28.November2025
Heute war ein Tag, an dem mir die Stille in den eigenen vier Wänden fast die Haut von den Händen riss. Ich habe wieder einmal darüber nachgedacht, wie eine Woche ohne Zweisamkeit Heike zu einer sanften, fast seidigen Gestalt gemacht hätte doch der Anblick dessen, was sich in dieser Zeit zugetragen hat, ließ mich erstarren, kaum dass ich die Schwelle überschritten hatte.
Heike ist in letzter Zeit gar nicht mehr die Frau, die ich einst geheiratet habe. Zwischen ihr und mir hat sich ein Riss aufgetan, den wir nicht mehr schließen können. Alles begann mit Kleinigkeiten wie so oft im Leben.
Nach Feierabend bemerkte ich, dass Heike immer öfter spitze Bemerkungen fallen ließ. Meine Witze klangen plötzlich wie beißende Pfeile, jedes Wort schnitt tiefer als ein Faustschlag. Tag für Tag verschlechterte sich mein Verhalten, selbst im Urlaub gönnte ich ihr keine Pause.
Sieht aus wie eine alte Oma!, rief ich einmal, während ich aufs Handy starrte. Bei den anderen Männern sind die Frauen ja noch wie Damen, bei mir aber nur eine runzlige Pflaume!
Da lag wohl etwas Wahres dran: Heike wirkte älter, als sie war. Die Arbeit in der Bäckerei, wo sie von früh bis spät schuftet, hinterließ Spuren im Gesicht. Besonders schmerzhaft war es, diese Worte von meiner eigenen Frau zu hören. Sie verdiente doppelt so viel wie ich, also hatte sie keinen Grund, zu klagen.
Ich jedoch ging mit meinem Geld um, wie es mir gefiel, ohne Rücksprache: Wohin das Geld fließt, das ist mir egal! Wir haben keine Kinder, die wir zurücklegen müssen.
Heike hielt das aus. Wir lebten zusammen, aber waren nie offiziell verheiratet wir hatten keinen festen Termin für das Jawort, doch meine Mutter Gerda nannte Heike bereits Schwiegertochter, und Heike trat daraufhin in die Rolle der Schwiegertochter ein.
Gerda war eine nörgelnde, nie zufriedene Frau, die sich ständig in unser Leben einmischte und dabei vor allem Heike anprangerte.
Wir wohnten in einem Einfamilienhaus am Stadtrand von Köln. Auch wenn wir in der Stadt lebten, verlangte das Haus ständige Pflege. Oft bat Heike mich um Hilfe:
Ich schaffe das gar nicht meine Arbeit geht von morgens bis abends!
Und was soll ich denn machen?, erwiderte ich. Das ist dein Haus, du bist hier die Herrin, und ich?
Der Winter ließ das Haus im Schnee liegen, bis Heike selbst zur Schaufel griff. Im Sommer wuchsen die Gräser bis fast an die Fenster. Wir mussten Arbeiter einstellen, damit alles in Ordnung kam, und nach der Arbeit erledigte Heike dann das, was noch übrig war. Währenddessen lag ich meist auf der Couch und schaute nur gelegentlich, ob etwas voranging.
Heike vergab vieles, doch der finale Tropfen fiel, als ich nach einem anstrengenden Tag nach Hause kam. Meine Beine schmerzten, die Einkaufstasche drückte auf meine Hand, und ich hoffte, Heike würde mich am Tor begrüßen ich rief sogar, doch keine Antwort. Schwer atmend und den Schweiß von der Stirn wischend, hörte ich Musik aus dem Garten.
Ich stellte die Tüte am Zaun ab und eilte ins Haus, wo eine laute Party tobte. Die Stimmung war aufgeheizt, Gläser klirrten, das Essen, das Heike bereits vorbereitet hatte, stand auf dem Tisch. Und ich? Ich tanzte mit einer fremden Frau, die ein wenig zu viel Bier intus und sehr auffällige Kleidung trug.
Ohne ein Wort zu sagen, ging ich durch den Raum und stellte die Musik aus.
Heike drehte sich langsam zu mir um, das Gesicht von Überraschung und Wut gezeichnet. Was soll das?, fragte sie stockend.
