Bis zum nächsten Sommer
Der frühe Sommer sitzt hinter dem Fenster ein langer Tag, grüne Blätter legen sich wie Vorhänge auf das Glas und dämpfen das Licht. Die Fenster meiner Wohnung in Berlin stehen weit offen; im stillen Zwielicht hört man das Zwitschern von Vögeln und ab und zu lautes Kinderlachen von der Straße. In dieser Wohnung, in der jedes Teil schon seinen festen Platz gefunden hat, leben wir zu dritt: meine 44jährige Ehefrau Katrin und unser 17jähriger Sohn Luca. In diesem Juni fühlt sich alles ein wenig anders an: statt frischer Luft liegt eher Anspannung in der Luft, die selbst ein kräftiger Luftzug nicht vertreibt.
Der Morgen, an dem das Ergebnis des Abiturs zurückkam, wird Katrin lange im Gedächtnis bleiben. Luca sitzt am Küchentisch, den Blick fest auf sein Handy gerichtet, die Schultern verkrampft. Er schweigt, während Katrin am Herd steht und nicht weiß, was sie sagen soll. Mama, ich habe nicht bestanden, bricht er schließlich. Seine Stimme ist gleichmäßig, doch man hört die Müdigkeit darin. In diesem Jahr ist die Erschöpfung für uns beide zur täglichen Begleiterin geworden. Nach der Schule verlässt Luca kaum das Haus er lernt allein, besucht kostenfreie Förderkurse am Gymnasium. Katrin versucht, nicht zu sehr zu drücken: sie bringt Tee mit Minze, setzt sich gelegentlich zu ihm, um einfach nur gemeinsam zu schweigen. Nun muss alles von vorn beginnen.
Für Katrin ist diese Nachricht wie ein kalter Schauer. Sie weiß, dass eine Wiederholung nur über die Schule möglich ist und dass alles wieder von vorne durchgeplant werden muss. Geld für teure Nachhilfekurse fehlt. Lucas Vater hat sich schon lange getrennt und beteiligt sich nicht. Am Abend essen wir schweigend, jeder in seinen eigenen Gedanken. Katrin überlegt fieberhaft: wo finde ich günstige Nachhilfe, wie kann ich Luca überzeugen, es noch einmal zu versuchen, habe ich genug Kraft, ihn und mich selbst zu unterstützen?
Luca lebt in diesen Tagen fast im Autopiloten. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Hefte neben dem Laptop. Er blättert erneut durch Mathe und Deutschaufgaben dieselben Fragen wie im Frühjahr. Manchmal starrt er so lange aus dem Fenster, dass es scheint, als würde er jeden Moment hinausfliegen. Auf Fragen gibt er knappe Antworten. Katrin sieht, wie sehr ihn das Wiederholen des alten Stoffs schmerzt, doch eine Wahl gibt es nicht. Ohne Abitur kein Studium das heißt, von vorne anfangen.
Am nächsten Abend setzen wir uns zusammen und besprechen einen Plan. Katrin öffnet den Laptop und schlägt vor, nach Nachhilfelehrern zu suchen.
Vielleicht probieren wir jemanden Neues aus?, fragt sie vorsichtig.
Ich schaffe das allein, brummt Luca.
Katrin seufzt. Sie weiß, dass er sich schämt, um Hilfe zu bitten. Schon einmal hat er es allein versucht und das Ergebnis spricht dafür. In diesem Moment wollte sie Luca einfach in die Arme schließen, doch sie hielt zurück und leitete das Gespräch geschickt auf den Stundenplan: wie viele Stunden er täglich lernen will, ob die Methode geändert werden muss, was im Frühjahr am schwierigsten war. Das Gespräch wurde nach und nach weicher beide verstanden, dass es kein Zurück mehr gibt.
In den folgenden Tagen ruft Katrin Bekannte an und sammelt Kontakte zu Lehrkräften. Im Klassenchat entdeckt sie Frau Anja Becker, die MatheNachhilfe anbietet. Sie vereinbaren ein ProbestundenTreffen. Luca hört nur halbherzig zu, bleibt misstrauisch. Doch als Katrin ihm am Abend eine Liste mit potenziellen Deutsch und SozialkundeNachhilfelehrern reicht, willigt er widerwillig ein, die Profile gemeinsam zu durchstöbern.
Die ersten Sommerwochen laufen in neuer Routine. Morgens frühstücken wir gemeinsam: Haferflocken, Tee mit Zitrone oder Minze, manchmal frische Beeren vom Markt. Dann folgt die MatheNachhilfe, meist online, manchmal bei uns zu Hause, je nach Verfügbarkeit des Lehrers. Nach dem Mittagessen gibt es eine kurze Pause, danach eigenständiges Arbeiten an Probetests. Abends besprechen wir Fehler oder telefonieren mit den anderen Nachhilfelehrern.
