Das bist nicht meine Mutter!rief Liselotte, die fünfjährige Sturzkopf, während sie mit einem Plüschhasen und einem Stück scharfkantigem Plastik nach dem Zimmer der Eltern warf. Jede Frau, die sich in das Haushaltschaos, das knarrende Sofa und den klapprigen Flur mit Markus Schneider einreihen wollte, bekam sofort dieselbe Antwort. Vielleicht solltest du das Kind zum Psychologen bringen, brüllte die letzte Bewerberin, als Liselotte die von einer Nachbarin mitgebrachteinen TaubenFigur gegen die Wand schlug.
Entschuldige, ich dachte nicht, dass sie das, stammelte Markus, während er zitternd den zerbrochenen Taubenkopf aufs Klo schob. Ich habe dich gewarnt, sie kann den Verlust ihrer Mutter nicht verkraften.
Ich habe auch gerade meinen Hund verloren, aber ich schreie nicht wie ein Verrückter und werfe nichts hin!schrie Liselotte wütend.
Den Hund? Du vergleichst den Verlust einer Mutter mit einem Hund?fragte die neue Angestellte, während sie die Tür wie ein Schlüsselschleuder drehte und laut zuschlug. Das Geräusch ließ im vierten Stock die Lichtschalter synchron klingen ein wahres MiniLichtspiel.
Markus kniete sich vor seiner Tochter und flüsterte: Liselotte, ich schaffe das nicht allein.
Keine Angst, ich helfe dir. Diese Tante ist nicht nötig, sie ist schlecht, alle sind schlecht, säuselte Liselotte und umarmte ihm den Hals.
***
Im Laufe der Tage zog sich Markus immer mehr zurück. Der kühle Oktoberwind schien das ganze Jahr über durch die kleinen Berliner Plattenbauten zu pfeifen, bis eines Tages Eva, eine junge Frau aus dem UBahnStehzimmer, sein Herz erwärmte und ihm gleichzeitig die Hose ruinierte, als sie ihm aus Versehen die halbe Tasse Kaffee über die Hose schüttete. Sie trat ihm dreimal auf den Fuß und ließ sogar ihren Regenschirm in sein Auge schießen.
Nur für den Fall, dass du dir die Nase brichst oder dir die Nase rot wird, erklärte Eva, während sie die zweite Packung Feuchttücher aus ihrer Tasche zog und Markus’ Hose abtrocknete.
Kommt das häufig vor? fragte Markus.
Ab und zu, antwortete Eva ohne zu zögern.
Nach dem ersten KaffeeUnfall lud Markus Eva zu einem zweiten, dann zu einem dritten Treffen ein. Eva erwies sich als wandelnder Magnet für Missgeschicke: ein Busstür, das ihr Fuß eingeklemmt wurde, eine Nachbarskatze, die ihr halbes Gesicht zerkratzte, und Strafzettel, weil sie an einer roten Ampel die Straße überquerte sie sammelte sie wie Olympiamedaillen.
Eva schien das alles kaum zu bemerken; für sie war das Leben einfach ein bunter Zirkus, und Ärger zu zeigen konnte sie nicht. Markus war völlig verknallt, als wäre er ein Siebtklässler, der sein erstes Liebesbriefchen schreibt.
Wenn wir nach Hause kommen, ignorier ihre Angriffe. Sie ist eigentlich gut. Ich weiß nur nicht, wie ich mit ihr umgehen soll, sagte Markus.
Beruhige dich, atme tief durch, streichelt Eva ihm beruhigend den Arm, als sie das Treppenhaus erreichen. Wir müssen nicht zu dir nach Hause. Lass uns doch hier auf der Straße treffen.
Auf der Straße?staunte Markus.
Ja, zu Hause ist sie nervös. Und meine Schuhe riechen nach Katzen, gestand Eva schüchtern. Die Nachbarin bat mich, auf ihren MaineCoon aufzupassen, aber der mag mich nicht so gern.
Keine Sorge, ich bring sie vorbei, sagte Markus und drückte den Türöffner an die Sprechanlage.
Eva surfte gedankenverloren im Internet, als plötzlich eine Stimme aus dem Hintergrund rief:
Ist das dein Portemonnaie?
Eva drehte sich um und sah ein Mädchen von sieben Jahren, das ihr Portemonnaie mit allen Karten und einem Rezept für Tabletten hochhielt.
Danke, ich hätte es fast verloren, lächelte Eva.
Du musst vorsichtiger sein, tippte das Mädchen mit der Nase.
Und warum bist du allein?
