Das Leben zwingt einen, die Pläne zu überdenken
Edeltraud wuchs in einer bescheidenen Familie auf, ihre Eltern waren einfache Ingenieure, sie lebten in einer alten Plattenbauwohnung, Geld war ständig knapp. Edda beneidete sogar die Mädchen, die sich schick anzogen, während sie selbst nur ihre Schuluniform und ein paar abgetragene Kleider besaß.
Nach dem Abitur und dem Studienbeginn fasste sie einen festen Entschluss:
Mein Zuhause wird anders sein. Mein Leben wird anders sein.
Und sie schaffte es. Natürlich nicht sofort. Zunächst arbeitete sie als Deutsch- und Literaturlehrerin, später wechselte sie sogar ins Schulamt. Doch dann traf sie eine ehemalige Kommilitonin, die ihr einen Job in einer Firma mit ausländischen Investoren anbot.
Komm, Edda, du verlierst nichts, im Gegenteil. Die Gehälter sind anständig, sagte sie und nannte eine Summe, bei der Edda fast der Kiefer herunterklappte. Wir haben ein tolles Team, und ich weiß, dass du zupacken kannst.
Danke, Liebes, ich komme bestimmt. Geld braucht schließlich jeder, lächelte Edeltraud.
Zu dieser Zeit war sie bereits mit Gerhard verheiratet, und ihr Sohn Lukas war vier Jahre alt. Sie wohnten bei seinen Eltern, natürlich beengt und abhängig. Gerhard arbeitete als Zahntechniker in einer Praxis.
Die neue Stelle übertraf alle Erwartungen. Die Arbeit gefiel ihr, sie verdiente bald sehr gut, und sie kauften eine große Eigentumswohnung auf Kredit. Dann folgte ein teures Auto. Die Chefs bemerkten schnell Edeltrauds Fleiß, und bald kamen üppige Boni dazu. Mit der Zeit stieg sie auf, wurde schließlich stellvertretende Geschäftsführerin.
Natürlich hinterließ das Spuren. Edeltraud wurde etwas hochnäsig, besonders gegenüber Gerhards Verwandten. Schließlich lebten sie viel besser als seine Schwester Helga.
Edda, beeil dich doch, wir sind spät dran, drängelte Gerhard, als sie sich für Helgas Geburtstagsfeier fertigmachte. Und bitte sei nett. Ich will, dass ihr Tag schön wird.
Edeltraud nickte. Sie hatte tatsächlich vor, sich liebenswürdig zu geben. Gerhard war nervös seine Frau brauchte immer ewig, um sich für irgendetwas herzurichten. Edeltraud aber schminkte sich sorgfältig, ohne Eile. Sie hatte ohnehin keine Lust, zu Helga und ihrem Mann Jürgen zu gehen.
Alles bei ihnen ist so mittelmäßig, grau und ohne Charme, dachte sie, während sie in den Spiegel starrte. Altmodische Salate, langweilige Brote, kein Kaviar, kein edler Wein, nur billiger Schnaps und das Geschirr! Die ganze Wohnung mit ihren zwei Zimmern lässt zu wünschen übrig. Klar, sie haben drei Kinder und einen kleinen Gemüseladen, aber der Gewinn scheint mickrig.
Endlich war sie fertig, zog ein elegantes Kleid an und betrat stolz das Wohnzimmer. Gerhard und Lukas sprangen vom Sofa auf.
Endlich!
Der Fußmarsch in den fünften Stock des plattenbau-typischen Hauses ohne Aufzug, der enge Flur, die vielen Begrüßungen all das verdarb Edeltrauds Laune. Die Wohnung war voll, der Tisch zu klein, Kinder rannten kreischend umher. Helga trug alte Jeans und ein kariertes Hemd.
Hätte sie sich wenigstens zum Geburtstag etwas Schönes angezogen, dachte Edeltraut und setzte sich neben Gerhard.
Vor dem Essen überreichte sie Helga ein teures Parfüm.
Danke, Edda, wirklich. Du verstehst immer, was gut ist. Ein Duft ist etwas Besonderes.
Edeltraud musterte den Raum: die abgewetzten Tapeten, die alten Bücherregale, die durchgesessene Couch alles längst überfällig für eine Renovierung.
Jürgen, Helgas Mann, hatte sie noch nie gemocht. Er grinste sie immer spöttisch an. Sie war sicher, er beneidete sie. Helga war ungepflegt, ohne Maniküre. Und jetzt fragte er wieder mit diesem hämischen Lächeln:
Wie läufts, Edda? Bald Chefin?
