Geht nicht hinaus, Kinder…

Liebes Tagebuch,

heute sah ich meine Tochter Heike, wie sie nach einem Spaziergang heimkehrte, völlig verwirrt.
Wo bist du denn hin gerannt? fragte ich, während ich ihr beim Ausziehen der Jeans half. In ihrem Haar lag ein feiner Spinnennetzfaden, und aus einer Hosentasche fiel eine Eichel. Heike bückte sich, hob sie auf und steckte sie unter das Kopfkissen.

Geh schnell duschen, gleich kommt dein Vater nach Hause und wir essen zusammen, rief ich.
Sie sprang ins Bad, doch ihr Appetit war wie weggeflogen.
Ich sitze nur am Handy, das tut mir nicht gut und dann noch draußen rumlaufen, das ist auch nichts, murmelte sie düster.

Plötzlich kam meine Stimme aus der Küche:
Wenn du dich kultiviert auf der Straße bewegst, bleibt das Spinnennetz fern von deiner Kleidung!

Heike füllte die Badewanne, ließ Schaum darüber laufen. Ich musste zugeben, dass sie recht hatte: Ohne Grund nur herumzulaufen, ist langweilig. Besonders, weil sie kurz zuvor das Flüstern zweier älterer Damen am Supermarkt gehört hatte.

Frau Schneider, in jenem Haus soll wieder etwas Unheimliches sein, hauchte die eine, während die andere unhörbar antwortete. Das Wort jenem klang dabei besonders geheimnisvoll.

Die Kassiererin, die das letzte Stück Brot scannte, meinte zu den anderen Kundinnen: Wir sollten das der Polizei melden!
Welche Polizei? Was können die gegen Geister ausrichten? protestierte ein Mann hinter Heike.

Heike packte ihre Einkäufe ein, verließ den Laden und blickte von der Veranda zurück. Die Damen gestikulierten wild, als würden sie etwas Schreckliches besprechen. Heike zuckte mit den Schultern, als wäre das nur ein alter Aberglaube des 21.Jahrhunderts.

Am Abend trat sie auf den Balkon unseres neuen Wohnblocks. Unser Haus ist erst vor ein paar Jahren gebaut worden, doch die fünfstöckigen Altbauten daneben stehen seit etwa dreißig Jahren. Dort gibt es einen kleinen Laden, in dem die alten Damen ihre Gerüchte austauschen. Die Umgebung ist noch nicht vollständig fertiggestellt, aber unser Fenster blickt auf eine Reihe hoher Bäume, deren Rascheln kaum vom Lärm der Baustelle nebenan zu hören ist.

Ursprünglich sollte das Grundstück ein Park werden, doch dann änderten die Stadtplaner die Pläne. Einige Bäume wurden gefällt, andere blieben stehen zum Beispiel die hoch aufragenden Pappeln, die das neue Wohngebiet von den noch erhaltenen, historischen Gebäuden trennen. Diese Altbauten sind wegen ihres kulturellen Wertes von einem hohen Zaun umgeben und bleiben vorerst unberührt.

Heike spähte über die Baumkronen und entdeckte die Dächer eines alten Hauses. Vielleicht war das einst ein Gutshof vor der Revolution, dachte sie.

Im Supermarkt hatte sie noch gehört: Da hat sich wieder etwas Unheimliches breitgemacht! Jetzt stellte sie sich das Szenario mit einem Gespenst aus den alten Märchen vor vielleicht die Hexe aus dem Schwarzwald.

Plötzlich rief ich: Heike, komm zum Abendessen! Sie aß, sah danach einen Film und diskutierte später noch mit mir und meinem Vater über die Schule. Wir wollten sie in die nächste Grundschule umziehen, weil die aktuelle zu weit entfernt ist. Heike wollte aber bleiben, weil ihre Freundinnen und die vertrauten Gesichter dort warten. Ich versuchte, ihr zu erklären, dass in der neuen Schule ebenfalls Freundschaften entstehen und sie später länger schlafen könnte. Schließlich ließ ich sie doch ins Bett gehen, versprach aber, darüber nachzudenken.

Kurz vor dem Schlafen trat Heike erneut auf den Balkon, blickte in die dunklen Baumkronen und glaubte, dort ein Flackern zu sehen drei kurze Lichtblitze, genau an der Stelle, wo sie tagsüber die alten Dächer ausgemalt hatte. Es sah aus, als würde jemand ein Signal senden. Sie versuchte genauer hinzusehen, doch das Licht verschwand im Dunkel.

Heike, ab ins Bett!, rief ich.
Sie murmelte: Ja, Mama. und legte sich.

Am nächsten Morgen wachte Heike auf, während wir bereits zur Arbeit unterwegs waren. Sie seufzte: Ein weiterer langer Tag. Ich könnte meine Freundinnen besuchen, aber heute sind sie alle im Urlaub am Meer, bei Großeltern Ich muss also allein zu Hause bleiben.

Nach dem Frühstück trat sie wieder auf den Balkon. Was soll ich jetzt tun? Die alten Wohnblöcke interessieren mich nicht mehr, dachte sie. Plötzlich erinnerte sie sich an das Gerücht im Supermarkt: Unheimliches vielleicht sollte sie das alte Haus doch besuchen?

Sie zog ihre Jeans an, schnappte sich alte Turnschuhe und ließ das Treppenhaus hinunterstürmen, obwohl der Aufzug defekt war. Draußen begann sie, durch den nahegelegenen Wald zu laufen.

Wohin willst du denn, Mädchen? hörte sie eine Stimme hinter sich. Sie drehte sich um und sah eine alte Frau, die wie aus einem Märchenbuch wirkte die Hexe aus den Erzählungen.

