Du musst mir helfen, schließlich bist du meine Mutter

**Tagebucheintrag**

«Du musst mir helfen, du bist doch meine Mutter!»

«Katharina, schon wieder hier?», fragte Valentina, während sie ihren Mantel auszog und ihre Tochter beobachtete, die geschäftig im Kühlschrank wühlte. «Wozu bist du dann ausgezogen, wenn du eh ständig zurückkommst? Vielleicht hättest du bleiben sollen…»

Katharina drehte sich abrupt um, eine Packung Aufschnitt fest an die Brust gedrückt.

«Mama! Warum erschreckst du mich so? Wie ein Gespenst!», rief sie empört, doch dann verzog sich ihr Gesicht zu einem entwaffnenden Lächeln. «Ich wollte dich nur besuchen.»

Valentina stellte die Einkaufstüten auf den Tisch und betrachtete ihre Tochter genau. Mit vierundzwanzig wirkte Katharina erwachsen, doch in ihren Augen lag noch immer etwas Kindliches, Hilfloses.

«Mich besuchen oder den Kühlschrank?», fragte Valentina sanft.

Katharina errötete und senkte den Blick. Ein paar Sekunden schwieg sie, sammelte sich, dann platzte es aus ihr heraus:

«Mama, mein Gehalt ist irgendwie verdächtig schnell weg. Ich muss noch eine Woche überbrücken, aber ich habe nichts mehr zu essen. So ist das halt.»

Valentina unterdrückte einen schweren Seufzer. Ihre Tochter hatte es mit dem Auszug zu eilig gehabt, wollte unbedingt ihre Unabhängigkeit beweisen. Doch wer hätte sie aufhalten können? Junge Leute stürmen immer in die Freiheit, ohne an die Folgen zu denken.

«Keine Vorwürfe, bitte», hob Katharina die Hand, als wollte sie mögliche Einwände abwehren. «Ich habe nur ein bisschen falsch kalkuliert. Bald wird alles besser, Mama! Dann bringe ich dir Geschenke und bestelle dir Lebensmittel nach Hause. Ehrlich, du wirst sehen!»

Valentina schüttelte den Kopf. Der Idealismus ihrer Tochter war geblieben.

«Nimm, was du brauchst, mein Schatz. Mach dir keine Sorgen.»

Sie beobachtete, wie Katharina methodisch den Kühlschrank leerte. Aufschnitt, Käse, Sahne, Gemüse alles wanderte in ihre große Tasche. Aus den Schränken folgten Nudeln und Reis, vom Balkon holte sie einen schweren Sack Kartoffeln.

«Das reicht jetzt für die Woche!», rief Katharina fröhlich und drückte ihrer Mutter einen lauten Kuss auf die Wange. «Danke, Mama! Du bist die Beste!»

Valentina brachte sie zur Tür, strich ihr über die Schulter.

Dann Stille. Valentina lehnte sich gegen die Wand und dachte an sich selbst in diesem Alter. Arbeit, Ehemann, ein kleines Kind. Wie hatte sie das alles geschafft? Heute raubte ihr schon der Einkauf die letzten Kräfte.

«Wo ist meine Jugend hin? Verflogen, ohne Wiederkehr…», flüsterte sie und betrachtete ihr Spiegelbild. Falten, graue Strähnen im einst dichten Haar. Die Zeit war unerbittlich. Die besten Jahre vergingen in Pflichten und Sorgen. Sie bereute nichts, doch manchmal überkam sie eine Traurigkeit, die wehtat.

Eine Woche später rief Valentina selbst an. Das Mutterherz ließ ihr keine Ruhe.

«Soll ich dir Geld schicken? Brauchst du Hilfe?», fragte sie, kaum dass Katharina abnahm.

Aus dem Hörer klang ein unbekümmertes Lachen.

«Mama, ich habe schon Gehalt bekommen, keine Sorge. Ich bin doch erwachsen!»

«Erwachsen, ja klar», murmelte Valentina. «Wer hatte letzte Woche kein Geld für Essen? Katharina, vielleicht kommst du besser wieder nach Hause? Zusammen ist es einfacher.»

Stille. Dann ein gereiztes Seufzen.

«Mama, ich will alleine leben! Es klappt noch nicht perfekt, aber ich schaffe das. Warum glaubst du nicht an mich?»

Valentina war verunsichert. Sie wollte ihre Tochter nicht verletzen, nur beschützen.

«Entschuldige. Ich mache mir Sorgen. Für mich bleibst du immer mein kleines Mädchen.»

Das Gespräch endete mit einem bitteren Nachgeschmack. Valentina saß lange da, grübelnd. Seine Kinder loszulassen das war vielleicht die schwerste Aufgabe von allen.

Drei Tage später kam Valentina spät nach Hause. Schon in der Tür hörte sie Geräusche in der Küche. Einbruch? Doch es war Katharina, die am offenen Kühlschrank stand und ein Brot aß.

