12.Juni2025
Heute war wieder ein Tag, an dem ich mich frage, wie sehr ich noch an dem Glauben festhalten kann, dass das Leben fair ist. Ich fühle mich, als würde ich zwischen meinem eigenen Kopf und den Erwartungen einer anderen Generation zerrieben.
Der Morgen begann mit dem üblichen Kaffeeduft, den ich im Büro in Berlin im Hinterzimmer des Bauunternehmens rieche. Meine Kollegin und langjährige Freundin Sabrina, die immer einen Stift zwischen den Fingern dreht, war schon an meinem Schreibtisch, als ich eintraf.
Heike, du bist doch nicht etwa verrückt?, flüsterte sie, während sie die Liste aus 30 Punkten betrachtete, die Jürgens Mutter mir eben übergeben hatte.
Verrückt?, dachte ich und schaute auf die handgeschriebenen Forderungen. Das ist doch ein Witz!
Ich lehnte mich zurück, ließ mich auf die Lehne meines Bürostuhls sinken und versuchte, mich nicht zu ärgern. Die drei verpassten Anrufe von Jürgen lagen schon auf meinem Display. Ein kurzer Moment des Lächelns er ist erst seit sechs Monaten in meinem Leben. Nach meiner gescheiterten Ehe vor fünf Jahren hatte ich nie gedacht, wieder zu lieben. Jürgen ist anders: aufmerksam, fürsorglich, zuverlässig.
Ich rief zurück.
Hallo, Sonnenschein, wie läufts?
Ganz okay, habe gerade wieder einen Streit mit dem Chef gehabt.
Du bist unmöglich, seine Stimme klang wie ein Lächeln. Ich muss dir etwas Wichtiges sagen.
Was denn?
Nichts Schlimmes, nur meine Mutter will dich kennenlernen. Wir fahren am Wochenende zu ihr.
Ein Schock durchfuhr mich. Ein erstes Treffen mit der Schwiegermutter das ist in unserem Land ein großes Stück. Elisabeth Becker, 68, Witwe, lebt allein in einem Einfamilienhaus am Stadtrand von Brandenburg. Sabrina erzählte, dass sie streng, aber gerecht sei.
Bist du sicher? Vielleicht ist es noch zu früh, zweifelte ich.
Heike, wir sind jetzt ein halbes Jahr zusammen. Es wird Zeit. Meine Mutter fragt mich ständig, wann sie dich endlich sehen kann.
Am Samstag um zehn Uhr fuhr Jürgen in einem dunklen Anzug, weißer Hemd, schwarze Hose ein Bild, das ich selten von ihm sah. Ich trug ein knielanges, dunkelblaues Kleid, das dezent, aber elegant wirkte, und hatte ein kleines Geschenk dabei: eine Schachtel edler Pralinen und einen Strauß Chrysanthemen, weil er meinte, das seien seine Lieblingsblumen.
Am Abend rief ich Sabrina an.
Stell dir vor, morgen treffe ich seine Mutter.
Oh, das ist ernst! Bist du nervös?
Wie ein Blatt im Wind. Was, wenn sie mich nicht mag?
Du bist großartig, Heike. Was könnte ihr schon nicht gefallen?
Ich konnte nicht schlafen. Immer wieder stand ich auf, um ein Glas Wasser zu holen. Am Morgen strich ich meine Haare zu einem ordentlichen Knoten.
Jürgen erschien pünktlich. Er küsste mich auf die Wange und sagte: Du siehst umwerfend aus. Ich erwiderte das Kompliment. Die Fahrt zum Haus dauerte etwa eine Stunde, während Jürgen über Urlaubspläne redete, ich aber nur halb zuhörte.
Das Haus war groß, zweistöckig, mit einem gepflegten Garten. Vor dem Tor wartete bereits Elisabeth. Sie stand auf der Veranda, hochgewachsen, in einem strengen Hosenanzug, die grauen Haare sorgsam frisiert.
Guten Tag, Frau Becker, sagte Jürgen und küsste sie leicht. Das ist Heike.
Guten Tag, Frau Becker, reichte ich die Blumen und Pralinen. Freut mich, Sie kennenzulernen.
Sie musterte mich von Kopf bis Fuß, nahm das Geschenk und nickte. Kommen Sie bitte herein.
Innen war alles spicknass sauber, wie nach dem Blick einer Schweizer. Im Wohnzimmer stand massive Möbel, an den Wänden hingen Familienfotos in identischen Rahmen.
Setzen Sie sich, wies Elisabeth auf das Sofa. Möchten Sie Tee?
Ja, bitte.
Während Elisabeth in die Küche ging, blickte ich mich um. Auf den Bildern sah ich Jürgen als Kind im Schulranzen, in Uniform, beim Abschlussball. Seine Mutter war immer dabei, sein Vater jedoch nur auf ein paar alten Fotos zu sehen.
