„Die Kinder aus meiner ersten Ehe werden hier nicht wohnen – erklärte die neue Frau“

Deine Kinder aus der ersten Ehe ziehen hier nicht ein, sagt Marlene, während sie das Küchenregal anblickt.
Andreas, das haben wir schon besprochen. Warum gehst du das nochmal an? Diese alten Schränke verderben das ganze Bild!.

Marlene steht in der Mitte der Küche, die Hände vor der Brust verschränkt. Ihr perfekt manikürter Nagel glänzt, als sie ungeduldig mit der Hand nach dem massiven, aber soliden Küchen-Set zeigt. Andreas seufzt schwer und stellt die Tasse lauwarmen Kaffees auf den Tisch. Der Morgen läuft wieder schlecht.

Marlene, ich habe dir erklärt: Ich habe gerade einen Großauftrag, das Geld kommt aber erst in zwei Monaten. Dreißigtausend Euro kann ich jetzt nicht einfach für eine neue Küche ausgeben. Dieser Schrank hält noch.

Halten?, erwidert sie spöttisch. Andreas, das kommt aus dem Wortschatz meiner Großmutter. Sie ist nicht robust, sie ist altmodisch. Ich will ein gemütliches, schönes Zuhause, wo ich Freundinnen einladen kann, ohne für ramponierte Ecken zu erröten. Ist das wirklich zu viel?

Er fährt sich durch das Haar. Mit fünfundvierzig Jahren lebt er seit dem Tod seiner ersten Frau allein mit den beiden Kindern. Arbeit, Haus, Schulabende ein endloser Kreislauf, aus dem kein Ausweg zu sein scheint. Dann kam Marlene, hell und voller Energie, und platzte wie ein Feuerwerk in sein graues Leben. Er verliebt sich schnell, verzweifelt, fast wie ein Junge. Sie heiraten schlicht, unterschreiben und feiern mit den engsten Vertrauten. Jetzt ist Marlene seit einem Monat seine rechtmäßige Ehefrau und Hausherrin einer Dreizimmerwohnung in Berlin.

Ich verstehe dich, sagt er versöhnlich. Ich will auch, dass es dir gut geht. Lass uns einfach noch ein bisschen warten. Ich beende das Projekt, dann bestellen wir alles, was du willst das weiße Hochglanz, von dem du träumst.

Marlene lächelt, kommt näher und umarmt ihn am Hals. Ihr Duft ist ein teurer Duft, süß und kaffeig.

Entschuldige, ich wollte dich nicht drängen. Ich möchte unser Nest einfach neu bauen, alles neu.

In diesem Moment stampft seine vierzehnjährige Tochter Heike, barfuß, in die Küche. Sie ist schlank, hat lange blonde Zöpfe und erinnert stark an die verstorbene Mutter.

Guten Morgen, Papa. Hast du mein Zeichenblock für die Skizzen gesehen?

Guten Morgen, Sonnenschein. Ich glaube, er liegt noch auf dem Couchtisch im Wohnzimmer.

Heike nickt, wirft einen schnellen, leicht ängstlichen Blick auf Marlene und murmelt leise: Guten Morgen.

Marlene antwortet kühl, während sie etwas Abstand zu Andreas hält: Guten Morgen. Und du solltest dich erst waschen und frisieren, bevor du zum Frühstück gehst.

Heike wird knallrot, sagt ein kurzes Entschuldigung und verschwindet im Flur. Andreas runzelt die Stirn.

Marlene, warum so? Sie ist noch ein Kind.

Genau, erwidert Marlene. Ein Kind, das Ordnung lernen muss. Sonst wird sie zur Chaotin. Ich will nur das Beste.

Kurz darauf kommt sein siebzehnjähriger Sohn Klaus, groß und nachdenklich, und wirft einen missmutigen Blick auf Marlene.

Gibts was zu essen?, brummt er, während er den Kühlschrank öffnet.

Möchtest du Rührei?, fragt Andreas, versucht die Stimmung zu lockern.

Ja.

Marlene geht demonstrativ zum Fenster. Die Gegenwart der Kinder ihres Mannes belastet sie deutlich, auch wenn sie es nicht offen ausspricht. Andreas hofft, dass sie sich mit der Zeit aneinander gewöhnen. Er wünscht sich eine glückliche neue Familie.

