Du bist mein Papa

Hey, ich muss dir unbedingt die Geschichte von Klaus erzählen das ist ja fast wie aus dem Leben gezogen.

Klaus ist jetzt zweiundfünfzig, ein richtiger Hüne, quasi in der Blüte seiner Kräfte. Er hat jahrelang als Vertriebsleiter bei einer mittelständischen Firma in München gearbeitet, ein gutes Gehalt von etwa 70000Euro im Jahr verdient und ein bisschen Ansehen in der Branche. Freunde hat er seit Kindertagen, so einen seit der Grundschule, aber eine feste Beziehung hat er nie gefunden.

In seiner Jugend war er ziemlich aktiv auf dem Liebesparkett immer wieder neue Frauen, weil er sich selber als attraktiv und gefragt sah. Gegen vierzig wurde ihm klar, dass das Jungsein langsam ausläuft. Dann traf er eine fantastische Frau, und sie zogen zwei Jahre lang zusammen, wollten sogar heiraten. Doch plötzlich verschwand sie und heiratete einen anderen. Klaus dachte, das sei das Karma für all die vielen gebrochenen Herzen, die er früher hinterlassen hatte.

Seitdem bliebs eher bei flüchtigen Begegnungen und kurzen Affären. Mit fünfzig hat er sich damit abgefunden, dass er wohl nie heiraten und keine eigenen Kinder haben wird. Wenn er im Alter noch eine alleinstehende Dame trifft, die abends etwas Gesellschaft sucht, dann ist das schön sonst bleibt er allein.

Seine Familie ist fast verschwunden: Eltern sind längst verstorben, Geschwister gibt es nicht. Nur eine Cousine zweiten Grades und deren Sohn, sein Neffe, stehen noch im Hintergrund, aber der Kontakt ist selten. Fast alle seine alten Kumpels sind inzwischen verheiratet, haben eigene Familien und Enkel. Sie treffen sich seltener in rein männlichen Runden, weil sie lieber mit ihren Frauen und Enkeln Zeit verbringen. Klaus wird immer wieder eingeladen, aber er fühlt sich manchmal ziemlich einsam. Das ist halt das Alter, das macht einen nachdenklicher.

Er will nicht zu diesem grantigen Opa werden, der nur noch mit dem Fernseher spricht, mit dem Hund im Park spazieren geht und über die Jugend schimpft. Trotzdem hat er das Gefühl, dass das irgendwann sein Schicksal sein könnte. Er gibt das aber nicht auf, lernt weiter immer wieder neue Frauen kennen, hofft, die Richtige zu treffen, und bleibt im Kontakt zu seinen Freunden schaut bei den Familien vorbei, trifft sich ab und zu mit der Cousine und dem Neffen. Nichts ändert sich wirklich.

Eines Wochenendes klingelt das Telefon, während er gerade mit den Freunden einen Ausflug in die Natur planen will. Er greift sofort zum Hörer, ohne aufs Display zu schauen.

Ja, murmelt er, während er versucht, gleichzeitig die Tasche zu packen. Er legt das Telefon zwischen Schulter und Ohr.

Guten Tag, Klaus? Eine Stimme fragt.

Er denkt erstmal, das sei wieder Werbung, und will nur schnell weiter. Doch das Telefon klingelt erneut, und diesmal sieht er eine unbekannte Nummer.

Ich habe ja keine Lust auf Ihre Kredite oder was auch immer! brüllt er.

Klaus, das ist nicht wegen Werbung, flüstert eine weibliche Stimme.

Klaus sitzt verwirrt auf dem Sofa und fragt sich, ob das ein neuer Betrug ist.

Ja? Und worum gehts?

Ich heiße Liselotte, bin 22Jahre alt und ich glaube, ich bin Ihre Tochter.

Jetzt dachte er erst an einen Scherz. Aber er schaut auf die Uhr, hat noch ein paar Minuten, also spielt er mit.

Im Ernst? Wie kommen Sie darauf?

