Oma: Herz und Seele der Familie

**Tagebucheintrag**

Ein kleines Wochenendhaus in einer Siedlung nahe einer beschaulichen Stadt in Bayern. Unser Grundstück liegt direkt am Flussufer. Neben uns wohnen Valter und Tanja, danach kommt das Haus der Oma. Weiter gibt es natürlich noch mehr Häuser, aber die interessieren uns im Moment nicht.

Valter hat das Grundstück vor sieben Jahren gekauft. Sofort begann der Bau. Bagger rollten an, Arbeiter aus Polen kamen, Schotter wurde geschüttet, Pfähle gerammt, ein Fundament gegossen, dann das Haus und die Sauna gezimmert Von Mai bis September wurde gebaut. Heraus kam ein Anwesen mit einem großen Haus, einem Brunnen, einer Sommerküche, Schuppen, Sauna, Garage und so weiter. Es war nie still! Valter kommandierte nicht nur, er packte selbst mit an Stahlband flechten, Balken schleppen, Beton verteilen, Kabel verlegen. Kurz: Er arbeitete mit. Die Leute in Bayern sind geduldig. Alle verstanden, dass hier ein Mann etwas aufbaute, nicht nur für ein oder zwei Jahre. Alle bis auf die Oma. Jeden Tag hörte man ihr Geschrei.

Morgens kam der Bus aus der Stadt. Als Erste stieg die Oma aus. Immer als Erste! Niemand nannte sie anders, nur die Oma. Sie hastete zu ihrem Häuschen, immer in einem grauen Kittel, schwarzem Kopftuch und abgetragenen Schuhen. In der Hand trug sie eine abgewetzte Stofftasche und einen Fünf-Liter-Kanister mit Wasser. Aus dem Fluss trinken wir nicht er kommt aus den Mooren, im Sommer blüht das Wasser. Die meisten holen Trinkwasser aus der Stadt. Manche haben Brunnen, aber bei allen riecht das Wasser nach Schwefel, egal ob zwanzig oder sechzig Meter tief. Nur zum Gießen! Wer am Fluss wohnt, hat Tauchpumpen und Schläuche. Nur Valter hat eine richtige Pumpe.

Aber zurück zur Oma. Kaum war sie da, begann das Gezeter. Der Bagger war zu laut, der Dieselgestank unerträglich, die Pfahlramme machte Lärm, die Polen redeten zu laut, Valters Haus war zu hoch und nahm ihrer Erdbeere das Licht (obwohl alle Abstände stimmten) Man kann sich über alles aufregen, und die Oma war eine Meisterin darin. Valter war für sie alles ein Tyrann, ein Dreckskerl, ein Arschloch, ein Schwein Die Beschimpfungen hörten nie auf, immer neue kamen hinzu.

Valter baute weiter. Meist ignorierte er das Gebrüll.

Aber manchmal, wenn er eine Raucherpause am Zaun machte, brummte er tief:
Oma, du bist wie eine Bremse an einem heißen Tag! Entweder du saugst mir das Blut aus oder ich muss dich erschlagen.
Mach nur weiter, du Mistkerl! kreischte die Oma. Ich steck deine Villa in Brand! So ein Baron, der mir droht!

Mein Sommer war also nicht gerade erholsam. Ich versuchte, seltener hinzufahren.

Ein paar Jahre vergingen. Wir wurden keine Freunde mit Valter, aber verstanden uns. Er hatte zwei Leidenschaften: Deutschrock und Tomaten!

Valter schaltete die Stereoanlage leise ein und ging ins Gewächshaus. Es war groß. Er schien alles über Tomaten zu wissen. Jede neue Sorte verfolgte er, Dünger gab es nach Plan und Mondkalender. Jedes Frühjahr tauschte er die Erde aus, desinfizierte das Gewächshaus mit Schwefel, dann eine Schicht Mist, Kompost, innen Vlies gegen Sonnenbrand und Frost, Infrarotlampen im Frühjahr und Herbst

Bayern ist nicht die Pfalz! Im Süden pflanzt man, gießt, und alles wächst. Aber hier? Nichts ist einfach mit Tomaten. Morgens die Tür öffnen, abends schließen. Bei Regen nur die windabgewandte Seite lüften So leben wir.

Habt ihr je einen riesigen Kerl mit Tomaten reden gehört? Ich schon. Wie mit kleinen Kindern. Sanft, liebevoll. Er stutzt sie, füttert sie Und dabei sieht er aus wie ein Fels. In der Stadt sagt man, Valter sei ein harter Chef. Kein Tyrann, aber streng und gerecht. Und dann das Nun ja, ich verrate es nicht.

Und die Oma? Vergesst sie nicht! Deutschrock mochte sie nicht. Weder Udo Lindenberg noch die Toten Hosen oder BAP! Jeden Abend, wenn sie im Haus übernachtete, kommentierte sie lautstark die Musik und den Geschmack der Hörer.

Valter kochte, aber antwortete nicht. Wenn es zu viel wurde, trank er ein halbes Glas Korn, schluckte es runter, knurrte, schaltete die Musik aus und ging ins Haus. Nochmal: Es war nicht laut. Nur für die Oma. Klar, dass Valter fast täglich dieses halbe Glas trank. Für einen Mann wie ihn war das wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber es zehrte an seinen Nerven.

