Eine geschiedene Frau findet ein Baby an ihrer Tür. Ein Jahr später gibt es unerwarteten Besuch.

12. November 2025

Heute fühle ich mich, als ob ich ein altes Tagebuch seitlich aufschlagen und darin die Spuren meines eigenen Lebens lesen würde. Vor einem Jahr, als ich nach der Scheidung mit meinem ExEhemann Bernd das Dorf Oberfeld verließ, war unser Haus noch voller fremder Blicke und leiser Gerüchte. Die Dorfbewohner, die selten von einer Trennung hören, tuschelten hinter vorgehaltener Hand: Wie kann man sich doch nur trennen, wenn doch das Geld knapp ist und das Herz noch zu Hause bleibt? In unserer Kleinstadt, wo jeder das letzte Wort über das Privatleben hat, war das ein schwerer Schlag.

Ich habe die Entscheidung selbst getroffen. Bernd, ein stiller Mann, trank nie und schrie nicht, aber die Dorfbewohner sahen in ihm keinen richtigen Mann er kam zu spät zur Arbeit, ging nüchtern nach Hause und schien zu wenig zu leisten. Die neidischen Blicke richteten sich bald auch auf mich, weil man vermutete, ich hätte eine andere Beziehung. Doch wir blieben außen vor, sprachen nur hinter verschlossenen Türen.

Als ich die Scheidung eingereicht hatte, war es für uns beide das Ende einer langen Belastungsphase. Bernd hatte mich einmal gefragt: Willst du wirklich ohne Kinder weitermachen? Ich antwortete nur, dass wir keine Kinder haben und dass er wohl jemand anderen finden würde. Er war fassungslos und sagte, dass das Thema nicht zur Diskussion stehe. Trotzdem setzte ich den Antrag durch, er verpasste das Gericht und wir wurden offiziell geschieden.

Ein halbes Jahr nach seiner Abreise verließ mich die Leere. Ohne ihn war das Haus still, das Schneigeräusch in den Straßen hallte wie ein Echo meiner eigenen Gedanken. Ich dachte oft an das erste Mal, als ich Bernd im Kindergarten meiner Kinder gesehen hatte und die Worte Wir müssen reden ausgesprochen hatte. Er lachte und meinte, es ginge um das Abendessen, doch ich bestand darauf: Ich will die Scheidung. Der Moment war wie ein Donner, der den Himmel zerreißt.

Die Stille wurde plötzlich durch ein Klopfen an meiner Tür unterbrochen. Ein großer Korb stand auf der Veranda, kaum größer als ein Obstkorb, doch er war gefüllt mit etwas, das meine Welt erneut erschütterte. Ein winziges, zitterndes Wesen ein Baby. Ich öffnete den Korb, sah ein kleines, rosa Gesicht und hörte mein eigenes Herz schneller schlagen. Es war ein Mädchen, das ich sofort Kristina nannte, weil ihr Lächeln mich an das Licht im Frühling erinnerte.

Ich war keine Mutter, aber ich begann sofort, für das Kind zu sorgen. Ich wickelte sie, gab ihr warme Milch und sah zu, wie sie friedlich schlief. In den ersten Nächten war ich voller Angst, doch gleichzeitig erfüllte mich ein neues, tiefes Glück. Ich nahm mir keine Zeit, das Jugendamt sofort zu informieren. Stattdessen brachte ich das Mädchen heimlich nach draußen, wenn die Nachbarn nicht hinsahen, und ließ sie in den Schlafsälen meiner Arbeit ruhen, während ich in der Elternzeit war.

Nach drei Wochen kam der Gemeindepolizist, Herr Weber, und klopfte an meine Tür. Er sah mich mit einem Ausdruck, der zwischen Mitgefühl und Pflichtgefühl schwankte. Sabine, wir müssen über das Kind sprechen, sagte er. Ich weinte, doch ich fragte: Wohin soll das Kind gehen? Er erklärte, dass ich das Kind nicht einfach behalten könne, aber wir könnten eine Adoption arrangieren, wenn ich die nötigen Unterlagen vorlegen würde. Die Bürokratie zog sich über Monate, doch ich hielt durch, weil ich die kleine Liselotte wie ich sie jetzt nannte nicht verlieren wollte.

Die Zeit verging, und ich nahm eine Elternzeit von eineinhalb Jahren, die man in Deutschland bei Pflege von Adoptivkindern in Anspruch nehmen kann. Heute feierte Liselotte ihren ersten Geburtstag. Wir schmückten das kleine Zimmer mit bunten Luftballons, und ich schenkte ihr eine riesige Puppe, die ich im Tante-Emma-Laden gefunden hatte. Die Dorfbewohner staunten, als sie hörten, dass ich das Kind adoptiert hatte. Viele spekulierten, wer die leiblichen Eltern gewesen sein könnten, und einige meinten, unser Haus sei ein beliebter Ort für BabyDropIns. Der Polizist bestätigte, dass Liselotte bei mir bleiben müsse, weil ich ihr ein sicheres Zuhause geboten habe.

Doch der Tag, an dem das letzte Stück meiner Vergangenheit zurückkehrte, kam, als Bernd plötzlich vor unserer Tür stand. Er war dünner, die Haare strichen grau, doch sein Blick war warm. Entschuldige ich sehe, ihr habt es gut, sagte er, als er Liselotte sah. Ich lud ihn ein, das Frühstück zu teilen. Er fragte, ob er etwas essen könne, und wir lachten über das, was einst war. Liselotte drückte sich an ihn, als wolle sie bestätigen, dass er jetzt Teil dieser neuen Familie sei.

Wir sprachen lange, während Liselotte schlief. Er erzählte, dass er einst eine Liebe gefunden hatte, die jedoch nicht hielt, weil sie zu stur war. Ich sagte ihm, dass ich oft an ihn gedacht habe, dass jede Minute von ihm in meinem Kopf war. Er schaute mich an und flüsterte: Vielleicht können wir trotzdem ein neues Kapitel beginnen.

Dann stellte er die Frage, die ich nie zu erwarten gewagt hatte: Möchtest du mich heiraten, Sabine? Ich sah ihm in die Augen, spürte das alte Feuer und das neue Licht, das Liselotte in unser Leben gebracht hatte. Ja, flüsterte ich, tausendmal ja. Wir tauschten einen Ring aus Silber aus, den er aus einer alten Schachtel geholt hatte, und umarmten uns, als wäre es das erste Mal.

Ein Jahr später hat unser Sohn Michael das Licht der Welt erblickt. Die Geburt war nicht ohne Hindernisse das Krankenhaus hatte uns zunächst abgelehnt, doch nach bürokratischem Wirrwarr bekam er endlich ein Kinderbett. Jetzt haben wir sowohl eine Prinzessin als auch einen kleinen Prinzen, die zusammen spielen, lachen und unser Haus füllen.

Manchmal fürchte ich, dass jemand an die Tür klopft und verlangt, das Kind zurückzugeben, doch jedes Morgenläuten von Liselottes Lachen lässt meine Zweifel verschwinden. Ich sitze hier, schreibe diese Zeilen und weiß, dass das Leben in Oberfeld, trotz aller Dorfgerechte und Gerüchte, mir das größte Geschenk gebracht hat: eine Familie, die aus Liebe, Vergebung und neu gefundenem Glück besteht.

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