**Tagebucheintrag**
Das Leben hat immer seinen eigenen Plan.
Hör mal, Ritka, ich habe Neuigkeiten, plapperte Anja. Nikita kommt morgen aus der Bundeswehr zurück, also heiraten wir bald. Du wirst auf unserer Hochzeit tanzen!
Woher weißt du das? Ihr habt doch nicht mal geschrieben, als er eingezogen wurde. Ihr wart nur Freunde. Und wie kommst du darauf, dass er morgen zurück ist?
Meine Mutter hat Tante Ira getroffen. Ob wir nur Freunde sind, wird sich noch zeigen. Er und alle anderen dachten das, aber ich liebe ihn schon lange. Jetzt lasse ich ihn nicht mehr los, freute sich Anja.
Na ja, freu dich nur. Ich bezweifle, dass du Nikita einfangen kannst. Er war immer ein eigenwilliger Typ. Und jetzt, nach der Bundeswehr, ist er sicher erwachsener geworden, hat mehr Grips im Kopf. In der Schule war er noch so ein wilder Junge, sagte Ritka, und Anja war sogar ein bisschen beleidigt.
Anja mochte Nikita schon immer, den Jungen aus der Parallelklasse. Zwar war er wild und flink, aber auch ein netter Kerl. In der neunten Klasse schoss er plötzlich in die Höhe, wurde der größte Junge der Klasse aber er schenkte keinem Mädchen besondere Aufmerksamkeit. Alle Mädchen waren nur Freunde für ihn, er scherzte mit allen, ging abends mit seinen Kumpels rum. Keines der Mädchen durfte er nach dem Kino nach Hause bringen.
Anja war oft in seiner Nähe, erfuhr, dass er mit den Jungs ins Kino ging, und rannte sofort zum Dorfkino. Nikita redete auch mit ihr, scherzte, umarmte sie manchmal aber mehr nicht. Die Mädchen waren heimlich alle verliebt in ihn, tuschelten aber auch untereinander:
Nikita ist irgendwie komisch. Alle Jungs gehen mit Mädchen aus, bringen sie nach Hause, aber er läuft immer allein heim.
Als Nikita zur Bundeswehr ging, warteten einige Mädchen heimlich auf ihn. Jede hoffte, dass er nach dem Dienst endlich eine von ihnen näher betrachten würde. Irgendwann würde er ja doch heiraten, eine Familie gründen müssen.
Sabine arbeitete seit vier Jahren in der Stadtschule, nachdem sie aus dem Dorf versetzt worden war. Sie war gleich nach dem Studium ins Dorf gegangen, um dort zu unterrichten. Jetzt lebte sie mit ihrer Mutter, Anna Maria. Ihr Vater war früh gestorben. Die Mutter war froh, dass Sabine nun in der Stadt wohnte wenigstens war sie nicht mehr allein in der Wohnung. Doch manchmal dachte sie:
Zwar freue ich mich, dass Sabine bei mir wohnt, aber irgendwann wird sie doch heiraten
Morgens brachte Sabine ihre Mutter zum Bus. Anna Maria fuhr zur Datscha ihrer älteren Schwester, der Sommer hatte begonnen. Sabine ging weiter zur Schule. Zwar waren Ferien, aber Lehrer hatten immer noch zu tun.
In Sabines Liebesleben gab es bisher keine Veränderung. Einmal hatte sie sich verbrannt Paul, ein Kommilitone, hatte sie betrogen. Sie träumte davon, mit ihm in seine Stadt zu ziehen, wo er ihr sogar einen Antrag machte. Doch im letzten Moment sagte er:
Ich will doch nicht heiraten, Sabine. Meine Eltern erwarten mich allein. Also leb wohl.
Sabine verarbeitete das und ging ins Dorf, um zu unterrichten. Jetzt war sie achtundzwanzig und hatte sich nie wieder verliebt.
Sabine saß im Büro des Schulleiters und besprach den Sommerplan, als die stellvertretende Direktorin hereinkam:
Sabine, da fragt ein junger Mann nach dir.
Interessant, wer wohl bei unserer Sabine auftaucht, lächelte der Direktor. Sie zuckte mit den Schultern.
Ich bin selbst gespannt.
