Ein Schritt in die Zukunft

Margrit Hoffmann stand früh auf, noch bevor das fahle Morgenlicht das Schlafzimmer flimmern ließ. In der Küche ließ sie den Wasserkocher anspringen und blickte in den Hof: Auf dem Ahornbaum vor dem Haus hatten die ersten Blätter bereits gelbe Tupfen, und ein grauer Dunst lag über dem Asphalt.

Vor einem halben Jahr, bei einem Tee nach der Arbeit, beschlossen Margrits und Thomas Hoffmann, ein Pflegekind aufzunehmen. Unter vielen Anfragen fiel ihr ein hochgewachsener Jugendlicher mit wachsamen blauen Augen auf. Kleinere Kinder werden schneller vermittelt, bei einem Fünfzehnjährigen hat man kaum Chancen, sagte Thomas damals. Die medizinische Untersuchung, das Gespräch und ein Vorbereitungskurs für Pflegeeltern zogen sich über Monate, und jede Stelle warnte: Erwartet keine Wunder, Hilfe kommt, aber die Hürden sind groß.

Thomas war achtundvierzig. Er arbeitet im Schienenfahrzeugwerk in Berlin im Wechselschichtbetrieb. Margrit ist Methodiktrainerin an einer Fachhochschule in der Nähe. Bis sechs abends hat sie in der Regel frei. Ihr Leben war geordnet: Arbeit, Sonntagswanderungen, Kinobesuche zum Sonderpreis. Genau diese planbare Existenz geriet plötzlich ins Wanken. Jetzt oder nie, sagte Thomas und unterschrieb das letzte Gutachten.

Ende August fuhren die beiden zum Kinderheim in Potsdam. Das Besprechungszimmer roch nach Desinfektionsmittel und abgekühltem Brei. Der Junge saß am Fensterbrett, wippte mit dem Fuß in abgetragenen Sneakers und antwortete kurz. Auf den Witz über Kassettenrekorder zuckte er nur mit den Schultern. Auf dem Rückweg drückte Thomas Margrits Hand Worte fehlten.

Für Lukas Schröder, den sie aufnehmen wollten, richteten sie ein eigenes Zimmer ein: Die Wände wurden graublau gestrichen, ein Schreibtisch, ein neues Bett und ein kleiner Lautsprecher ein Geschenk für die Musik aufgestellt. Auf den Tisch legten sie ein leeres Notizbuch und einen Stift.

Der Sozialarbeiter kam am Mittag mit zwei Tüten und einem abgenutzten Rucksack. Lukas ging schweigend den Flur entlang, stellte die Tüten an die Wand und drückte den Rucksack an die Brust. Das ist jetzt dein, flüsterte Margrit. Er nickte, ohne ein Wort zu finden.

Beim Mittagessen Suppe und Hähnchenschnitzel aß der Junge schnell, ohne Augenkontakt. Thomas erzählte vom geplanten Schulwechsel, Margrit von der staatlichen Unterstützung: Das ist dein Geld, wir geben es gemeinsam aus. Lukas murmelte nur: Brauche ich das Lineal vom ersten September? Ja, antwortete Margrit sanft.

Der frühe September brachte Regen und Feuchtigkeit. In der nächsten Woche begannen Spannungen. Lukas kam immer später zurück: War mit Freunden unterwegs. Einmal vergaß er den Schlüssel, und Margrit musste vor der Tür warten und verpasste die Lehrerkonferenz. Thomas wollte gemeinsam einen Computer für den SchulClub zusammenbauen, doch der Jugendliche starrte nur weiter auf sein Handy.

Am Vorabend des Wochenendes verschwand eine Schachtel Pralinen. Margrit fragte vorsichtig, was geschehen sei. Kauf neue, sagte Lukas und schloss lautstark die Zimmertür. Thomas erinnerte ihn scharf an gegenseitigen Respekt, doch die Worte hallten leer.

In der Schule wurde es schlechter. Die Lehrerin rief fast täglich bei Margrit an: Verspätungen, Streit im Unterricht. Lukas versteckte sein Heft unter der Matratze und sagte, er sei nicht verpflichtet, dumme Regeln zu befolgen. Die offiziellen Unterlagen zur Pflegefamilie halfen wenig, wenn der erschöpfte Jugendliche Kopfhörer trug und hinter der Tür aß.

Mitte September wurde die Wohnung kühler. Die Heizung sollte erst nach dem 15. des Monats laufen. Thomas stellte den Wasserkocher an, Margrit zog einen alten Pullover an, Lukas saß hinter verschlossener Tür unter der Schreibtischlampe. Jeder fror auf seine Weise.

Am Samstagmorgen weckte ein dumpfer Schlag Margrit. Lukas Rucksack lag offen, Kleidung war verstreut. Barfuß tastete er im Seitenfach nach einem Ladegerät. Suche das Ladekabel, sagte er, ohne ihr in die Augen zu sehen. Eine Stunde später stellte Margrit fest, dass zweitausend Euro aus ihrer Geldbörse in der Küche fehlten.