Mein Vater starb, als ich fünfzehn war, flüsterte Jürgen plötzlich.
Elisabeth kam mit einer Teekanne zurück. Beim Schlucken des Tees fragte sie mich zuerst nach meinem Beruf.
Ich arbeite als Buchhalterin bei einem Bauunternehmen.
Waren Sie einmal verheiratet?
Ich spürte das Beklommensein.
Ja, ich ließ mich vor fünf Jahren scheiden.
Kinder?
Nein.
Warum die Scheidung?
Jürgen zuckte mit den Schultern, sah verlegen aus. Elisabeth drängte weiter: Ich habe das Recht zu wissen, mit wem mein Sohn sich einlässt.
Ich erklärte: Der Mann, den ich geheiratet hatte, hat mich betrogen. Ich reichte die Scheidung ein.
Elisabeth nickte, dann zog sie ein dickes Ordnerdokument hervor und legte es auf den Tisch.
Das ist eine Liste von Anforderungen an die zukünftige Schwiegertochter. Dreißig Punkte. Bitte lesen Sie sie aufmerksam.
Ich sah Jürgen an, er starrte auf den Boden. Meine Augen schweiften zum Blatt.
1. Die Schwiegertochter muss die Schwiegermutter mindestens zweimal pro Woche besuchen.
2. Sie muss alle Rezepte aus dem Familienkochbuch beherrschen.
3. Sie muss innerhalb der ersten drei Ehejahre mindestens zwei Kinder bekommen.
4. Nach der Geburt des ersten Kindes darf sie nicht mehr arbeiten.
5. Große Anschaffungen müssen mit mir abgesprochen werden
Und so weiter bis Punkt 30. Jeder Punkt war ein Stich in mein Herz, als würde ich eine neue Peitsche sehen, die mich zwingen will, mich zu beugen.
Ist das ein Scherz?, fragte ich, die Stimme bebend.
Kein Witz, sagte Elisabeth kalt. Meine verstorbene Schwiegertochter hat diese Regeln befolgt.
Ich sah Jürgen an. Er nickte nur schweigend.
Du wusstest das?, fragte ich.
Er senkte den Blick.
Ich habe gehofft, du änderst deine Meinung.
Der Gedanke, dass mein Freund mich in diese Falle gelockt hat, ließ mich fast ersticken. Jürgen versuchte, die Situation zu beruhigen: Heike, wir können das besprechen.
Doch Elisabeth stand auf, schnappte sich die Unterlagen und sagte: Wenn du die Bedingungen nicht akzeptierst, werde ich Jürgen einen anderen finden.
Ein Schwall von Wut und Trauer überkam mich. Ich stand auf, warf die Papiere auf den Tisch und rief: Das ist mittelalterlich!
Jürgen versuchte, mich zu halten, doch ich drängte ihn zurück zu meinem Auto. Auf dem Rückweg war das Gespräch ein Wortgefecht er wollte verhandeln, ich wollte nur weg.
Zuhause angekommen, ließ ich die Tür hinter mir zu und setzte mich erschöpft auf das Sofa. Tränen stiegen in meine Augen, doch ich hielt sie zurück. Genug geweint, genug gelitten für einen Mann, der mich nicht wirklich schätzt.
Mein Handy vibrierte. Es war Sabrina.
Wie war es? Hat dich die Schwiegermutter gemocht?
Ein Albtraum.
Ich erzählte ihr alles. Sie schrie fast: Sie ist doch verrückt! Und Jürgen hat dich wie ein Schaf zur Schlacht geführt.
Er sagt, er liebt mich.
Er liebt seine Mutter, nicht dich.
Ich wusste, dass sie recht hatte. Doch mein Herz wollte noch ein bisschen hoffen. Am Abend schickte Jürgen eine Nachricht: Heike, lass uns reden, ich erkläre alles.
Ich antwortete nicht. Später kam eine weitere: Ich rede mit meiner Mutter, wir passen die Liste an.
Nichts kam.
Morgens im Büro versuchte ich, mich auf Zahlen zu konzentrieren, doch der Gedanke an die Liste verfolgte mich wie ein Schatten. Dann klopfte die Sekretärin und sagte: Frau Becker, die Schwiegermutter, möchte Sie sprechen.
Ich dachte, das wäre ein Scherz, doch im Besprechungsraum saß Elisabeth, die steife Haltung, das strenge Lächeln.
Sie begann: Gestern hast du das Zimmer verlassen, ohne alles zu hören.
Ich erwiderte: Ich habe genug gehört.
Sie fuhr fort, erzählte von ihrem verstorbenen Sohn Andreas, der gegen ihren Willen geheiratet hatte, und wie seine Frau ihm nach einem Seitensprung den Tod brachte. Sie wollte nicht, dass sich das wiederholt.
