„Wie konntest du nur so tief sinken? Meine Tochter, schämst du dich nicht? Deine Hände und Füße sind gesund, warum arbeitest du nicht?“ — fragten die Anwohner die bedürftige Mutter mit Kind.

Wie kannst du dich so erniedrigen? Mädel, schämst du dich nicht? Hände und Füße sind heil, warum arbeitest du nicht? das hörte ich, als ich Gisela Müller mit ihrem Kleinkind ansprach.

Gisela ging gemächlich zwischen den Regalen des riesigen Supermarkts am Alexanderplatz vorbei, ihr Blick wanderte über die bunten Verpackungen. Sie kam jeden Tag hierher, fast wie zur Arbeit. Sie brauchte kaum Lebensmittel, denn eine Familie hatte sie nie gehabt. Deshalb verließ die alte Frau jeden Abend ihr einsames Zimmer und suchte das helle Treiben des Verkaufsraums.

Im Sommer fiel ihr das Sitzen auf der Bank mit den Nachbarsfrauen leichter, im Winter jedoch blieb ihr nichts anderes übrig, als immer wieder den neuen Supermarkt zu besuchen.

Der Laden war voll von Menschen, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee lag in der Luft, leise Musik spielte. Die farbenfrohen Packungen erinnerten an Kinderspielzeug und brachten ein Lächeln auf ihr Gesicht.

Gisela nahm eine Packung Erdbeerjoghurt in die Hand, versuchte die Angaben zu entziffern und legte sie wieder zurück. Solch ein Joghurt war für sie zu teuer, aber bloßes Anschauen war erlaubt.

Während sie die Fülle der Regale betrachtete, drifteten Erinnerungen an frühere Zeiten zu ihr heran. Sie sah die langen Schlangen an den Kassen, wo Verkäuferinnen wie Raubkatzen um knappe Waren kämpften. Dicke, graue Papiertüten, in denen Einkäufe verpackt wurden, schwebten vor ihrem inneren Auge.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie an ihre Tochter Kriemhild dachte. Für deren Freude war Gisela bereit, jede Schlange zu durchstehen. Der Gedanke an die Tochter ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie blieb vor dem Tiefkühlfach mit Fisch stehen und stützte sich schwer darauf.

Vor ihrem inneren Auge erschien das lachende Gesicht von Kriemhild mit einer lockigen, rötlichen Haarpracht, grauen Augen und Sommersprossen. Wie schön sie war, dachte Gisela traurig.

Unter dem prüfenden Blick des Kassierers ging sie zum Brotabteil. Kriemhild war ihr einziger Trost im Leben gewesen. Sie war klug gewesen, doch als sie merkte, dass Arbeit ihr kein Glück brachte, wandte sie sich der Leihmutterschaft zu. Wie Gisela ihr einst sagte, brachte diese Entscheidung kein gutes Ende.

Mit zwanzig hörte man kaum noch auf die Eltern. Wäre ihr Vater noch am Leben, wäre alles anders gelaufen. Doch wie konnten diese skrupellosen Männer ein unerfahrenes junges Mädchen in ein solches Geschäft locken?

Kriemhild lachte nur und streichelte ihren rund werdenden Bauch, während Gisela den Kopf schüttelte. Wie sollte man ein Kind abgeben, das man neun Monate lang im Herzen getragen hat? Kriemhild winkte ab: Es ist kein Kind, das ist gutes Geld.

Die Geburt verlief schwierig, das Kind überlebte nicht. Drei Tage nach der Entbindung starb Kriemhild. Das neugeborene Mädchen wurde sofort den Eltern übergeben. Gisela bekam keinen Cent, denn die Verträge liefen über die Tochter, nicht über sie.

Gisela begrub Kriemhild und blieb allein. Keine Verwandten mehr, nur eine Leere, in die sie lieber nicht zurückblickte. So ging es ihr leichter.

Jetzt stand sie vor der Brotabteilung, um etwas zu kaufen nur um zu zeigen, dass sie nicht nur umherschlendert. Sie tastete in der Tasche nach kleinen Münzen, ging zur Kasse, zählte den Betrag und gab das Geld, den Rest fest in die Faust gedrückt, an die Kassiererin. Das war genug Unterhaltung für den Tag; nach Hause war es weiter.

