Wenn niemand sonst helfen kann (eine mystische Erzählung)

Hey, ich muss dir einfach erzählen, was mir neulich passiert ist, damit dus verstehst, warum ich jetzt so anders drauf bin.

Max, wie oft soll ich dich noch warnen?, hämmerte meine Mutter, Frau Schmitt, mit den Fingernägeln auf den Küchentisch. Das dumpfe Klopfen hallte durch die winzige Mietwohnung in einem Plattenbau am Rand von Leipzig, wo die kahlen Wände jeden Laut zurückwerfen. Ich hab dir doch gesagt, das Gespräch nicht anzufangen.

Aber Mama fing ich an, doch sie schnappte sofort:

Kein aber!, riss sie auf, fast die Tasse mit dem halbfertigen Kaffee vom Tisch zu stoßen. Ich habe genug Probleme, um mich zu ersticken. Glaubst du, man kann das Leben einfach von null anfangen? Einen Job finden und die Miete zahlen?

Ich zog mich zusammen und starrte auf das halb gegessene Rührei mit den lächerlichen Blumenmustern das Sonderangebot aus dem Discounter. Der Dotter breitete sich wie ein fader Sonnenschein auf der Platte aus, ganz so trüb wie das Licht draußen. Draußen nieselte ein leichter Regen, der das trostlose Viertel noch grauer erscheinen ließ. Die grauen ZehnStockWohnhäuser verschwammen im Nebel, und die wenigen Passanten wirkten wie Gespenster, die eilig an ihrem eigenen Kram vorbeiholten.

Nur die neue Schule, stammelte ich.

Was soll das mit der neuen Schule?, unterbrach sie, während sie sich nervös im kleinen Spiegel am Kühlschrank zurechtmachte. Du kannst doch nicht immer nur schüchtern sein! Wenn du ein bisschen mutiger wärst, würde es viel besser laufen.

Sie schnappte sich die abgewetzte Ledertasche, die so eng war, dass zwei Menschen kaum nebeneinander passten ein weiteres Ärgernis an dem winzigen Zimmer, an das ich mich nie gewöhnt habe.

Ich muss jetzt zur Arbeit, und am Abend wart nicht, ich treffe Jonas.

Die Tür knallte zu und ließ mich allein mit dem kalten Frühstück und dem Gefühl, völlig wertlos zu sein. In der leeren Wohnung war es plötzlich still, nur das Dröhnen der Autos von außen und das ferne Bellen eines Hundes drangen zu mir herüber. Ich stand langsam vom Tisch auf, spülte mechanisch das Geschirr, packte meinen Rucksack. Zur Schule zu gehen, hatte ich überhaupt keine Lust.

Die neue Schule war ein dreistöckiges Backsteingebäude aus den 70erJahren, das genauso aussah wie meine alte dieselben spöttischen Blicke, das Flüstern hinter dem Rücken, Tritte in den engen Gängen, wo nach Kantinenessen und schmutzigen Fußwischern roch. Nur hier war alles noch schlimmer: niemand kannte mich, niemand wollte mich kennenlernen. Ich war einfach nur das Ziel der Langeweile meiner Mitschüler.

Hey, Leiser!, riefen sie, Was, der Sohn von Mama? Erzähl, wie dein Vater dich verlassen hat! Diese Sprüche begleiteten mich den ganzen Tag, prallten von den blassgrün gestrichenen Wänden zurück und saugten sich in den abgenutzten Linoleumboden. Und in der letzten Pause hatte ich richtig Pech.

Am Ende des Flurs, neben der Toilette im Erdgeschoss, wo immer die eine Deckenlampe flackerte, stellten mich drei Oberklässler nieder. Der größte von ihnen, ein rotsüchtiger Kerl namens Tim Tomate, grinste breit.

Na, Neuankömmling, zeig mal ein bisschen Geld.

