Die Ständigen Besucher: Ungebetene Gäste in unserem Leben

Sebastian, stell dir vor! Paul und Anke kommen am Wochenende! rufe ich, während ich mein Smartphone hochhalte und lächle.

Echt? Wir haben die beiden ewig nicht mehr gesehen etwa fünf Jahre? antworte ich und lächle zurück. Da gibt es bestimmt einiges zu erzählen.

Ja, sie haben schon lange den Drang, dem Alltag zu entfliehen. Paul klagt ständig, dass in ihrer Heimatstadt alles immer schlimmer wird. Wir haben hier endlich ein bisschen Luft, während sie noch im Sumpf feststecken.

Wo wollen sie denn übernachten?

Ehrlich, ich habe gleich vorgeschlagen, dass sie bei uns bleiben. Hast du etwas dagegen? frage ich mit verschränkten Augenbrauen.

Wenn das schon ohne mich entschieden ist, bin ich dabei. Wir machen ihnen ein Berliner Wochenende, zeigen die Stadt, spazieren durch den Tiergarten, zeigen, wie man hier leben kann, wenn man ein wenig anpackt, sagt Lena. In ihrem Blick liegt Stolz auf uns. Wir haben es selbst geschafft, sind hier angekommen, haben uns eingelebt und leben ganz gut. Viele sagen, dass es für Menschen aus dem ländlichen Raum hier kaum Perspektiven gibt.

Die Wohnung glänzt, sobald die Gäste ankommen: Ich habe alles gründlich geputzt, frische Bettwäsche aus dem Schrank geholt und das Wohnzimmer neu bezogen. Ich habe sogar einen flauschigen Plaid gekauft, damit die Gäste nicht frieren, und ein paar neue Kissen, damit sie bequem schlafen können. Wir bereiten uns auf den Besuch unserer Freunde vor, als würde es ein Familientreffen sein.

Am Samstagmorgen klingelt die Gegensprechanlage. Nach einer Minute stehen Paul und Anke im Flur. Paul trägt einen abgetragenen Trainingsanzug, den man in Berlin kaum noch sieht, Anke hat enge Jeans und ein enges Top an, wirkt müde und irritiert, während sie den Flur mustert.

Hallo, kommt rein, ihr Lieben sage ich.

Wow, besser als ich mir vorgestellt habe, sagt Paul, wirft seine alten Turnschuhe aus und zeigt die löchrigen Socken.

Anke geht weiter in die Wohnung, schaut sich schweigend um und fragt:

Mietet ihr das hier?

Nein, das ist unser Eigentum. Wir haben es über einen Kredit finanziert, antworte ich. Also, wollen wir zum Tisch? Tee oder Kaffee?

Kaffee, sagt Anke.

Ich hätte gern etwas Stärkeres. tippt Paul mir freundschaftlich auf die Schulter.

Eine Stunde später entspannt sich die Atmosphäre. Wir tauschen Neuigkeiten aus.

Hier ist das Leben doch völlig anders, bemerkt Lena.

Sogar die Luft fühlt sich anders an. Und die Leute lächeln wohl öfter, nickt Anke.

Warum sollten sie nicht lächeln? Hier gibt es endlich einen Grund zu leben, fügt Paul hinzu. Bei uns gibt es weder Gehalt noch Arbeit. Zum Teufel.

Ich stelle Obst und einen selbstgebackenen Apfelkuchen auf den Tisch, den ich extra für den Besuch vorbereitet habe.

Paul, beginnt er beim Abendessen, habt ihr vielleicht offene Stellen in euren Firmen? Ich bin für alles zu haben. Ich habe keine Kraft mehr, für ein paar Groschen zu schuften.

Ich schaue mal, antworte ich. Wir stellen gerade neue Mitarbeiter ein. Ich gebe mein Bestes, kann aber nichts versprechen.

Würdet ihr mit euren Kindern umziehen? fragt Lena überrascht.

Ähm Anke probiert ein Stück Kuchen und überlegt. Wir würden gern mit der ganzen Familie ziehen. Aber ihr wisst ja, wir haben zwei Kinder, das ältere Kind geht gerade erst in den Kindergarten, wir haben dort einen Platz erkämpft. Und das Geld für den Umzug fehlt.

Wenn nötig, könnte erst Paul allein umziehen. Wir haben eine Dienstwohnung, in der Kollegen zu zweit wohnen. Sie beschweren sich nicht, sage ich.

Lena sieht mich an und bemerkt einen kurzen Zweifel in meinem Blick, doch ich lächle, als würde ich ihn wegwischen.

