**Die Stiefmutter mit mütterlichem Herzen**
Vor nicht allzu langer Zeit hatte das Hochzeitsfest getobt. Die Verwandten waren zusammengekommen, hatten gesungen, getanzt und gelacht niemand hätte ahnen können, dass es ihr letztes gemeinsames Fest sein würde. Nur die Schwiegermutter saß mit finsterer Miene da. Die zierliche, schmächtige Braut gefiel ihr gar nicht: *Hübsch ist sie ja, das seh ich schon, aber was nützt die Schönheit? Kann sie eine Garbe heben? Einen vollen Eimer tragen? Ich habe mein Leben lang geschuftet und dachte, mein Sohn würde wenigstens eine starke Frau heimführen aber nein, er bringt mir eine Last ins Haus.*
Greta, so hieß die Schwiegermutter, kaute ihren Groll weiter, und ihre Verbitterung entging Maria nicht. Michael tröstete seine junge Frau, warnte sie aber auch: *Meine Mutter wird dir nichts schenken. Sie mag keine Schwachen, Zierlichen. Für sie zählt nur Kraft in den Händen, im breiten Rücken, in schnellen Schritten. Sie hat meinen betrunkenen Vater mit einer Hand ins Bett geworfen. Wenn sie ein Pferd anschirrte, hielten sich die Knechte fern. Hinter dem Pflug ging sie mit geradem Rücken, und die Erde brach sich in breiten, glänzenden Schollen unter ihren starken Händen.*
Gott hatte ihr die Kraft eines Mannes gegeben die Zärtlichkeit einer Frau aber genommen. Auch Marias Mutter hatte ihre Tochter nur widerwillig verheiratet. Die beiden Familien lebten nah beieinander, und Tabea wunderte sich oft über Gretas unmenschliche Stärke. *Wer könnte es je dieser Frau recht machen? Wer könnte ihr das Wasser reichen?* Doch Maria hörte nicht auf ihre Mutter. Sie dachte, die Schwiegermutter würde sich schon beruhigen, mit Enkeln auf der Bank sitzen, während sie und Michael ihr eigenes Leben führen.
Doch dann kam der Krieg. Niemand hatte ihn kommen sehen die junge Ehe zerriss in Tränen. Die ersten Monate waren eine harte Probe für Maria. Michael liebte und verwöhnte sie, was seine Mutter nur noch wütender machte. *Was ist das für ein Mann? Trägt ihr nicht mal den Wassereimer nach? Nichts als Umarmungen und Küsse ein Weichling, wie sein Vater.*
Greta selbst war einst von ihrer Mutter einem Witwer zugeführt worden ein schüchterner, stiller Trinker, aber er hatte eine Kuh, ein Pferd. *Besser das als allein bleiben.* Sie hatte nie Liebe für ihn empfunden, nur für seinen kleinen Sohn. Michael war ihr alles. Sie erzog ihn streng, schlug ihn auch manchmal, wenn er Unfug trieb doch danach weinte sie mehr als er.
Als sein Vater starb, trauerte niemand. Greta strich sich über die schmalen Lippen und sagte: *Gott sei Dank hab ich dich, mein Junge. Ich wollte nie eine Stiefmutter sein immer eine Mutter.* Ihr Lächeln, das sich mühsam gegen die harten Züge ihres Gesichts durchsetzte, verwandelte sie. Die Augen wurden warm, die Hände sanft. *Du wirst groß werden, heiraten, eine starke, stolze Frau nach Hause bringen. Und mir wird schon ein Platz bleiben ich muss ja schließlich auf den Haushalt achten.*
Doch dann kam der Krieg. Michael wurde eingezogen. Greta brach zusammen, weinte in ihre Schürze. Maria legte ihr schweigend die Hand auf die Schulter, und die Schwiegermutter schluchzte: *Bete du, bete, dass Gott ihn verschont. Mein Junge ist mein Leben. Wenn er nicht zurückkommt dann habe ich keinen Grund mehr.*
Die Tage des Wartens wurden zur Qual. Jede Arbeit, die Maria verrichtete, war Gretas strengen Blicken ausgesetzt. *Ein halber Eimer Wasser? Drei Scheite Holz? Du taugst zu nichts!* Doch Maria spürte, dass hinter den harten Worten keine Bosheit steckte nur Angst.
Eines Morgens bemerkte Greta, dass mit Maria etwas nicht stimmte. Sie aß saure Gurken gegen die Übelkeit. *Ach, du Arme.* Der Hunger kroch näher, aber Greta hatte vorgesorgt Mehl, Salz, Zucker, alles auf dem Dachboden versteckt. Doch Maria wurde schwächer, ihr Körper wehrte sich gegen jede Nahrung.
Michael schrieb oft. *Meine liebe Mutter, meine geliebte Frau.* Greta küsste die Briefe, drückte sie an ihr Herz. Sie verbot Maria, von der Schwangerschaft zu erzählen. *Ich war stark und hab trotzdem Fehlgeburten gehabt. Du, mein Hühnchen, was soll aus dir werden?*
Doch dann verstummten die Briefe. Greta betete jede Nacht: *Nimm meine Kraft, nimm meinen Mut, nimm meine Seele aber lass meinen Sohn leben.*
Die Geburt war ein Kampf zwischen Leben und Tod. Fünf Stunden lang rang Maria, bis endlich ein Schrei erklang ein gesunder Junge. Maria war erschöpft, blutleer. Gretas Haare waren über Nacht weiß geworden. Sie kniete neben dem Bett und flehte die Hebamme an: *Rette sie. Ich werde mein Leben lang für dich beten.*
Von Michael kam kein Wort. Doch als der Krieg endlich vorbei war und die Männer heimkehrten, stand er plötzlich da sein Sohn lief ihm direkt in die Arme.
Greta sah die kleine Familie an und dachte: *Glück das lässt sich nicht nur fühlen. Man kann es anfassen. Man kann es umarmen. Sie trat langsam näher, die groben Hände zitterten, als sie dem Kind über das weiche Haar strich. Dann hob sie den Blick zu Maria, deren Augen müde, aber voller Stolz lächelten. Ohne ein Wort zu sagen, kniete Greta nieder, zog die Schwiegertochter an ihre Brust und weinte zum ersten Mal nicht aus Angst, sondern aus Dankbarkeit. Von da an teilte sie das Brot, das sie einst heimlich hortete, und sang abends am Ofen ein Lied, das niemand je von ihr gehört hatte.