Dann kam das Hochwasser. Wochenlang regnete es (erinnert ihr euch an Passau? Wir sind nur hundert Kilometer entfernt). Die Moore saugten das Wasser auf, aber irgendwann war es zu viel. Der Fluss stieg, schwemmte Holz, Zäune, Hundehütten, umgestürzte Bäume, Schuppen mit sich Schrecklich! Die Leute markierten die Ufer, beobachteten den Pegel. Als das Wasser in der Senke die Straße erreichte, flohen alle, aus Angst, ihre Autos würden ertrinken. Die Busse fuhren nicht mehr. Wer kein Auto hatte, ging zu Fuß. Keine Panik, aber fast. Die Straßen leerten sich.

Valter wartete bis zuletzt, dann raste er mit seinem Jeep los. Er war schon weg doch dann fiel ihm ein, dass er die Oma gestern im Garten gesehen hatte. Er kehrte um.
Fahr ohne mich, du Unmensch! Ich hab mein Zeug auf den Dachboden gebracht. Mein Haus lasse ich nicht allein! Die klauen alles!

Einige Häuser standen unter Wasser. Unseren Grundstücken fehlten nur noch fünfzehn Zentimeter. Eine Woche lang wussten wir nichts. Valter und ich telefonierten. Er war am Ende! Ihn kümmerten nicht die Beete oder das Haus. Er hatte vergessen, das Gewächshaus zu öffnen! Bei dem Sonnenwetter würden die Tomaten ohne Wasser und Lüftung eingehen.

Als das Wasser sank, kamen wir zurück. Valter brachte eine Flasche Korn, wir tranken.
Franz, ich verstehs nicht! Ich komme zurück das Gewächshaus ist gegossen, die Türen stehen offen. Ich weiß genau, ich hatte sie nicht geöffnet! Ich war im Stress, das Wasser kam zu schnell! Ich fragte rum, wer geblieben war. Alle sind geflohen.
Bis auf die Oma.
Bis auf die Oma! Valter warf einen Blick zu ihrem Haus. Ach, Quatsch! Wir verstehen uns doch nicht!
Bis auf die Oma, wiederholte ich.
Unglaublich! Valter trank sein Glas leer.
Bis auf die Oma, sagte ich ein letztes Mal.

Valter ging schweigend, grübelnd.

Die Oma war weg, sobald die Busse wieder fuhren. Am nächsten Tag kam sie zurück. Und begann, Wasser in Eimern zu schleppen. Ihr kleiner Pumpenmotor war wohl weggespült worden. Valter sah es auch. Die Oma trug Wasser, rutschte aus, fiel, wurde patschnass. Aber sie gab nicht auf. Nicht einmal ein Fluch.

Valter fuhr weg ich hörte sein Auto und kam zurück. Die Oma verschwand mit dem Abendbus.

In der Nacht hörte ich bei Valter Hämmern und Sägen.
Nachbar, fragte ich morgens, mit wem hast du nachts Krieg geführt?
Hab Rohre und Anschlüsse gekauft. Die Oma war weg ich hab ihr von meiner Pumpe eine Leitung gelegt. Du hast gesehen, wie sie am Ufer gekrochen ist

Zwei Wochen später lud Valter mich zu den ersten Tomaten ein. Und Grillfleisch. Um sieben. Ich brachte Korn und selbstgemachten Wein.

Warten wir mit dem Fleisch oder nehmen wir erst einen?
Nein, Franz, warten wir noch fünfzehn Minuten.
Auf wen?
Du wirst sehen.

Es klopfte am Tor. Herein kam die Oma! Aber anders als sonst. Ihr graues Haar war frisch frisiert, ein geblümtes Kleid an, hübsche Sandalen, ein Tuch über den Schultern. Sogar einen Bernsteinschmuck trug sie!
Darf ich? lächelte sie.
Kommen Sie rein, Maria Theresia! grinste Valter.

Ich war sprachlos. Unglaublich!

Wir saßen lange, aßen, tranken. Theresia erzählte von ihrem Leben, ihrer Kindheit im Heim, ihrer Familie, den zwei Kindern, die sie allein großzog, nachdem ihr Mann starb. Dass die Kinder jetzt in ganz Deutschland verstreut lebten, von den Enkeln Dass sie eine verdiente Eisenbahnerin war, vierzig Jahre lang Vieles.

Dann sang sie mit Tanja. Alte Lieder

Valter und ich hörten zu, rauchten Schweigend. Lächelten. Tranken langsam
Valter, Tanja sagte, sie will in die Kur, aber du willst nicht, wegen deiner Tomaten. Fahr! Ich gieße sie, ich lüfte. Keine Sorge.
Sie waren es also, die im Hochwasser sein Gewächshaus geöffnet haben? fragte ich.
Ja. So viel Arbeit steckt da drin. Und wie er mit ihnen redete! (Sie lachte.) Die Tomaten taten mir leid (Sie zwinkerte Valter zu.)

Valter fuhr mit seiner Frau in die Kur.

Seit ihrer Rückkehr hörten wir wieder Deutschrock. Aber nur von zwölf bis zwei. Für MARIA THERESIA.

**Was ich gelernt habe:** Manchmal verbirgt sich hinter einem schroffen Äußeren ein Herz, das mehr liebt, als man denkt. Und manchmal reicht eine kleine Geste, um eine jahrelange Fehde zu beenden.

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