Ich sah ihre Augen, in denen sich Trauer und Angst verhedderten.
Ich will nur meinen Sohn schützen, sagte sie.
Ich erwiderte: Du zerstörst ihn.
Das Gespräch endete, ohne dass wir zu einer Einigung kamen. Noch immer hörte ich das Echo ihrer Worte: Wenn du nicht mitmachst, findet er jemand anderen.
Die Tage vergingen, Jürgen rief mehrmals, ich nahm nicht ab. An einem Freitag schlug Sabrina vor, mit mir in ein Café zu gehen.
Genug gemümmelt. Lass den alten Kerl hinter dir.
Ich grüble nur.
Sie lachte: Er zeigte dir das wahre Gesicht.
Ich sagte, dass ich nicht hassen, sondern verstehen wolle.
Am Wochenende fuhr ich zu meiner Mutter, die in einer kleinen, bunten Wohnung am Rande von Berlin lebt. Sie hat mein Leben immer mit Farben gefüllt, während Elisabeth alles grau hielt.
Heike, du siehst traurig aus, sagte sie und drückte mich.
Ich erzählte ihr alles, und sie nickte verständnisvoll.
Gut, dass du das erkannt hast. Eine Schwiegermutter kann Segen sein oder Fluch. In deinem Fall ist sie ein Fluch.
Sie gab mir einen Rat: Du bist schön, klug, stark. Warte nicht auf jemanden, der dich klein hält.
Ich ging nach Hause, das Herz etwas leichter. Vor der Tür stand ein großer Korb mit einer einzigen Rose, ein Zettel: Es tut mir leid. Ich mache alles wieder gut. Jürgen.
Ich stellte die Rose ins Wasser. Das Bild war traurig, aber doch irgendwie schön.
Noch ein Anruf von Sabrina: Stell dir vor, er hat dir nur eine Rose geschickt.
Ich schwieg.
Ein paar Tage später klingelte das Telefon. Unbekannte Nummer.
Heike, bitte nimm das Gespräch an. Gib mir zwei Minuten.
Ich hörte Jürgens Stimme, müde und verloren.
Ich habe mit meiner Mutter geredet. Sie will ein paar Punkte streichen.
Ich sagte: Es geht nicht um die Menge, sondern um das Prinzip. Ich bin keine Ware, die man per Checkliste kauft.
Er wirkte verzweifelt.
Aber meine Mutter will mein Leben kontrollieren.
Ich antwortete: Du lebst nicht mehr für dich.
Er dachte nach, dann sagte leise: Vielleicht hast du recht.
Ich legte auf.
Das Leben ging weiter: Arbeit, Freunde, kleine Freuden. Jürgen verschwand aus meinem Alltag, und ich hörte, dass er jetzt mit einer jüngeren Frau zusammen ist, die Elisabeth zufriedenstellt.
Neulich sah ich das Paar mit Elisabeth im Einkaufszentrum. Die junge Frau war bleich, ängstlich, und Elisabeth flüsterte ihr Anweisungen zu. Ich drehte mich um und ging.
Zu Hause rief ich meine Mutter an:
Mama, ich habe Jürgen mit einer neuen Freundin gesehen.
Wie? Und was denkst du?
Mitleid.
Er hat das selbst gewählt.
Sie lachte: Jede Frau ist ihr eigener Schmied.
Ich dankte ihr und sagte: Du hast nie Forderungenlisten für meine Partner gestellt.
Sie erwiderte: Ich hätte nie so etwas ausgedacht.
Einige Monate später kam Jürgen unangekündigt zur Tür. Er war blass, Augenringe, und fragte: Darf ich reinkommen?
Ich ließ ihn hinein, er setzte sich auf den Rand der Couch.
Wie geht’s dir?
Ganz gut.
Er erzählte, dass die Frau, die Elisabeth für ihn ausgesucht hatte, alle dreißig Punkte akzeptiert habe, weil sie Geld und Status will.
Ich hörte zu, spürte den bitteren Geschmack seiner Niederlage.
Ich bereue es, dich verletzt zu haben.
Ich antwortete: Es ist zu spät.
Er stand auf, ging zur Tür.
Vielleicht kann man noch etwas ändern.
Ich sah ihm nach, doch ich wusste, dass Veränderung nur aus eigenem Willen entsteht und er war längst gefangen.
Halb ein Jahr später erzählte Sabrina von Jürgens Hochzeit. Die Feier war pompös, von Elisabeth organisiert. Der Bräutigam wirkte erschöpft, die Braut nur halb glücklich.
Ich dachte an meine eigene Zukunft, an das, was ich noch erreichen will. Die Entscheidung, mein Leben selbst zu gestalten, liegt jetzt in meiner Hand.
Heike.