Wir wollen nicht getrennt leben, murmelt Anke. Es hängt alles von den Perspektiven und dem Gehalt ab.

Am Montag fahren die Gäste wieder ab. Paul schickt mir sein Bewerbungsschreiben, ich leite es weiter und ein paar Wochen später passiert alles.

Paul bekommt schnell einen Job. Ich halte mein Versprechen, spreche mit der Geschäftsführung und empfehle ihn. Er wird auf Probe angenommen nicht in der höchsten Position, aber mit einem anständigen Gehalt und Aufstiegschancen.

Kumpel, ich stehe dir in der Schuld, sagt er eines Abends, kommt mit einer Flasche Wein vorbei. Das ist meine Chance. Bei uns zu Hause gibt es keine Optionen mehr. Jetzt geht’s nach vorn!

Wichtig, dass du nicht zurückfällst, antworte ich und öffne die Flasche.

Lena beobachtet das Geschehen aus der Ferne. Zunächst wirkt alles ganz normal: Paul kommt ab und zu vorbei, trinkt Tee, erzählt, wie die neue Stelle läuft. Er schläft nicht mehr bei uns, lebt in einem Gemeinschaftszimmer mit Kollegen.

Paul, wie geht es Anke? Und den Kindern? frage ich routiniert.

Den Kindern geht es gut. Ich habe Geld für neues Spielzeug geschickt. Die Mutter hilft Aber meine Frau ist nicht gerade begeistert, dass ich weggegangen bin. Ich freue mich aber trotzdem, ein bisschen Abstand von ihrem ständigen Kontrollieren zu haben, gesteht Paul nach ein paar Gläsern.

Ja, Fernbeziehung ist so ein Ding. Ihr werdet euch nur noch mehr vermissen, sagt Lena trocken.

Paul zieht.

Am nächsten Wochenende kommt er nicht allein, sondern mit Anke und den Kindern.

Wir sind für das Wochenende hier, sagt Anke, als wäre alles vorher abgesprochen. Wir haben euch vermisst! Die Kinder haben den Papa lange nicht gesehen! Und wir haben euch auch lange nicht getroffen.

Lena erstarrt vor Überraschung. Wir haben uns fast ein Jahr nicht gesehen und nicht nur ein paar Wochen. Trotzdem können wir sie nicht einfach rauswerfen.

Na gut, kommt rein. Ich habe ein Hähnchen im Ofen, sagt sie. Wo habt ihr übernachtet?

In einem Hotel, seufzt Anke. Teuer, aber wir haben kein Geld für eine eigene Wohnung, also müssen wir das machen. Mein Mann will mich nicht zu oft sehen, sonst vergisst er, wie ich aussehe, und bringt vielleicht jemand anderen nach Hause.

Anke, wen soll ich denn mitbringen?! frage ich halb scherzhaft. Rot oder Weiß? fügt Sebastian hinzu. Seine Gastfreundschaft ist schon fast zur Routine geworden.

Leute, wir bleiben nur kurz, könnt ihr bitte mit den Kindern etwas machen? Wir brauchen ein bisschen Zeit zu zweit in einer Einzimmerwohnung ist Romantik mit Kindern kaum möglich, kichert Anke.

Sebastian zuckt mit den Schultern. Er versteht Paul, aber das Babysitten liegt ihm nicht.

Wir holen nur kurz das Notwendige, sagt Anke und legt die Hände an das Gesicht.

Na gut, einmal kann ich helfen. Geht, ihr Lieben. Und kocht was Drittes, lacht Lena. Man sagt, dafür zahlt man gut, vielleicht reicht das ja auch für eine neue Wohnung.

Paul und Anke lachen und gehen. Die Kinder bleiben bei uns.

Im Grunde passiert nichts Schlimmes. Die jungen Eltern sind müde, fühlen sich aber fast wie Helden, weil sie ihre Freunde nicht im Stich lassen. Die Besuche werden zur Gewohnheit. Anke kommt fast jede Woche und bittet immer wieder, ob sie ein paar Stunden, einen Tag, einen Abend oder die ganze Samstagnacht bei uns bleiben kann, damit sie und Paul Zeit für sich haben.

Mein Mann lebt in einer anderen Stadt, sagt sie. Ich brauche diese Treffen. Bitte passt auf die Kinder auf, ihr habt ja noch keine eigenen!

Lena wird wütend und beim dritten Mal sagt sie, es reicht.