Liselotte wirkt plötzlich unsicher.

Meine Mutter hieß Marlene König. Sie hat mir erzählt, dass Sie mein Vater sind. Sie hat ein altes Foto von Ihnen gefunden, das Sie damals für die Firma gemacht haben. Vor einem Monat ist meine Mutter verstorben an Krebs. Dann habe ich Sie über soziale Medien gefunden und Ihre Nummer geknüpft.

Klaus ist sprachlos. Es ist zu viel, um es sofort zu verarbeiten.

Warum hat sie mir das nie gesagt? fragt er leise.

Sie meinte, Sie hätten damals keine Zeit für eine Familie, wollten Sie nicht einbinden, sagt Liselotte. Jetzt bin ich allein. Ich will Ihnen nicht auf die Pelle rücken, aber ich würde Sie gern kennenlernen.

Klaus sagt sofort: Komm, wir treffen uns. Er sagt das geplante Naturwochenende ab, weil das jetzt völlig unwichtig ist. Er ist völlig verwirrt, aber er will diese Frau unbedingt sehen.

Sie verabreden sich in einem kleinen Café in Augsburg. Liselotte kommt nervös, trägt ein Foto von ihr mit ihrer Mutter und ihre Geburtsurkunde. Sie erklärt, sie will nicht, dass er denkt, sie sei Betrügerin.

Klaus lacht und sagt: Ich bin kein Millionär, der von Betrügern umzingelt wird. Er erinnert sich an Marlene und fühlt plötzlich ein warmes Bild aus seiner Jugend.

Sie reden stundenlang über ihre Kindheit, über Marlene, über das schwierige Verhältnis zu ihrem Stiefvater. Liselotte hat keine Geschwister mehr, ihre Mutter hat nie wieder geheiratet, also ist sie völlig allein. Sie suchte verzweifelt nach ihrem Vater.

Klaus sagt: Es tut mir leid, dass ich nie von Ihnen wusste. Ich hätte gern ein Stück Ihres Lebens mitverfolgt. Er erzählt, dass er nie geheiratet hat und keine Kinder hat bis jetzt eben doch.

In der Nacht kann Klaus kaum schlafen. Er fühlt sich schuldig, weil er all die Jahre nichts von seiner Tochter wusste, und gleichzeitig ein bisschen erleichtert, dass sie jetzt da ist. Er beschließt, das Versäumte nachzuholen.

Beim nächsten Treffen schaut er nach, wie Liselotte lebt. Sie hat noch eine kleine Wohnung, die sie von ihrer Mutter geerbt hat, aber weil die Mieten in München so hoch sind, vermietet sie das Objekt und wohnt in einer günstigeren Stadt. Klaus bietet ihr an, bei ihm einzuziehen, damit sie Geld sparen kann. Er will ihr helfen, ein Haus zu kaufen, das er selbst irgendwann verkaufen will.

Er beschenkt sie regelmäßig, organisiert kleine Feiern, stellt sie seinen Freunden vor. Nach einem halben Jahr nennt Liselotte ihn endlich Papa. Klaus geht dann auf den Balkon, tut so, als würde er telefonieren, und weint leise.

Zwei Jahre später heiratet Liselotte. Als ihr Kind geboren wird, ist Klaus völlig aus dem Häuschen. Er holt endlich nach, was er früher verpasst hat, und verbringt viel Zeit mit Enkel, Schwiegersohn und seiner Tochter.

Jetzt hat Klaus nicht mehr das Gefühl, allein zu sein. Er hat eine Partnerin, mit der er alt werden will, und dazu noch eine kleine, aber feste Familie Tochter, Schwiegersohn und Enkel. Und erst jetzt merkt er, wie knapp er dem Glück, das Familie heißt, entgangen wäre.

Muss dir das nicht einfach nur erzählen, aber ich wollte, dass du das hörst. Ich finde die Geschichte echt bewegend. Lass mich wissen, was du davon hältst!

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