Hinter meinem Rücken
Ach Gott, hör doch endlich auf, dich als Heldin auszugeben und so zu tun, als würdest du alles allein schaffen, sagte Klara und legte eine Tüte Windeln sowie eine Packung Babykekse auf den Tisch. Ich habe deine StatusUpdates und Posts gesehen. So hübsch, wenn man nicht die Wahrheit kennt.
Brigitte blickte nicht zu ihrer Schwester. Sie saß am Tisch, den Blick stumpf aufs Handy gerichtet, das Gesicht wie ein Stein. Durch die offene Tür drang das Aufheulen ihres zweijährigen Sohnes Lukas, der verzweifelt nach Aufmerksamkeit schrie. Brigitte rührte sich nicht.
Lukas, ich komme gleich! rief die Mutter aus dem großen Schlafzimmer und schlurfte, den kleinen Prinzen schaukelnd, ins Wohnzimmer.
Klara zog ihre Jacke aus, hängte sie über den Stuhl und wandte sich wieder Brigitte zu. Sie war zu gereizt, um einfach zurückzutreten.
Sag mir ehrlich, glaubst du wirklich, du meisterst das alles, bist eine gute Mutter? Oder wiederholst du nur Slogans aus OnlineGruppen wie ein Papagei?
Brigitte seufzte, stockte kurz, doch ihr Blick blieb leer.
Hör zu, ich habe dich nie um etwas gebeten.
Genau. Nie. Und wie immer sitzt du hungrig in schmutzigen Windeln, bis Mama Suppe bringt und Windeln kauft. Danach sollst du wieder die starke Frau sein.
Ein Schweigen legte sich über das Zimmer. Selbst Lukas verstummte hinter der Wand. Nur die sanfte Stimme der Mutter war noch zu hören. Klara schloss für einen Moment die Augen.
Sie waren alle erschöpft nach eineinhalb Jahren.
Brigitte hatte ihren Mann verlassen, als Lukas kaum sechs Monate alt war. Sie ging lauthals, mit Tränen und Vorwürfen, dass er nicht einmal das Geschirr spülen oder die Windel wechseln könne. Thomas, ihr Ex, zuckte nur mit den Schultern. Er arbeitete doppelt, kam spät nach Hause, war so müde, dass er manchmal sitzend einschlief. Trotzdem bemühte er sich: wusch Fläschchen, trug Taschen, sang sogar Wiegenlieder wenn auch schief.
Er hat uns im Stich gelassen, sagte Brigitte damals. Er wählte seine Arbeit statt uns.
Klara zuckte mit den Schultern: Jeder kann entscheiden, wie er will.
Nur ist es ein anderer Fall, wenn dieses Jeder sich auf den Schultern anderer ausruht und stolz lehnt, Unterhalt zu fordern. Brigitte lebte nun wie in einem Ferienort. Der Vater zahlte, die Mutter kochte, und sie postete stolz über Geistige Stärke und weibliche Unabhängigkeit.
Die Mutter trat ein, zwei graue Halbmonde lagen unter ihren Augen.
Lukas schläft, Gott sei Dank. Klara, warum attackierst du Brigitte wieder?
Ich? Angreifen?! Klara war bereit zu lachen. Ihr wisst ja, sie wischst nur nicht den Hintern ab, und das reicht ihr. Sie ist zufrieden.
Ich verlange nichts, übrigens. Niemand verpflichtet jemanden! flammte Brigitte. Du hast ja nichts zu tun, lebst nur hier und nutzt alle Annehmlichkeiten.
Ein Bild tauchte auf, wie vor zwei Monaten, als der Vater wieder einmal die Krone verschob.
Kein Problem, ich warte, sagte er damals lächelnd zur Mutter. Wir müssen Lukas anziehen, er ist schon fast erwachsen.
Der Vater beklagte sich nie. Doch später stellte sich heraus, dass er seine lebenswichtigen Tabletten nicht nahm, weil das Geld fehlte. Klara überwies still Geld, hoffte, dass es für Medikamente ausreichen würde.
Brigitte sprang auf, eilte an Klara vorbei, flüchtete wie immer vom Gespräch.
Klara bitte nicht so Brigitte
Was, Brigitte? Sie hat es bequem. Nur ihr Stolz wird euch umbringen. Geldprobleme lassen sich nicht mit aufgeblasenen Lippen lösen. Du hast nach dem Schlaganfall, dein Vater hat Herzprobleme. Und sie tut so, als wäre sie die Heldin einer HollywoodSeifenoper: einsam, stolz, unverstanden.
Die Mutter sah ihre Tochter mit schmerzvollem Blick an. Alle verstanden, konnten aber nichts tun.
