„Du bist doch ein Waisenkind, wer wird dich denn verteidigen?“ grinste mein Mann, während er mich aus dem Haus schickte.

Du bist ja verwaist, wer wird dich denn verteidigen? grinste der Mann, während er mich aus der Wohnung schmiss.
Wo ist das Geld, das ich dir gestern gegeben habe? platzte Dirk mit gerötetem Gesicht in die Küche.

Anja drehte sich vom Herd um, wo Bratlinge brutzelten. Der Fettfilm zischte in der heißen Pfanne.

Welches Geld? Du hast mir nichts gegeben.
Lüg nicht! Fünftausend Euro für Lebensmittel! Ich habe sie auf dem Schlafzimmerkommoden liegen lassen!

Dirk, ich hab das Geld nicht genommen. Vielleicht hast du es woanders hingeschoben.
Ich habe alles durchwühlt! Da ist nichts! Du hast es genommen und für deine Klamotten ausgegeben!

Anja schaltete den Herd aus und wischte ihre Hände am Schürzengürtel ab. Nach vier Jahren Ehe war sie die ständigen Vorwürfe gewöhnt, aber jedes Mal traf es sie mitten ins Herz.

Dirk, ich habe dein Geld nicht genommen. Ich habe mein eigenes Gehalt, warum sollte ich stehlen?
Gehalt! schnaufte er. Deine Pfennigfunde im Supermarkt? Das ist kein Gehalt, das ist ein Taschengeld!

Die Schwiegermutter, Brigitte Müller, trat ein. Sie wohnte seit einem halben Jahr bei ihnen, nachdem sie ihre Wohnung verkauft hatte. Das Geld, so erzählte sie, habe sie in das Geschäft ihres Sohnes investiert obwohl Dirk nur als Projektleiter bei einer Baufirma arbeitete.

Was ist denn hier los? fragte sie, während sie die Küche musterte. Wieder ein Zoff?

Mama, sie hat mein Geld gestohlen! Fünftausend Euro!
Ich habe nichts gestohlen, wiederholte Anja leise.

Brigitte trat näher, musterte Anja von Kopf bis Fuß.

Dirk hat mir das Geld gestern nicht gegeben. Er hat es mir anvertraut, weil du, Anja, leider keine Ahnung mit Geld hast. Du verschwendest alles.

Anja spürte, wie sich ihr innerer Knoten verengte. Wieder einmal schienen alle gegen sie zu stehen.

Brigitte, wenn Sie das Geld genommen haben, sagen Sie es bitte. Warum beschuldigen Sie mich?

Nennst du meine Mutter eine Diebin? schoss Dirk hoch.

Ich habe das nie gesagt. Ich will nur Klarheit.

Hier gibt es nichts zu klären, sagte die Schwiegermutter und zog ein paar Geldscheine aus ihrer Jackentasche. Ich habe das Geld genommen, damit du es nicht für Unsinn ausgibst. Nimm es, Dirk, und kauf dir ein ordentliches Hemd, sonst gehst du zur Arbeit in Lumpen.

Dirk nahm das Geld, steckte es in die Hosentasche und sah Anja kaum an.

Danke, Mama. Du kümmerst dich immer um mich.

Anja stand schweigend da, während ein Stich von Ärger in ihr aufstieg. In diesem Haus wurde jede Emotion gegen sie verwendet.

Die Bratlinge brennen, bemerkte Brigitte. Alles läuft hier aus den Händen. Du bist keine gute Hausfrau.

Anja kehrte zur Pfanne zurück. Die Bratlinge waren tatsächlich an einer Seite verbrannt. Sie wendete sie, atmete tief durch und versuchte, nicht zu zerreißen, nicht zu weinen, einfach nur zu arbeiten.

Vor vier Jahren war alles anders. Dirk hatte sie mit Rosen überrascht, sie zu Cafés eingeladen. Anja arbeitete damals im selben Supermarkt, in dem sie jetzt noch beschäftigt ist eine einfache Verkäuferin ohne Ausbildung, ohne Kontakte. Sie war aus einem Heim gekommen, hatte nach der Schule ein Zimmer im Wohnheim und den Job bekommen. Das Leben war hart, aber ihr.