Einmal sah sie eine junge Bettlerin, die am zweiten Tag nach der Neueröffnung des Marktes auf dem Flur stand. Vielleicht war es die Jugend, die ihr sofort auffiel, oder die starre Pose. Auch das zärtliche Halten eines Babys könnte die alte Frau angezogen haben.

Wie kannst du dich so erniedrigen? dachte Gisela, als sie zu der bekannten Gestalt ging. Sie ließ eine Schachtel mit Kleingeld in die Hand der jungen Frau fallen und rief: Mädchen, schämst du dich nicht? Hände und Füße sind heil, warum arbeitest du nicht? Du kannst doch noch arbeiten.

Die junge Frau fuhr sich ein Lächeln zu, während andere Passanten eilig vorbeigingen.

Danke für die Münze, aber bitte gehen Sie weiter. Ich muss mehr sammeln, sonst wird es eng. sagte die Bettlerin.

Gisela nickte traurig, schritt zurück und wollte nicht aufdringlich wirken. Niemand kümmerte sich mehr um die Bettler, nicht die Polizei, nicht das Jugendamt. Man hatte sich daran gewöhnt, dass solche Menschen einfach unbeachtet blieben.

Auf dem Heimweg ließ Gisela die Begegnung nicht los. Die grauen Augen und die junge Stimme klangen vertraut, als hörte sie sie schon irgendwo. Sie schloss die Tür, zog die warmen Hausschuhe an, ließ das Licht an und ging in die Küche, um sich mit Roggenbrot und Wurst zu stärken.

Wie hungrig sie wohl sein muss, bei diesem eisigen Wetter, dachte sie, während sie aus dem Fenster sah. Dort drängten zwei unansehnliche Männer ein junges Mädchen mit Baby in ein Auto.

Sie wollte die Polizei rufen, hielt jedoch inne, aus Angst, die Situation zu verschlimmern.

Das Parkfeld vor dem Laden war leer. Sie beschloss, bis zum Morgen zu warten, denn die Autokennzeichen konnte sie von so weit nicht erkennen.

Die Nacht verging schlaflos, und am Morgen träumte sie von Kriemhild, die mit einem Kind an der Tür des Supermarktes stand. Das Kind war blau vom Frost, Gisela drückte es an sich, doch Kriemhild sagte: Mir ist nicht kalt, Mama. Gisela schob dem Kind einen warmen Schal über das Gesicht, sah ein Medaillon mit einem Bärenhalsband.

Sie schrie auf, erwachte und sah die Standuhr, die neun Uhr zeigte. Schnell ging sie zum Fenster. Das Mädchen und das Kind standen noch immer dort, die Straße war ruhig.

Gott sei Dank, seufzte sie und kreuzte die Hände.

Es war Silvester, die Kälte biss, und das Kind stand schon über eine Stunde draußen. Gisela holte Brot, schnitt Wurst, füllte eine Thermoskanne mit süßem Tee und zog sich schnell an.

Als das Mädchen sie sah, zog es den blauen Fleck an der Schläfe mit einem warmen Tuch zu.

Keine Sorge, Liebes, sagte Gisela, reichte ihr das Essen. Ich will nicht, dass du hungerst. Das Mädchen lächelte nur mit den Augen, nahm die Brote, setzte sich auf eine Bank und verschlang sie hastig, kaum kaubar, hustend zwischen den Bissen. Sie sah besorgt auf das Baby, das in fremden Armen weinte, und trank den letzten Schluck Tee.

Danke, jetzt halten wir bis sieben durch, dann holen sie uns ab, sagte sie zu Gisela.

Den Rest des Tages ging Gisela immer wieder zum Fenster, sah den Thermometerstand steigen. Am Abend bereitete sie Borschtsch nun eine deftige Linsensuppe zu und ging erneut zum Markt, um noch ein paar Würste und Gewürzgurken für den Silvester-Oliven-Salat zu holen.

Vor einer jungen Frau stellte sie eine Dose Suppe, steckte das Geld ein und zwinkerte, ehe sie in die Wärme des Marktes eilte. Sie wollte diesmal nicht lange bleiben, nur das Nötigste besorgen. Als sie den Laden verließ, war die Bettlerin nicht mehr da, die Suppe ebenfalls. Sie isst wohl irgendwo, dachte Gisela und lächelte, ehe sie nach Hause eilte.