Klara ging schweigend zur Tür, blieb jedoch stehen. Sie wollte etwas Warmes, Trostspendendes sagen, damit die Mutter nicht nach ihrem Weggang weinte.
Tschüss, Mama. Schau nach dem ErsteHilfeKasten und sprich mit Papa. Ich bringe morgen die Tabletten, falls sie ausgehen.
Kl Danke, murmelte die Mutter dankbar.
Klara verließ das Haus, ohne sich umzudrehen. Sie wusste, Tränen würden folgen.
Eine Woche verging. Klara kam seltener, nahm es nicht persönlich. Sie wollte nicht Zeuge der ElternKrise sein. Sie brachte Geld, Medikamente, etwas für Lukas, und verschwand dann schnell. Brigitte nahm alles mit gleichgültigem Blick, als wäre es selbstverständlich.
Eines Morgens, beim Durchblättern ihrer Kontakte, stieß Klara auf einen fast vergessenen Namen: Markus. Er hatte einst mit Thomas zusammengearbeitet. Das Herz schlug auf Hoffnung. Klara dachte, das sei eine Chance, vielleicht ein Zeichen.
Drei Tage später trafen sich Klara und Thomas in einem kleinen Café in Köln. Klara nuckelte nervös an einer Serviette. Thomas kam sieben Minuten zu spät, entschuldigte sich und setzte sich ihr gegenüber. Er war etwas abgemagert, die Dünnheit ließ ihn eher alt wirken.
Du verstehst begann er nach Klara lange zugehört zu haben. Ich verzichte nicht auf meinen Sohn. Ich habe versucht, alles zurückzuholen. Nur jedes Mal, wenn ich Geld schicke, schickt sie es zurück und macht einen Aufstand.
Sie halten das nicht lange durch, seufzte Klara. Der Vater halbiert die Tabletten, die Mutter lehnt das Sanatorium ab. Und Brigitte hat seltsame Prinzipien. Aber niemand ist schuld, dass ihr Kopf voller Käfer ist.
Thomas nickte. Man spürte, dass er eine Lösung suchte.
Lass uns das so machen: Ich überweise dir Geld, du verteilst es. Schick mir Quittungen oder Fotos danke, kein Wort mehr wir vertrauen uns. Ich will nur, dass Lukas ein normales Leben hat und deine Eltern nicht wegen all dessen leiden.
Klara war unsicher, ob das richtig war. Es fühlte sich nach Verrat an, doch die Schwester war auch nicht unfehlbar.
Zwei Tage später kam die erste Überweisung: hundertzwanzig Euro. Klara schickte das Geld sofort an die Mutter. Sie staunte eher über die Höhe als über die Geste, weil ihre Tochter schon zuvor geholfen hatte.
Dann folgte eine kleinere Summe für die Medikamente des Vaters, danach Geld für neue Schuhe für Lukas.
Brigitte bemerkte nichts, oder tat so, als bemerkte sie nichts.
Eines Abends kam Klara kurz zu Besuch. Brigitte war im Bad, Lukas schaute Zeichentrick, die Mutter knetete Knödel, der Vater half ihr.
Klara, wir haben Lukas mit deinem Geld einen neuen Mantel gekauft! strahlte die Mutter. Du bist wirklich ein Schatz. Wir können nicht mehr so weiterleben Vielleicht schaffen wirs allein?
Klara errötete. Sie hatte schon öfter unverdiente Lobeshymnen erhalten, jedes Mal drückte es ihr Gewissen. Jetzt drohte die ganze Hilfskette zu brechen.
Mama ich muss euch etwas sagen. Es ist nicht ich, es ist Thomas, der hilft, flüsterte sie.
Stille folgte. Der Vater ließ das NudelTeig nicht mehr rollen, die Mutter hielt den Löffel in der Luft.
Thomas? fragte sie. Brigitte sagte, er sei verschwunden.
Genau. Und er meint, er schneidet ihr das Telefon ab, weil sie ihn ignoriert, klagte Klara. Egal. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Hauptsache, er hilft.
Die Eltern nahmen die Nachricht gelassen an. Fortan nahmen sie Geld ohne schlechtes Gewissen.
Doch ein neues Problem tauchte auf.
Danke, Thomas. Jetzt geht es ein bisschen leichter, flüsterte die Mutter dem Vater zu, während sie das Budget für den nächsten Monat besprachen.
Die Mutter wusste nicht, dass Klara nachts nicht schlief und ein feines Gehör hatte.
Kurz darauf explodierte Brigitte in der Küche.
Ihr nehmt also das Geld von meinem Ex hinter meinem Rücken?! schrie sie. Ihr seid Verräter! Ihr habt euch verschworen!