Nach dem Frühstück geht er in seine Werkstatt, ein kleiner Raum, den er als Schreinerei eingerichtet hat. Als Möbelrestaurator arbeitet er mit Holz, Lack und Beize. Jetzt bearbeitet er einen antiken Schaukelstuhl, säubert das kunstvolle Intarsienmuster am Armlehnenstück. Diese präzise Arbeit erfordert volle Konzentration und hilft ihm, die schweren Gedanken zu verdrängen.

Er liebt Marlene ihr Lachen, ihre Energie, ihren Blick. Doch mit jedem Tag erkennt er klarer, dass ihre Welt und seine Welt zwei verschiedene Universen sind. Marlene schwelgt in schicken Partys, Designausstellungen und teuren Restaurants. Er lebt zwischen dem Geruch von Spänen, Klaus Schulproblemen, Heikes Aquarellen an der Wand und stillen Abenden mit einem Buch. Und da ist noch die Erinnerung an Anna, seine erste Frau.

Auf einem Regal in der Werkstatt steht Annas Foto, lächelnd mit einem Strauß wilder Gänseblümchen. Manchmal meint er, sie schaufe ihn mit einem Mahnen an: Was machst du, Andreas? Wohin führst du deine Kinder?

Am Abend, als er nach Hause kommt, wartet eine Überraschung: Kartons stehen im Flur.

Was ist das?, fragt er und betrachtet die ordentlich gestapelten Dinge.

Ich habe beschlossen, ein bisschen aufzuräumen, sagt Marlene heiter, während sie aus dem Wohnzimmer kommt. Ihr habt keinen blassen Schimmer, wie viel Krempel sich hier angesammelt hat diese schreckliche Vase, alte Zeitschriften, Kinderbasteleien.

Andreas wirft einen Blick in einen Karton. Oben liegt eine hässliche Tonfigur eines Igels, die Heike in der fünften Klasse modelliert hat. Er erinnert sich, wie stolz er damals auf seine Tochter war.

Marlene, das ist kein Krempel, sagt er so ruhig wie möglich. Das sind Erinnerungen.

Liebling, Erinnerungen gehören ins Herz, nicht in staubige Ecken. Wir haben ja beschlossen, ein neues Leben zu beginnen. Dafür brauchen wir neuen Raum, frei von der Vergangenheit.

Er legt den Igel behutsam auf ein Regal. Zwischen ihm und Marlene baut sich eine unsichtbare Mauer auf.

Eine Woche vergeht. Die Spannung im Haus steigt. Marlene kritisiert immer öfter die Kinder: Klaus laute Musik, Heike verschüttet Farbe, das Geschirr bleibt ungespült. Die Kinder ziehen sich zurück, reden kaum noch mit ihr. Klaus verbringt mehr Zeit mit Freunden, kommt spät nach Hause. Heike sitzt in ihrem Zimmer und malt traurige Landschaften. Andreas zerrt zwischen den Rollen, versucht ein liebevoller Mann und ein fürsorglicher Vater zu sein.

Eines Abends findet er Heike weinend.

Was ist los, mein Kind?

Sie reicht ihm ihr Zeichenblock. Auf einer Seite hat sie ein Porträt ihrer verstorbenen Mutter gemalt lebendig und schön.

Schön, sagt Andreas. Du hast Talent. Warum weinst du?

Marlene hat gesagt, ich soll nicht in der Vergangenheit leben. Sie meinte, ich könnte ihr Bild malen, um mir selbst zu gefallen. Als ob ich meine Mutter vergessen soll.

Er umarmt sie, ein dumpfer Zorn brodelt in seiner Brust. Er beschließt, noch am selben Abend mit Marlene zu reden. Sobald die Kinder schlafen, schleicht er in ihr Schlafzimmer. Marlene sitzt vor dem Spiegel und trägt eine Creme auf.

Wir müssen reden, beginnt er ohne Umschweife.

Schon wieder? Ich bin müde, hatte einen harten Tag im Salon.

Warum hast du Heike verletzt? Warum hast du ihr das mit dem Bild gesagt?

Marlene dreht sich ab, ihr Gesicht ist kühl und gleichgültig.

Ich habe nur meine Meinung gesagt. Es ist ungesund, in ihrem Alter an der Vergangenheit festzuhalten. Sie muss weiterkommen zu ihrem eigenen Wohl.

Ihre Mutter ist tot!, erhebt er die Stimme. Sie hat das Recht, sich zu erinnern, zu malen, darüber zu sprechen! Das ist Teil ihres Lebens!