Ich will spazieren gehen, knurrte Heike trotzig.
Vorsichtig, dass du dich nicht verirrst, erwiderte die Hexe, die plötzlich jünger zu wirken schien.

Heike schüttelte den Kopf und ging weiter. Der Wald schloss sich um sie, die Bäume standen dicht beieinander, sodass kein Pfad mehr erkennbar war. Sie erinnerte sich an das Gerücht: Unheimliches.

Sie lachte leise über die Vorstellung, dass ein Gespenst hier wohnen könnte, und schlug weiter in die Richtung, die sich immer mehr zu einem schmalen Pfad verengte. Nach kurzer Zeit versperrte ein riesiger umgestürzter Baum ein gewaltiger, fast baobab-ähnlicher Stamm ihren Weg.

Links und rechts wuchsen dichte Büsche, die so eng standen, dass Heike kaum hindurchkam. Sie überlegte umzukehren, hörte jedoch in ihrem Kopf ein Flüstern: Zurück, zurück, zurück.

Nicht wahr!, rief sie entschlossen. Ich glaube nicht an Geister, weder bei Tag noch bei Nacht.

Sie kroch unter dem dicken Stamm hindurch, doch ihr Rücken stieß gegen Äste, die wie Dornen an ihr zerrten. Schließlich befreite sie sich und schüttelte das Laub von sich.

Plötzlich hörte sie eine kratzige Stimme: Hartnäckiges Mädchen Was soll ich jetzt mit dir machen?

Als sie nach oben blickte, stand die Hexe wieder, daneben ein riesiger schwarzer Kater, dessen Größe fast drei Meter betrug.

Guten Abend, stammelte Heike, während sie die Augen rieb. Der Kater knurrte verärgert: Hartnäckig, ja?

Der Kater schnaubte, ließ aber schließlich zu, dass Heike ihn streichelte. Er schnurrte, als würde er ihr Vertrauen gewinnen.

Willst du etwas essen?, fragte er plötzlich. Heike schüttelte den Kopf.

Der Kater drehte sich zu der Hexe, die mit den Schultern zuckte. Sie ging zum Baum, kratzte die Rinde, bis ein Loch entstand, aus dem eine alte Eichel fiel. Heike steckte sie in die Tasche.

Wo gehen wir hin?, fragte sie.
Zum Haus, flüsterte der Kater und führte sie zu einem hohen Holzzaun, der aus fünf Meter langen Baumstämmen bestand, deren Spitzen spitz zuliefen.

Eine Festung!, dachte Heike.

Sie folgte dem Kater, der durch das Loch im Zaun schlüpfte. Sobald sie hindurch war, schlossen sich die Stämme wieder, als wären sie nie geöffnet worden. Heike berührte einen der Stämme er war glatt und alt. Unter dem Zaun lag erneut eine Eichel, die sie wieder einsteckte.

Der Kater schien verwirrt, als Heike fragte, ob er sie hinausführen könne. Ich kann nicht, miaute er, aber wir können zusammen weitergehen.

Der Weg führte sie in einen dunklen Hof, der wie ein abendlicher Himmel wirkte. Dort wartete ein imposanter Holztürrahmen, aus einer einzigen dicken Bretttafel geschnitzt, mit kunstvollen Mustern verziert.

Heike drückte die Tür auf; ein grelles Licht strömte heraus. Sie trat ein und fand sich in einem riesigen Saal wieder, den sie sofort Zimmer nannte. Keine Lampen, sondern zahlreiche Kerzen erhellten den Raum, während ein langer Tisch von kunstvoll geschnitzten Bänken umgeben war.

Ein kleiner älterer Mann mit langem Bart trat zu ihr: Gefällt dir das, Mädchen?
Ja, sehr!, rief Heike.

Der Kater schnurrte zustimmend. Der alte Mann nickte: Wahrheit und Mut.

Er lud Heike ein, sich zu setzen. Der Tisch füllte sich plötzlich mit Tellern, darauf köstliche Kuchen und Gebäck. Heike nahm ein Stück Apfelkuchen, während der Kater ein ganzes Gebäckstück in einem Haps verzehrte.

Noch mehr?, fragte der Kater. Heike schüttelte den Kopf.

Der alte Mann lächelte und sagte: Du hast einen Wunsch. Was wünschst du dir?

Heike dachte kurz nach. Ihr sehnlichster Wunsch war ein Kätzchen, das sie gemeinsam mit mir zu Hause halten konnte, sobald wir in unser neues Apartment eingezogen sind.

Ein Kätzchen, sagte sie.

Der alte Mann lachte: Kein Gold, kein Schmuck nur ein Kätzchen.

Der Kater nickte und öffnete die Tür zum Ausgang. Heike trat hinaus, fand den Weg zurück zu den Bäumen, die nun im Mondlicht glänzten. Sie griff in ihre Tasche und fühlte die Eichel, die sie den ganzen Tag über gesammelt hatte.

Zuhause angekommen, hörte sie das Klingeln an der Tür. Mein Vater kam mit einem rot-schimmernden Kätzchen, das er Balu nannte.

Heike strahlte: Er ist mein!. Wir verbrachten den Abend damit, Balu zu füttern und zu kraulen.

Am Ende des Tages flüsterte ich zu mir selbst:Manchmal führen unerwartete Wege und seltsame Begegnungen zu den einfachsten Wünschen.

**Persönliche Lehre:**
Wer mutig genug ist, den eigenen Weg zu gehen und nicht an alte Gerüchte zu glauben, findet oft das, was das Herz wirklich begehrt.

Оцените статью