Rettung in der Schatzkiste

— Wie lange willst du das noch ertragen? hörte ich die Stimme meiner verstorbenen Oma, die mich im Aufzug des 16stöckigen Plattenbaus in Berlin wiederholte.

In meiner Familie ging alles von Anfang an schief. Mein Mann Klaus hat mich fast schon aus der Schulbank rausgeholt. Ausbildung? Fehlanzeige. Stattdessen hat er mich zum Ausgehen und Durchdrehen gebracht. Das Einzige, was ich überhaupt geschafft habe, war der Führerschein und das nur, weil ihr Vater damals nicht aus der Werkstatt kam, weil er dort mit Klaus, dem Fahrlehrer, festhing.

Liselotte verließ die Wohnung nur, wenn es unvermeidlich war. Und das war nur, um den Kühlschrank zu füllen. Ein Spaziergang? Nein, das hieß, die Wäsche auf dem Balkon aufzuhängen.

Klaus kontrollierte mich überall. Keine Freiheit, nicht mal den Müll rausbringen, ohne das Handy im Ärmel zu haben er könnte jederzeit anrufen und nachhaken.

Die Wochenenden, die am Freitagabend begannen, machte ich vor Angst. Klaus kam, verlangte Abendessen und eine beschlagene Flasche seines Lieblingsschnapses. Nach dem Essen, ganz gemütlich und mit seiner gewohnt kalten Art, schnitt er mir ein, als wäre ich ein Dummkopf, ein nutzloses Etwas: Na, wie gehts dir, du Niete? Wann krieg ich endlich einen Erben?

Dann ließ er mich im Schlafzimmer weinen, ging zurück in die Küche, leerte die Flasche und schrie nach mir: Wo ist das Bier? Ich wusste, dass er das später fragen würde. Tagsüber kaufte ich ihm keins das verschaffte mir 2030 Minuten für einen kurzen Luftzug.

Warum schweigst du? knurrte die Großmutter in meinem Kopf, während der Aufzug zwischen den Etagen stehen blieb. Gefällt dir, wie Klaus dich behandelt?

Nein, flüsterte ich, er trocknet mir die Seele aus.

Und das ist erst der Anfang, warnte Oma. Willst du, dass er dir die Pfoten ausreißt?

Ach du meine Güte!, erstickte ich. Nein, natürlich nicht!

Dann lauf, Liebes, lauf!

Wohin? Zu Mama? Sie lebt mit ihrem neuen Mann in einer Einzimmerwohnung. Zu Papa? Er hat eine neue Frau. Ich bin nur ein abgeschnittener Ast, Oma. Ich habe niemanden. Tränen stiegen, meine Nase verstopfte.

Genau das ist gut, sagte die Stimme. Allein zu sein bedeutet volle Freiheit, ein neuer Anfang. Stell dir vor, du hättest ein Kind?

Aber wohin soll ich gehen? Meine Augen wurden groß wie Untertassen.

Eine Gelegenheit kommt, halt sie fest. Schau öfter aus dem Fenster, dann siehst du etwas.

Was denn?

Ich habe dir schon alles gesagt. Denk selbst nach, wenn du nicht dumm bist. Und jetzt bewegt sich der Aufzug. Keine Angst. Lauf, hol das Bier für den Mann. Und noch etwas: Durchsuche die Schatulle, die ich dir nach meinem Tod hinterlassen habe. Sie ist nicht leer, sie hat einen doppelten Boden. Nimm nur den Inhalt, lass die Schatulle zurück, sonst merkt Klaus nichts von deinem Ausreißen.

Was ist drin?

Antworten auf deine Fragen.

Der Aufzug fuhr los, doch ich zitterte trotzdem. Im Erdgeschoss trat ich hinaus, die warme Abendluft schmolz den Schnee. Bald würden Bäche rausfluten, die Natur würde neu erwachen warum also nicht ich?

***

Klaus mampfte und plumpste dann auf den Küchentisch. Er schnarchte wie ein Bär. Während sein Schnarchen die Wohnung erfüllte, konnte ich ungestört die Schatulle untersuchen.

