Rückkehr ins Leben: Eine inspirierende Reise zur Wiederentdeckung der Lebensfreude

Rückkehr ins Leben

Kira hatte lange nicht mehr die Wohnung ihres Sohnes betreten. Sie wollte es nicht. Sie konnte es nicht. Die Tränen waren längst versiegt. Der Schmerz, der aus der Trauer entstanden war, wandelte sich in eine stumpfe, beständige Qual und ein Gefühl der Ausweglosigkeit.

Ihr Sohn, Felix, war achtundzwanzig Jahre alt. Er klagte nie über seine Gesundheit. Er hatte das Studium an der Technischen Universität Berlin abgeschlossen, arbeitete in einer Ingenieurbüro, ging regelmäßig ins Fitnessstudio und hatte eine Freundin, Anneliese. Vor zwei Monaten legte er sich schlafen und wachte nie wieder auf.

Kira ließ sich scheiden, als Felix sechs Jahre alt war und sie erst dreißig. Der Grund war banal mehrfacher Seitensprung ihres Mannes, der nie Unterhalt zahlte und immer wieder untertauchte. Felix wuchs ohne Vater auf; Kiras Eltern halfen, wo sie konnten. Es gab ein paar Geliebte in ihrem Leben, doch nie wagte sie den Schritt in eine zweite Ehe.

Kira arbeitete und verdiente ihr Geld. Anfangs mietete sie in einem kleinen Laden im Supermarkt ein Eckchen für ihr Geschäft mit Brillenfassungen und Sehhilfen. Sie war Augenärztin. Nachdem sie einen Kredit aufgenommen hatte, kaufte sie ein eigenes Objekt, gründete die solide Optik am Markt und richtete dort auch ihre Praxis ein. Sie beriet Patienten, wählte passende Gläser aus und verkaufte Brillen.

Im vergangenen Jahr kauften sie Felix eine Einzimmerwohnung in einem Altbau in München. Sie renovierten sie ein wenig ein neues Bad, ein neuer Boden. Es war bereit, bewohnt zu werden.

Der Staub lag überall. Kira griff zum Lappen, schob das Sofa zur Seite und entdeckte im Inneren das Handy ihres Sohnes. Sie fand es nicht sofort, legte es dann ans Stromnetz.

Zuhause stand Kira mit Tränen in den Augen vor den Fotos auf dem Handy: Felix im Büro, mit Freunden am Bodensee, mit seiner Freundin beim Spaziergang im Englischen Garten. In Viber erschien eine Nachricht von ihrem alten Freund Dirk, ganz oben: ein Bild einer fremden, jungen Frau mit einem kleinen Jungen. Der Junge sah aus wie ein zweifacher Felix!

Erinnerst du dich noch an die Silvesterparty bei Lena, damals im Studium? Sie hatte noch eine Freundin. Ich traf diese Freundin mit ihrem Sohn, die jetzt in der Wohnung gegenüber wohnt. Der Kleine ist ein echter Wonneproppen, hab ich dir mal geschickt, damit du was hast, schrieb Dirk. Die Nachricht war eine Woche vor dem Unglück gesendet worden. Also hatte Felix das wohl gewusst und nichts gesagt.

Kira kannte die Adresse von Dirk.

Am nächsten Tag fuhr sie nach der Arbeit zu dem Haus. Der Junge, den sie sofort erkannte wie konnte sie ihr leibliches Enkelkind nicht erkennen? rannte mit einem Fahrrad hinter einem anderen Jungen her und bat, mitfahren zu dürfen. Kira kniete zu ihm nieder und fragte: Hast du kein eigenes Fahrrad?

Der Junge verneinte. Da trat die Mutter des Jungen hinzu. Sie war gerade über zwanzig, trug auffälliges, aber wenig schmeichelhaftes Makeup.

Wer sind Sie?, fragte sie.

Ich glaube, ich bin die Großmutter dieses Jungen, antwortete Kira.

