Zwei schlechte Töchter
Wir haben diese Dreizimmerwohnung nicht ohne Grund gekauft. Weißt du, was das Beste ist? Die Mutter beugte sich vor, ihre Augen leuchteten vor Freude. Wir vermieten sie an Studenten, Zimmer für Zimmer. Da wohnen schon fünf! Das bringt so viel Geld, dass wir im Ruhestand keine Sorgen haben werden.
Lina nickte und freute sich für sie. Ihre Eltern hatten ihr Leben lang hart gearbeitet, jetzt hatten sie sich eine ruhige Rente verdient. Doch dann mischte sich der Vater, Heinrich Müller, ein, der bisher schweigend seine Zeitung am Tisch gelesen hatte.
Natürlich weißt du, was du denkst: Wem wird die Wohnung wohl gehören? Ihr seid schließlich drei, da ist die Sorge verständlich. Alles ganz normal. Er faltete die Zeitung zusammen.
Lina schüttelte den Kopf. So etwas war ihr nie in den Sinn gekommen. Die Eltern waren fit und gesund warum also über Erbschaften reden? Doch Helga Müller fuhr mit so spöttischem Unterton fort, dass es ihrer Tochter eiskalt den Rücken hinunterlief.
Du hast natürlich daran gedacht! Mach dir Sorgen, wer das Vermögen bekommt. Leugnest du etwa?
Lina wollte widersprechen, doch die Mutter ließ sie nicht zu Wort kommen.
Also, dein Vater und ich haben alles besprochen. Die Wohnung bekommt, wer sich am besten um uns kümmert. Fair, oder?
Stille breitete sich in der Küche aus. Lina starrte ihre Eltern an, unfähig zu glauben, was sie hörte. Sollte das ein Wettbewerb werden? Der Vater räusperte sich und sprach weiter, ohne sie anzusehen.
Wir haben uns immer um euch gekümmert, euch großgezogen, auf vieles verzichtet. Jetzt ist es an der Zeit, dass ihr euch beweist. Und wenn uns etwas nicht passt er machte eine bedeutungsschwere Pause dann gibt es eben kein Erbe.
Lina saß wie vor den Kopf geschlagen. Die Eltern warteten auf eine Reaktion, als erwarteten sie Applaus für ihre weise Entscheidung. Ein Kloß schnürte ihr die Kehle zu. Sie stand auf, murmelte etwas von dringenden Terminen und verschwand.
In der U-Bahn auf dem Heimweg konnte Lina es kaum fassen. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Was war das? Eine Auktion? Wer bot am meisten? Sie rief ihre ältere Schwester Karin an.
Karin, du wirst nicht glauben, was die Eltern gesagt haben, begann sie ohne Vorwarnung.
Wegen der Wohnung und dem Erbe? Karin klang erschöpft. Die haben mir gestern dasselbe erzählt. Ich bin immer noch sprachlos.
Was sollen wir jetzt tun? Lina drückte das Handy ans Ohr, um in dem Lärm der Bahn jedes Wort mitzubekommen.
Keine Ahnung. Wir haben uns doch immer um sie gekümmert. Während sie für die Wohnung gespart haben, haben wir Lebensmittel gebracht, die Nebenkosten bezahlt. Immer da gewesen. Karins Stimme klang verletzt. Und unser kleiner Bruder Tom? Der hatte immer was zu tun. Entweder Arbeit oder seine Freundin.
Und wie wollen sie entscheiden, wer sich besser kümmert? Lina stieg an ihrer Haltestelle aus. Führen sie eine Punkteliste?
Karin lachte bitter.
Sieht so aus. Vielleicht ist das sogar gut. Dann wissen wir endlich, was wir ihnen wert sind. Obwohl ich ahne schon, wer gewinnen wird.
Die folgenden Wochen wurden für Lina zur Zerreißprobe. Die Eltern riefen ständig an. Der erste Anruf kam spätabends.
