Murrchen ist verschwunden
Natalie, bist du zu Hause? rufe ich, als ich die Wohnung stürme und im Flur stehenbleibe. Meine Frau sitzt zusammengesackt und schluchzt laut. Ich verstehe kaum, was dir passiert ist. Du schriebst so verzweifelt, dass ich kein Wort mehr verstehen konnte. Und dann ist das Handy wie zum Trotz komplett leer. Was ist los, Natalie? Du wirkst völlig ausgebrannt.
Murrchen ist weg, haucht Natalie kaum hörbar. Er ist nicht mehr zu Hause.
Wie bitte? Wie kann das sein? Wo könnte er hin? frage ich verwirrt. Kannst du mir das genauer erklären? Vielleicht hat er sich irgendwo in der Wohnung versteckt?
Nein. Deine SchwesterViktoria Sie hat gesagt, Murrchen sei aus Versehen in den Hausflur gelaufen, als sie mit Michael nach draußen gehen wollte. Aber du kennst doch unser Murrchen, Johann. Er würde das Haus nicht von allein verlassen. Warum sollte er bei diesem eisigen Wetter nach draußen gehen, wo er beinahe gestorben wäre? Ich glaube, sie hat ihn absichtlich freigelassen
Was?! knurre ich und ballte die Hände. Wo ist sie jetzt? Wo ist Viktoria?
Sie war wohl im Supermarkt ich weiß es nicht. Ich habe die ganze Zeit nach Murrchen gesucht, aber er ist nirgends zu sehen. Niemand hat ihn in der Nähe gesehen. Wie kann das sein, Johann? Kann ein Mensch so kaltblütig sein, ein hilfloses Tier in den kalten Winter zu werfen? Das geht doch nicht!
Ein Mensch nicht, aber Viktoria die kann schon. Sie hat das schon früher gemacht. Keine Sorge, heute wird sie nicht mehr in unserer Wohnung sein. Ach, warum haben wir sie überhaupt erst einmal reingelassen?
Ein Monat zuvor
Ich gehe zur Straßenbahnhaltestelle, als mir plötzlich etwas Graues unter einer Schneeschicht auffällt. Zuerst denke ich, es sei ein Stein, doch der Stein zittert wie ein alter Kühlschrank aus der DDR. Das ist das Erste, was meine Aufmerksamkeit erregt ich habe noch nie ein Stück Stein vor Kälte zittern sehen.
Neugierig trete ich vom Bürgersteig ab und gehe näher. Erst dann merke ich, dass es kein Stein, sondern ein kleines graues Kätzchen ist.
Na, das ist ja was, murmle ich, während ich mir den Hinterkopf kratze. Was machst du denn hier, Kleines?
Natürlich ist das keine echte Frage. Jeder weiß, dass Katzen im Winter verzweifelt ums Überleben kämpfen. Das Kätzchen jault nicht, ruft nicht nach Hilfe, es liegt nur da und zittert. Es hat wohl akzeptiert, dass niemand sich um es kümmert, und versucht lediglich, sich zu erwärmen.
Vorsichtig hebe ich das Tier vom Boden, kehre den Schnee aus seinem Fell und stecke es schnell unter meine Jacke. Mit einer Hand halte ich es fest und eile zur Haltestelle, wo gerade die Straßenbahn einfährt.
Auf dem Weg nach Hause fällt mir ein, dass Natalie schon lange ein graues, getigertes Kätzchen haben wollte, aber wir nie Zeit fanden, in das Tierheim zu gehen. Das Schicksal hat uns wohl ein Geschenk gebracht. Und wenn das Schicksal etwas gibt, sollte man es annehmen.
Natalie, ich habe eine Überraschung für dich, verkünde ich fröhlich, sobald ich die Wohnung betrete.
Ach, du kannst mich echt nicht mehr überlisten, lächelt Natalie, während sie ins Flur tritt. Einmal die goldenen Ohrringe, dann das neue Handy, das ich mir schon lange wünsche, dann noch Kinokarten. Was gibts diesmal? Ein WellnessWochenende?
Noch besser!, strahle ich und öffne den Reißverschluss meiner Jacke, um das Kätzchen hervorzuholen. Hier, ich habe ihn auf der Straße gefunden. Du wolltest doch genau so etwas grau und getigert.
Gott sei Dank, haucht Natalie, während sie das zitternde Tier liebevoll in die Hände nimmt. Er ist ja völlig ausgefroren. Bring ihn hier rein, ich wärme ihn auf. Mach dich fertig, wasch dir die Hände und komm in die Küche. Das Abendessen steht schon.