Die Eltern riefen Lukas zu einem Gespräch. Hast du das Geld gesehen?, fragte Thomas. Nein, antwortete er. Margrit versuchte, milde zu bleiben: Wenn du es genommen hast, sag es, dann klären wir das zusammen. Der Junge schwieg, verschränkte die Hände vor der Brust. Thomas wurde strenger: In unserem Haus nimmt man nichts, das nicht ihm gehört. Das ist nicht mein Haus! Ihr tut nur so, als wärt ihr nett, und dann werft ihr mich trotzdem raus!, explodierte Lukas.

Er stürzte zur Tür und rannte die Treppe hinunter. Thomas packte ihn am Ärmel. Durch das offenstehende Fenster zog kalte Luft. Gib das Geld zurück und wir reden, sagte er. Ich habe nichts genommen. Lukas zuckte zusammen, und plötzlich fielen Geldscheine aus seiner Tasche. Thomas ließ los und erkannte seine Härte, während Margrit, die im Flur stand, den eisigen Luftzug spürte und die Angst vor einem unwiederbringlichen Verlust.

Lukas hob das Geld hoch und reichte es ihr zitternd. Ihr werdet mir sowieso nicht glauben, flüsterte er. In diesem Moment beschloss Margrit, das Gespräch sofort zu führen. Sie winkte beide hinein.

Der Zuglfuhr wurde still, als die Tür ins Schloss fiel. Margrit ging in die Küche, legte die Scheine auf den Tischrand und sagte: Setzt euch bitte. Thomas und Lukas setzten sich auf die Hocker; die Anspannung hing noch in der Luft, doch jetzt war sie zu dritt geteilt.

Margrit goss heißen Tee ein. Der Dampf stieg über die Tassen und schien die neue Szene zu umrahmen. Wir sind hier, weil wir dich bewusst gewählt haben, begann sie, bemüht, ruhig zu sprechen. Jeder macht Fehler, doch weglaufen löst nichts.

Thomas nickte leise. Ich fürchtete, du würdest sagen: Uns ist egal. Ehrlich, ich habe Angst, dich zu verlieren, bevor wir überhaupt richtig angefangen haben.

Lukas wandte den Blick ab, drehte am Rucksackverschluss und atmete tief aus: Ich wollte den anderen zeigen, dass ich Geld habe, damit sie mich akzeptieren. Jetzt sehe ich, dass ich einen Fehler gemacht habe. Margrits Stimme war nicht mehr streng, sondern fragte: Wollen wir das Geld als Basis für deine Ausgaben nutzen und jedes Mal gemeinsam entscheiden? Lukas sah ihr zum ersten Mal direkt in die Augen und nickte.

Sie redeten lange über die Schule, darüber, dass Regeln kein Käfig, sondern ein Schutznetz sind, und dass es einen FamilienPsychologen gibt, zu dem man zu dritt gehen kann. Thomas schlug vor, zunächst einen wöchentlichen Terminplan zu erstellen und einen abend pro Woche ohne Handys zu verbringen. Lukas widersprach nicht, fragte nur, ob er ab und zu Freunde zu Hause einladen dürfe. Die Antwort war klar: Ja, aber wir lernen sie vorher kennen.

Am Abend ließ der Wind nach, die Blätter wirbelten träge im Hof. Margrit trat auf den Balkon und spürte zum ersten Mal die wohlige Wärme der Heizung, die früher als versprochen einsetzte. Sie lächelte und ging zurück in die Küche, wo Thomas die Ausgaben notierte und Lukas im Notizbuch das Wort Wochenende Ausflug ans Land schrieb.

Am Sonntag fuhr die Familie ins Umland. Die kühle Luft roch nach Kiefern, das Rauschen der Autos war überall zu hören. Thomas zeigte Lukas, wie man einen alten Gartenzaun repariert, Margrit bereitete Sandwiches zu. Es geschah nichts Heroisches, doch beim Rückweg bemerkte Margrit im Fond des Wagens, dass Lukas Rucksack fest verschlossen war.

Zu Hause legte Lukas spät am Abend die Schlüssel auf das gemeinsame Regal im Flur und murmelte leise: Morgen gehe ich sofort von der Schule nach Hause, den Plan halte ich ein. Diese einfachen Worte klangen wichtiger als jedes Versprechen. Margrit spürte, wie sich in ihr ein Raum für eine Zukunft öffnete, in der Fehler gemeinsam behoben werden können.

Draußen leuchtete ein Laternenlicht und hob die gelben Blätter aus der Dunkelheit. Der September neigte sich dem Ende zu. Noch stehen viele Gespräche, Schulberichte und Besuche beim Therapeuten bevor, doch der erste Schritt war getan und er wurde gemeinsam gegangen. Die Erkenntnis blieb: Vertrauen wächst nur, wenn man ehrlich miteinander umgeht und Verantwortung teilt.

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Ein Schritt in die Zukunft
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