Dann kam Dirk, gutaussehend, selbstbewusst, mit einem guten Job. Er bemerkte sie, als er im Supermarkt Lebensmittel einkaufte, begann sie zu necken, lud sie zu Dates ein. Anja traute ihr Glück kaum. Ein Mann wie er und sie, ein Mädchen aus dem Heim, ohne Familie, ohne Vergangenheit.

Die Hochzeit war bescheiden. Von Anjas Seite nur eine Mitbewohnerin aus dem Wohnheim, von Dirks Seite die Mutter, ein paar Verwandte und Freunde. Brigitte sah Anja mit kaum verhohlenem Missfallen an, zeigte es aber nicht.

Nach der Hochzeit zog Anja in Dirks kleine Zweizimmerwohnung im Randbezirk. Sie arbeitete weiter, führte den Haushalt, versuchte, eine gute Ehefrau zu sein. Doch nach und nach änderte sich etwas. Zuerst kleine Vorwürfe die Suppe war zu salzig, das Hemd nicht gebügelt, das Geld nicht richtig verteilt. Dann heftige Anschuldigungen: Sie gebe zu viel aus, kleide sich schlecht, sei ungebildet.

Als Brigitte einzog, wurde es noch schlimmer. Sie übernahm das Kommando im Haus, kritisierte jeden Anjas Schritt, stellte Dirk auf ihre Seite. Und Dirk hörte immer zu seiner Mutter.

Das Abendessen ist in zehn Minuten fertig, sagte Anja und deckte den Tisch.

Endlich, setzte Dirk sich, die Augen auf sein Handy gerichtet. Ich bin hungrig wie ein Wolf.

Brigitte musterte das Essen streng.

Der Salat ist wässrig und das Brot zu wenig. Sparst du am Essen?

Ich habe nur das gekauft, was wir für die Woche brauchen, nach deiner Liste.

Streit nicht mit den Älteren. Die Jugend ist heute zu frech, fehlt der Respekt.

Das Abendessen verlief in angespannter Stille. Dirk kaute schweigend, Brigitte seufzte immer wieder, während Anja kaum etwas aß.

Nach dem Essen spülte Anja das Geschirr, während Mutter und Sohn im Wohnzimmer fernsahen und lachten. Anja war wie eine Dienstmagd, die nur zum Leben hier gelassen wurde.

In der Nacht legte Dirk sich schlafen, ohne ihr gute Nacht zu wünschen. Anja lag daneben, starrte in die Dunkelheit. Wann wurde sie so unglücklich? Wann hörte sie auf, geliebt zu werden?

Am Morgen stand sie wie immer früh auf, bereitete Frühstück zu und packte Dirk das Essen ein. Er verließ die Wohnung, murmelte etwas Unverständliches.

Anja, wir müssen reden, sagte Brigitte, als Anja den Tee austrank.

Ja, ich höre.

Die Wohnung ist zu klein für uns drei. Wir brauchen mehr Platz.

Aber wir haben kein Geld für eine größere Wohnung.

Genau deswegen. Wir denken, du könntest für eine Weile ausziehen, ein Zimmer mieten. Du hast doch ein Gehalt.

Das ist mein Mann, das ist meine Wohnung.

Brigitte grinste. Welche Frau bist du? Du bekommst keine Kinder, bist im Haushalt unfähig, hast keine Schönheit. Dirk könnte besser dran sein.

Dirk hat mich gewählt, flüsterte Anja.

Er hat sich geirrt. Menschen machen Fehler, die man korrigieren muss.

Ihr wollt, dass ich von meinem Mann gehe?

Wir erleichtern ihm das Leben. Ihr bleibt nicht geschieden, ihr wohnt nur getrennt.

Anja stand am Tisch, die Hände zitterten, doch sie hielt sich zurück.

Ich spreche mit Dirk.

Sprich, sprich. Nur er stimmt zu. Das war seine Idee.

Den ganzen Tag bei der Arbeit dachte Anja nur an das Gespräch. Will er wirklich, dass sie geht? Haben vier Jahre Ehe überhaupt noch einen Wert?

Am Abend kam sie früher nach Hause. Dirk saß mit seiner Mutter in der Küche und trank Tee.

Dirk, ich muss mit dir reden, allein.

Sprich vor deiner Mutter, sie weiß eh alles.

Es geht um uns beide.

Dirk seufzte, stand auf und ging ins Schlafzimmer. Anja folgte ihm, schloss die Tür.