Der Boden war tiefer, fühlte sich an wie ein Versteck. Ich schüttelte die hölzerne Kiste über dem Bett. Heraus fielen Wollfäden, Nadeln, Häkchen, Knöpfe, allerlei Krimskrams nichts, was er jemals benutzen würde. Als ich die alte Schatulle bekam, verdrehte Klaus die Augen und murmelte: Die liegt nur im Weg, ich schmeiß sie raus. Deine Oma war ein Original!

Ich drehte die Kiste, suchte nach einer verborgenen Klappe, aber das Holz war massig. Etwas klirrte, also war da doch etwas. Ich drückte an die Erhebungen, doch nichts öffnete sich. Oma wartete, dass ich selbst die Lösung finde schließlich bin ich keine kleine Tochter mehr.

Ich setzte mich aufs Bett, schloss die Schatulle und streichelte die Deckelränder. Plötzlich klickte etwas, und ein kleiner Mechanismus schoss nach vorn und traf mich in den Bauch.

Ich sah hinein: ein Briefumschlag, ein Schlüsselbund und ein paar Beutelchen mit witzigen Aufschriften Aktiviere dein Gehirn, Friere die Angst ein, Entfache Wachsamkeit, Sei kein Trottel, Töte die Schwäche im Charakter, Füttere das Fleisch. Meine Großmutter war wirklich eine Erfinderin. Vielleicht war es kein Wunder, dass die Nachbarn sie die Hexe vom Treppenhaus nannten. Sie buk Kuchen und strickte Socken, aber niemand wusste, was sie tat, wenn alle anderen weg waren.

Im Umschlag fanden sich Dokumente zum Haus das gleiche, von dem Oma damals sprach, als ich noch klein war. Ein solides Fachwerkhaus, gebaut vom Opa ohne einen einzigen Nagel, fast im Nirgendwo. Und ein weiterer Schein für einen alten Lada, den Opa in seiner Werkstatt stehen ließ, ein echter Sammlerschatz.

Ein weiteres Schreiben, in schwungvollen, fast kalligrafischen Zeilen, erklang wie Oma selbst:

Lieselotte, die Stunde ist gekommen, die Schatulle zu öffnen. Alles, was ich besitze, außer der Wohnung, habe ich dir vermacht. Wenn du das hier liest, ist es Zeit. Nimm die Unterlagen, den Inhalt der Schatulle und den Wagen. Fahr los. Frieden und Glück findest du im Haus deines Opas. Das Geld für den Anfang liegt im Handschuhfach. Danach musst du dir dein Leben selbst verdienen. Vielleicht lernst du ja noch etwas. Deine Oma.

Sie wusste, dass Klaus mich verfolgte, deshalb hatte sie sich gegen die Hochzeit gestellt. Doch selbst als ich nicht gehorchte, blieb sie freundlich und half mir nach ihrem Tod mit Rat.

Ich packte die Unterlagen, steckte sie in einen Ordner, zusammen mit dem Schatulleninhalt. Keine Zeit mehr zum Zögern, einfach nur packen und fliehen. Das war die Anweisung? Hm.

Punkt eins: Nimm das Päckchen Entfache Wachsamkeit, streue das Pulver ins Milchglas und trink es. Wirf das Papier nicht weg, schau ab und zu hin. Keine weiteren Punkte. Oma wollte, dass ich das Pulver mit der Milch schlucke.

Am nächsten Morgen, noch bevor die Stadt richtig wach war, sprang ich aus dem Bett, das Herz klopfte laut. Unter die Matratze fand ich den Ordner. Alles war da. Ein zweiter Hinweis: Trink nüchtern ein Glas Milch mit dem Pulver Sei kein Trottel.

Ich schlich in die Küche, wo Klaus noch schnarchte. Leise trank ich den Milchmix, öffnete das Fenster, atmete tief ein und ging zurück ins Schlafzimmer. Wieder ein Blick in den Ordner, ein neuer Zettel:

Verschwende die Mappe nicht, sonst stolperst du über den Feind. In einer Stunde trink einen Tee mit Töte die Schwäche im Charakter.

Nach einer weiteren Stunde, einen Kaffee mit Füttere das Fleisch.

