Das ist deine Mutter also liegt die Verantwortung bei dir!, sagt er, doch sie hat die Nase voll. Sabine knöpft den Mantel ihres Sohnes zu, beißt die Zähne zusammen, um ihre Wut zu zügeln. Heute muss sie sich wieder der Herausforderung stellen, die sie am meisten fürchtet: ein Besuch bei ihrer Schwiegermutter. Von Anfang an ist das Verhältnis ein ständiger Kampf.
Monika Lehmann hat Sabine nie als Ehefrau ihres Sohnes akzeptiert. Was immer sie tut, Monika findet einen Makel, immer eine neue Vorwurf.
Wieder, Sabine?, seufzt Markus, während er ihr verschlossenes Gesicht beobachtet. Du willst ja nicht hingehen, oder?
Sabine lacht bitter.
Stellst du mir das wirklich? Ernsthaft, Markus? Du weißt doch genau, warum ich nicht hingehe!
Ihr Blick lodert vor Zorn.
Sie wird mich wieder kritisieren, mich herabsetzen! Sie wird sagen, ich erziehe unseren Sohn nicht richtig! Und es kümmert sie nicht, dass ich arbeite, das Haus leite, koche, putze und alle Rechnungen in Euro bezahle! Ich halte diese Familie mit bloßen Händen zusammen!
Aber du bist den ganzen Tag zu Hause, meint Markus und zuckt mit den Schultern.
Sabines Blick verdunkelt sich.
Ach ja? Glaubst du, ich sitze einfach nur herum? Oder dass das Geld vom Himmel fällt?
Ich arbeite auch, knurrt er. Es ist nicht meine Schuld, dass ich nicht mehr verdiene.
Die Wahrheit: Sabines Honorar als selbstständige Designerin ist dreimal so hoch wie Markus’ Gehalt. Sie trägt das finanzielle Fundament.
Kannst du nicht allein hingehen?, fragt sie, in der Hoffnung auf einen Ausweg.
Sabine, es ist Muttertag! Du kannst meine Mutter nicht einfach ignorieren!
Sie schluckt einen Seufzer und zieht weiter den Mantel an. Zwei Stunden später stehen sie vor Monikas Wohnung.
Im Wohnzimmer sitzt bereits die Nichte von Markus, Heike, auf dem Sofa. Sabine hat längst bemerkt, dass Monika Heike bevorzugt. Sie behandelt Heike wie eine Königin, während ihr eigener Enkel kaum beachtet wird. Kein Wunder Heike hat vor fünf Jahren ihre Eltern verloren, und Monika hat sie wie ihre eigene Tochter aufgezogen.
Rundherum lachen die Schwestern von Monika laut, hieven die Gläser mit Weißwein.
Plötzlich lässt Monika eine Bombe fallen.
Ich habe beschlossen, erklärt sie feierlich. Ich vererbe meine Wohnung an Heike. Du, Markus, hast bereits ein Zuhause.
Markus reagiert nicht, nur ein Nicken.
Einige Tage später ist alles geregelt: Die Wohnung gehört Heike, allerdings erst nach Monikas Tod.
Doch das Schicksal nimmt eine andere Wendung. Ein schwerer Schlaganfall legt Monika gelähmt ins Bett, unfähig, sich selbst zu versorgen.
Wir müssen zu Mama ziehen, erklärt Markus bestimmt. Sie kann nicht allein bleiben.
Ein kalter Schauer läuft Sabine den Rücken hinab. Sie weiß, was das bedeutet: Sie muss wieder alles stemmen kochen, waschen, pflegen, arbeiten und den Kleinen betreuen.
Sie schweigt.
Wochen vergehen, und Sabine hat die Nase voll.
Am Abend explodiert sie.
Markus, die Wohnung deiner Mutter gehört Heike. Soll sie nicht für ihre Mutter sorgen?
Heike studiert und hat einen Freund. Willst du, dass er hier einzieht?
Sabine lacht, ein trockener, eisiger Klang.
Markus, ich halte das nicht mehr aus!
Er verschränkt die Arme.
Ach ja? Bist du schon erschöpft?
Ihre Hände zittern vor Zorn.
Ich ersticke! Alles liegt an mir! DU, deine Mutter, unser Kind, meine Arbeit ich kann nicht mehr!
Aber du arbeitest doch von zu Hause, murmelt er, selbstgefällig.
Sabines Blick wird schärfer als zerbrochenes Glas.
Und dann? Glaubst du, ich arbeite nicht wirklich?
Ihr Herz schlägt wild.
Weißt du was? Jetzt bist du dran, dich um deine Mutter zu kümmern!
Sie ist meine Mutter, aber sie ist auch deine Schwiegermutter! Das ist dein Job! Du willst sie waschen, oder?
Stille wie ein Grab.
Dann spricht Sabine mit ruhiger, eisiger Stimme:
Ich schulde dir nichts.
Markus lacht höhnisch.
Dann hol dir eine Pflegekraft!
Oh? Bezahlt du dafür?
Warum sollte ich das?
Dann gibt es keine Pflegekraft.
Er verschränkt die Arme wieder.
Nimm das Geld aus der Rente deiner Mutter. Oder dein Gehalt.
Markus’ Gesicht verhärtet sich.
Und warum habe ich überhaupt eine Frau?
Das ist der Auslöser. Etwas in Sabine bricht endgültig.
Alles wird grell und klar. Markus hat sie jahrelang ausgenutzt.
Und Heike? Sie hat nie einmal ihre Großmutter besucht.
In dieser Nacht schläft Sabine nicht. Am Morgen weiß sie, was zu tun ist. Sobald Markus das Haus verlässt, packt sie ihre Sachen, nimmt Lukas und geht.
Sie schickt nur eine Nachricht und blockiert seine Nummer:
Ich trage diese Last nicht mehr allein.
Noch am selben Abend stürmt Markus wütend herein.
Entweder du kommst zurück, oder ich will die Scheidung!
Sabine lächelt sanft.
Mach das. Ich hatte es sowieso vor.
Zum ersten Mal wirkt Markus ratlos. Sie wartet nicht auf Entschuldigungen. Ihr Entschluss steht fest.
Ein Monat später ist die Scheidung rechtskräftig. Markus entschuldigt sich nie.
Und Sabine?
Sie bereut nie, gegangen zu sein.
Sechs Monate später erhält sie die Nachricht: Monika ist gestorben.
Und Heike?
Sie wirft Markus ohne ein einziges schlechtes Gewissen zur Tür.
Er begreift erst jetzt: Er hat alles verloren.