«Schon zurück? Ich habe gerade ein bisschen was genommen. Die Miete war fällig, bis zum Gehalt reicht es nicht. Wie immer…»

Ihr Lächeln wirkte kühl. Etwas in ihrem Blick hatte sich verändert berechnend, fast fordernd.

«Wer hat gesagt, er sei erwachsen und unabhängig?», fragte Valentina müde.

Katharina zuckte mit den Schultern.

«Das bin ich auch. Aber du bist meine Mutter. Also helfe ich dir, dich um mich zu kümmern. Das ist deine Pflicht.»

Die Worte trafen Valentina wie ein Schlag. Pflicht? Seit wann war Liebe eine Pflicht?

Die Besuche häuften sich. Neue Schuhe, ein neues Handy, höhere Miete immer gab es Gründe, um bei Mama Vorräte zu plündern.

Valentina ertrug es schweigend. Wie konnte sie ihr eigenes Kind zurückweisen? Doch mit der Zeit wurde es unerträglich. Katharina gab nicht einmal mehr vor, sie zu besuchen. Kein Interesse, keine Fragen. Sie kam, nahm und ging.

Eines Abends kehrte Valentina durchnässt nach Hause zurück. Der Herbstregen hatte sie überrascht. Im Kühlschrank fand sie nur noch ein Glas Senf das einzige, was Katharina nicht mochte.

Mit zitternden Händen wählte sie die Nummer.

«Katharina, hast du alles mitgenommen?»

«Klar!», antwortete sie unbekümmert. «Wozu soll ich jeden Tag kommen? Zeitverschwendung!»

Valentina schloss die Augen. Wie konnte ihre Tochter so rücksichtslos sein?

«Ich wollte gerade Abendessen machen…»

«Mama, geh doch einkaufen! Bewegung ist gesund. Ärzte empfehlen das. Tschüss!»

Kurze Zeit später war der leere Kühlschrank Normalität. Alle zwei Wochen. Ohne Erklärung.

Eines Nachts weckte sie Glasbruch. Katharina kniete in der Küche, wischte verschütteten Senf auf.

«Sogar den hasst du mitgenommen?», fragte Valentina scharf.

Katharina blickte auf.

«Komm, Mama, hör auf. Hilf lieber!»

«Warum hast du mich nicht geweckt? Was machst du hier heimlich?»

Katharina warf den Lappen hin, stand auf.

«Ich habe einen Schlüssel, Mama. Das ist auch mein Zuhause! Muss ich mich jetzt anmelden?»

Valentina schüttelte den Kopf.

«Du kommst nicht zu mir du kommst zum Kühlschrank. Ich bin nicht reich, Katharina. Ich kann nicht zwei Haushalte ernähren.»

Katharina knallte die Kühlschranktür zu.

«Du geizt mit Essen für deine eigene Tochter? Du hast gesagt, ich darf nehmen!»

«Ich dachte an einmalige Hilfe! Nicht an einen Dauerzustand! Ich weiß nie, ob ich abends etwas zu essen habe. Das ist nicht normal!»

Katharina trat ans Fenster.

«Bereust du es, mir damals geholfen zu haben? Ich dachte, eine Mutter steht zu ihrem Kind! Du musst! Du schuldest mir das!»

«Katharina, du bist vierundzwanzig! Ich schulde dir nichts! Wenn du nicht klarkommst, zieh wieder ein. Dann teilen wir die Kosten.»

Ein Zucken. Dann Wut.

«Ich will nicht bei dir wohnen! Markus und ich leben zusammen. Aber er isst so viel!»

Valentina erstarrte. Eine Beziehung? Und sie schleppte Essen ab, um ihren Freund zu versorgen?

«Was geht mich das an?»

«Du musst helfen! Du bist meine Mutter!»

«Dann soll Markus den Kühlschrank seiner Mutter plündern! Oder mehr arbeiten! Wenn zwei Erwachsene sich nicht ernähren können, liegt das Problem bei euch!»

Katharinas Gesicht lief rot an.

«Wie kannst du so reden? Markus ist wunderbar! Aber du… du bist eine schlechte Mutter!»

Valentina hielt sich den Kopf.

«Geh. Bitte. Seit einem halben Jahr siehst du in mir nur einen Vorratsschrank. Ich brauche Zeit. Nimm, was noch da ist. Dann geh.»

Sie blickte nicht auf, bis die Tür zuschlug.

Am nächsten Tag wechselte sie die Schlösser.

Manchmal muss man loslassen, damit Kinder lernen.

Es dauerte einen Monat, bis Katharina anrief. Doch das war besser, als der kostenlose Supermarkt für sie und ihren Freund zu sein.

**Lebenslektion:** Liebe bedeutet nicht, sich ausnutzen zu lassen. Manchmal ist das Härteste auch das Nötigste.

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