Ich hab keins, murmelte ich und versuchte, vorbeizuschlüpfen. Der kalte Schweiß lief mir den Rücken hinunter, und ein fieser Chlorgeschmack lag in der Luft.

Wie das?, packte einer der beiden die Jacke an meinem Rücken, während Tim hastig meine Taschen durchwühlte.

Er zog ein zerknittertes 10EuroScheinchen heraus das Geld, das ich nach der Schule für Lebensmittel ausgeben sollte.

Das ist das Letzte, stammelte ich, während mir ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Jetzt gehört’s mir, lachte Tim und drückte mich an die Wand. Ein harter Stoß traf mich am Rücken. Und wenn du dich beschwerst

Ein Schlag traf mich in den Bauch, ich krümmte mich zusammen, schnappte nach Luft, die nach Staub und Feuchtigkeit roch. Der zweite Treffer ließ mich fast erblinden.

Ich schwänzte den Unterricht. Als ich in das trübe Spiegelbild der Schultoilette sah, in dem ständig ein Tropfen vom undichten Hahn heruntertropfte, fasste ich einen Entschluss. Genug. Ich halte das nicht mehr aus.

In weniger als einer Minute schaffte ich es, auf das Dach zu klettern. Die alte Tür aus rostigem Eisen stand offen, kaum ein Quetschen nötig. Der Wind spielte mit meinen Haaren, unten dröhnte die Stadt: Autos hupten, Hunde bellten, Kinder schrien auf dem Spielplatz. Ich stellte mich an den Rand, das kalte, raue Betongeländer knirschte unter meinen Händen.

Stopp!, schrie plötzlich jemand.

Ein dünner Hausmeister in einem grauen, abgetragenen Pulli sprang schneller herbei, packte mich am Ärmel und zog mich zurück. Seine von Altersflecken übersäten Hände waren überraschend stark.

Dann hörte ich das Chaos. Die Schuldirektorin, eine gedrungene Frau im strengen Anzug, zupfte nervös an einer Perlenkette. Der Schulpsychologe, eine junge Frau mit warmen Augen, redete von verpflichtender Therapie und TraumaBearbeitung. Meine Mutter, erschöpft und mit verschmiertem MakeUp, kam von der Arbeit hereingestürmt und schrie:

Bist du verrückt geworden? Willst du mich blamieren? Hast du meine Probleme nicht genug!

Der ganze Aufruhr war wie ein Sturm, den ich nicht mehr wollte. Am nächsten Tag ging ich kaum zur Schule. Das graue Gebäude hängte wie ein Urteil über mir. Jetzt kamen noch neue Spitznamen dazu: Psychopath, Selbstmörder, Idiot. Sie hallten durch die Flure, prallten von den Wänden ab und wurden immer lauter.

Doch dann, mitten im Trubel, kam ein ruhiger, leicht spöttischer Ton:

Darf ich hier sitzen?

Ich blickte auf und sah einen schlanken, großen Jungen mit erstaunlich hellgrauen Augen. Abgegriffene Jeans, ein kaputtes Hoodie und abgenutzte Sneaker nichts Besonderes.

Ist noch Platz frei?, murmelte ich und zeigte auf die leeren Tische.

Ja, aber ich mag das.

Ich zuckte mit den Schultern. Was soll’s?

Ich bin Felix, stellte er sich vor und reichte mir die Hand.

Max.

Für mich wurde Felix zum ersten echten Freund.

Weißt du, was dein Problem ist?, sagte er später, als wir auf dem Schulhof saßen. Das Herbstlicht brach durch die Äste der alten Bäume und malte Muster auf den Boden.

Du lässt andere entscheiden, wer du bist.

Wie bitte?

Sie nennen dich einen Schwächling du glaubst es. Sie sagen, du bist nichts du stimmst zu. Versuch selbst zu bestimmen, was du bist.

Ich stupste mit dem nassen Schnürsenkel meines Trainers die vom Regen feuchte Erde an.

