Ich konnte nicht verstehen, warum meine Frau die Besuch ihrer Mutter so fürchtete… bis sie ankam und unser Leben übernahm.

Ich stand in einem wirbelnden Traum, in dem die Berge des Bodensees in den Himmel stiegen wie flüssiges Silber und das Haus meiner Frau Heike plötzlich zu einem fremden Museum wurde.

Als Inge, meine Schwiegermutter, uns anrief, um zu sagen, sie wolle ein paar Tage bei uns verbringen, spürte Heike sofort, wie sich ihr Nacken verkrampfte.

Warum bist du so angespannt?, lachte ich, während die Tassen in der Luft zu schweben schienen. Sie kommt nur für ein paar Tage, trinkt unseren Kaffee, schaut den Kindern beim Spielen zu das kann doch nicht so schlimm sein.

Heike sah mich müde an, fast resigniert, und flüsterte: Du kennst sie nicht so, wie ich.

Ich dachte, sie übertreibe nur.

Dann schlug das Tor zu einer anderen Welt auf.

Inge tauchte mit zwei riesigen Koffern auf, als wolle sie das ganze Land mitbringen. Ohne ein Abschiedsküsschen zu geben, ging sie durch die Tür, ihr Blick war scharf wie ein Prüfer, der jedes Detail unseres Heims beäugt.

Zuerst schien alles normal; sie drückte uns fest, verteilte Geschenke an die Kinder, ließ einen Sack voll selbstgemachter Marmelade, Plätzchen und vorbereiteter Mahlzeiten fallen. Ich dachte, Heike macht sich nur unnötige Sorgen.

Doch am nächsten Morgen verwandelte sich unser Zuhause.

Das ist euer Kaffee? Wie ein Zementklumpen!, rief sie, während ich meine Tasse hielt, als wäre sie ein zerbrechlicher Kristall. Ich lächelte, weil ich dachte, es sei ein Scherz.

Sie jedoch war noch lange nicht fertig.

Diese Vorhänge sind ein Grauen! Sie ersticken das Licht, das muss weg.
Der Sessel steht hier völlig verkehrt das ist doch kein bayerisches Wohnzimmer!
Ihr spült das Geschirr nie richtig! Erst heißes Wasser, dann schrubben, dann wieder spülen!

In wenigen Stunden hatte sie das Haus erobert, unsere Gewohnheiten zerschmettert und neue Gesetze erdacht. Heike schwieg, doch ihr Blick verriet, dass sie kurz davor war, ein Wort zu brechen.

Die Szene erinnerte mich an ein ähnliches Geschehen vor einigen Monaten, als die jüngere Schwester meiner Frau, Saskia, bei Inge in Köln zu Besuch war.

Inge war nach Köln gereist, um zwei Wochen zu bleiben, kehrte jedoch nach nur vier Tagen zurück. Wir fragten uns, warum. Saskia war immer sanft und nachgiebig, doch dann passierte das Gleiche: Inge kritisierte die Erziehung der Kinder, stellte die Küche um, diktiert’ ihr das Leben. Nach ein paar Tagen packte Saskia heimlich ihre Koffer, kaufte ein Zugticket und brachte Inge ohne ein Wort zum Bahnhof.

Jetzt wiederholte sich das Muster diesmal waren wir gefangen.

Nach vier Tagen war die Anspannung unerträglich. Ich kam von der Arbeit heim und fand Heike am Küchentisch, den Blick leer.

Ich halte das nicht mehr aus, hauchte sie.

Inge hatte bereits an diesem Morgen die Grenzen überschritten.

Du servierst deinem Mann kein richtiges Frühstück, nur Müsli? Das ist für Kinder!
Du rufst mich nie an! Eine Tochter muss ihre Mutter pflegen!
Ich überlege, bei euch einzuziehen. In München bin ich allein, ihr seid doch meine Familie.

Es war das Letzte. Wir erkannten, dass sie nicht gehen würde, solange wir nichts sagten.

Am nächsten Morgen sammelten wir allen Mut und sagten ihr, es sei Zeit zu gehen. Sie erstarrte.

Ach, ich störe euch. Ihr schließt die Tür, so wie Saskia es getan hat, richtig?

Wir erklärten, dass wir einfach unser eigenes Reich brauchen, dass wir erschöpft seien. Sie wollte nichts hören. Still schloss sie die Koffer, verließ das Haus, ohne ein Abschiedswort.

Nach ihrem Weggang herrschte eine Stille, die fast unwirklich wirkte. Heike und ich saßen in der Küche, tranken Tee, die Welt schien in Watte gepackt zu sein.

Denkst du, sie wird uns eines Tages verzeihen?, fragte Heike leise.

Ich seufzte: Keine Ahnung.

Doch zum ersten Mal seit einer Woche fühlte ich Erleichterung.

Eine Woche später klingelte das Telefon. Saskia rief an, die Stimme laut und empört.

Ich kann nicht glauben, dass ihr das unserer Mutter angetan habt!, schrie sie.

Heike und ich tauschten einen Blick, ein bitteres Lachen entglitt uns.

Als Inge bei Saskia war, hatte sie nach vier Tagen das Haus verlassen und nun warfen wir ihr denselben Vorwurf entgegen.

Wir saßen lange schweigend nach dem Anruf, verloren in Gedanken.

Wird jede Elternteil im Alter so? Mehr einmischend, mehr fordernd, mehr erdrückend? Und die schrecklichste Frage:

Wirst auch ich eines Tages so werden wie sie?

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После смерти бабушки внучка нашла жуткую тайну, и всё в комнате замерло