Und das hindert uns daran, ein neues Leben zu führen!, klingt Marlenes Stimme lauter. Ich bin hier, um deine Frau zu sein, nicht um ein Museumswärter für deine alte Familie zu werden! Überall sehe ich Fotos, ihre Sachen, ihre Rezepte und jetzt auch noch endlose Kinderzeichnungen! Ich halte das nicht mehr aus!

Ihre Augen blitzen, ihr Gesicht verzieht sich zu einer Maske aus Wut. Andreas erkennt die Frau, in die er sich verliebt hat, kaum wieder.

Ich will die Hausherrin in diesem Haus sein, sagt sie, atemlos. Eine richtige Hausherrin! Ich will alles ändern, nach meinem Geschmack! Aber deine Kinder stehen mir im Weg.

Andreas spürt, wohin sie führt.

Was willst du damit sagen?

Marlene atmet tief ein, tritt zu ihm, schaut ihm fest in die Augen.

Andreas, ich liebe dich. Ich will mit dir zusammen sein. Aber ich will eine normale Familie. Nicht in einer Wohngemeinschaft mit zwei grummeligen Teenagern, die mich hassen.

Sie schweigt einen Moment, dann fällt ihr Satz wie ein Urteil.

Deine Kinder aus der ersten Ehe werden hier nicht wohnen.

Stille folgt, ohrenbetäubend. Andreas blickt sie an, kein Wort kommt ihm über die Lippen. Der Boden scheint wegzubrechen.

Was?, fragt er, obwohl er alles gehört hat.

Du hast es verstanden, sagt Marlene ruhiger. Sie können bei der Großmutter, der Mutter von Anna, wohnen. Oder wir mieten ihnen eine eigene Wohnung, wenn Klaus volljährig ist. Es gibt Altenheime, schließlich. Wir helfen, besuchen sie, aber sie sollen getrennt leben. Dieser Haushalt soll unser sein.

Sie spricht, als würde sie über neue Möbel verhandeln, nicht über seine Kinder.

Bist du verrückt?, keucht Andreas. Die eigenen Kinder zur Großmutter schicken? In ein Heim?

Warum nicht?, zuckt sie mit den Schultern. Viele machen das. Ein zivilisierter Ansatz. Du musst wählen: Entweder wir bauen unser neues Leben, oder du hängst weiter an deiner Vergangenheit. Entweder mich, oder sie.

Sie dreht sich, legt sich ins Bett, wendet sich absichtlich zur Wand. Der Dialog endet, ihr Ultimatum steht.

Andreas verlässt das Schlafzimmer, geht taumelnd zur Küche. Er gießt sich ein Glas Wasser ein, doch die Hände zittern, er verschüttet die Hälfte. Er setzt sich an den Tisch, um den sie am Morgen gestritten haben. Gott, wie klein das im Vergleich zu dem ist, was gerade geschehen ist.

Er fühlt sich zum Verräter. Verräter gegenüber Anna, der er versprochen hat, immer für die Kinder da zu sein. Verräter gegenüber Klaus und Heike, die bereits einen schweren Verlust erlitten haben. Und nun muss er als Vater zwischen ihnen und der neuen Frau wählen.

Er schleicht zur Tür von Heikes Zimmer. Sie schläft, gekuschelt mit einem Teddybär. Auf dem Nachttisch liegt ihr Zeichenblock und das Porträt der Mutter. Dann geht er zu Klaus Zimmer. Auch er schläft, die Arme ausgebreitet. An der Wand hängt ein Plakat seiner Lieblingsband. Das ist ihr Leben, ihr Zuhause, ihre Festung, die er mit eigenen Händen zu zerstören droht.

Die ganze Nacht liegt er wach, wandert wie ein Geist durch die Wohnung, betrachtet vertraute Dinge: den reparierten Schaukelstuhl, das Regal, das sie gemeinsam für Heikes Bücher gebaut haben, Annas altes Rezeptbuch mit abgenutzten Ecken ihrer Lieblingskuchen. All das ist sein echtes Leben, nicht das glänzende Bild aus einer Zeitschrift, das Marlene malt.

Er erinnert sich, wie Marlene in sein trostloses Leben kam, Lachen, Feststimmung, das Gefühl, dass das Leben weitergeht. Er war ihr so dankbar, dass er ihre Selbstsucht, ihre Kälte gegenüber den Kindern, ihr Ignorieren seiner Vergangenheit übersah. Er redete sich ein, dass es Kleinigkeiten seien, dass alles gut werden würde. Er wollte so verzweifelt glücklich sein, dass er fast den schwersten Fehler seines Lebens begangen hätte.