Mit jedem Tag wächst die Erschöpfung bei uns beiden. In der zweiten Woche wird die Anspannung bereits in Kleinigkeiten sichtbar: jemand vergisst das Brot zu kaufen, ein anderer lässt das Bügeleisen an, das führt zu Ärger über Nichtigkeiten. Eines Abends wirft Luca die Gabel wütend auf den Tisch:
Warum kontrollierst du mich ständig? Ich bin doch volljährig!
Katrin versucht zu erklären, dass sie seinen Tagesablauf kennen muss, um ihm zu helfen. Er bleibt stumm und starrt aus dem Fenster.
Zur Mitte des Sommers wird klar, dass unser bisheriger Ansatz nicht funktioniert. Die Nachhilfelehrer sind verschieden manche setzen auf stumpfes Pauken, andere geben Aufgaben, ohne sie zu erklären; nach manchen Stunden sieht Luca völlig ausgebrannt aus. Katrin ärgert sich selbst: Vielleicht habe ich zu sehr gedrängt? Das Haus wird abends stickig; die Fenster stehen offen, doch weder Körper noch Seele finden Erleichterung.
Ein paar Mal versucht sie, über Pausen oder gemeinsame Spaziergänge zu reden, um den Alltag zu lockern. Meist gerät das Gespräch jedoch wieder in Streit: Luca hält es für sinnlos, Zeit im Freien zu verbringen, während Katrin die Wissenslücken aufzählt und den Wochenplan vorlegt.
Eines Abends erreicht die Anspannung ihren Höhepunkt. Der Tag war besonders hart: Der Mathelehrer gab Luca ein sehr schweres Probekapitel, das Ergebnis war schlechter als erwartet. Luca kommt nach Hause finster und schließt sich in seinem Zimmer ein. Später hört Katrin das leise Klopfen an der Tür und tritt vorsichtig ein.
Darf ich?, fragt sie.
Was?
Lass uns reden
Er schweigt lange, dann bricht er schließlich:
Ich habe Angst, wieder zu versagen.
Katrin setzt sich neben ihn auf das Bett.
Ich habe auch Angst um dich aber ich sehe, wie sehr du dich reinhängst.
Er blickt ihr fest in die Augen:
Und wenn es wieder nicht klappt?
Dann überlegen wir gemeinsam weiter.
Wir reden fast eine Stunde lang über die Angst, schlechter zu sein als andere, über die Erschöpfung, die uns beide trifft, und über die Hilflosigkeit gegenüber diesem PrüfungsSystem. Wir geben zu, dass wir keinen perfekten Erfolg erwarten können wir brauchen einen realistischen Plan, der zu unseren Kräften passt.
Am Abend erstellen wir gemeinsam einen neuen Lernplan: weniger Stunden pro Woche, feste Zeiten für Erholung und Spaziergänge, und die Vereinbarung, Probleme sofort anzusprechen, damit sie nicht aufkochen.
Im Zimmer von Luca bleibt das Fenster jetzt öfter geöffnet; die kühle Abendluft vertreibt die Tageshitze. Nach dem ernsten Gespräch und dem neuen Plan kehrt im Haus eine besondere Ruhe ein, obwohl sie zerbrechlich bleibt. Luca klebt den neuen Plan an die Wand und markiert die Ruhetage mit einem Filzstift, damit er sie nicht vergisst.
Anfangs fällt uns beiden schwer, den neuen Rhythmus beizubehalten. Manchmal greift die Hand nach dem Handy, um nachzusehen, ob Luca einen Probetest vergessen hat oder einen Nachhilfelehrer anrufen sollte. Doch jetzt hält Katrin inne, erinnert sich an unser Gespräch und lässt es bleiben. Abends gehen wir kurz zum Laden oder laufen einfach um den Block, reden über das Wetter, nicht über Aufgaben. Luca ist noch immer müde nach den Stunden, doch Ärger und Frustration treten seltener auf. Er fragt öfter nach Rat bei kniffligen Aufgaben nicht aus Angst vor einem Tadel, sondern weil er weiß, dass Katrin zuhört, ohne zu kritisieren.
Die ersten Erfolge kommen leise. Eines Tages schreibt Frau Anja Becker eine Nachricht: Heute hat Luca zwei Aufgaben aus dem zweiten Teil selbst gelöst! Er arbeitet an seinen Fehlern. Katrin liest die Zeilen mehrmals, lächelt, als wäre es ein großer Triumph. Beim Abendessen lobt sie Luca dezent, ohne viel Aufhebens. Er winkt ab, doch ein Lächeln umspielt seine Lippen.
