Zwei Betrügereien

Liselotte! Lisel, rief Klaus über die Straße.

Liselotte ließ ein schweres Seufzen entweichen, stellte die Einkaufstüten auf den Bordstein und blieb stehen. Sie blickte zu dem alten Wagen ihres ExMannes, der auf der anderen Straßenseite geparkt war, zog die Lippen zu einem kaum wahrnehmbaren Lächeln und senkte den Kopf. Alles schien ihr zu viel. Klaus kam ihr entgegen, stolperte fast, eilte, um zu helfen.

Hallo, Lisel, nahm er die Tüten entgegen.

Guten Tag.

Ich fuhr gerade vorbei, sah dich mit den schweren Taschen, dachte, ich helfe dir, sagte er mit einem dummen Grinsen. Komm, wir gehen zusammen.

Wie kann das vorbei heißen? Du wohnst doch in der Glasstraße, das ist doch das Umland

Klaus bog schon in Richtung seines Autos ab, die beiden Tüten fest im Griff.

Ein Kollege hat mich nach der Arbeit abgeholt, dann kam ich vorbei und konnte nicht einfach weiterfahren. Ich bring dich nach Hause.

Ich muss nur 500Meter.

Kein Problem, ich schleppe die schweren Tüten. Wie gehts deinem Sohn Fritz, Mama?

Am Wochenende holst du ihn ab, dann erfährst du alles. Ihr telefoniert doch jeden Tag, sagte Liselotte, während sie Klaus eigentlich ihre Einkäufe folgte. Warum fragst du ihn ständig nach mir?

Nur weil ich interessiert bin, wir sind doch keine Fremden, lächelte Klaus, öffnete die Beifahrertür für seine ehemalige Frau.

Ich setz mich hinten hin.

Da drinnen ist Chaos! Nicht nötig.

Klara öffnete die hintere Tür, schaute hinein tatsächlich lag ein Durcheinander von Klamotten, Einkaufspapieren und leeren Flaschen auf dem Rücksitz.

Du hast mir ja wieder nicht geglaubt

Liselotte seufzte, setzte sich schließlich auf den Vordersitz. Klaus verstaute die Tüten im Kofferraum. Glücklich setzte er sich hin, sah Liselotte an, die nun vom Fenster aus den bekannten Stadtteil beobachtete.

Siehst du gut aus, wie immer.

Klaus, fahr mich einfach nach Hause, ich muss noch das Abendessen vorbereiten, knurrte die ExFrau.

Ja, ja!, fluchte Klaus, startete den Wagen, sie fuhren davon. Ich habe einen neuen Job, kümmere mich um Schichtarbeit, platzte er aus, während Liselotte weiter gedankenverloren aus dem Fenster starrte. Fritz hat gesagt, ihr seid aus dem Haus der Schwiegermutter ausgezogen?

Sie ist mir seit drei Jahren egal, sagte Liselotte unbewegt.

Lisel, hör auf, dich zu verstecken! Warum nehme ich den Sohn immer nur von ihr? Versteckst du deine Adresse? Lass mich dich nach Hause bringen.

Nein, murmelte Liselotte, ich habe meiner Mutter Lebensmittel gekauft.

Ich gebe dir das und bring dich heim, sagte Klaus.

Sie hielten im Innenhof an.

Was hat Klaus gesagt? Ich habe ihm verboten, ihn zu sehen. Seht ihr euch, ist alles in Ordnung?

Ja.

Welchen Teufel willst du noch von mir?, platzte Liselotte heraus.

Lisel, wir sind doch keine Fremden unser Sohn verbindet uns, versuchte Klaus, Liselotte die Hand zu ergreifen. Sie zog die Hand in die Tasche.

Klaus, genug! Wie oft muss ich deine zufälligen Besuche ertragen? Ruf meine Mutter nicht an, bitt sie nicht, mit mir zu reden das hilft nicht! Wir sind ausgezogen, weil ich dich satt habe! Ich stehe kurz vor einem Nervenzusammenbruch, weil überall nur noch dein Bedauern klingt, wie leid du ohne uns bist, wie du das Happy End willst.

Und Fritz? Warum treibst du ihn noch weiter? Er gewöhnt sich gerade ans Wochenende bei Papa, du sagst, wir versöhnen uns, du willst Grüße überbringen, fragst nach meiner Rückkehr von der Arbeit, wo ich bin.

Ich mache mir Sorgen.