Ich erledigte alles, spürte, wie mein Körper sich veränderte. Im Spiegel sah ich plötzlich eine sportliche Figur, nicht die typische Ballerina, sondern eher eine Läuferin definierte Arme, straffe Beine, ein fester Bauch. Meine Haare standen leicht zerzaust, aber ich fühlte mich stark.

Plötzlich hörte ich ein Knarren auf dem Laminat. Klaus drehte sich um, die Augen funkelten.

Was hast du da im Schlafzimmer gemacht?

Nichts, murmelte ich, doch er schnaubte: Siehst du aus, als hätte jemand an dir gearbeitet. Hast du einen Liebhaber?

Er trat näher, die Faust geballt, die Stimme laut. Ich ließ mich nicht einschüchtern, ein Funken Mut sprang auf. Ich blockte jeden seiner Schläge, wich geschickt aus, und dann landete ein gezielter Treffer in seiner Nase. Blut spritzte, er fiel k.o. auf den Boden.

Ich sah ihn an, kein Mitleid, nur Entschlossenheit. Ich griff nach dem Ordner, Punkt fünf:

Gut gemacht. Sieh aus dem Balkon, zieh dich an, lass das Fenster offen. Stell deine Tasche dort. Trinke einen Saft mit Friere die Angst ein. Wenn du das alte Auto holst, geh ins Café, bestell einen Milchshake mit Aktiviere dein Gehirn. Die anderen Beutel kannst du erst einmal beiseitelegen. Fahr so schnell du kannst.

Ich rannte zur Küche, mischte das Pulver, trank. Dann zum Balkon.

Auf der Straße lag eine junge Frau, Kopf nach unten, Haare, Größe, Gestalt wie meine total zerzaust, barfuß, kein Mantel, es war Ende März, es war eisig. Doch das Mittel meiner Großmutter hielt mich am Leben. Ich zog dieselbe graue Jeans, das schwarze TShirt an, so wie ich es eben getragen hatte. Keine Jacke, nur mein alter Rucksack, ein Geldbeutel versteckt im Ordner. Barfuß sprang ich aus der Wohnung.

Am Mülleimer fand ich ein Paket: ein paar alte Stiefel, zu groß, abgenutzt, aber brauchbar, und eine dünne Daunenjacke kein Luxus, aber genug. Ich packte alles in den Rucksack.

Am Tatort des Fremden ließ ich meine leere Tasche liegen, als wäre sie bestohlen, dann lief ich durch den Hof, die Stiefel drückten, aber die Läden waren noch geschlossen. Ich rief ein Taxi, doch kein Fahrzeug kam. Ein Oberleitungsbus hielt an. Ich stieg ein, dachte mir, ich komme so zu Opas Lada.

***

Im Büro komme ich selten, aber heute hatte ich Glück. Der alte Wachmann am Tor erkannte mich. Ich zeigte ihm die Unterlagen für das Auto.

Kein Problem, Mädel. Warum willst du das alte Schlitzohr? Ruf deinen Vater an, er findet dir ein passendes Gefährt.

Nein, danke. Ich will den Lada.

Er nickte, reichte mir den Schlüsselbund. Im Automaten gab er mir einen Cocktail, ein bisschen Kakao. Ich trank, kaufte günstige Winterschuhe und eine ordentliche Jacke. Das Geld im Handschuhfach reichte für den Anfang.

Ich fuhr aus der Werkstatt, die Sitze waren überraschend bequem. Vielleicht hatte Opa die Polster ausgetauscht.

Ich winkte dem Wachmann zum Abschied, bog in die Schnellstraße, die voller bunter Autos war.

Siehst du die Schilder?, flüsterte Oma in meinem Kopf.

Ja, lächelte ich.

Bieg nach links, fahr nach Sondershausen. Dort wirst du weiterkommen.

Danke, Oma, sagte ich, sah im Rückspiegel die alte, rote Kopfbedeckung meiner Großmutter, die immer einen flauschigen Haarreif trug.

Und so ging ich, mit der Schatulle im Kofferraum, dem Lada unter mir und dem Klang von Omas Stimme im Ohr, auf den Weg in ein neues Leben.

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