Natalie schaut das Kätzchen noch einmal bewundernd an. Wie niedlich er ist
So bekommen Johann und Natalie ihr Murrchen. Wir überlegen lange, wie es heißen soll, probieren viele Namen, doch am Ende entscheiden wir uns für den Klassiker.
Ich glaube, Murrchen passt besser als Tom oder Lukas, sage ich.
Da stimme ich zu, Liebling, erwidert sie.
Dieses freudige Ereignis ereignet sich Ende November, als der erste Schnee fällt. Das Kätzchen hat also noch nicht die Gefahren des Winters auf der Straße kennengelernt. Gott sei Dank, sonst wäre das für viele Tiere das letzte Abenteuer.
In den zwei Wochen, seit Murrchen bei uns eingezogen ist, haben Natalie und ich uns sehr an ihn geheftet. Wir lieben ihn schon am ersten Tag, und mit jedem neuen Tag wächst die Zuneigung. Auch Murrchen scheint uns zu gefallen er ist ein ruhiger Kater, der nie grob behandelt wird. Wenn er aus Versehen etwas vom Tisch wirft, wird er nicht angeschrien, sondern nur um Vorsicht gebeten.
Ich werde es beim nächsten Mal besser machen!, miaut Murrchen, wenn er morgens über das Bett springt und abends den FernbedienungsFernseher vom Regal schubst.
Alles läuft gut, bis plötzlich an der Tür geklopft wird.
Wer kann das an einem Sonntagmorgen an die Tür klopfen? frage ich, während ich die Augen reibe und auf die Wanduhr sehe es ist halb sieben. Draußen ist es noch dunkel.
Vielleicht Nachbarn? überlegt Natalie. Vielleicht ist etwas passiert?
Ich gucke mal nach. sage ich und öffne die Tür.
Dort steht meine Schwester Viktoria, nicht allein, sondern mit ihrem kleinen Sohn Micky, fünf Jahre alt.
Hallo, Brüderchen, sagt sie lächelnd. Wir kommen zu Besuch. Hast du etwas dagegen?
Na ja
Ich habe dich gewarnt, dass ich kommen könnte. Ich hatte keine Zeit, dich vorher anzurufen, weil ich gerade die Koffer packe. Kannst du die Koffer reintragen? Ich habe sie die Treppe hochgetragen und meine Beine fühlen sich an wie Blei an.
Ich lasse sie und den kleinen Micky hinein, doch das Gepäck verwirrt mich ein wenig normalerweise kommen Gäste ohne Koffer.
Was ist passiert? frage ich.
Was, ist das nicht klar?, erwidert Viktoria spöttisch. Mein Mann hat mich rausgeworfen. Er hat eine andere Frau gefunden, glaubst du das? Ich habe nirgends woanders ein Bett. Wenn du einverstanden bist, bleibe ich hier ein bisschen, bis ich eine neue Wohnung finde. Dann können wir zusammen Silvester feiern. Das wäre doch schön, oder? Wir sehen uns seit vier Jahren kaum, wir sind doch Familie.
Du weißt, warum wir nicht mehr reden, sage ich. Auf Lügen lässt sich keine Beziehung bauen.
Ach, vergiss es, sagt sie. Wer alte Geschichten erinnert, dem wird das Herz schwer, wie man so sagt. Wie oft soll ich mich dafür verantworten? Ich habe mich geirrt, das passiert jedem.
Ich will etwas erwidern, halte mich aber zurück. Ich will den Morgen nicht mit einem Streit beginnen, und Natalie würde das auch nicht gutheißen, wenn ich Viktoria, die von ihrem Mann rausgeworfen wurde, weiter beschimpfen würde. Trotzdem hat sie Schuld verdient.
Vor fünf Jahren ist unser Vater gestorben. Er hat uns nie in einer eigenen Wohnung wohnen lassen, aber er hat uns ein großes Dreizimmer in der Stadt hinterlassen, das eigentlich uns beiden gehören sollte. Weitere Verwandte gibt es nicht.
Viktoria ist zu diesem Zeitpunkt schwanger, der Vater des Kindes ist unbekannt. Sie hat unsere Mutter überzeugt, dass ich meinen Erbanteil zugunsten von ihr abgebe, weil sie das Haus dringender braucht und ich noch keinen eigenen Haushalt habe. Ich lebe damals noch im Studentenwohnheim, also stimmte ich zu, in der Hoffnung, ich könnte später selbst eine Wohnung finanzieren oder eine Hypothek aufnehmen so macht das heutzutage jeder.