Ich auch, wegen unseres Sohnes! Wie oft soll man ihm einreden? Nicht durch ihn Druck auf mich ausüben!

Liselotte sprang aus dem Auto, ließ die Tür knallen, wollte die Tüten selbst aus dem Kofferraum holen, doch das Schloss klemte. Sie zog an der Kofferraumklappe, fluchte, wollte Klaus loswerden. Die Mutter sah von oben durch das Fenster zu, Liselotte spürte das gedämpfte, stumme Starren hinter den Jalousien. Klaus öffnete den Kofferraum, brachte die Tüten zur Haustür, wollte bis zur Wohnung fahren, doch Liselotte stoppte ihn scharf.

Nee, ich mach das selbst.

Lisel, versteh doch, ich liebe dich noch! Ich würde alles für euch tun. Soll ich den Schichtjob aufgeben? Zurück zu meinem alten Beruf? Soll ich dir ein Auto besorgen? Warum läufst du zu Fuß? Mit Fritz wäre es leichter, ihn zum Karate abzuholen.

Nein, riss sie ihm die Tüten aus den Händen, ich wünsche mir, dass du irgendwohin fährst! Dass du endlich die Frau deiner Träume findest, sie liebst, ihr lebt glücklich bis ans Ende, und lässt mich in Ruhe.

Lisel, verzeih mir, das war einmal, sie bedeutete mir nichts! Ich verfluche mich immer noch.

Ich habe dir vergeben! Vor langer Zeit vergeben und losgelassen, doch du lässt mich nicht los.

Ich kann nicht! Ich habe realisiert, ein Leben ohne dich ist unerträglich, schrie Klaus ihr nach, während Liselotte die Treppe hinaufstieg.

Klaus, keine neuen Dramen mehr, ertönte eine Stimme, ich habe dir verziehen, aber ich kann dich nicht wieder lieben.

Die Tür im zweiten Stock schlug zu, Stille folgte. Klaus ballte die Fäuste, ging zurück zum Auto, drehte sich um zu den Fenstern der Schwiegermutterwohnung. Wie ein närrischer Narr hatte er seine Frau, seinen Sohn, seine Familie gegen einen flüchtigen Flirt eingetauscht. Nach einem Jahr Alleinsein erkannte er: Es gibt keine bessere Frau als Liselotte! Niemand kann er so lieben wie sie, und ihr Sohn Fritz. Sie kannten sich seit der Grundschule, wo Liselotte aus einer anderen Klasse kam und alle Mädchen in den Schatten stellte. Klaus sah nur sie. Der Sommer verging, das Herz wurde kalt, er fuhr zu seiner Großmutter, traf dort eine andere, die ihm die Sonne raubte. Zurück am ersten September interessierte Liselotte ihn nicht mehr. Sie blieben Freunde, verloren sich fünf Jahre, studierten getrennt, trafen sich später wieder im selben Freundeskreis, nun erwachsen.

Liselotte hatte ein rotes Diplom, einen ersten Job, kehrte in ihre Heimatstadt zurück, arbeitete im Betrieb, in dem ihre Mutter tätig war. Klaus suchte nach seiner eigenen Sache, studierte, fand keinen Durchbruch, wurde Plantagenarbeiter, dann Fabrikarbeiter, doch die Sehnsucht nach Anerkennung trieb ihn weiter. Alles änderte sich, als Liselotte ihm nach mehreren Treffen sagte, sie sei schwanger.

Klaus erschrak, nahm Liselotte in die Arme, stellte sie seinen Eltern vor. Hochzeit, Fritz geboren, Haus mit Kredit, Eltern halfen, jede Sommerferien am Gardasee, Geburtstage, Taufen, Wochenendausflüge. Klaus wurde langweilig. Liselotte versank in der Familie, kümmerte sich um den kleinen Fritz, das Alltägliche. Die Schwiegermutter liebte Enkel und Schwiegertochter, respektierte den Schwiegersohn.

Fritz wuchs, Liselotte ging arbeiten. Klaus wollte mehr Anerkennung, war unzufrieden, stieg die Karriereleiter hinauf, blieb aber irgendwo im Mittelfeld stecken. Neue Freunde, verschiedene Jobs, bis eine ehemalige Kollegin ihm half, Chef einer Abteilung zu werden im Tausch gegen intime Gefälligkeiten. Sie verschwand, Klaus wurde wieder einsam.