Ganz gut, bald, zwang sie sich zu einem Lächeln. Ihr habt heute ja viele Gäste.
Ja, Helga wird von vielen gemocht. Deshalb sind sie gekommen, antwortete Jürgen und warf seiner Frau einen liebevollen Blick zu.
Der Abend verlief ohne Zwischenfälle. Später saßen Edeltraud und Gerhard auf ihrer teuren Ledercouch und nippten an spanischem Wein.
Bei Helga wars ganz nett, bemerkte Gerhard.
Ja, es ging. Du weißt, ich mag sie nicht, sie mögen mich nicht. Lass uns das Thema beenden, sagte sie und hielt ihr Weinglas fest.
Gerhard willigte ein.
Am nächsten Tag hatte Edeltraud einen Termin im Schönheitssalon.
Ihr müsst euch ohne mich beschäftigen. Fahrt irgendwohin, esst auswärts. Der Kühlschrank ist fast leer. Schafft ihr das?
Hatten wir eine Wahl?, fragte Gerhard. Du hättest uns vorher fragen können, bevor du den Termin machst. Aber gut, fahr nur. Wir werden schon klar kommen.
Nach dem Wochenende erfuhr Edeltraud, dass in der Firma Stellen gestrichen wurden. Der Geschäftsführer musste gehen, und alle Kollegen dachten, sie würde seine Nachfolgerin.
Edda, bestimmt wirst du befördert, sagte eine Kollegin beim Kaffee.
Weiß nicht. Es hat noch keiner mit mir geredet.
Dann kam der Tag, an dem der Firmenchef sie zu sich rief. Sie ging mit guter Laune durch den Flur, überzeugt, dass es um ihre Beförderung ging.
Kommen Sie herein, Edeltraud, setzen Sie sich, begann er höflich, dann wechselte er den Ton. Edeltraud, ich könnte sagen, du bist eine hervorragende Fachkraft, klug und verlässlich aber das weißt du selbst. Er seufzte. Es gibt nur ein Problem. Du weißt, der Geschäftsführer geht. Ehrlich gesagt, wir entlassen ihn. Und leider betrifft das sein ganzes Team, auch dich. Ich habe versucht, das zu verhindern, aber die Kürzungen Du musst verstehen, es geht nicht um Leistung. Es sind die Positionen, auf die die Firma verzichten kann. So ist die Entscheidung.
Wie in Trance verließ Edeltraud das Büro. Schweigend packte sie ihre Tasche und fuhr nach Hause. An Arbeit war heute nicht mehr zu denken. Lukas war noch in der Schule, Gerhard im Labor. Sie setzte sich aufs Sofa und weinte.
Was soll dieses ,anständige Abfindungspaket? Ich fühle mich nutzlos, wie über Bord geworfen. Ich habe alles gegeben, oft bis spät gearbeitet, dachte, ich sei unersetzlich. Und jetzt das
Reg dich nicht auf, wir kommen durch, tröstete Gerhard abends. Du findest was Neues.
Gerhard, was redest du da? Wo finde ich so ein Gehalt wieder?
Vielleicht nicht gleich, aber es wird. Ich arbeite, wir haben Ersparnisse. Alles wird gut.
Du bist der beste Mann der Welt, seufzte Edda und schmiegte sich an ihn. Aber das hilft mir jetzt nicht.
Edda, du wirst sehen, such dir was in Ruhe. Leg erst mal eine Pause ein.
Doch sie konnte nicht warten. Schon am nächsten Tag schrieb sie Bewerbungen, durchforstete Online-Angebote. Ein Monat verging nichts Passendes. Keine Anrufe, keine Nachrichten. Nach Jahren der Karriere fühlte sie sich plötzlich fehl am Platz.
Gerhard, wir müssen sparen, sagte sie eines Tages. Die Abfindung ist endlich, und Arbeitslosengeld gibts nicht ewig. Keine Restaurants mehr, nur noch selbst kochen. Auch wenn ich nicht gut darin bin.
Ich esse eh lieber zu Hause. Kochen lernst du schon, lächelte er.
Dann endlich klingelte das Telefon. Man lud sie zum Vorstellungsgespräch ein. Im Büro saß ein junger Mann in makellosem Hemd, der Anzug saß perfekt. Gepflegt, freundlich.