Alles schien in Ordnung, bis nach der Geburt ihres Sohnes die Wohnung verkauft wurde und sie zu einem neuen Freund zog, der bereit war, sie mit Kind zu beherbergen. Sie erklärte mir, ihr Freund Valeri brauche Geld für sein Business und deshalb habe sie die Wohnung verkauft.
Ich war wütend, weil die Vereinbarung völlig anders war, und weil er das Geld nicht mit mir teilen wollte, sondern alles in sein Unternehmen steckte.
Unsere Mutter mischte sich nicht ein, sagte, die Kinder würden das schon regeln. Vor zehn Jahren, als wir noch Kinder waren, hatte ich ein Kätzchen von der Straße mitgebracht das war das erste Murrchen, das dann verschwand. Ich beschuldigte Viktoria, das Tier weggeschmuggelt zu haben. Sie leugnete, aber ich sah in ihren Augen, dass sie log. Auch das zweite Kätzchen, das ich brachte, verschwand. Zufall? Unwahrscheinlich. Unsere Mutter schüttelte nur den Kopf, während Viktoria die Schultern zuckte und behauptete, sie sei unschuldig. Seitdem brachte ich keine Tiere mehr nach Hause.
So war das Verhältnis zu meiner Schwester stets gespannt. Jetzt taucht sie am frühen Morgen auf und bittet um ein Zimmer.
Johann, warum nicht? Lass sie ein paar Tage bleiben, bis sie etwas findet. Wir werfen sie doch nicht auf die Straße, und Silvester steht vor der Tür. Vielleicht versöhnt ihr euch ja endlich.
Okay, winke ich ab. Wenn du nichts dagegen hast, kann sie bleiben. Doch ein ungutes Gefühl bleibt.
Am nächsten Tag beschwert sich Viktoria über Murrchen: Er störe sie beim Schlafen, liege auf ihrem Sofa, schaue sie komisch an. Ihr Sohn entwickelte eine Erkältung.
Das ist eindeutig eine Allergie gegen eure Katze, sagt Viktoria. Früher war mein Hase völlig unverletzt.
Das ist nicht belegt, entgegne ich. Vielleicht hat er sich einfach erkältet, weil ihr mit ihm draußen seid. Und selbst wenn es eine Allergie ist, unser Kater ist doch Familienmitglied.
Ach, du bist ja ein Träumer, lacht sie. Familienmitglied Ich dachte, du hast deine Kindheit längst hinter dir. Wie kannst du immer noch Tiere nach Hause holen? Wie erträgt deine Frau das alles?
Natalie liebt Tiere genauso wie ich, antworte ich. Du scheinst sie einfach zu hassen. Was haben sie dir je angetan?
Sie stören das normale Leben. Ich schlafe wegen deines Murrchens schlecht, und mein Sohn kann nicht ruhen. Das ist Stress!, sagt sie. Wenn du eigene Kinder hast, wirst du verstehen, was ich meine.
Ich schweige. Kinder sind ein heikles Thema. Wir versuchen seit Jahren, etwas zu finden, doch die Ärzte können nichts Konkretes sagen. Viktoria weiß das genau, weil unsere Mutter es ihr erzählt hat.
Ich schlage vor, ihr gebt die Katze ins Tierheim, sage ich schließlich. Mischas Sohn ist ja dein Neffe, ich bin deine Schwester, und wir sollten nicht wegen eines Katers leiden. Der Kater ist nur ein Tier, wir sind die eigentliche Familie.
Verstehst du überhaupt, was du sagst?, schreit ich. Ein Tierheim? Murrchen lebt bei uns, nicht bei dir! Wenn dir etwas nicht gefällt, kann dich hier niemand festhalten. Ich habe dich nicht eingeladen. Such dir eine Wohnung und zieh weg.
Ich denke nur daran, das Tierheim zu meiden, doch schweige.
Einige Tage später, als Natalie und ich nicht da sind, schiebt Viktoria Murrchen vom Sofa in die entfernteste Ecke, damit er nicht mehr sichtbar ist. Murrchen hält das lange aus, dann fängt er an, sich zu revanchieren: Er wirft ihr das Handy vom Nachttisch, zerkratzt ihr Lieblingsshirt und nimmt ihr Lieblingsspielzeug, versteckt es im Koffer.
Du zerkratzst meine Sachen!, schreit Viktoria. Warum hast du überhaupt ein Tier, wenn du es nicht erziehen kannst?
Ich stelle sie zur Rede: Vergiss nicht, du wohnst jetzt in meiner Wohnung. Wenn du hier bleiben willst, lass die Pfote von meinem Kater!