Deine Mutter sagt, du willst, dass ich gehe. Stimmt das?

Dirk blickte zum Fenster.

Ja. Wir brauchen Abstand. Mir ist die Mutter zu unbequem, mir ist es zu eng, du nimmst nur Platz ein.

Ich bin deine Frau!

Eine Frau, die vier Jahre keinen Kindersegen brachte, die nur ein paar Euro als Verkäuferin verdient. Was nützt mir das?

Wir haben doch die Ärzte, die sagen, das Problem liegt nicht bei mir.

Halt die Klappe!, schrie er. Du bist schuld an deiner Herkunft aus dem Heim! Wer weiß, was in deiner Familie war!

Was hat das Heim damit zu tun? Meine Eltern starben bei einem Unfall, als ich drei war. Ich bin ein normaler Mensch!

Normaler? Ohne Familie, ohne Wurzeln. Ich habe dich aus Dummheit geheiratet, bereue es, du bist ein Belastungsfaktor.

Tränen stiegen ihr in die Kehle, doch sie hielt sie zurück.

Willst du die Scheidung?

Ich will, dass du gehst. Jetzt. Dann schauen wir weiter.

Wohin soll ich?

Zurück ins Wohnheim, ein Zimmer mieten. Das ist dein Problem.

Dirk, ich liebe dich. Wir könnten es noch versuchen.

Zu spät, Anja. Es ist entschieden. Pack deine Sachen.

Wann?

Morgen. Du hast den Abend, um dich zu packen.

Er verließ das Zimmer, ließ sie allein zurück. Anja setzte sich auf das Bett, das sie vier Jahre lang geteilt hatte, und dachte an Kinder, an ein glückliches Zuhause, an Zukunft. Alles zerbrach in einem Moment.

Sie begann, ihre Sachen zu sammeln: Kleidung in einen Koffer, Dokumente, ein bisschen Geld, das sie beiseitegelegt hatte, Fotos, Bücher. Nicht viel von ihr Eigenem übrig.

Brigitte trat ins Zimmer.

Na siehste, du hast alles verstanden. Keine Szene mehr.

Ich will keine Szene, murmelte Anja.

Richtig. Leise gehen, das wars. Dirk findet bald eine andere, normale Frau.

Anja nickte stumm.

Am nächsten Morgen legte sie die Schlüssel auf den Tisch und ging zum Flur. Sie blieb kurz stehen, drehte sich um, sah die Wohnung, die ihr vier Jahre Heimat war. Sie würde nie wieder zurückkehren.

Sie ging die Treppe hinunter, in die kühle Morgenluft, kaum Menschen zu sehen. Ihr altes Zimmer im Wohnheim war bereits belegt, eine neue Wohnung zu finden kostete Geld, und sie hatte nur ein paar hundert Euro.

Sie ging zur Arbeit, kam früh, setzte sich in den Kleiderschrank hinter dem Verkaufslager, lehnte die Taschen ab, wollte weinen, doch Tränen blieben aus.

Anja, warum bist du so früh? rief Verena, die Filialleiterin, etwa fünfzig, streng, aber fair, an der Tür.

Schlaflose Nacht.

Verena runzelte die Stirn, sah die Taschen.

Was ist los?

Nichts.

Lüg nicht. Ich kenne dich vier Jahre, ich erkenne, wenn du lügst.

Anja erzählte ihr alles den Mann, die Schwiegermutter, die Vertreibung. Verena hörte still zu, nickte gelegentlich.

Verdammt, das ist ja scheiße, sagte sie, als Anja fertig war. Entschuldige die Ausdrucksweise.

Ich weiß nicht, was ich tun soll.

Meine Schwester hat ein freies Zimmer in ihrer Wohnung in Neukölln. Du kannst dort vorübergehend wohnen, bis du dich sortierst.

Aber ich kann das nicht

Kannst du. Und genug. Ich bin nicht deine Chefin, sondern einfach Verena.

Anja war dankbar. Sie nahm die Einladung an, zog nach der Schicht zu Verenas Wohnung. Es war eine kleine, aber gemütliche Zweizimmerwohnung am Stadtrand. Das Zimmer der Schwester war klein, mit einem schmalen Bett, einem Schreibtisch und einem Kleiderschrank.