Das wollte ich dich ja gerade fragen! Was ist das hier? Wer ist diese Frau?, entgegnete ich, während die andere Frau weiter zu ihrem Rhythmus bewegte, als wäre nichts geschehen.
Na und?, schnaufte ich. Eine alte Klassenkameradin, die ich zufällig getroffen habe, das ist doch alles. Oder darf ich mich hier nicht entspannen?
Du hast doch gesagt, das ist unser Haus und du hast hier nichts zu suchen. Also räum dich sofort raus, verabschiede deine Begleitung, und dann reden wir!, befahl ich.
Ich geh nicht!, versuchte ich aufzustehen, doch das Bier ließ mich taumeln.
Ich spürte bereits ein wachsendes Ekelgefühl. Heike war für mich längst kein Mann mehr, sondern nur noch eine Last. Mit ihm zu leben, nur aus Angst vor dem Alleinsein das wollte ich nicht mehr.
Entschlossen packte ich die fremde Frau am Ärmel und zog sie zur Tür: Sie haben jetzt genug!
Zurück im Wohnzimmer fragte ich Heike: Willst du mich denn hinauswerfen oder gehe ich selbst?
Er schulterte die Schultern, griff nach dem Salat und einer Flasche Wein und schlurfte zur Haustür.
Wenn du ohne mich weiterlebst, ruf mich doch an, du Dramaqueen!, warf er mir über die Schulter.
Ach du meine Güte!, schrie Gerda, die gerade ins Zimmer kam und sich den Kopf hielt. Mir bricht das Gehirn!
Mama, nicht schreien! Heike hat mich rausgeschmissen, weil ich nicht bei ihr war, log ich, weil ich wusste, dass sie meine Seite einnehmen würde.
Und warum?, fragte sie verwirrt.
Weil sie immer alles an mir reißen will! Immer das falsche! Es reicht! Was, wenn ich auch müde von der Arbeit bin? Und warum soll ich im Haus deiner Tochter helfen?, stöhnte ich.
Genau!, bestätigte Gerda. Sie soll erst das Haus und das Erbe regeln, dann darf sie verlangen! Sie ist doch nicht mehr das kleine Mädchen, das die Nase rümpft!
Genau das habe ich ihr gesagt! Und jetzt ist sie beleidigt!, erwiderte ich.
Lass sie beleidigt sein! Du darfst nicht nachgeben! Wenn sie heiraten will, muss sie leiden! Sie ist keine Kleine mehr, die man im Himmel rühren lässt!, rief meine Mutter.
Was soll ich jetzt tun?, fragte ich mit gesenktem Kopf.
Ertrage es, mein Sohn!, mahnte sie. Sie wird bald von selbst zurückkommen, wenn sie erkennt, dass sie ohne dich nichts hat. Eine Woche allein wird ihr die Augen öffnen. Und wenn sie zurückkommt, verlang nach einer offiziellen Anmeldung! Sonst bleibt sie ohne dich!
So nahm Gerda mir Ratschläge, wie ich Heike führen soll, und ich nickte zustimmend.
Du hast recht, Mama! Ich werde ihre Launen nicht mehr ertragen! Wer darf hier kommandieren? Ich bin kein Sklave, ich bin ein erwachsener Mann! Ich bin mein eigener Herr!, erklärte ich entschlossen.
Nach Mamas Anweisungen entschloss ich mich, eine Woche lang nicht mehr nach Hause zu kommen, sie nicht anzurufen und abzuwarten.
Auch Gerda hatte es nicht leicht. Sie drängte mich ständig, etwas zu tun, und als ich Widerstand leistete, erinnerte sie mich an die alten Erziehungsmethoden: ein harter Klaps auf den Rücken, wenn du nicht gehorchst.
Du bist hier nicht bei deiner Frau, sondern bei deiner Mutter! Wenn du nicht arbeitest, gibts kein Mittagessen!, sagte sie ohne Umschweife.
Endlich, nach sieben Tagen des Wartens, stand ich am Tor, bereit zurückzukehren: Ich gehe, Mama! Ich will sehen, wie sie ohne mich klammert und bettelt!
Geh, geh! Gebe nicht auf! Sprich klar, dann kehrst du zu deinen Bedingungen zurück!, rief sie mich an.