Der Kindergarten ist geschlossen. Wir haben andere Pläne.

Was? Ihr wollt wegziehen? ist enttäuscht Anke, doch sofort hat sie eine Idee. Dann gebt uns einfach die Schlüssel. Wir wohnen bei euch für eine Woche, dann zwei. Hotels sind zu teuer, mein Mann will nicht zahlen, weil meine Besuche ihn zuviel kosten.

Das geht nicht. Wir fahren nur für einen Tag weg, dann kommen wir zurück. Wo sollen wir sonst schlafen? fragt Lena.

Ihr habt doch zwei Zimmer. Wir nehmen nur ein wenig Platz ein. Wir sind doch Freunde, fast Familie.

Nach diesem Gespräch streiten Lena und ich fast.

Hast du überhaupt gehört, was sie gesagt hat? Wir sollen uns rücken, damit es ihnen passt!

Vielleicht hat sie Stress. Kinder, Umzug, vielleicht Prämenstruelles

Kein Stress, sondern Frechheit! Wir müssen sie nicht aufnehmen! Ich rufe Paul an und sage ihm, seine Frau soll damit aufhören.

Das klingt nicht gut.

Sind sie denn brav?

Ich zucke mit den Schultern. Später rufe ich Paul an, und Anke gibt nicht nach. Sie schreibt mir:

Hey, kannst du mir einen Gefallen tun? Ich muss sein Handy überprüfen Er schreibt mit niemandem?

Als ich ihr den Wunsch verweigere, schreibt sie weiter:

Dann geh doch einfach zu ihm. Schau, ob er weibliche Sachen im Zimmer hat.

Romi bitte sprich mit ihm! Ich habe Angst, er entfernt sich. Ich glaube, er hat jemand anderen!

Zuerst antworte ich kurz, dann ignoriere ich sie. Doch sie bleibt dran, ruft, schickt Sprachnachrichten, weint, schickt endlose Textnachrichten voller Emojis.

Lena erfährt nichts davon. Ich verberge die Nachrichten, lösche sie, ziehe mich manchmal ins andere Zimmer, um zu reden.

Eines Abends, als er wieder mit dem Handy beschäftigt ist, schaue ich über seine Schulter und sehe eine lange Nachricht von Anke:

Geh morgen zu ihm. Er ignoriert mich. Ich bin sicher, er hat jemand anderen. Prüfe sein Handy, wenn du kannst.

Lena explodiert.

Versteckst du etwas? Ist sie jetzt deine Freundin? Oder hast du dich entschlossen, Paul auszuspionieren?

Ich spioniere nicht! murmele ich. Sie nervt einfach. Sie schreibt, ruft, jammert. Ich dachte, sie ist die Frau meines Freundes, ihr zu helfen

Helfen? Sie nutzt dich wie einen Laufburschen! Und du schweigst und lässt es zu. Das liegt daran, dass du nie Nein sagen kannst. Du hast ihr gezeigt, dass das okay ist. Jetzt bekommst du das zurück! Du versteckst dich vor mir wie eine schlaue Katze! Schäm dich! Das ist ihr Problem, du bist schuld!

Ja, tut mir leid. Ich hätte es dir sagen sollen und das ganze Drama beenden müssen. ich lösche alle Nachrichten und blockiere ihre Nummer.

Nach diesem Gespräch erreicht Anke mich noch einmal, und ich sage ihr klar, dass ich nicht mehr an ihren Checks teilnehme. Sie ist verärgert, wirft mir vor, Lena würde mich beeinflussen. Sie droht, es Paul zu erzählen.

Erst dann spricht Paul mit mir über die Nachrichten. Er ist empört, als er erkennt, wie weit das Ganze gegangen ist, und eines Abends sagt er zu mir:

Sie hat dich total ausnutzt, oder? Entschuldige, dass sie so nervt. Ich bin selbst genug davon. Ich dachte, die Entfernung würde es einfacher machen, aber das tut es nicht. Gut, ich kümmere mich drum.

Zwei Monate vergehen. Anke und Paul tauchen nicht mehr im Leben von Lena und mir auf. Wir gehen wieder in den Urlaub, besuchen unsere Eltern und treffen zufällig Anke in unserer Heimatstadt. Sie geht vorbei, ohne zu grüßen. Später stellt sich heraus, dass sie und Paul getrennt sind. Gerüchten zufolge hat Anke jemanden gefunden, während ihr Mann in Berlin war Die eifersüchtige Frau hat selbst betrogen. So etwas kommt eben vor.

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