Ich bin nicht allein. Mein Opa Heinrich und mein Freund Oskar sind dabei, erklärte das Mädchen und zeigte auf einen alten Mann, der unter der Motorhaube eines schwarzen Importautos herumwerkelte, und auf einen Jungen gleichen Alters, der ihm Werkzeuge reichte.
Plötzlich fiel vom Laternenpfahl eine kleine Papiertüte auf Evas Schulter.
Oh, da hat wohl eine fliegende Ratte hingepinkelt, lachte das Mädchen.
Ach was, das ist nur ein alltägliches Ärgernis, grinste Eva und zog ein Feuchttuch hervor. Und das sind keine Ratten, sondern Tauben.
Mein Opa sagt, das seien Ratten, meinte das Mädchen.
Ratten? Können die denn Briefe zu Engeln fliegen?
Doch, Tauben waren früher die Postboten. Heute fliegen sie nur noch zum Himmel, um dort Briefe abzugeben.
Eva erklärte das so überzeugend, dass sogar ein paar Tauben von oben kurz lauschten.
Der Aufzug piepte, und Markus trat aus dem Treppenhaus.
Da bist du ja! Ich dachte, du wärst entführt worden.rief er und hob das Mädchen auf die Arme.
Opa hat angerufen, aber du hast nicht geantwortet. Hast du die Notiz gesehen?
Ja, ja. Das ist Eva, stellte er das Mädchen seiner neuen Freundin vor. Und das ist Liselotte.
Liselotte änderte plötzlich ihr Gesicht und starrte Eva mit einem finsteren Blick an.
Die nächsten halbe Stunde verstrichen in peinlicher Stille; das Gespräch hakte, die Luft war gespannt.
Entschuldige, sagte Markus beim Abschied und führte Liselotte nach Hause.
Alles gut, hauchte Eva kaum hörbar.
***
Eine Woche später sah Eva Liselotte am Sitz einer Bank sitzen, versteckt hinter der Rückenlehne.
Hey, was machst du hier?
Tauben fangen, murmelte Liselotte, ohne den Blick von einer grauen Taube abzuwenden, die an einem schimmeligen Brotstück pickte.
Wie willst du die fangen?fragte Eva, ohne den strengen Blick zu fürchten.
Mit den Händen.
Das wird nicht viel bringen. Du brauchst ein Netz.
Woher soll ich das nehmen?schaute Liselotte verdutzt.
Ich bringe es.
Ihr?
Ja, warum nicht? Warte hier, fütter die Tauben, ich gehe zum KinderZoo und zurück.
Liselotte nickte stumm, während Eva zur Bushaltestelle sprintete. Vierzig Minuten später kam sie mit einem riesigen Netz und einer Tüte Sonnenblumenkerne zurück.
Besser mehr Köder, dann steigen die Chancen, sagte Eva und streute die Hälfte der Kerne vor dem Haus aus. Liselotte stimmte schweigend zu.
Nach fünf Minuten senkte sich ein graues, gurrendes Schwarm über das Asphaltfeld.
Du bist dran, reichte Eva das Netz.
Liselotte sprang vom Bankrahmen, warf das Netz über die Tauben, die sofort in alle Richtungen zerstreuten.
Gefangen, gefangen!jubelte sie.
Super, jetzt den Brief!zerrte Eva einen Tauben aus dem Netz.
Ich habe den Brief noch nicht geschrieben
Wie denn? Was soll man mit ihm machen?sah Eva verwirrt, während Liselotte und die Taube im Kreis standen.
Plötzlich schrie die Hausmeisterin laut:
Jetzt liegt überall Kot! Der Asphalt ist ein einziges Chaos!
Lass uns besser nach Hause gehen, drückte Eva das Mädchen zur Tür, und Liselotte folgte gehorsam.
Ist dein Vater zu Hause?fragte Eva, als sie das Treppenhaus hinaufstiegen.
Ja.
Sollen wir ihm sagen, dass wir gekommen sind?
Nicht nötig, lächelte Eva, als sie die Zweifel in Liselottes Augen sah. Wir sind hier aus anderen Gründen. Schreib den Brief, ich warte auf dich an der Treppe.
Liselotte lächelte und verschwand kurz in die Wohnung. Fünf Minuten später kam sie mit einem kleinen Bündel und einem Stück Schnur zurück.
Pssstflüsterte Eva und zeigte auf die Taube, die am Fenster sitzend zusah. Liselotte nickte, ihre Augen funkelten vor Aufregung.