Ich trat hinaus, den Kopf hoch, den Rücken gerade, den Schritt fest bereit zu zeigen, wer hier das Sagen hat.
Ich näherte mich dem Tor, betrat den Hof und blieb plötzlich stehen.
Etwas war nicht in Ordnung.
Der Hof sah gepflegt aus, das Gras geschnitten wie ein Lineal, die Fenster glänzten, die Beete waren ordentlich, die Wege sauber kein einziges Gespenst von Unkraut zu sehen.
Und nicht nur das: Alles wirkte lebendig, farbenfroh, liebevoll.
Selbst das Tor war neu, solide, keine quietschende alte Klinke mehr.
Ich griff nach dem Schlüssel, merkte aber, dass er nicht mehr passte. Nach einem Moment des Zögerns klopfte ich entschlossen an die Tür.
Das Geräusch schlug nach innen, dann öffnete sich die Tür.
Doch die Frau, die vor mir stand, war nicht mehr die müde Heike mit dunklen Ringen unter den Augen. Sie war frisch, strahlend, mit einem Lächeln, das das ganze Zimmer erhellte.
Ich dachte, du sitz hier allein und leidest, sagte sie, hättest du wenigstens anrufen können!
Warum?, erwiderte ich, leicht verwirrt.
Wie denn warum? Ein Mann verschwindet eine Woche, und du erwartest wenigstens ein Lebenszeichen?, lachte sie.
Ich habe keinen Mann, sagte sie ruhig.
Wo kommt er denn her?, lachte sie weiter. Einmal kam so ein Besucher, aber das war ein Reinfall. Darauf zu vergessen!
Ich wurde rot vor Wut: Redest du über mich?! Jetzt bekommst du was zu spüren! Du hättest lieber aufgepasst, als dich zu verziehen!
Ich wollte einen Schritt nach vorn machen, doch Heike blieb unbewegt.
Plötzlich trat ein großer Mann aus dem Haus, legte ihr eine Hand auf die Schulter und sagte bestimmt: Hey, du alter Kerl, geh hier raus und zwar friedlich!
Und wer bist du? Ein Liebhaber?, schlug ich zurück. Wenn du ihn vertreibst, verzeihe ich dir und komme zurück! Ich verspreche sogar, nicht mehr zu schlagen!
Dann geschah etwas Seltsames. Entweder die Schwerkraft verriet uns, oder die Zeit riss ein ich stand gerade noch und plötzlich rannte ich, als würde ein Teufel hinter mir herjagen, während jemand von hinten mir Flügel verlieh.
Heike stand auf der Veranda und lachte bis zu Tränen, während ihr älterer Bruder Heinrich den ehemaligen Mitbewohner vom Hof jagte, ihn mit ein paar kräftigen Tritten nach hinten schob.
Als ich endlich hinter dem Tor stand, schlug Heinrich die Tür zu und wandte sich zu Heike:
Lieschen, nimm den Kerl nicht wieder auf! Ich verstehe einfach nicht, wie du ihn ertragen konntest!
Heike seufzte tief: Ich war ein Narr, ja. Ich dachte, er würde sich ändern.
Man ändert Menschen nicht, man wirft sie aus! Wenn du Hilfe im Haushalt brauchst, ruf mich, ich komme, sonst versteh er, dass er hier nicht mehr reinpasst.
Und wenn er es nicht versteht?, fragte Heike.
Dann erkläre ich es noch einmal, grinste Heinrich und ging mit ihr ins Haus.
Drinnen sahen die Gäste, die das ganze Schauspiel durch das Fenster verfolgt hatten, zu uns hinüber.
Auf die Jubilarin!, riefen sie.
Auf die Jubilantin!, ertönte die Antwort, und die Gläser klirrten.
Heike lächelte. Es ist ein gutes Gefühl, einen großen, fürsorglichen Bruder zu haben, der immer zur Stelle ist.
Heute habe ich gelernt, dass Macht und Stolz nichts nutzen, wenn das Herz leer bleibt. Man darf nicht versuchen, Menschen zu besitzen, sondern sollte ihnen mit Respekt begegnen sonst bleibt man am Ende allein im leeren Haus. Das ist meine Lektion.