Zuhause wollte sie Snacks vorbereiten, den Karpfen im Ofen braten und den Tisch decken. Vielleicht würden ältere Nachbarn vorbeischauen.

Kurz vor zehn schaute sie erneut aus dem Fenster, um zu prüfen, ob das Mädchen bereits in ein warmes Heim gebracht worden war. Sie sah die Lichter des Einkaufszentrums, die festlich leuchteten, und auf einer Bank unter einer Straßenlaterne eine bekannte Gestalt, die bitterlich weinte.

Gisela eilt hin, wirft einen warmen Schal über die Schultern, steigt die Treppe hinunter, trifft das Mädchen, das verzweifelt in die Hände fleht: Ich habe keinen Ort mehr, wohin ich gehen kann.

Das Mädchen legte ihr einen kleinen Umschlag in die Hand und schob sich dann zur Straße. Gisela spürte das klare Ziel der jungen Frau: Sie wollte nicht aus einem glücklichen Leben verschwinden. Sie packte all ihre Kraft, rannte hinter ihr her, griff nach ihrer Hand und rief: Warte! Was hast du vor?

Sie zogen gemeinsam in ein warmes Zimmer, setzten das Kind neben die Heizung.

Wie heißt du? fragte Gisela, doch dann bemerkte sie das Bärenmedaillon um den Hals des Mädchens.

Keine Sorge, das ist alles, was ich von meiner Mutter habe, antwortete das Mädchen.

Gisela setzte sich, trank ein Glas Kräuterlikör, und dachte: Das Mädchen ist wahrscheinlich die Enkelin meiner verstorbenen Kriemhild.

Sie legte das Kind behutsam auf das Sofa, deckte den Tisch.

Alina!, rief Gisela plötzlich.

Woher wissen Sie das?

Wahrscheinlich habe ich das irgendwo gehört, antwortete Gisela unsicher.

Ein kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Sie erkannte, dass sie ihre eigene Enkelin aufgenommen hatte. Der Name war von den Behörden für das ungeborene Kind gewählt worden, das Kriemhild einst getragen hatte.

Alina lächelte dankbar, sah die gedeckten Teller und begann zu essen. Gisela beobachtete sie genau, suchte vertraute Züge.

Erzähl mir, Alina, was ist mit dir passiert? fragte sie.

Alina sprach schnell, fast atemlos, erzählte von ihrer Kindheit mit Vater und Mutter, von einem Pony, von den Scheidungen, vom Heim, von zwölf Jahren im Waisenhaus, vom Umzug in ein heruntergekommenes Zimmer, vom Freund Vasili, der verschwand, vom Zwang, in einem Keller zu leben, vom Bettler Igor, der sie mit dem Kind in ein Hinterhaus brachte, wo viele Bettler und Kranke lebten.

Sie erzählte, dass die sogenannten Theaterbetteler sich Verletzungen vorspielten, um mehr Geld zu erhalten, und dass ihr Alltag von harter Arbeit und wenig Lohn bestimmt war.

Am Abend, kurz bevor die Kälte draußen stärker wurde, nahm Alina dankbar die Suppe, die Gisela ihr gebracht hatte, und sagte: Danke, wir schaffen die Nacht.

Gisela hielt den Blick auf das Thermometer, das immer tiefer zeigte. Sie legte das Kind in einen Sessel, bereitete die letzten Speisen zu, und dachte daran, dass ihre Enkelin nun bei ihr wohnte, bis das nächste Jahr kam.

Kurz nach Mitternacht, als das neue Jahr erklang, goss sie sich einen Schluck süßen Likör ein, trat zum Fenster und sah die Schneeflocken tanzen. Sie flüsterte: Danke, Herr Gott, für dieses unerwartete Glück. Leb wohl, Einsamkeit! Ich habe wieder Familie.

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„Wie konntest du nur so tief sinken? Meine Tochter, schämst du dich nicht? Deine Hände und Füße sind gesund, warum arbeitest du nicht?“ — fragten die Anwohner die bedürftige Mutter mit Kind.
Mutter Luise