Sie haben Erfahrung im Kundenservice, stellte er fest.
Ja, ohne falsche Bescheidenheit: Ich habe in meiner alten Firma alle Stufen durchlaufen.
Alle außer der höchsten. Ihr Sohn ist schon größer, Sie planen hoffentlich keine weiteren Kinder? Sie war sprachlos.
Das geht Sie nichts an, fauchte Edeltraud.
Keine Sorge, mir sind Details wichtig. Und welche Gehaltsvorstellung haben Sie?
Sie nannte eine Summe in der Nähe ihres alten Gehalts. Seine Augen wurden groß.
Das sind sehr hohe Erwartungen. Wir bieten die Hälfte, teilweise als Boni. Ich weiß nicht, wo Sie heutzutage so etwas finden. Sie sind wohl nicht interessiert
Edeltraud verabschiedete sich wortlos. Zu Hause beschwerte sie sich ihr Können wurde nicht gewürdigt, wie konnte man von so wenig leben? Der Januar und Februar waren eisig, sie blieb meist daheim. Schließlich verkauften sie den Mercedes es musste sein.
Traurig?, strich Gerhard ihr über das Haar. Mach dir nichts draus. Wir kaufen später einen kleineren. Schwere Zeiten gehen vorbei.
Eines Tages rief Helga an.
Edda, bist du da? Ich muss mit dir reden.
Sie saßen in der Küche, tranken Kaffee. Helga schlug vor:
Komm zu uns in den Laden. Jürgen will mit einem Freund eine kleine Firma gründen, Fliesen legen, renovieren. Er ist gut darin. Ich schaffe den Laden allein nicht. Die Ware muss bestellt, eingeräumt werden. Die Supermärkte nehmen uns die Kunden weg. Aber ich vertrau dir. Lass uns zusammen arbeiten.
Edeltraud schwieg. Die Worte blieben ihr im Hals stecken.
Ich soll Kartoffeln und Möhren herankarren?, brachte sie schließlich hervor.
Am Anfang mach ich das, oder Jürgen hilft. Du gewöhnst dich dran.
Sie beleidigte Helga nicht, versprach aber auch nichts. Als Gerhard heimkam, ließ sie ihrem Ärger freien Lauf.
Wie kann sie mir so etwas anbieten? Ich soll Gemüse verkaufen? Das ist erniedrigend!
Gerhard verlor die Geduld.
Hör auf! Ich habe genug von deinem Gejammer. Du sitzt zu Hause, findest nichts, willst aber auch nicht sparen. Also hör auf, Helga zu beleidigen! Sie meint es gut. Ich sehe nichts Erniedrigendes daran. Hör auf, dich zu bemitleiden. Wenn das Leben die Pläne ändert, muss man damit klarkommen.
Edeltraud hatte ihn noch nie so erlebt.
Aber sie tut es aus Mitleid. Sie mögen mich nicht
Wie sollen sie dich mögen, wenn du dich für was Besseres hältst? Sie hat keine Uni besucht, dafür drei Kinder großgezogen und schmeißt den Haushalt.
Zwei Tage herrschte Schweigen. Doch dann überdachte Edeltraud seine Worte. Als Gerhard von der Arbeit kam, verkündete sie:
Ich gehe zu Helga. Hab schon mit ihr geredet. Morgen fange ich an.
Das ist meine Kluge! Dein Wissen wird auch dort nützlich sein
Eineinhalb Jahre vergingen. Im ersten Monat weinte Edeltraud über ihre rauen Hände, über unhöfliche Kunden. Doch nach drei Monaten hatte sie sich eingearbeitet.
Doch dann brach sich Helga das Bein. Edeltraud musste allein klar kommen. Sie fuhr selbst den Lieferwagen, organisierte die Ware, ließ sie abladen. Später renovierten sie gemeinsam den Laden, Edeltraud investierte ihre Ersparnisse.
Sie erstellte einen Businessplan, überlegte Marketingstrategien gegen die Supermärkte. Der Umsatz stieg. Wenn Edeltraud jetzt in den Spiegel sah, erblickte sie eine Geschäftsfrau in Jeans und kariertem Hemd, ohne Mercedes, mit seltenen Salonbesuchen. Doch sie lächelte. Das Leben hatte sich gefügt.
Jetzt denken sie sogar über einen zweiten Laden nach. Und sie werden ihn eröffnen.