Und wer bin ich dann?

Felix lächelte verschmitzt. Seine hellen Augen funkelten wie silberne Fäden im Sonnenstrahl. Das sagst du dir selbst. Ach, komm, lass uns was anschauen.

Er führte mich zu einem kleinen, leicht heruntergekommenen Kellerraum in einem Mehrfamilienhaus in der Nähe der Schule. Ein verblasstes Schild hing schief: BoxClub.

Ich schaff das nicht, stammelte ich, während ein paar junge Typen dort trainierten.

Probiers einfach, ließ Felix mich nicht ausreden.

Ich versuchte es. Anfangs war es hart, die Muskeln brannten, der Körper gehorchte nicht. Schweiß brannte in den Augen, und der Trainer ein stämmiger Mann mit grauen Schläfen und einer Narbe über der Augenbraue wirkte wie ein Tyrann. Aber hier lachte niemand mehr über mich. Und nach und nach veränderte sich etwas. Nicht nur mein Körper, sondern ich selbst.

Felix kam auch immer wieder zum Training, aber er stand meist nur an der alten Bank an der Wand und beobachtete mich.

Wichtig ist nicht die Schlagkraft, sagte er eines Abends, als wir durch die nassen Gassen nach Hause schlenderten, wo das Licht der Laternen auf Pfützen spiegelte. Sondern das Vertrauen in dich selbst, dass du du selbst sein darfst.

Einmal, als Tim Tomate wieder versuchte, mich im Flur zu provozieren, sah ich ihm fest in die Augen. Ruhig, selbstbewusst. Er wich zurück und murmelte etwas vor sich hin.

Siehst du?, grinste Felix. Du hast dich geändert.

Am selben Abend setzte ich mich endlich mit meiner Mutter zusammen, die müde mit einem leeren Becher Tee am Küchentisch saß.

Mama, wir müssen reden.

Schon wieder?, seufzte sie.

Ja, weil ich dein Sohn bin und ich existiere. Meine Probleme sind keine Launen.

Etwas in meiner Stimme ließ sie innehalten und mich ernsthaft anschauen.

Du hast dich verändert, flüsterte sie, als hätte sie mich zum ersten Mal wirklich gesehen.

Ja, und ich will, dass wir wieder eine Familie sind.

Wir redeten die ganze Nacht. Zum ersten Mal hörten wir einander wirklich. Sie weinte, das MakeUp lief ihr das Gesicht hinunter, erzählte von ihren Ängsten und von dem harten Neuanfang. Ich sprach über meine Einsamkeit, die Mobbings in der Schule und die dunkle Verzweiflung, die mich fast aufs Dach gekehrt hätte. Währenddessen kochten wir Tee, fanden eine Packung Kekse im Schrank und die sonst so kalte Küche wurde plötzlich ein bisschen wärmer.

Am nächsten Tag war Felix nicht mehr in der Schule. Sein Platz blieb leer, und niemand bemerkte es. Ich fragte die Klassenkameraden, die Lehrer alle schauten verwirrt, als hätten sie mich nie gekannt. Aber ich wusste, dass er da war, denn im Sportkeller, wenn ich nach dem Training nach Hause ging, sah ich keinen hohen Jungen mit den hellen Augen, den ich mitgebracht hatte.

Zuhause, beim Auspacken meines Rucksacks in meinem kleinen Zimmer, wo bereits ein paar Poster an den Wänden hingen und ein Foto vom Training auf dem Schreibtisch lag, fand ich ein gefaltetes Blatt. Darauf standen nur zwei Worte: Du schaffst das. Ich starrte darauf, lächelte und dachte: Mein Freund hatte recht ich schaffe das.

Das war’s, mein Freund. Ich wollte das einfach loswerden, damit du weißt, warum ich jetzt anders bin. Wir reden bald, ja? 

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If You’re Not Working, You’ll Be Cooking for Us – Declared My Brother’s Wife Right at the Door