Ich bin Maren, seine Mutter, stellte sie sich vor.

Kira brachte sie in ein Café. Der kleine Jonas bekam ein Eis, sie selbst einen Kaffee. Maren erzählte, dass sie vor sechs Jahren aus einem Dorf im Harz in die Stadt gezogen war, damals siebzehn war und eine Lehre zur Schneiderin begann. In den Weihnachtsferien lud ihre Klassenkameradin Lena sie zu sich nach Hause ein. Lenas Eltern waren verreist, um Verwandte zu besuchen.

Lena war mit Dirk befreundet. Er kam zu ihrer Silvesterfeier zusammen mit ihrem Freund Felix. Dort kam es zu einer kurzen, aber intensiven Begegnung zwischen Maren und Felix. Er hinterließ seine Handynummer, versprach anzurufen, aber tat es nie. Als Maren herausfand, dass sie schwanger war, rief sie ihn an. Er war wütend, schrie sie an, sagte, dass verantwortungsbewusste Frauen selbst Verhütungsmittel wählen sollten, und gab ihr Geld für einen Schwangerschaftsabbruch. Beim Abschied bat er sie, aus seinem Leben zu verschwinden. Danach sah er sie nie wieder.

Maren brach die Lehre ab, musste das Wohnheim verlassen, weil sie ein Kind bekam. Sie konnte nicht zurück ins Dorf, ihr Vater und ihr Bruder tranken ständig, die Mutter war längst verstorben. Sie mietet nun ein Zimmer bei einer alten Witwe, die den Großteil ihres Einkommens für Miete und den Kindergarten zahlt. Einen Platz im Kindergarten bekommt sie kaum, weil die Warteliste riesig ist. Sie arbeitet in einer kleinen Teigtaschenfabrik, das Geld reicht gerade so.

Am nächsten Tag brachte Kira Maren und Jonas in die Wohnung, die Felix für sie gekauft hatte. So begann für Kira ein völlig neues Leben.

Jonas bekam einen Platz in einem angesehenen privaten Kindergarten. Kira musste neue Kleidung für Maren und den Jungen besorgen, und sie verbrachte viel Zeit damit, mit ihm zu spielen. Er war seinem Vater Felix so ähnlich: Blick, Gestik, sogar der eigensinnige Charakter.

Kira nahm Maren unter ihre Fittiche. Sie zeigte ihr, wie man Make-up dezent aufträgt, sich passend kleidet und auf die eigene Pflege achtet, kochte gemeinsam, hielt die Wohnung ordentlich. Kurz gesagt, sie lehrte sie alles, was sie konnte.

Eines Abends saßen sie zusammen, sahen fern, und Jonas drückte Kira fest an sich: Du bist meine liebste Oma!

In diesem Moment spürte Kira zum ersten Mal seit langem keine Leere mehr in ihrem Inneren. Der Gram drückte nicht mehr schwer wie einst, und sie erkannte, dass sie wieder ein normales Leben führte, in dem Platz für Freude war. All das verdankte sie dem kleinen Menschen, ihrem Enkel.

Zwei Jahre später begleiteten Kira und Maren Jonas in die erste Klasse. Maren arbeitet nun fest bei Kira, ist ihre unverzichtbare Assistentin. Sie hat einen Freund, der eine ernsthafte Beziehung sucht. Kira hat nichts dagegen das Leben geht weiter.

Es scheint, als würde Kira bald selbst wieder heiraten. Ein langjähriger Freund drängt darauf. Warum nicht? Sie ist attraktiv, selbständig, hat eine gute Figur und einen ausgeglichenen Charakter und sie ist gerade erst vierundfünfzig.

Am Ende erkennt Kira, dass das Leben, egal wie tief es einen erschüttern kann, immer wieder neue Wege eröffnet, wenn man bereit ist, andere zu unterstützen und Liebe zu teilen. Die wahre Kraft liegt darin, weiterzugeben, was man selbst erhalten hat.

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