Im Flur sah sie einen jungen Mann in Uniform, der aus dem Fenster starrte. Als er sich umdrehte und lächelte, dachte sie:
Wow, ein Fallschirmjäger kräftig, gesund. Wer mag das sein?
Sie trafen sich in der Mitte des Ganges.
Guten Tag, Sabine.
Guten Tag. Sie suchen mich?
Ja, wer sonst?
Entschuldigung, kennen wir uns?
Sehr gut sogar und schon lange. Er lächelte offen, mit Grübchen in den Wangen.
Nikita!, erkannte sie ihren ehemaligen Schüler und presste die Hände an ihre Lippen.
Ja, ich bins. Hab ich mich so verändert?
Mein Gott, das ist untertrieben! Sie umarmten sich.
Sie klopfte ihm auf den Rücken, trat dann zurück.
Lass mich dich ansehen. Was bist du für ein Mann geworden breit in den Schultern, erwachsen. Hätte ich dich in der Stadt getroffen, hätte ich dich nie erkannt. Vor ihr stand ein Traum vieler Mädchen.
Machen Sie mich nicht verlegen, Sabine. Hier, Blumen für Sie. Er reichte ihr einen Strauß. Ich bin ganz normal. Aber an mir wären Sie nicht vorbeigegangen ich hätte Sie angesprochen.
Wie hast du mich hier gefunden?
Ich wusste schon vor der Bundeswehr, in welcher Schule Sie arbeiten. Er grinste stolz. Ich komme direkt vom Bahnhof Dienst beendet, frei.
Wo wohnst du? Du musst doch noch ins Dorf. Oh, du bist sicher hungrig. Warte, ich hol meine Tasche, dann gehen wir zu mir. Es ist nicht weit.
Während Sabine das Essen warm machte, wusch sich Nikita. Es war heiß, also zog er die Uniform aus, blieb im Unterhemd. In der Küche fragte er:
Sabine, kann ich helfen?
Nein, setz dich.
Sabine drehte sich zum Herd, war geschockt und warf heimliche Blicke auf ihn. Sein muskulöser Körper ließ ihr Herz höher schlagen. Nichts war mehr von dem flinken Jungen aus der neunten Klasse übrig ein völlig anderer Mensch. Sie stand da, den Löffel an den Lippen.
Was ist mit mir? Wieso fühle ich das?
Nikita saß da, kaum in der Lage, sich zu verstellen. Er wollte Sabine unbedingt umarmen, die er seit der Schule liebte. Schön und gutherzig er wusste, dass sie unverheiratet war. Sein Freund Stefan hatte ihm geschrieben, dessen Tante war die stellvertretende Direktorin.
Also, Nikita, iss erstmal. Dann trinken wir Tee.
Sie erinnerten sich an die Zeit, als Sabine im Dorf unterrichtet hatte. Sie hatte damals gespürt, wie er sie ansah, aber es nie wichtig genommen. Alle älteren Schüler beachteten die junge Lehrerin.
Was gibts Neues im Dorf? Wer unterrichtet jetzt an meiner Stelle? Ich würde gern viele wiedersehen.
Eine junge Lehrerin, Vera. Mein älterer Bruder hat sie schnell geheiratet. Jetzt haben sie schon einen Sohn. Plötzlich schwieg Nikita, sammelte Mut und platzte heraus:
Sabine zum ersten Mal ohne Frau ich bin wegen dir gekommen. Bitte heirate mich. Ich liebe dich seit der Schule.
Heiraten?
Ja. Ich bitte um deine Hand. Wie du siehst, bin ich erwachsen geworden aber ich liebe dich noch immer.
Aber Nikita, mein lieber Nikita, wir haben acht Jahre Altersunterschied.
Vergiss das, sagte er ruhig, nahm ihre Hände. Vergiss es. Das zählt nicht mehr. Damals war es ein Unterschied vierzehn und zweiundzwanzig. Jetzt ist es egal, denn ich bin kein Junge mehr, sondern ein Mann. Ich werde Verantwortung tragen, für meine Familie sorgen.
Er zog die schockierte Sabine auf seinen Schoß.
Bei uns wird alles gut. Wir bauen ein Haus im Dorf. Groß und geräumig, damit die Kinder Platz haben.