Lina, wir brauchen morgen früh Hilfe, sagte die Mutter fordernd. Wir müssen zum Arzt und noch einkaufen. Kannst du uns fahren? Dein Auto ist doch repariert, oder?
Morgen früh hatte sie ein wichtiges Meeting.
Mama, geht ein Taxi nicht?
Was fällt dir ein! Ein Taxi! Die Mutter war empört. Sind wir dir fremd? Kann eine Tochter ihren Eltern nicht helfen?
Lina seufzte. Wie immer stimmte sie zu. Am nächsten Morgen nahm sie sich frei und fuhr die Eltern herum, während sie von Tom schwärmten.
Freitags, als Lina auf der Arbeit am Quartalsbericht saß, rief der Vater an.
Schätzchen, die neue Möbel sind da. Hilf uns beim Tragen. Umzugshelfer sind teuer. Zu dritt schaffen wir das.
Papa, ich bin auf Arbeit
Was für eine Arbeit, wenn du deinen Eltern nicht helfen kannst?
Wieder ließ Lina alles stehen und liegen. Drei Tage lang schmerzte ihr Rücken.
Am Wochenende, als sie endlich zum Kosmetiker wollte, rief die Mutter.
Lina, wir machen Großputz. Vorhänge runter, Lampen putzen. Allein schaffen wir das nicht mehr.
Der Kosmetikertermin wurde abgesagt. Den ganzen Tag schrubbte Lina die Wohnung, während die Eltern von Tom erzählten.
Tom ist so fürsorglich, schwärmte die Mutter, während Lina den Herd putzte. Gestern hat er lange angerufen!
Wann war er das letzte Mal hier, um zu helfen? Lina konnte nicht länger an sich halten.
Die Eltern tauschten Blicke. Die Mutter verzog den Mund.
Was ist das für ein Ton? Tom hat viel zu tun. Er ist der Mann im Haus. Ihr Mädchen müsst euch mehr kümmern das ist eure Pflicht!
Lina biss die Zähne zusammen.
Eine Woche später stand sie wieder in der Wohnung und machte Wintervorräte. Die Eltern kommandierten.
Nicht so viel Essig! Mehr Dill! Tom liebt diese Gurken.
Wann kommt er sie essen? Lina drehte sich um.
Keine Ahnung schon lange nicht mehr hier gewesen.
Da platzte Lina der Kragen.
Dann bekommen Karin und ich die Wohnung? Weil nur wir helfen, während Tom nie da ist?
Die Mutter sprang auf, rot vor Wut.
Du Egoistin! Denkst nur an dich! Tom ist der Mann! Er muss eine Familie gründen! Ihm gehört das Erbe! Er ist unser Stammhalter!
Etwas in Lina brach. Jahre der Fürsorge für nichts. Langsam legte sie die Schürze ab.
Stammhalter? Und wir? Wir waren immer da. Aber das zählt nicht, oder? Sie ging zur Tür. Dann werde ich mich wie Tom verhalten.
Die Eltern liefen ihr nach.
Bleib doch! Du verstehst das falsch! Wer macht jetzt die Gurken?
Lina blieb stehen. Ich bin beschäftigt. Fragt Tom.
Sie rief Karin an.
Alles klar. Ich mache nicht mehr mit.
Dann werden wir halt schlechte Töchter, antwortete Karin.
Von da an ignorierten sie die Anrufe. Ruft Tom an er ist doch der Erbe.
Ein Monat verging. Lina spazierte durch den herbstlichen Park, die Blätter raschelten. Sie lächelte. Endlich hatte sie Zeit für sich.
Das Telefon summte. Die Mutter. Lina steckte es weg. Sollten sie Tom anrufen. Sie würde jetzt für sich selbst sorgen. Und für ihre eigene Familie.
Manchmal muss man schlecht sein, um gut zu sich selbst zu sein.







