf ihres Sohnes beantwortet.
Das ist ja nicht zu fassen, murmelt sie. Im Winter kann man Mieter nicht so einfach aus einer Mietwohnung werfen, selbst ohne schriftlichen Vertrag. Man sollte wenigstens etwas Zeit zum Suchen geben. Sie ist verwirrt.
Die geben keine Zeit, knurrt Alex. Natascha hat gestern Streit mit der Vermieterin gehabt, und jetzt hat die sie angefasst. Er hört genervt zu.
Jetzt ist klar, schmunzelt Liselotte. Natascha muss lernen, ihre Zunge im Zaum zu halten und wenigstens ein bisschen Respekt zu zeigen.
Ach Mama, fang bloß nicht an!, protestiert Alex. Wie gesagt, räum das Zimmer, wir kommen am Abend mit dem ganzen Kram. Er legt auf und wirft einen kurzen Piepton in die Leitung, bevor er sich zurückzieht. Liselotte bleibt fassungslos auf dem Boden sitzen.
Gestern war ihr Arbeitstag in Berlin besonders anstrengend: Zwei neue Kolleginnen sind dazugekommen, die Chefin will alles den Neuen zeigen und erklären, und sie muss zwei Berichte für die Geschäftsführung fertigstellen. Am Abend kommt sie nicht nach Hause, sondern schleppte sich müde aus der Firma in ihre kleine Wohnung.
Für das kommende Wochenende hat sie große Pläne. Am Samstag will sie ausschlafen, am Nachmittag in den Tierpark gehen, am Sonntag mit ihrer Freundin shoppen gehen. Und jetzt?
In der winzigen Zweizimmerwohnung muss sie plötzlich vier Personen unterbringen: sich selbst, ihren Sohn, seine Frau Natascha und den siebenjährigen Enkel Ilja. Die Wochenendpläne zerfallen wie Papier. Sie muss zuerst das Zimmer ihres Sohnes ausräumen, ein paar Dinge umstellen, dann zum Supermarkt eilen und bis zum Abend das Abendessen vorbereiten.
Diese Aussicht gefällt Liselotte gar nicht. Sie liebt ihren Sohn und Enkel, aber das Verhältnis zu Natascha ist angespannt. Sie versucht stets, respektvoll zu bleiben, um ihren Sohn nicht zu verletzen und die immer wieder aufflammenden Streitereien zu vermeiden.
Trotz zerstörter Pläne macht sie sich ans Aufräumen, geht dann zum Markt und kocht. Am Abend ist alles fertig. Als Alex mit seiner Familie eintrifft, wird es laut und etwas chaotisch. Liselotte zieht sich lieber frühzeitig in ihr Zimmer zurück. Alex und Natascha sitzen noch am Tisch, während Ilja Cartoons schaut.
Gute Nacht, ich räume den Tisch selbst ab, okay, Natascha? sagt Liselotte, während sie die Küche verlässt.
Ja, murmelt Natascha, ohne vom Handy aufzusehen.
Durch den Schlaf hört Liselotte Lachen und Schritte, schenkt dem jedoch keine Beachtung. Sie glaubt, ihr Sohn und seine Familie seien nur kurz zu Besuch, um irgendwo zu übernachten. Natascha hat jedoch mit ihrer Art die Probleme selbst verursacht. Liselotte hat ihr immer wieder gesagt, man müsse lernen, sich zu verständigen und Respekt zu zeigen, doch Natascha winkt das ab oder löst neue Streitere aus.
Am Morgen weckt der Wecker Liselotte, sie tritt in die Küche und bleibt fassungslos stehen. Auf dem Tisch liegen halbleere Teetassen, ein Berg von Bonbonpapier und Apfelkerne. In der Spüle wartet ein weiteres Ärgernis: ein Haufen ungewaschener Geschirr.
Mama, was gibts zum Frühstück? fragt ein verschlafener Alex, während Liselotte hastig versucht, das Chaos vom Vorabend zu beseitigen.
Mach dir ein Brotchen und Tee. Ich frühstücke nur Kaffee, antwortet sie.
Mama, ich stecke gerade im Stau, mit nur Brotchen werde ich verhungern.
Dann soll deine Frau das Frühstück machen, nicht wir hier. Ich habe mich nicht als Dienstmädchen engagiert, aber weil ich zu spät zur Arbeit komme, wasche ich das Geschirr für euch. Gestern habt ihr nicht einmal weggeräumt. Kaum hat sie das gesagt, erscheint Natascha in der Küche, reibt sich die noch schläfrigen Augen.
Ich habe es doch gesagt, Liselotte, es ist halb acht und ihr schon im Mampfen.
