Tante Tanja begriff sofort, als sie am Lappen zog, der aus dem Busch ragte. Der Lappen entpuppte sich als eine alte bunte Windel, und sie zog fester. Dann erstarrte sie: In der Ecke der Windel lag ein kleines Kind.

Greta merkte es sofort, als sie an dem Fetzen zog, der aus dem Busch ragte. Der Lappen entpuppte sich als eine alte, bunte Windel, und sie zog fester. Dann erstarrte sie: In der Ecke der Windel lag ein kleines Kind.

Gegen Morgen hatte Greta einen seltsamen Traum: Ihr Sohn, Lutz, stand auf der Veranda und klopfte an die Tür. Sie schreckte hoch, sprang aus dem Bett und lief barfuß zur Haustür.

Stille. Niemand. Solche Träume hatte sie oft, und sie täuschten sie jedes Mal doch trotzdem rannte sie jedes Mal zur Tür und riss sie weit auf. Und jetzt tat sie es wieder, starrte in die nächtliche Leere.

Die Stille und die Dämmerung umfingen sie. Um ihr unruhiges Herz zu beruhigen, setzte sie sich auf die Stufen der Veranda. Und in dieser Stille hörte sie plötzlich ein Geräusch ein Piepsen oder Rascheln.

Wieder hat sich die Nachbarskatze verheddert, dachte Greta und ging los, um das Kleine aus den Johannisbeersträuchern zu befreien, wie sie es schon oft getan hatte.

Doch es war keine Katze. Greta verstand es sofort, als sie an dem Fetzen zog, der aus dem Busch ragte. Der Lappen war eine alte, bunte Windel, und sie zog fester.

Und dann erstarrte sie: In der Ecke der Windel lag ein winziges Kind. Der Kleine war ganz nackt, hatte sich vermutlich losgestrampelt ein Junge. Sein Nabel war noch nicht abgefallen, also musste er gerade erst geboren sein.

Das Kind konnte nicht einmal mehr schreien, es war nass, völlig erschöpft und vermutlich hungrig. Als Greta es aufnahm, gab es nur ein schwaches Quieken von sich.

Ohne nachzudenken, drückte sie es an sich und rannte ins Haus. Sie fand ein sauberes Laken, wickelte das Kind ein, deckte es mit einer warmen Decke zu und wärmte Milch.

Sie wusch eine Flasche aus, fand einen Schnuller, der seit dem Frühling übrig war, als sie ein Zicklein aufgezogen hatte. Der Junge schlürfte gierig, dann schlief er, satt und warm.

Der Morgen kam, aber Greta bemerkte nichts. Sie dachte nur an ihren Fund. Sie war schon über vierzig, im Dorf nannte man sie längst Tante.

Mann und Sohn hatte sie im Krieg verloren, nicht einmal im selben Jahr, und seitdem war sie allein auf der Welt. Die Einsamkeit war schwer zu ertragen, aber das Leben erinnerte sie ständig daran bald lernte sie, sich nur noch auf sich selbst zu verlassen.

Jetzt war sie ratlos und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie sah das Kind an es schlief, atmete sanft, wie alle Kleinen es tun.

Da kam ihr der Gedanke, die Nachbarin um Rat zu fragen. Noch einmal sah sie den Kleinen an und ging zu Helga. In Helgas Leben war alles glatt und ruhig: Kein Mann, keine Kinder, keinen Kriegsverlust, keine Todesnachricht. Sie lebte ihr Leben in vollen Zügen.

Ihre Männer kamen und gingen, sie hielt keinen fest und schätzte sie nicht besonders wenn etwas nicht passte, war Schluss. Jetzt stand Helga, schön und stattlich, auf ihrer Veranda, eine Decke um die Schultern gelegt, und streckte sich in der Sonne. Sie hörte sich Gretas Geschichte an und sagte nur:

Na, und wozu das Ganze? Dann ging sie ins Haus. Greta sah noch, wie sich der Vorhang am Fenster bewegte wieder mal ein Verehrer bei ihr.

Wozu? Ja, wozu eigentlich?, flüsterte Greta.

Sie ging nach Hause, packte ein paar Sachen: fütterte das Kind, wickelte es in trockene Tücher, nahm etwas Proviant mit und ging zur Bushaltestelle. Sie musste nicht lange warten, nach fünf Minuten hielt ein Lieferwagen, der in die Stadt fuhr.

Zum Krankenhaus?, fragte der Fahrer und nickte zum Bündel in ihren Armen.

Zum Krankenhaus, antwortete Greta knapp.

Im Waisenhaus, während die Papiere für das Findelkind ausgefüllt wurden, konnte sie den Gedanken nicht loswerden, dass sie etwas Falsches tat ein schlechtes Gewissen nagte an ihr.

Und diese Leere in ihrem Herzen! Genau so hatte sie sich gefühlt, als die Nachricht vom Tod ihres Mannes kam, und später von ihrem Sohn.

Wie soll der Junge heißen?, fragte die Leiterin.

Ein Name?, wiederholte Greta, dachte kurz nach und sagte dann, für sich selbst überrascht: Er heißt Lutz.

