Damit Oma ein langes und glückliches Leben hat

Alles im Leben geschieht einmal zum ersten Mal. Die erste Lehrerin, die erste Liebe, das erste Date, der erste Kuss. Doch Elfriede würde immer ihre allererste Gebete behalten. Dieses Gefühl begleitet sie ein Leben lang das heilige Gefühl der Liebe zu ihrer Großmutter Margarethe und die erste Begegnung mit Gott.

Elfriede ist in Rente, lebt allein. Ihre Tochter ist längst verheiratet und wohnt mit ihrer Familie in Hamburg. Elfriede hat ihr ganzes Leben in einem kleinen Dorf verbracht, hier heiratete sie, und vor acht Jahren begrub sie ihren Mann. Manchmal geht sie in die Kirche, um für ihre Lieben zu beten und Kerzen anzuzünden.

Als sie sich für den Kirchgang fertig macht, erinnert sie sich plötzlich an ihre Kindheit und ihr erstes Gebet. Ihre Eltern kannte sie kaum sie starben bei einem Motorradunfall auf dem Rückweg aus der Stadt. Seit ihrem dritten Lebensjahr wuchs sie bei ihrer Großmutter Margarethe auf.

Es war Herbst, die Blätter hatten sich schon gelb gefärbt, als ein kalter Nieselregen einsetzte und Elfriede krank wurde.

Irgendwo hast du dich erkältet, sagte die Großmutter besorgt. Ich sage es dir doch immer, du musst eine Mütze tragen. Der Kopf wird nass, der Wind pfeift, und schon ist es passiert. Der Herbst

Sie brachte Elfriede nicht ins Krankenhaus, sondern pflegte sie nach altem Brauch. In der ersten Nacht fieberte das Mädchen sogar leicht, hatte hohes Fieber, träumte wirr von flüchtigen Bildern, wachte auf und sank wieder in den Schlaf. Damals war sie acht Jahre alt.

Als die Großmutter am Morgen sah, dass Enkelin wach war, nahm sie gleich ihre Temperatur.

Gott sei Dank, das Fieber ist gesunken. Elfriedchen, was ist mit dir? Was möchtest du?

Tee, flüsterte Elfriede mit trockenen Lippen und schloss wieder die Augen.

Gleich, mein Schatz. Ich zerquetsche dir Holunderbeeren in der Tasse, gebe Honig dazu das beste Mittel gegen Krankheit. Es vertreibt jedes Leiden.

Elfriede wusste, ihre Oma behandelte sie immer so, wenn sie im Winter krank war. Nach dem Tee aß sie den bittersüßen Brei am Tassenboden. Er schmeckte ihr. Wenn die Großmutter Zeit hatte, saß sie neben ihr, strickte Socken, sang leise Lieder oder erzählte Geschichten aus ihrem Leben. Abends betete sie immer vor dem Schlafen, manchmal auch tagsüber, und bat darum, dass Elfriede schnell wieder gesund würde.

Eines Abends, als Elfriede zusah, wie ihre Oma vor den Ikonen in der Ecke betete, wo ein kleines Öllämpchen brannte, durchzuckte sie ein jäher Gedanke.

Was, wenn meine Oma stirbt und ich ganz allein bin? Bisher hatte sie nie darüber nachgedacht, doch jetzt packte sie die Angst.

Elfriede stellte sich vor, wie ihre Großmutter im Sarg lag. Sie hatte gesehen, wie Anfang Herbst Nachbarin Klara beerdigt wurde. Deren Enkel Stefan war ihr Freund, sie gingen zusammen zur Schule. Mit ihrer Oma war sie damals zu den Nachbarn gegangen um Abschied zu nehmen von Klara, hatte die Großmutter gesagt.

Plötzlich fürchtete Elfriede sich so sehr davor, allein zu bleiben, dass sie weinte. In diesem Moment kam die Großmutter zu ihr.

Was ist denn, Elfriedchen? Warum weinst du? Sie strich ihr sanft über das Haar.

Oma wirst du nicht sterben? Die alte Frau war einen Moment sprachlos.

Ich? Irgendwann kommt die Zeit, da sterbe auch ich. So ist es nun einmal auf dieser Welt.

Nicht bald?

Wie Gott es will. Aber warum fragst du das jetzt?

Ich weiß nicht Warum müssen Menschen sterben?

Ach, du liebe Güte. Wie sollte es denn sonst sein? Alle gehen heim zum Herrn, so will es Gott.

Aber warum?

Das, mein Liebling, ist nicht für uns zu wissen. Margarethe schwieg kurz. Und wir brauchen es auch nicht zu wissen. Lebe einfach nach Gottes Geboten, mehr ist nicht nötig. Und wenn die Stunde kommt, dann stirbst du, wie es sich gehört.

Also bestimmt Gott über unser Leben? Elfriede war erstaunt.

Natürlich, wer denn sonst?

Kann er es so machen, dass jemand lange lebt?

Er kann alles, antwortete die Großmutter, bekreuzigte sich und verließ das Zimmer.

Da kam Elfriede ein Gedanke.

Worum betet Oma wohl? Was bittet sie von Gott? Bestimmt, dass er ihr ein langes Leben schenkt. Ja, genau! Dann muss ich auch für sie beten. Ich will, dass meine Oma ganz lange lebt. Ich will nicht allein sein. Sie sagt immer, Kindergebete werden am schnellsten erhört. Aber wie mache ich das, dass es niemand sieht oder hört? Nur Gott.

Am nächsten Tag ging die Großmutter in die Kirche. Elfriede überlegte und fand eine Lösung. Sie wollte beten, wenn Oma nicht da war vielleicht beim Einkaufen oder bei der Nachbarin. Die Gelegenheit kam schneller als gedacht.