Am Morgen wacht er ruhig auf. Die Entscheidung fällt von selbst, klar und richtig.

Marlene sitzt bereits an der Küche, trinkt Kaffee. Sie sieht frisch und schön aus, als hätte das gestrige Drama nie stattgefunden.

Guten Morgen, Liebling, singt sie. Ich hoffe, du hast alles überlegt.

Andreas füllt sich schweigend Kaffee ein und sitzt ihr gegenüber.

Ja, sagt er gleichmäßig. Ich habe alles überlegt.

Er blickt ihr fest in die Augen, und in seinem Blick fehlt jede Liebe, jede Zweifel. Nur kalte Leere.

Du kannst deine Sachen packen, sagt er leise, aber bestimmt.

Marlene erstarrt, die Tasse in der Hand.

Was? Was hast du gesagt?

Ich sagte, du sollst deine Sachen packen. Du wohnst hier nicht mehr.

Ihr Gesicht verzieht sich. Die schöne Maske zerbricht, Zorn und Verwirrung blitzen hervor.

Du… wirfst mich raus? Wegen ihnen? Du wählst sie, nicht mich?

Es geht nicht um sie, korrigiert Andreas. Es geht um meine Kinder. Ich habe nie zwischen euch wählen müssen, weil ein solcher Vergleich unmöglich ist. Familie ist kein Möbelstück, das man entsorgt. Ich habe das wohl vergessen. Danke, dass du mich daran erinnert hast.

Du wirst es bereuen!, schreit sie. Du bleibst allein in deiner Höhle mit deinen Erinnerungen und deinen beiden Kälbern! Keine normale Frau wird mit dir auskommen!

Vielleicht, antwortet Andreas gelassen. Aber ich bin lieber allein, als mit jemandem, der mich zwingt, das Wertvollste zu verraten.

Er steht auf und geht zurück in seine Werkstatt. Er will nichts mehr hören. Die Tür hinter ihm knallt, das Geschirr im Schrank klirrt. Dann hört er ein Poltern im Schlafzimmer Marlene wirft wütend ihre Sachen in einen Koffer.

Andreas setzt sich an die Werkbank, nimmt das Werkzeug in die Hände. Seine Hände, die gewohnt sind zu bauen und zu reparieren, zittern leicht. Er blickt auf Annas Foto. Sie lächelt ihm immer noch mit ihrer warmen, verständnisvollen Miene zu.

Nach einer halben Stunde beruhigt sich alles. Die Eingangstür schließt sich. Marlene ist gegangen.

Er tritt in den Flur. Auf dem Boden liegt ihr seidener Schal, vergessen in der Eile. Er wirft ihn in den Müll. Das Haus ist still. So still, wie es seit Langem nicht mehr war. Doch es ist nicht die bedrückende Stille des Alleinseins, sondern die ruhige, friedliche Stille eines Zuhauses, in dem alles seinen Platz findet.

Aus den Zimmern kommen schläfrige Klaus und Heike. Sie schauen überrascht auf ihn, auf den leeren Flur.

Wo ist Marlene?, fragt Heike.

Sie ist weg, antwortet Andreas schlicht.

Die Kinder tauschen Blicke. In ihren Augen liegt keine Freude, kein Schadenfreude, nur ein leises, zaghaftes Erleichtern und eine stille Frage, die sie bislang nicht stellen wollten.

Andreas geht zu ihnen, umarmt beide fest, wie er es lange nicht mehr getan hat.

Sie kommt nicht zurück, sagt er, fühlt Heikes Kopf an seiner Brust, Klaus legt unsicher die Hand auf seine Schulter. Jetzt wird alles gut. Das verspreche ich euch.

Er weiß nicht, was die Zukunft bringt. Er weiß nur eins: Er ist zu Hause. In seinem wahren Zuhause, mit seiner wahren Familie. Und niemand wird ihn jemals wieder zwingen, zwischen ihnen zu wählen.

Оцените статью
„Die Kinder aus meiner ersten Ehe werden hier nicht wohnen – erklärte die neue Frau“
My Whole Life, I Dreamed of Being in My Brother’s Shoes—Then Everything Changed Overnight