Sabine war sprachlos, nickte nur.
Ich habe noch nicht einmal Ja gesagt, und du redest schon von Kindern.
Ich habe es in deinen Augen gesehen. Sie haben mich durchbohrt wie glühende Kohlen. Ich wäre fast in Flammen aufgegangen.
Du bist ein Träumer, lachte Sabine endlich.
Ja, das bin ich.
Sie saßen noch lange, redeten. Nikita blieb diese Nacht bei Sabine. Am nächsten Morgen fuhren sie zur Datscha, um ihn Anna Maria vorzustellen und um zu sagen, dass Sabine mit Nikita ins Dorf ziehen würde.
Auf der Datscha griff Nikita zum Spaten, hackte einige Beete um.
Bitte, säen Sie, pflanzen Sie. Dann nahm er den Hammer, reparierte das wackelige Gartentor.
Die Frauen deckten den Tisch.
Gut, Nikita, sehr gut.
Beim Essen verkündeten Sabine und Nikita ihre Hochzeitspläne. Mutter und Tante waren überrascht, gratulierten. Nikita sah, dass Anna Maria traurig wurde.
Anna Maria, seien Sie nicht traurig, dass Sie allein in der Stadt bleiben. Wir bauen ein Haus im Dorf und holen Sie zu uns. Es ist schön dort, Sie werden es mögen. Und meine Mutter ist nett Sabine kennt sie.
Nachmittags fuhren sie mit der S-Bahn ins Dorf. Nikita rief seine Mutter an.
Ich komme mit dem Sechsuhrzug. Und nicht allein.
Mit wem denn?, wunderte sich Irene. Mit einer Freundin?
Keine Ahnung, Mama, sagte Bernd, sein älterer Bruder. Er, seine Frau Vera und ihr Sohn waren schon da, wussten von Nikitas Rückkehr.
Stimmt, pflichtete Vera bei. Wir müssen den Tisch decken.
Irene spähte aus dem Fenster, sah aber erst, als Nikita und Sabine schon durchs Tor gingen ihr jüngster Sohn, nun erwachsen, und seine ehemalige Lehrerin.
Mama, Nikita ist da!, rief Bernd, stürmte hinaus, umarmte seinen Bruder. Nikita war einen halben Kopf größer und breiter in den Schultern.
Mann, bist du stark! Die Bundeswehr hat dich geprägt. Dann besann er sich. Guten Tag, Sabine.
Irene stürzte auch raus, umarmte Nikita.
Hallo, Sabine. Wie schön, dass du kommst! Hier erinnert man sich gern an dich. Wie habt ihr euch getroffen?
Mama, nicht so viele Fragen. Wir erklären alles später. Wartet mal, warum stehen wir hier draußen?
Stimmt, rief Irene. Kommt rein!
Am Tisch schenkte Bernd Wein ein. Nikita stand auf.
Ihr fragt euch sicher, warum wir zusammen sind. Sabine und ich heiraten. Er trank allein. Alle starrten ihn verblüfft an.
Sabine faltete die Hände im Schoß. Nikita legte seine darauf. Stille. Dann lachte Irene plötzlich.
**Die Mutter war überglücklich.**
Ich freue mich, Nikita, Sabine. Wirklich sehr! Dann sah sie Vera an und lachte noch lauter.
Sabine hat vor dir hier unterrichtet, Vera. Jetzt gehst du in den Mutterschutz, Sabine übernimmt deine Stelle. Sie lachte weiter. Und dann geht Sabine in den Mutterschutz, du übernimmst wieder So wechselt ihr euch ab!
Alle lachten. Da kamen Anja und Ritka herein.
Hallo! Wir haben gehört, Nikita ist da.
Kommt herein, sagte Bernd. Wir feiern gerade Nikita ist mit seiner Braut gekommen. Bald Hochzeit!
Die Mädchen tauschten enttäuschte Blicke, setzten sich kurz und verschwanden dann.
**Was ich gelernt habe:** Das Leben führt uns oft unerwartet zusammen. Manchmal findet die Liebe dort, wo wir sie am wenigsten vermuten und überwindet sogar Jahre und Vorurteile.