Eva hielt der Taube ein paar Sonnenblumenkerne hin; sie pickten vorsichtig. Als das Tier schließlich unachtsam wurde, sprang Eva nach ihr, doch die Taube war schneller. Sie flog mitten durch den Flur, schlug mit den Flügeln um Evas Gesicht und kratzte mit den Krallen. Eva rannte die Treppe hinunter, während Nachbarn aus den Fenstern sahen und lachten.
Zehn Minuten lang wischte Eva sich den Schweiß von der Stirn und putzte den halben Flur mit Feuchttüchern. Die Taube schlug schließlich zurück zum Fenster und war fortan misstrauischer gegenüber Menschen. Liselotte verschwand hinter der Wohnungstür, kehrte mit einem Eimer Wasser und einem Wischmopp zurück.
So geht das schneller, sagte sie und klatschte den Mopp auf den Boden. Der Raum roch nach nassem Stein.
Liselotte, wo gehst du hin?rief Markus, der verwirrt das Treppenhaus betrat und sah, wie seine Tochter und Eva den Flur schrubbten.
Kein Grund, Fragen zu stellen, zwinkerte Eva.
Ja, Papa, das interessiert dich nicht, schnatterte Liselotte.
Na gut, verstanden, murmelte Markus und schloss die Tür.
Eva dachte nach: Warum fangen wir die Tauben überhaupt? Es gibt doch Taubenhauser, wo professionelle Brieftauben wohnen.
Wirklich? Warum hast du es vorher nicht gesagt?fragte Markus.
Ich hab einfach vergessen, dass wir Briefe nicht mehr zum Himmel schicken.
Können wir da hinfahren?bittete Liselotte.
Morgen, nach der Arbeit.
Juhu!schrie Liselotte.
Am Abend rief Eva Markus an und erzählte alles.
Glaubst du, das ist eine gute Idee? Wenn sie älter wird, könnte sie Ärger über den Betrug bekommen.
Wenn mir von klein auf die Wahrheit gesagt worden wäre, wäre ich wohl verrückt geworden.
Du hast recht. Wir schaffen das ohne dich.
Danke.
***
Am nächsten Tag holte Eva Liselotte ab, und sie fuhren mit dem Taxi zur Taubenschule.
Wow, die sind ja richtig weiß und schön, staunte Liselotte. Kann ich irgendeine auswählen? Liefert sie den Brief wirklich zum richtigen Empfänger? Verirrt sie sich nicht? Haben die einen Navi?
Wichtig ist nur die richtige Postleitzahl, erinnerte Eva.
Ich habe unsere Hausnummer angegeben, das reicht, oder? Und ich habe noch draufgeschrieben, dass es meine Tochter ist, damit die Engel nichts verwechseln, erklärte Liselotte ernsthaft.
Eva reichte dem Taubenzüchter das Geld, während er den Brief an den Bein der Taube band und sie in die Lüfte ließ.
Danke, Eva, umarmte Liselotte das Mädchen.
Zwei Tage später klingelte Markus.
Liselotte sagt, ein Antwortbrief vom Himmel ist angekommen. Willst du ihn lesen?
Natürlich, ich komme gleich.
Eva war so erregt, dass sie früher von der Arbeit ging und aus Versehen ihr wichtiges Projekt löschte, weil sie den Computer ausmachte, ohne zu speichern.
Sie trat in die Wohnung, klopfte an die Tür und Markus öffnete.
Liselotte spielt mit dem Nachbarsjungen im Hof und hat dir einen Brief auf den Tisch gelegt.
Eva nahm das zerknitterte Blatt, das in Kinderhandschrift voller Rechtschreibfehler stand:
Danke, Kind, für den Brief. Ich vermisse dich sehr und liebe dich. Jeden Tag denke ich an dich und Papa. Ich habe Eva gesehen, sie ist nett. Sie ist nicht deine Mutter, aber ihr könnt Freundinnen sein.
Eva schluckte, das Wort Mama glitt ihr über die Lippen, und Tränen liefen ihr übers Gesicht, während die Tinte zu verlaufen begann.
Sie hat wohl alles verstanden, sagte Markus, streichelte sie von hinten.
Eva nickte, immer noch weinend.
Ich dachte immer, sie braucht eine Mutter, aber sie braucht einfach eine Freundin.
Mehr wollte ich nicht, hauchte Eva und sah aus dem Fenster die Taube, die still auf dem Sims saß und scheinbar dem Gespräch lauschte bereit, die Neuigkeiten bald den Engeln zu überbringen.







