Ein Mann räumte den Abstellraum auf: Müll und Gerümpel landeten im Hof – ein riesiger Haufen türmte sich auf.

Heute habe ich den Schuppen ausgemistet und alten Kram entsorgt. Ein großer Haufen türmte sich im Hof. Plötzlich entdeckte ich ein schmutziges, dünnes Büchlein wahrscheinlich von den Kindern. Ich blätterte darin und stolperte über die Worte: »Ist der Mensch nur geboren, um die Erde umzugraben und zu sterben, ohne sich selbst ein Grab geschaufelt zu haben?«

Es traf mich wie ein Schlag. Genau so war mein Leben. Was hatte ich gesehen? Seit meiner Jugend nur Arbeit. Zuhause: der Garten, der Zaun, das Tor. Im Frühjahr den Boden pflügen, jäten, pflegen. Meine Frau und ich hatten uns sogar noch ein zweites Stück Land gesichert. Unsere ganze Jugend verging dafür.

Die Arbeit machte uns zu Sklaven. Im Alter bekamen wir kleine Buckel vom vielen Bücken. Wir hatten nichts gesehen. Nichts! Nie verreist. Verblödet von der Schufterei, Hände erdig, der Blick auf den Boden gerichtet.

Und meine Frau? Waschen, kochen, einwecken, Marmelade kochen immer um das tägliche Brot gekümmert. Gorki hatte recht in »Makar Tschudra«: Der Mensch ist ein Sklave, sein ganzes Leben lang.

Wir hatten keine Bücher gelesen, keine Kultur erlebt, konnten kaum zwei Sätze bilden. Mir tat die Seele weh. Unser Leben schien vergeudet. Irgendwo gab es Theater, Palmen, kluge Menschen mit klugen Gesprächen doch wir blieben Bauern, nichts weiter.

Und die Kinder? Sie gingen denselben Weg. Das gleiche Schicksal erwartete sie.

Was hatte ich erlebt? Nie feine Kleidung getragen. Nie weiter weg gewesen als Usedom. Nicht mal in Berlin. Einmal im Leben geflogen. Ein paar Zugfahrten.

Mein Leben? Hof, Garten, Vieh und Hühner. Arbeit bis zum Urlaub. Im Urlaub Arbeit daheim. Eine ewig schuftende Frau.

Bis man stirbt »ohne sich selbst ein Grab geschaufelt zu haben«. Treffende Worte!

Das schmutzige Büchlein glättete ich mit der Hand. Ich trug es ins Haus, legte es auf den Nachttisch. Wegwerfen? Unmöglich. Jeder sollte es lesen, über sein Sklavendasein nachdenken.

Der Abend kam. Meine Frau und ich saßen im Dämmerlicht, ohne Lampe. Ich sprach von der Sklaverei, vom Umgraben, von der vergeudeten Zeit. Dass wir bald sterben würden und nichts als Beete gesehen hätten. Wofür? Das Leben gibts nur einmal wir hatten es vertan.

Meine Frau schwieg. Sie holte Wasser, goss die Blumen. Dann holte sie frisch gewaschene Bettwäsche, machte das Bett. »Komm, leg dich schlafen«, sagte sie nur. »Hör auf zu faseln.«

Doch wir schliefen nicht. Ich spürte, dass sie wach war. Sie seufzte, drehte sich zu mir und sagte: »Nicht jeder kann ein Humboldt oder ein Goethe sein. Die hat Gott gesegnet. Aber uns hat er befohlen, uns an der Arbeit zu freuen, an der Erde. Kinder großzuziehen. Kartoffeln auszugraben. Was bringts, auf die Großen zu schielen?«

Nach einer Pause fügte sie hinzu, sie sei keine Sklavin. Sie tat, was sie wollte, was sie glücklich machte. Und sie bereue nichts.

Ich stand auf, warf mir die alte Jacke über und trat hinaus. Sterne glitzerten am Himmel. Ich rauchte eine Zigarette, setzte mich auf die Stufen.

»Meine Frau ist klüger, als ich dachte! Fünfzig Jahre zusammen und ich wusste es nicht.«

Sie schuftet, ernährt die Familie, hält das Haus sauber. Und doch keine Sklavin! Weil Gott sie für Haus, Kinder, Mann und Familie gesegnet hat. Weil alles in der Familie beginnt und endet. Ich saß lange da, den Blick zum Himmel gerichtet, und dachte an die Jahre, die vergangen waren. Die Sterne schienen näher als je zuvor. Irgendwann spürte ich ihre Hand auf meiner Schulter. Sie sagte nichts, stand nur neben mir, warm und still. Da wusste ich, dass kein Grab geschaufelt sein muss das Leben war darin, was wir gemeinsam getan hatten.

Оцените статью
Ein Mann räumte den Abstellraum auf: Müll und Gerümpel landeten im Hof – ein riesiger Haufen türmte sich auf.
Until Next Summer