Ein weiterer Erfolg folgt: In einer OnlineDeutschstunde erzielt er zum ersten Mal eine hohe Punktzahl im Aufsatz. Stolz zeigt er das Ergebnis seiner Mutter ein seltener Moment der letzten Monate. Statt des besorgten Blicks sagt er leise:
Ich glaube, ich fange an, die Argumentationsstruktur zu verstehen.
Katrin nickt nur und legt den Arm um seine Schultern.
Mit jedem Tag wird das Haus ein wenig wärmer nicht plötzlich, sondern nach und nach, als würden die Farben im Alltag feiner werden. Auf dem Küchentisch liegen nun öfter späte Beeren vom Markt; nach einem Spaziergang bringen wir Gurken oder Tomaten aus dem kleinen Gemüseladen neben der UBahn. Wir essen öfter zusammen, tauschen Neuigkeiten aus der Schule oder Pläne für das Wochenende, anstatt endlose Listen von Lernstoff zu diskutieren.
Auch die Einstellung zum Lernen hat sich gewandelt: Früher war jede falsche Antwort ein Desaster, jetzt analysieren wir sie gelassen, manchmal sogar mit einem Scherz. Einmal schrieb Luca in seine Skizzenbücher eine ironische Bemerkung zu den absurden Formulierungen einer Prüfungsaufgabe Katrin lachte herzlich, und Luca schloss sich dem Lachen an.
Die Gespräche weiten sich aus über das Abitur hinaus: Filme, Musik aus Lucas Playlist, Pläne für den kommenden September noch ohne klare UniEntscheidung. Wir lernen, einander auch außerhalb des Lernens zu vertrauen.
Die Tage werden kürzer, die Sonne brennt nicht mehr bis zum Abend, und die Luft riecht nach reifem Spätsommer. Kinder aus der Nachbarschaft rufen von der Straße. Manchmal geht Luca allein spazieren oder trifft sich mit Klassenkameraden auf dem Schulhof Katrin lässt ihn gehen, weil sie weiß, dass Hausarbeiten ein paar Stunden warten können.
Zur Mitte August bemerkt Katrin, dass sie nicht mehr heimlich Lucas Stundenplan durchsucht; sie vertraut seinen Angaben. Luca ärgert sich seltener, wenn sie nach Plänen fragt oder um Hilfe im Haushalt bittet die Anspannung hat sich mit der früheren Jagd nach Perfektion aufgelöst.
Eines Abends, bevor wir schlafen, trinken wir Tee bei geöffneter Fensterbank und reden darüber, wie wir das nächste Jahr sehen.
Wenn ich dann zugelassen werde, fängt Luca an und verstummt plötzlich.
Katrin lächelt:
Und wenn nicht dann suchen wir weiter zusammen.
Er schaut sie ernst an:
Danke, dass du das alles mit mir durchgestanden hast.
Sie winkt mit der Hand:
Das haben wir gemeinsam geschafft.
Wir wissen beide, dass noch viel Arbeit und Ungewissheit vor uns liegen doch die Angst, allein vor der Zukunft zu stehen, ist verschwunden.
In den letzten Augusttagen begrüßt das Morgenlicht die frische Luft; erste gelbe Blätter zeigen sich zwischen dem Grün der Bäume ein Zeichen für den nahenden Herbst und neue Herausforderungen. Luca packt die Schulbücher für die nächste Nachhilfestunde, Katrin stellt den Wasserkocher für das Frühstück auf die gewohnten Bewegungen wirken jetzt ruhiger.
Wir haben den Antrag für die Wiederholung über die Schule rechtzeitig gestellt, um Stress kurz vor den Prüfungen zu vermeiden dieser kleine Schritt stärkt unser Vertrauen.
Jetzt besteht jeder Tag nicht nur aus Lernplan und Aufgabenliste, sondern auch aus gemeinsamen Spaziergängen am Abend oder einem Einkauf zu zweit nach Katrins Arbeit. Manchmal streiten wir über Kleinigkeiten oder die Monotonie des Lernens, doch wir haben gelernt, rechtzeitig zu stoppen und laut auszusprechen, was uns bewegt, bevor Ärger in Distanz umschlägt.
Gegen September wird klar: Egal, wie das Ergebnis der nächsten Prüfungen ausfällt, das Wichtigste hat sich bereits verändert. Wir sind ein Team, das früher jeder allein kämpfen ließ; wir teilen die kleinen Siege, anstatt nur fremde Noten zu bejahen.
Die Zukunft bleibt ungewiss doch sie strahlt mehr Licht, weil wir jetzt gemeinsam gehen, nie mehr allein.