Sie bricht zusammen, aber ich lasse das nicht weiter eskalieren.
Am Vorabend des Silvesters ruft Natalie, schluchzend, an. Ich spüre, dass etwas Ernstes passiert ist, also frage ich nach der Arbeit frühzeitig und fahre nach Hause.
Natalie, bist du zu Hause? renne ich in die Wohnung und sehe meine Frau im Flur zusammengekauert sitzen. Sie weint laut. Ich habe nichts verstanden, du hast so geschrien, dass ich kein Wort mehr verstehen konnte. Dann war das Handy leer. Was ist passiert, Natalie? Du bist nicht du selbst.
Murrchen ist weg, flüstert sie kaum hörbar. Er ist nicht mehr zu Hause.
Wie kann das sein? Wo könnte er hin? Vielleicht hat er sich irgendwo versteckt?
Nein. Deine Schwester Viktoria hat gesagt, er sei aus Versehen in den Hausflur gerannt, als sie mit Michael spazieren gehen wollte. Aber du weißt, unser Murrchen er würde das Haus nicht von allein verlassen. Warum sollte er nach draußen, wo er fast gestorben wäre? Ich glaube, sie hat ihn absichtlich rausgelassen
Was?! Wo ist sie? Wo ist Viktoria?
Sie ist wohl im Supermarkt ich weiß es nicht. Ich habe die ganze Zeit nach Murrchen gesucht, aber er ist nirgends. Und niemand hat ihn gesehen. Wie kann das sein, Johann? Kann ein Mensch so grausam sein, ein hilfloses Tier im Winter rauswerfen? Das ist doch unmenschlich!
Ein Mensch nicht, aber Viktoria die kann das. Sie hat das schon einmal gemacht. Keine Sorge, heute wird sie nicht mehr hier sein. Und ich finde Murrchen!
Ich finde ihn an diesem Tag nicht. Es wird dunkel, und er könnte überall sein.
Als dann Viktoria mit Micky erscheint, gebe ich ihr ein gründliches Verhör.
Warum hast du das getan? Warum hast du den Kater rausgeworfen, wo er fast gestorben wäre?
Nichts, Bruderchen, zuckt sie mit den Schultern. Ich habe die Tür geöffnet und er ist rausgerannt. Ich habe ihn nicht gejagt. Mein Kind ist jetzt das Wichtigste, nicht dieser Kater.
Ich sehe in ihre Augen, dass sie lügt. Ich weiß, dass sie das absichtlich getan hat.
Viktoria, morgen ist Silvester, ich habe Sekt gekauft. Lass uns nicht wegen Unsinn streiten, okay?
In Ordnung, murmelt sie. Pack deine Sachen.
Ich bringe sie und den kleinen Micky zum Bahnhof, gebe ihr etwas Geld für das Ticket und sage: Du kannst zu deinem Mann gehen, zu deiner Mutter, wo immer du willst. Aber ich will dich nicht mehr sehen.
Noch am selben Tag ruft meine Mutter an und wirft mir vor, dass ich meine Schwester verstoßen habe.
Am 31.Dezember sitzen wir am festlich gedeckten Tisch, das neue Jahr steht kurz bevor, aber die Champagnerflasche ist noch ungeöffnet. Wir können nicht fröhlich sein, weil unser geliebter Kater fehlt.
Plötzlich ruft Natalie aufgeregt: Da klopft jemand an der Tür.
Ich gehe hin und öffne vor der Tür steht Murrchen. Er zittert vor Kälte, hat die Nacht überlebt und ist zurückgefunden.
Natalie! Er ist zurück!, rufe ich, nehme ihn in die Arme.
Wir trocknen ihn, geben ihm zu essen, und Natalie drückt ihn fest an sich, lässt ihn nicht los.
Er schnurrt zufrieden. Er hat es geschafft, er ist nach Hause gekommen, dorthin, wo er geliebt wird.
Johann, kurz vor Mitternacht, öffnen wir den Sekt?, flüstert Natalie.
Natürlich!, antworte ich.
Ich öffne die Flasche, gieße das Prickelnde in die Gläser, und draußen explodieren die Feuerwerke, die Menschen jubeln.
Wie man das neue Jahr beginnt, so wird es verlaufen.
Jetzt bleibt Murrchen für immer bei uns, und ja, bei uns wird bald ein Kind sein. Natalie hält Murrchen fest, und er spürt, dass in ihrem Herzen neues Leben heranwächst.