Ich murren nicht, Natascha, ich rede gerade mit meinem Sohn. Du könntest ihm doch das Frühstück machen. Ich kann nicht ständig das Geschirr spülen und das Essen kochen. Kümmert euch bitte selbst um euch.
Ja, klingt Natascha wieder nur in ihr Smartphone vertieft.
Die nächsten fünf Tage verläuft in angespanntem Schweigen. Liselotte hofft, dass ihr Sohn in einer Woche eine neue Wohnung findet, damit sie am Wochenende wieder normal leben kann.
Am Freitagabend hört sie nichts von den Verwandten. Am Samstagmorgen liegen Alex und Natascha wie erledigt im Bett. Zum Mittagstück kommt Alex gerade aus dem Zimmer, und Liselotte erkennt, dass kein Umzug geplant ist.
Am Sonntag fragt sie direkt:
Alex, habt ihr eine Wohnung gefunden?
Ich suche. Alles ist zu teuer oder zu weit weg. Wahrscheinlich wohnen wir noch eine Woche bei dir.
Dann wohnt ihr ja, antwortet sie resigniert.
Sie kann ihren Sohn nicht einfach rauswerfen, also erträgt sie noch eine weitere Woche.
Doch die Situation ändert sich nicht. Die Familie bleibt, als wäre sie eingezogen. Natascha kümmert sich kaum um den Haushalt, wirft schmutziges Geschirr in die Spüle und schläft auf dem Sofa. Liselotte muss das ganze Wochenende waschen, bügeln, kochen und putzen.
Natascha, ich gehe zum Markt, könntest du bitte den Boden wischen?
Liselotte, du bist hier die Herrin. Ich mache das später.
Ich bin die Herrin, aber du lebst hier auch.
Was soll das! Ich habe Kopfschmerzen!
Das ist doch ein Sakrileg!
Genau! Das hast du selbst verursacht!
Liselotte lässt den Streit los, geht zum Markt, reinigt die Wohnung, trinkt dann einen Tee und legt sich hin.
Plötzlich hört sie das ständige Klopfen. Ilja spielt mit einem Ball in der Wohnung.
Ilja, du musst draußen mit dem Ball spielen, nicht hier. Es ist Abend, die Nachbarn hören alles.
Aber Oma, ich will jetzt spielen, Mama und Papa wollen nicht mit mir raus.
Hör auf damit.
Alex kommt aus dem Zimmer.
Alex, sag Ilja, er soll aufhören.
Mama, er spielt immer zu Hause bevor Alex reden kann, springt Natascha dazwischen.
Genau! Ihr habt uns von morgens an kritisiert, jetzt greift ihr den Kleinen an. Ihr wollt uns rauswerfen!
Natascha, wenn ihr meine Regeln nicht akzeptiert, könnt ihr doch besser woanders wohnen.
Eine angespannte Stille legt sich über den Raum.
Danke! Ihr wollt uns rauswerfen! Und ich bin übrigens schwanger und darf mich nicht stressen! ruft Natascha und schleppt sich ins Schlafzimmer.
Mama, sie ist wirklich schwanger, und du streitest
Ich wusste es nicht, aber ich fordere nur ein eigenes Zuhause.
Noch am selben Abend packt Natascha ihre Sachen und erklärt, dass sie mit Ilja in die Nachbarstadt ziehen will, bei ihren Eltern, bis Alex eine Wohnung gefunden hat.
Liselotte ist erschüttert. Sie versucht zu vermitteln, doch Natascha bleibt stur, weint dramatisch, schnappt sich Koffer und lässt sich nicht beruhigen.
Drei Tage später findet Alex endlich eine neue Wohnung in Hamburg und zieht mit seiner Familie aus. Liselotte macht eine Grundreinigung, nimmt sich eine Woche Urlaub. Das Leben kehrt zur Normalität zurück, doch ein unangenehmer Nachgeschmack bleibt.
Der Kontakt zu ihrem Sohn ist nun so dürftig, dass sie von der Geburt seiner Tochter nur aus dem Bekanntenkreis erfährt. Unschön, aber was lässt sich machen?
Liselotte lebt nun für sich selbst. Sie fährt zweimal im Jahr ins Kurparkhaus, schickt den Enkeln zu Geburtstagen Geld. Alex gratuliert ihr nur telefonisch. Ein SpaAufenthalt oder ein bisschen Abstand ersetzen nicht das echte Familienleben, doch man kann nur dann Glück verbreiten, wenn man selbst glücklich ist. Das ist Liselottes Philosophie, und sie bereut nichts. Sie ist jederzeit bereit, den Enkeln wieder zu schreiben. Ob Natascha das zulässt, liegt allein bei ihr.