Schöner Name, meinte die Leiterin. Wir haben hier viele Karls und Annas. Die einen haben Eltern, die im Krieg gefallen sind aber wer so ein Kind einfach wegwirft, das ist unbegreiflich. Männer sind rar, man sollte sich über jedes Kind freuen und dann das! Eine Rabenmutter, nichts weiter!

Die Worte waren nicht an sie gerichtet, aber sie trafen Greta tief. Als sie am Abend nach Hause kam, betrat sie ihr leeres Haus und schaltete die Lampe ein.

Da fiel ihr Blick auf die alte Windel von Lutz. Sie hatte sie damals nicht weggeworfen, nur zur Seite gelegt. Jetzt nahm sie sie in die Hand und setzte sich aufs Bett.

Mechanisch strich sie über den alten, feuchten Stoff, saß eine Weile da, als denke sie an nichts. Dann spürte ihre Hand in einer Ecke der Windel einen kleinen Knoten.

In dem Knoten steckte ein graues Zettelchen und ein einfaches Zinnkreuz an einer Schnur. Sie faltete das Papier auf und las:

Liebe, gute Frau, vergib mir. Ich brauche dieses Kind nicht, mein Leben ist ein Durcheinander, morgen bin ich nicht mehr hier. Lass meinen Sohn nicht im Stich gib ihm, was ich ihm nicht geben kann: Liebe, Fürsorge und Schutz.

Dazu stand das Geburtsdatum des Kindes. Und dann brach es aus Greta heraus: Sie weinte und schrie, als trauere sie um einen Toten. Die Tränen flossen in Strömen sie hatte geglaubt, sie hätte keine mehr.

Sie erinnerte sich an ihre Hochzeit, wie glücklich sie mit ihrem Mann gewesen war. Dann kam Lutz und wieder Glück. Im Dorf beneideten sie die Frauen: Greta strahlte vor Freude.

Warum auch nicht? Geliebter Mann, geliebter Sohn. Und die Männer hatten sie ebenfalls angebetet. Kurz vor dem Krieg hatte Lutz noch seinen Führerschein gemacht und versprochen, sie im neuen Traktor des Dorfes spazierenzufahren.

Dann kam das Unglück Im August 42 brachte man ihr die Todesnachricht für ihren Mann, im Oktober desselben Jahres die für ihren Sohn. Und damit war Gretas Glück für immer vorbei, das Licht der Welt erlosch.

Und sie wurde wie alle, wie fast jede zweite Frau im Dorf. Nachts sprang sie auf, rannte zur Tür, öffnete sie und starrte in die Dunkelheit.

Auch in dieser Nacht konnte sie nicht schlafen, lief hinaus, lauschte und wartete auf etwas. Am Morgen fuhr Greta wieder in die Stadt.

Die Leiterin des Waisenhauses erkannte sie sofort und war nicht überrascht, als Greta erklärte, sie wolle den Jungen zurücknehmen so wolle es ihr verstorbener Sohn.

Gut, sagte die Leiterin, nimm ihn mit, wir helfen mit den Papieren.

Mit Lutz im Arm verließ Greta das Waisenhaus mit einem anderen Herzen die schwere Trauer und Leere, die jahrelang darin gewohnt hatte, war verschwunden.

Neue Gefühle zogen ein: Glück und Liebe. Wenn einem das Glück bestimmt ist, dann kommt es auch so war es bei Greta.

In ihrem leeren Haus begrüßten sie nur noch die Fotos von Mann und Sohn an der Wand.

Doch diesmal sahen ihre Gesichter anders aus nicht ernst oder traurig, sondern hell, sanft, zustimmend und ermutigend.

Greta drückte den kleinen Lutz an sich und fühlte sich stark er würde lange ihre Hilfe und ihren Schutz brauchen.

Ihr helft mir, sagte sie zu den Fotos.

Zwanzig Jahre vergingen. Lutz wurde ein guter Junge. Jedes Mädchen träumte von ihm, doch er wählte die, die sein Herz erwärmte nach seiner Mutter natürlich. Sie hieß Liese.

Eines Tages brachte Lutz Liese mit, um sie seiner Mutter vorzustellen und da wusste Greta: Ihr Sohn war erwachsen geworden, ein echter Mann. Sie segnete das Paar.

Die Hochzeit wurde gefeiert, das junge Paar baute sich ein Nest. Bald kamen Kinder, der jüngste Sohn hieß Lutz, und Greta wurde reich an Familie.

Eines Nachts wachte sie von einem Geräusch auf und ging aus alter Gewohnheit zur Tür. Sie öffnete sie und trat hinaus. Ein Gewitter zog auf, Blitze zuckten.

Danke, mein Sohn, flüsterte Greta in die Dunkelheit, jetzt habe ich drei Lutze, und ich liebe euch alle.

Der große Baum neben der Veranda, den ihr Mann gepflanzt hatte, als Lutz geboren wurde, rauschte. Ein Blitz zuckte wie Lutzchens sonniges Lächeln.

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Tante Tanja begriff sofort, als sie am Lappen zog, der aus dem Busch ragte. Der Lappen entpuppte sich als eine alte bunte Windel, und sie zog fester. Dann erstarrte sie: In der Ecke der Windel lag ein kleines Kind.
В маршрутке водитель остановился посреди дороги и сказал слова, которые никто не ожидал — что случилось дальше невозможно забыть!