Es folgte ein langes Verhör. Die Mutter brach schließlich zusammen, konnte dem Druck nicht standhalten. Dann rief Brigitte nachts plötzlich Klara an.
Du dachtest, du bist die Schlaueste? Du hast mich gedemütigt! Mein Kind braucht keine Almosen! schrie die Schwester.
Was redest du da, Brigitte? murmelte Klara verschlafen. Ich mache nur das, wozu du keine Kraft oder Gewissen hast. Hör auf, alles von einer kranken Seele auf die gesunde zu schieben.
Zum Teufel mit euch! brüllte Brigitte. Ich brauch keinen Streit! Ich komme ohne euch klar!
Das Gespräch endete abrupt. Brigitte packte ihre Sachen, schob Lukas in den Kinderwagen und schlug die Tür zu. Sie verschwand in der Nacht, ohne zu sagen, wohin.
Im Kopf drehte sich ein Satz, den ihre Freundin Leni vor einem halben Jahr gesagt hatte: Wenn du etwas brauchst, ruf mich. Damals klang es wie ein hübsches Versprechen, jetzt war es das einzige Seil, an dem sie sich festhalten konnte.
Leni zögerte nicht, nahm Lukas, kochte für ihn, wärmte das Abendessen und fragte vorsichtig, was geschehen sei.
Alles gut. Es ist nur stickig hier, murmelte Brigitte. Ich will allein wohnen. Erst bei dir, dann allein.
Die erste Nacht verlief still. Leni freute sich sogar über die Gesellschaft, aber am Morgen kamen die ersten Rügen. Brigitte ließ das Geschirr liegen, beklagte das Essen zu wenig Salz, zu fettig.
Am nächsten Tag zog sie heimlich eine versiegelte Kaffeedose aus dem Schrank, ohne zu fragen. Es stellte sich heraus, dass es ein Notvorrat für Geschenke war. Noch am selben Abend bat sie Leni um Geld.
Alles, was ich habe, ist für Windeln ausgegeben. Kannst du mir etwas leihen? Bitte bis ich etwas finde.
Leni lächelte gequält und sagte, sie würde überlegen. Später, als Lukas schlief, kam Leni zu Brigitte und sagte, dass sie reden müsse.
Es kommt ein Freund, Armin, aus Köln. Wir hatten das schon lange geplant Du verstehst?
Willst du, dass ich gehe? fragte Brigitte verwirrt.
Nicht, dass du gehen sollst, nur vielleicht hast du noch einen Freund zum Ausweichen?
Ja, nickte Brigitte, obwohl ihr Inneres wie ein fester Knoten zog. Natürlich, ich schaffe das.
Am Morgen packte Brigitte im völligen Schweigen, hielt Tränen zurück. Leni räumte leise die Küche, kreuzte ihre Wege nicht. Brigitte zog Lukas an, zog die Stiefel an. Einen Moment lang stampfte sie unsicher im Flur, nicht wissend, was zu sagen. Dann verließ sie das Haus, ohne Abschied.
Am Treppenaufgang fühlte sie sich, wie seit langem nicht mehr. Leere, Scham, Angst. Gedanken wirbelten wie Messer im Herzen. Zu den Eltern? Nie wieder. Lass sie mit ihren Tabletten und Sanitorien drehen. Mit Leni ist alles klar.
Plötzlich erinnerte sie sich an Thomas. Er wollte die Beziehung wieder aufnehmen, doch sie hatte ihn ignoriert. Von allen, die ihr helfen konnten, blieb nur er. Sie wählte seine Nummer.
Hallo?
Hier Brigitte. Wir mit Lukas könnten ein paar Tage bei dir bleiben?
Ein überraschter Moment.
Natürlich, Thomas Stimme war vorsichtig, aber warm.
So endete das Gespräch und ein neues, unbeholfenes Zusammenleben begann. Ohne Vertrauen, aber zumindest zusammen.
Erst Klara erfuhr von der Wiedervereinigung. Die Eltern versuchten, Brigitte zu erreichen, aber sie hörte nicht. Am dritten Tag gaben sie auf, am vierten rief Klara an.
Hallo?
Ja, antwortete Brigitte mit einer fast zerstreuten Stimme.
Wo bist du? Was ist los?
Wir sind bei Thomas. Ich rufe später zurück.
Bei Thomas? Geht es Lukas gut?
Ja, alles gut.
Klara hob überrascht die Augenbrauen. Das war unerwartet. Sie lächelte schwach: besser so, als an den Eltern zu hängen. Man kann nur hoffen, dass der stolze Schmerz, der Brigitte zu Thomas trieb, nicht einen zweiten Bruch verursacht.