Mach es dir bequem, das Bett ist frisch bezogen, sagte Verena.

Danke, das bedeutet mir sehr viel.

Verena lächelte. Wir helfen uns hier. Ich bekam früher auch Hilfe.

Anja richtete ihr bisschen Hab und Gut ein, hängte Fotos auf, stellte Bücher hin. Es war bescheiden, aber ihr eigener Raum, wo niemand sie beleidigte.

Einige Tage später schrieb Dirk eine Nachricht wegen der Scheidung. Anja stimmte allen Bedingungen zu, verlangte nichts, wollte nur das Kapitel schließen.

Drei Monate später hatte sie sich an das neue Leben gewöhnt: Arbeit, kleine Wohnung, gelegentliche Treffen mit Kolleginnen. Es war ruhig, ohne Dramen.

Eines Tages betrat ein Mann Mitte vierzig den Supermarkt, groß, mit Brille, freundlichem Blick. Er wählte Produkte und bat Anja um Rat. Er kam wieder, und wieder.

Sind Sie immer so aufmerksam zu den Kunden? fragte er.

Ich gebe mein Bestes, das ist mein Job.

Sie helfen nicht nur, Sie tun das mit Herz. Das sieht man selten.

Er hieß Michael, Lehrer an einer Grundschule in der Nähe. Er war frisch geschieden, lebte allein. Sie begannen zu reden, trafen sich zum Kaffee.

Ich weiß nicht, gestand Anja, ich habe erst kürzlich die Scheidung.

Kein Problem, einfach reden, ohne Verpflichtungen.

Sie trafen sich in einem Café, lachten, erzählten Geschichten. Michael war ein netter Gesprächspartner, klug und warmherzig, fragte nicht nach ihrer Vergangenheit.

Mit Ihnen ist es leicht, sagte er zum Abschied. Ich habe lange nichts mehr so gefühlt.

Ich auch, erwiderte Anja.

Sie trafen sich öfter, Michael fuhr sie nach Hause, rief nach dem Tag, interessierte sich, ohne zu drängen. Langsam erwachte etwas in ihr, das Leben wieder zu schmecken begann.

Eines Nachmittags begegnete sie Dirk auf der Straße, er war mit Lena, die offensichtlich schwanger war.

Wie läufts? fragte er mit einem Grinsen.

Ganz gut, glücklich.

Natürlich, du wohnst ja jetzt in der Wohnheime.

Dort wird mich niemand mehr erniedrigt.

Lena zog ihn am Ärmel.

Komm, wir gehen.

Sie sah ihnen nach, fühlte weder Wut noch Schmerz, nur Gleichgültigkeit.

Am Abend ging sie mit Michael spazieren, sie setzten sich auf eine Bank.

Ich habe heute meinen Ex getroffen, erzählte sie.

Und?

Kein Gefühl.

Dann hast du ihn losgelassen. Das ist gut.

Michael nahm ihre Hand.

Anja, ich will, dass du weißt: Es ist mir egal, dass du keine Eltern hast oder aus einem Heim kommst. Wichtig ist, wer du bist. Du bist gut, ehrlich, stark.

Stark? lachte sie. Ich fühle mich nicht stark.

Doch, du hast Verrat, Ausweisung, Scheidung überstanden und ein neues Leben aufgebaut. Das ist Stärke.

Er lächelte warm, und sie spürte, dass das Vertrauen, das ihr Dirk nie schenkte, hier doch existierte.

Danke, flüsterte sie.

Danke, dass du in mein Leben gekommen bist.

Sie sah den Sonnenuntergang, das Leben ging weiter manchmal hart, manchmal ungerecht, aber immer weiter. Und es gab Platz für Glück, klein und zerbrechlich, aber echt.

Dirk hatte sich geirrt. Für Anja gab es Menschen, die sie verteidigten: Verena, die Chefin, Maria, die Filialleiterin, Tamara, die Schwiegermutter von Brigitte, und schließlich Michael, der sie nicht für Geld oder Herkunft schätzte, sondern für das, was sie war.

Familie ist nicht Blut, sondern die, die in schweren Momenten an deiner Seite steht. Und das war für Anja genug.

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„Du bist doch ein Waisenkind, wer wird dich denn verteidigen?“ grinste mein Mann, während er mich aus dem Haus schickte.
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