Wir haben ein Haus im Dorf gekauft.

Hey, ich muss dir unbedingt erzählen, was uns mit unserem neuen Haus in einem winzigen bayerischen Dorf passiert ist. Das Haus haben wir von einem jungen Ehepaar gekauft die haben uns erzählt, ihre Oma sei verstorben und das Ferienhaus für die Eltern nicht mehr nötig. Seit dem Tod der alten Dame hat kaum jemand das Haus betreten, die kamen nur, um es zu verkaufen.

Ich frage die Verkäufer: Wollen Sie irgendwas mitnehmen?
Sie zucken nur mit den Schultern: Was nützt das? Da liegt nur Gerümpel. Die Ikonen haben wir genommen, den Rest könnt ihr wegwerfen.

Mein Mann blickt an die leeren Wände, wo einst rechteckige Bilderrahmen hingen. Leise fragt er: Und die Fotos? Warum habt ihr die nicht mitgenommen?

An den Wänden hingen Gesichter Männer, Frauen, Kinder, eine ganze Familie, Generationen. Früher schmückte man das Haus nicht mit Tapeten, sondern mit Erinnerungen.

Ich dachte an meine Oma, die immer ein neues Bild in einem hübschen Rahmen präsentierte meist ein Foto von mir oder meiner kleinen Schwester Liselotte. Sie sagte immer morgens: Ich verneige mich vor den Eltern, küsse den Mann, lächle den Kindern zu, zwinkere euch zu und der Tag kann beginnen.

Als sie starb, hängten wir ihr Foto neben das von meinem Opa. Jetzt, wenn wir das Dorf besuchen das wir inzwischen als unser Ferienhaus bezeichnen schicken wir jeden Morgen einen Luftkuss an die Oma. Und plötzlich riecht das Haus nach Apfelstrudel und frischer Milch, als wäre sie noch da.

Wir haben Opa nie kennengelernt er fiel im Krieg, aber sein Bild hängt mitten im Wohnzimmer, und Oma erzählte oft Geschichten über ihn. Wir sahen sein Gesicht, fühlten ihn am Tisch neben uns, als wäre er noch jung, während Oma schon grau geworden ist. Jetzt hängen ihre Bilder nebeneinander. Diese verblichenen Fotos sind für mich unbezahlbar. Wenn ich wählen müsste, was ich mitnehme, würde ich genau die beiden mitnehmen. Sie nennen das Gerümpel, wir sehen den Schatz. Jeder schätzt anders, aber nicht jeder erkennt den wahren Wert.

Nach dem Einzug begannen wir zu putzen. Und glaub mir, ich konnte nicht einfach die Sachen dieser Frau wegwerfen. Es fühlte sich an, als hätte sie ihr ganzes Leben für ihre Kinder und Enkel gelebt und die wurden einfach vergessen.

Woher ich das weiß? Sie schrieb Briefe an ihre Kinder. Zuerst schickte sie sie, aber keine Antwort kam. Dann hörte sie auf zu schreiben. In einem Schrank lagen drei ordentliche Stapel ungesendeter Briefe, schön mit Bändern zusammengebunden, voller Liebe und Zärtlichkeit. Ich gebe zu, wir haben sie gelesen. Dann verstand ich, warum sie sie nie abgeschickt hat sie fürchtete, sie gehen verloren. Sie glaubte, nach ihrem Tod würden die Kinder sie finden und lesen. In diesen Briefen steckt ihr ganzes Leben: Kindheit, Krieg, Familiengeschichte, Erinnerung an die Generationen. Sie wollte, dass die Erinnerung nicht vergeht.

Ich musste weinen.
Wir bringen die Briefe zu ihren Kindern, sagte ich zu meinem Mann.
Denkst du, die sind besser als die Enkel?, schnappte er scharf. Sie sind nie aufgetaucht.
Vielleicht sind sie alt und krank
Ich rief sie an. Durch Bekannte fanden wir die Nummer. Am anderen Ende hörte ich eine fröhliche Frauenstimme:
Ja, wirf alles raus! Sie hat uns die Briefe in Säcken geschickt, wir lesen sie nicht mehr. Sie hat sich das nur ausgedacht!

Mein Mann legte einfach auf, ohne weiter zuzuhören.
Wenn sie jetzt noch da wäre, was würde ich ihr sagen?, flüsterte er. Dann sah er mich an:
Du schreibst doch. Schreib was über sie, damit es nicht verschwindet.
Und wenn die Verwandten Ärger machen?
Die lesen keine Bücher, seufzte er. Aber ich erledige das offiziell.

Er fuhr tatsächlich los, holte eine schriftliche Erlaubnis. Währenddessen ging ich in den Keller der alten Scheune, dort ist es kühl, riecht nach Erde und vergangener Zeit. Auf den Regalen standen Gläser mit Marmelade und Eingemachtem. Jeder Deckel trug ein vergilbtes Etikett:
Vanja seine Lieblingspilze, Sonnenschein Pfifferlinge, Gurken für Anton, Himbeeren für Susi

Vanja war vor zehn Jahren gestorben, Sonia und Anton ebenfalls.

P.S. Die Frau, die das Haus vorher besaß, hieß Anna Lukaniewna. Sie hatte sechs Kinder, aber fünf starben vor ihr, nur die jüngste Tochter blieb diejenige, die alles Gerümpel nannte. Und ihre Mutter wartete, sortierte die Gläser, unterschrieb liebevoll. Die letzten Gläser mit Pilzen sind aus dem letzten Jahr. Sie war dreiundneunzig.

Ich wollte das einfach mit dir teilen, weil es mich tief berührt hat. Ganz ehrlich, manche Schätze findet man erst, wenn man richtig hinschaut.

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