Liselotte sah das anders. Sie meinte, Klaus sei erschöpft, die Arbeitssituation sei eine Krise, ihr Urlaub nicht mit ihm zusammenfalle, also schlug sie vor, er solle alleine fahren, vielleicht Fritz mitnehmen. Klaus wollte nicht ohne sie, stimmte aber zu, fuhr zu einem Freund nach Hamburg, um dort zu fischen. Der Freund schickte ihr Fotos vom Abend, bat, den Hund nicht zu stressen.

Liselotte packte ihre Sachen, nahm Fritz und fuhr zu ihrer Mutter.

Als Klaus nach Hause kam, schickte sie ihm ekelhafte Fotos vom angeblichen Angeltrip. Er jagte hinter die Bilder, sah nur die geschlossene Tür, die Schwiegermutter blickte ihn mit feurigem Blick an. Er wollte Liselotte Zeit geben, bekam stattdessen eine Scheidungsklage. Er zog die Prozesse in die Länge, bat um Verzeihung, doch Liselotte ließ los.

Ein Jahr später, als er sah, wie sehr er sich bemühte, Alimente zu zahlen, den Sohn jedes Wochenende abzuholen, die Schwiegermutter zurückzugewinnen, bat seine Mutter, Liselotte zu vergeben sie gab nach. Klaus kehrte zurück, doch das Vertrauen war weg. Die Wunden heilten kaum, nur Erinnerungen blieben, ohne Gefühl.

Sie trennten sich endgültig.

Lisel, warum quälst du ihn?, fragte die Mutter am Türrahmen, kaum hörbar.

Wer quält wen?, erwiderte die Tochter. Ist Fritz noch von der Schule zurück?

Nein.

Er nervt mich, Mutter! Lass ihn endlich in die Schicht fahren, in eine andere Stadt, ein anderes Leben! Er verfolgt mich, ich fürchte jede Beziehung.

Liselotte brachte die Tüten in die Küche, die Mutter hatte bereits Tee gekocht, der Duft von frischgebackenem Kuchen lag in der Luft.

Mmmh, das riecht lecker.

Lisel, du darfst das nicht, du hast einen Sohn. Ihr habt so viele Jahre zusammengelebt

Wie soll das gehen? Mutter? Wie kann man im selben Bett schlafen, in derselben Wohnung leben, wenn er mir fremd ist, wenn das Gespräch mit der anderen Frau und die Gerichtsverhandlungen alles auslöschen?

Warum gibst du ihm Hoffnungen, bleibst im Kontakt? Die Mutter packte die Einkäufe aus, ohne Liselotte anzusehen.

Er drängt mich, ich lächelte ihm zu, flirtete, er will Verzeihung Was soll ich verzeihen? Ich habe nicht mit dieser alten Dame rumgemurkst.

Er lässt dich nicht los, du brauchst jemanden anderen, sagte die Mutter ruhig, solche Typen ertragen keinen Verrat.

Was? Was für ein Verrat? Wir sind seit drei Jahren geschieden, er ist mir egal.

Er kann dich nicht loslassen.

Genau, er nervt!

Klaus blieb nicht ruhig, bis die Formalitäten für den neuen Job erledigt waren. Er wartete auf Liselotte während der Mittagspause in ihrem Büro, rief den Sohn an, bat ihn, der Mutter zu sagen, dass sie trotzdem zusammen sein würden. Die ExSchwiegermutter nahm nicht ab. Wochen später traf er Liselotte mit Fritz früh morgens vor der Schule.

Lisel, ich fahre weg

Viel Glück.

Fritz, Papa fährt weit, aber nicht lange, sagte Klaus, Liselotte wandte den Kopf ab. Hast du nichts zu sagen? Fritz zog seine Mutter am Ärmel, sein erster Unterricht war Deutsch, Pünktlichkeit war Pflicht.

Ich habe alles gesagt. Ich freue mich, dass du etwas änderst, hoffe, das ändert dein Leben.

Erwarte nicht, dass ich euch vergesse!

Klaus setzte sich zu seinem Sohn, umarmte ihn fest, wollte das Gleiche mit Liselotte tun, sie wich zurück. Er biss die Zähne zusammen, ging zum Auto.

Ich vergebe dir alles, Lisel, aber Verrat bleibt, schrie er vom Bordstein, während das Auto davonrollte.

Liselotte lächelte, dachte, er wird ihr vergeben wunderbar, danke.