Elfriede, ich bin gleich zurück. Willst du, dass ich Stefan vorbeischicke, damit du nicht allein bist?

Nein, Oma, ich bleibe hier. Stefan kommt heute Abend eh.

Wie du willst. Ich muss in die Kirche, ein Gebet sprechen.

Elfriede sah durchs Fenster, wie ihre Oma den Hof verließ und um die Ecke bog, Richtung Kirche. Sie zog die Vorhänge zu, damit niemand sah, wie sie betete.

Auf dem Hausaltar standen mehrere Ikonen. Von allen Heiligen kannte sie nur den Heiligen Nikolaus und die Muttergottes die Großmutter hatte von ihnen erzählt. Sie trat vor die Bilder und starrte sie an. Es war so still im Haus. Schließlich entschied sie sich für den Heiligen Nikolaus.

Ich kenne kein Gebet, dachte Elfriede.

Die Heiligen blickten vom Altar herab, und sie fühlte sich unsicher.

Ich will für Oma bitten, dass sie lange lebt, aber wie fange ich an? Wie spricht man richtig mit einem Heiligen?

Sie stand da, starrte auf die Ikonen dann kam ihr eine Idee.

Wenn ich einfach darum bitte, hören sie mich im Himmel trotzdem. Sie wissen ja, dass ich klein bin und keine Gebete kenne. Aber ich werde Oma fragen, sie soll mich beten lehren.

Sie blickte auf das Bild des Heiligen Nikolaus und flüsterte:

Bitte mach, dass meine Oma Margarethe niemals stirbt Nein, nicht so. Dass sie ganz, ganz lange lebt. Sie hat doch schmerzende Beine und Herzprobleme was, wenn sie bald stirbt? Sie ist schon alt, und ich habe Angst, allein zu sein. Gib ihr starke Gesundheit Ich liebe sie so sehr, bitte hilf mir, dass sie lange lebt. Sie ist gut und betet immer zu Gott, jetzt ist sie wieder in der Kirche.

Elfriede sagte alles, was ihr in den Sinn kam. Ihr Herz zog sich zusammen, so sehr wünschte sie sich, dass der Heilige Nikolaus helfen würde. Dann legte sie sich hin und wartete auf ihre Oma. Endlich hörte sie, wie Margarethe die Tür öffnete und ins Zimmer kam. Sie brachte ihr eine Tafel Schokolade.

Na, wie gehts dir, mein Schatz?

Gut, Oma. Ich wollte dich was fragen: Wie betet man zum Heiligen Nikolaus?

Wie zu allen Heiligen Aber warum fragst du das?

Gibt es ein besonderes Gebet für ihn?

Aber ja, sogar mehrere. Die Großmutter sah sie prüfend an. Heute Abend zeige ich dir eines.

Gut, Oma.

Margarethe ging in die Küche, um den Ofen anzuheizen, und dachte nach.

Was ist nur mit meiner Elfriede? Interessiert sich plötzlich für Gebete Aber eigentlich ist das gut. Ich muss ihr unbedingt eines beibringen.

Am Abend betete die Großmutter wieder, und Elfriede beobachtete sie, sprach manche Worte leise mit. Als Margarethe sich zu ihr aufs Bett setzte, fragte das Mädchen:

Oma, wenn man den Heiligen Nikolaus um etwas bittet, gibt er es dann an Gott weiter?

Die Alte lächelte und strich ihr über das Haar.

So ungefähr. Er bittet Gott für uns. Dass es uns gut geht, dass wir gesund bleiben.

Elfriede schlief sofort ein, in dieser Nacht ruhte sie friedlich und genas. Bevor sie einschlief, dachte sie noch:

Also habe ich richtig gebetet dass Oma gesund bleibt und lange lebt. Dann wird es auch so sein.

Sie schlief tief bis zum Morgen. Selbst im Traum erschien ihr ein hoher, greiser Mann mit langem weißem Bart, einem Kreuz auf der Brust und einem aufgeschlagenen Buch in der Hand. Er lächelte sie warm und gütig an.

Als sie erwachte, war sie gesund. Ihr Herz war leicht, voll stiller Gewissheit.

Sie haben mich im Himmel gehört. Meine Oma wird lange, lange leben.

In diesem Moment trat Margarethe ins Zimmer und blickte sie lächelnd an.

Wie gehts dir, mein Kind? Sie fühlte ihre Stirn. Kein Fieber, aber lass uns trotzdem messen.

Oma, mir gehts gut, wirklich. Ich bin wieder gesund.

Das ist schön. Stefan ist gerade in die Schule gerannt und hat nach dir gefragt. Er kommt heute Nachmittag. Zeit, deine Hausaufgaben zu machen. Morgen ist Wochenende, danach gehst du wieder zur Schule.

Ja, Oma, ich möchte so gern wieder hin! Elfriede strahlte und reichte ihr das Thermometer es zeigte normale Temperatur.

Margarethe wurde achtundachtzig Jahre alt. Elfriede heiratete, bekam eine Tochter doch dann erkrankte die Großmutter schwer und blieb bettlägerig. Elfriede pflegte sie mit Hingabe, doch eines Tages kam die Stunde, von der Margarethe einst gesprochen hatte. Still in der Nacht ging sie heim zum Herrn.

Zwar geht Elfriede nicht oft in die Kirche, aber heute will sie ihrer Eltern und der geliebten Großmutter gedenken Margarethe hätte Geburtstag. Die Enkelin vergaß dieses Datum nie, und ihre Liebe zu ihr trägt sie ein Leben lang.

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