Liebes Tagebuch,
heute kam ich vom Geburtstag meines Mannes zurück, ein Fest im Restaurant Zur goldenen Gans in Berlin. Der Abend war voller Lachen, Freunde, Kollegen und Familienmitglieder, die wir lange nicht gesehen hatten. Meine Frau Anneliese, die selten die Entscheidungen ihres Mannes hinterfragt, hatte sich diesmal beruhigt und unterstützt, weil Johann beschlossen hatte, alle einzuladen das musste ja einen guten Grund haben.
Anneliese, hast du die Schlüssel? fragte ich, während sie in ihrer Handtasche wühlte. Sie zog die Tasche hervor, plötzlich verzog sie das Gesicht und ließ die Tasche auf den Boden fallen.
Was ist passiert? rief ich.
Ich habe mich an etwas gestoßen.
In deiner Tasche könnt man sich ja glatt verlaufen, da ist nichts überraschend.
Ohne Diskussion hob Anneliese die Tasche auf, zog die Schlüssel vorsichtig heraus und wir gingen ins Haus. Der Stich war bereits vergessen; ihre Beine schmerzten vom langen Tag, und sie sehnte sich nur nach einer Dusche und ins Bett. Am Morgen wachte sie mit stark schmerzender, geröteter und geschwollener Hand auf. Sie erinnerte sich an den Vorfall von gestern, durchsuchte die Tasche und fand am Boden eine große, rostige Nadel.
Was soll das denn?, fluchte sie. Die Nadel war ihr völlig fremd, also warf sie sie in den Müll, holte ein Desinfektionsmittel und verband die Wunde. Kurz darauf, gegen Mittag, spürte sie ein plötzliches Hitzegefühl.
Sie rief mich an:
Johann, ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe Fieber, Kopfschmerzen, mein ganzer Körper brennt. Stell dir vor, ich habe gestern diese rostige Nadel gefunden und mich damit gestochen.
Du solltest zum Arzt, das könnte Tetanus sein.
Ich habe die Wunde versorgt, das wird schon.
Im Laufe des Tages verschlechterte sich ihr Zustand. Sie schaffte es kaum, bis zum Feierabend zu arbeiten, rief ein Taxi und fuhr nach Hause, weil die öffentlichen Verkehrsmittel zu anstrengend gewesen wären. Kaum im Wohnzimmer, schlief sie auf der Couch ein.
Im Traum erschien ihr die verstorbene Großmutter Irma, die Anneliese noch als Kind gekannt hatte. Irma war klein, gebeugt, doch ihr Blick war voller Wärme. Sie führte Anneliese über ein Feld, zeigte ihr heilende Kräuter und sagte, ein Trank könne den Körper reinigen. Sie warnte, ein Feind wolle ihr schaden, und nur wer kämpfe, könne überleben. Die Zeit drängte.
Anneliese erwachte schweißgebadet. Auf die Uhr sah sie, dass nur wenige Minuten vergangen waren. Die Haustür öffnete sich ich stand im Flur, den Atem angehalten.
Was ist geschehen? Sieh dich im Spiegel an.
Sie trat zum Spiegel, sah ein verwittertes Gesicht, Haare in Strähnen, dunkle Ringe unter den Augen, die einst strahlende Miene war verschwunden.
Was ist das?, flüsterte sie.
Sie erinnerte sich an den Traum und sagte zu mir:
Ich habe meine Großmutter im Traum gesehen, sie hat mir gesagt, was zu tun ist.
Ich befahl ihr, ins Krankenhaus zu fahren, doch sie weigerte sich: Die Großmutter sagt, die Ärzte können mir nicht helfen.
Ein heftiger Streit entbrannte. Ich nannte sie verrückt, sie schrie, ich packte ihr die Hand und zog sie aus der Wohnung. Sie stürzte, schlug an einen Schrank und fiel. Verärgert stürmte ich aus und ließ die Tür hinter mir zuknallen. Noch rechtzeitig schrieb sie ihrem Chef, dass sie krank sei und zu Hause bleiben müsse.
Erst nach Mitternacht kam ich zurück, bat um Verzeihung. Sie antwortete nur:
Bring mich morgen zum Dorf, wo meine Großmutter begraben liegt.
Am nächsten Morgen wirkte Anneliese wie ein lebloser Leichnam. Ich bat sie erneut, ins Krankenhaus zu fahren sie blieb stur. Also fuhren wir ins kleine Dorf, dessen Namen ihr nur vage im Gedächtnis war, seit die Eltern das Haus nach Irmas Tod verkauft hatten. Die ganze Fahrt schlief sie, wachte erst beim Ankommen: Hier.
Wir stiegen aus, ließen uns erschöpft ins hohe Gras fallen. Dort sammelte sie die Kräuter, die Irma ihr gezeigt hatte. Ich bereitete den Sud nach ihren Anweisungen zu. Mit kleinen Schlucken fühlte sie sich besser.
Als sie zur Toilette ging, sah sie ihr Urin schwarz werden. Statt Angst gedachte sie an Irmas Worte: Das Dunkle kommt heraus
Noch in der selben Nacht erschien Irma erneut im Traum, lächelte und sprach:
Durch die rostige Nadel hast du einen Fluch erhalten. Mein Trank stärkt dich nur kurz. Du musst den Täter finden und sein Übel zurückgeben. Es hängt mit deinem Mann zusammen. Hättest du die Nadel nicht weggeworfen, hätte ich dir mehr verraten.
Sie gab mir einen seltsamen Rat: Ich solle ein Bündel Nadeln kaufen, über die größte die Worte Geister der Nacht, hört mich! Zeigt mir die Wahrheit. sagen und dann die Nadel in meine Tasche legen. Wer den Fluch gesponnen hat, würde sich an dieser Nadel stechen und wir könnten seinen Namen erfahren.
Am Morgen war die Nadel in meiner Tasche. Ich fragte Anneliese, ob sie sich allein zum Markt trauen könne. Sie bestand darauf, ich begleitete sie. Während des Abendessens bemerkte sie, dass unsere Kollegin Ilse aus der Nachbarsabteilung heute die Schlüssel für mein Büro holen wollte sie stieß dabei auf die Nadel und verletzte sich.
Was hat Ilse mit der Nadel zu tun?, fragte ich.
Nur du zählst, Anneliese. Ich liebe dich.
Langsam dämmerte uns, wie die alte Nadel in meine Tasche kam. Ilse wollte mich verdrängen, um meine Stelle zu übernehmen. Ich erkannte das Spiel und, dank Irmas Anleitung, konntest wir das Böse zurückweisen.
Schließlich fuhr Anneliese am Wochenende zum Friedhof des Dorfes, säuberte das Grab von Irma, legte Blumen in ein Glas Wasser und flüsterte:
Entschuldige, dass ich dich so lange vernachlässigt habe. Ich werde dich öfter besuchen.
Ein leichter Wind strich über die Wiese, als ob Irmas Hände sanft auf ihren Schultern ruhen würden.
Ich habe gelernt, dass man nicht immer den offensichtlichen Weg gehen muss. Manches Unheil liegt im Verborgenen, und nur Mut und Vertrauen in die eigenen Wurzeln können es überwinden.
Heute weiß ich: Wer seine Geschichte kennt und ihr zulässt, kann das Dunkle zurück in den Schatten schicken.
Johann.