Drei Monate Ruhe, Liselotte sah nicht mehr das blaue Auto am Straßenrand, fuhr frei durch die Stadt, fürchtete nicht, dass der zufällige Klaus sie begegnete. Sie ging mit Kolleginnen ins Café, traf schließlich ihre alte Freundin Heike. Heike drängte, die Ehe zu retten, die Liebe zu bewahren, Klaus zurückzuholen. Liselotte brach den Kontakt, glaubte, Klaus manipuliere sie. Es stellte sich heraus, Heike sei selbst geschieden, wisse, wie man Kinder allein großzieht, verzeihe ihren Mann für kleine Dummheiten, die sie in der KfzTasche fand, während die neue Freundin Kristina ihr erklärte, dass sie mit ihrem Mann zusammenziehen würden.

Darf ich Champagner öffnen? lächelte Kristina, und das Herz für Neues öffnen.

Ja, aber 100 Anrufe und Nachrichten von Klaus pro Tag.

Und der, der dich nach der Arbeit eingeladen hat? Hast du geantwortet?

Klaus kommt zurück, alles fängt von vorne an, murmelte Liselotte, las die Speisekarte.

Mach’s zu Ende! Ablenken, rede mit jemandem, du bist jung, schön, schau mal dort, flüsterte Heike über den Tisch, nur du im Blick.

Liselotte errötete, drehte sich um, traf den Blick eines selbstbewussten Mannes, der sich verbeugte, Kaffee anbot. Die Damen lehnten ab, doch der charmante Typ blieb.

Liselotte sah, wie Kristina den Mann beobachtete, Kristina beobachtete, wie er die Freundin anstarrte. Plötzlich musste sie gehen, ein paar Minuten später. So lernte sie Sergej kennen, sie plauderten, tauschten Nummern, schrieben. Liselotte ignorierte die endlosen Nachrichten von Klaus, ihr Telefon summte nicht mehr, sie lächelte, als sie die nächste Nachricht las. Sie hetzte von der Arbeit nach Hause, als ob jemand auf sie wartete.

Hey, Fritz, wie läufts?

Alles gut, Papa, 5 bei der Deutschklausur!

Wie gehts Mama? unterbrach der fürsorgliche Vater.

Gut, Mama hat die Haare neu gemacht, war auf Likas Geburtstag.

Schön. Warum nimmt sie meine Anrufe nicht mehr?

Sie kann gerade nicht, wir haben Besuch.

Wer?

Onkel Sergej.

Welcher Onkel?! Schnell, gib mir das Telefon.

Mama! Mama! schrie Fritz aus seinem Zimmer. In der Küche lachten sie, es roch nach Kuchen, hinter der Wand klopfte Sergej an irgendetwas. Mama! rief Fritz lauter, Papa ruft.

Miriam trat zu ihrem Sohn, richtete die Schürze, blickte durch die offene Küchentür ins helle Licht.

Ja, nahm sie den Hörer, ihre Augen ruhten im warmen Licht der Küche.

Was, Lisel, hast du dich verlaufen? Hast du den Mann gleich nach dem Türrahmen geworfen?, spottete Klaus.

Und dir auch nichts, du alter Kerl, rufst du nur deswegen?

Wie kannst du das wagen? Du hast einen Sohn! Wie hast du es gewagt? Ich komme und schenke dir einen Flitterwochen-Monat! Schurke.

Endlich hast du das Ruder losgelassen, lachte Liselotte, ich habe darauf gewartet, dass der echte Typ, der die Familie für eine OneNightAffäre aufgegeben hat, endlich auftaucht. Wenn du das verstehst wir sind nichts mehr.

Verdammt, du bist fertig!, schrie Klaus am Telefon, ich komme in einer Woche zurück, ich ich

Lisel, ich habe getan, was du wolltest, erklang eine Männerstimme, bist du bald da? Wir wollen das Essen, das aus dem Ofen das Aroma raubt.

Fritz nickte, streckte die Hand zum Telefon, dort war ein Aufschrei, das Geheul eines Wahnsinnigen.

Wer ist das? fragte Sergej, lass mich hielt er das Telefon hin.

Liselotte gab ihm den Hörer, das Kreischen verstummte Klaus legte auf.

Papa ruft später zurück, sagte Liselotte und sah den betrübten Sohn an.

Klaus rief nie wieder Fritz an, dochAm nächsten Morgen erwachte Liselotte in einem goldenen Feld aus schwebenden Kirschblüten, wo der Wind flüsterte, dass alle verlorenen Wege heimlich zu neuen, stillen Horizonten führten.

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