Wenn Menschen füreinander bestimmt sind
Maria und ihr Mann Michael kamen traurig und erschöpft von der Beerdigung zurück. Sie hatten Michaels Mutter Anna zu Grabe getragen, Marias Schwiegermutter.
Nun hat sie ihre Ruhe, sagte Michael leise. Sie liegt neben Vater, genau wie sie es sich gewünscht hat. Die ganze Zeit hat sie davon gesprochen.
Ja, antwortete Maria. Obwohl sie wusste, dass wir sie nirgendwo anders begraben würden, hat sie sich nur darum gesorgt. Sie seufzte. Das Leiden ist vorbei. Diese Krankheit war grausam.
Den ganzen Abend saßen sie schweigend da, jeder in seinen Gedanken versunken. Maria erinnerte sich an ihr Leben, besonders an die Zeit vor der Ehe. Es war kein einfaches Leben gewesen. Sie hatte früh ihre Eltern verloren sie waren bei einem Brand im Haus der Großmutter ums Leben gekommen, wo sie nach der Beerdigung des Großvaters übernachtet hatten. Maria und ihr älterer Bruder Karl waren zu Hause geblieben. Am nächsten Morgen erfuhren sie die schreckliche Nachricht.
Die Dorfbewohner halfen bei der Beerdigung. Großvater Heinrich hat seine Frau und ihre Kinder mitgenommen, flüsterten sie.
Karl war fast erwachsen, siebzehn Jahre alt, Maria erst dreizehn. Sie blieben allein im Haus zurück. Karl arbeitete in der Landwirtschaft, Maria ging zur Schule. Das Schicksal war hart zu ihr. Manchmal konnte sie selbst kaum glauben, was sie durchgemacht hatte.
Ihr Dorf, wo Karl und Maria lebten, war klein nur zweiundvierzig Häuser. Die Schule hatte nur die ersten Klassen, ab der fünften mussten die Kinder ins Nachbardorf gehen, drei Kilometer entfernt. Im Winter war es kürzer, wenn man über den zugefrorenen Fluss ging. Früher hatte es einen alten Mann namens Nikodem gegeben, der die Kinder montags mit dem Pferdewagen zur Schule brachte und samstags wieder abholte. Die Kinder wohnten unter der Woche im Internat.
Aber nicht alle wollten dort bleiben, besonders die Älteren. Sie hatten eine Abmachung angeführt von Max, dem Sohn des Dorfvorstehers.
Wer heute nach Hause will, trifft sich nach dem Unterricht auf der Bank vor der Schule. Wir gehen zu Fuß.
Drei Kilometer waren nicht weit, und in der Gruppe war der Weg durch den Wald nicht beängstigend. Die Jungen begannen, sich für die Mädchen zu interessieren, schrieben ihnen Zettel und verabredeten sich zum Spaziergang. Am Wochenende traf man sich in der Dorfhalle zum Tanzen.
Maria besuchte dieselbe Schule. Als sie älter wurde, wurde sie zur Schönheit des Dorfes. Zart wie ein Engel, mit sanfter Stimme wer sie ansah, verlor den Kopf. Sie war klug, freundlich und bescheiden. Doch sie war eine Waise und lebte bei ihrem Bruder Karl, der inzwischen geheiratet hatte. Seine Frau, Sabine, mochte Maria nicht.
Nach der Schule gehe ich in die Stadt, träumte Maria. Ich werde Köchin lernen. Sabine wird mich hier nicht in Ruhe lassen.
Sie klagte nie bei Karl. Sie wusste, dass er seine eigene Familie hatte.
Die Jungen im Dorf respektierten Maria. Doch dann verbreitete sich das Gerücht: Max und Maria waren ein Paar.
Zwei Turteltauben, tuschelten die alten Frauen. Da wird bald Hochzeit sein.
Doch nicht alle freuten sich. Max Eltern, der Dorfvorsteher Siegfried und seine Frau Helga, wollten die Beziehung nicht.
Denkst du, unserein heiratet eine mittellose Waise? Siegfried war wütend. Ich habe eine Bessere für ihn im Sinn die Tochter des Landwirts aus dem Nachbardorf.
Sie beschlossen, die beiden zu trennen. Siegfried redete mit Sabine.
Schick Maria zu deiner Tante Klara in den Schwarzwald. Ich gebe dir Geld dafür.
Sabine überredete Karl, und Maria wurde weggebracht gegen ihren Willen.
Max war untröstlich. Als er später zum Militär musste, schrieb er kaum noch nach Hause. Gegen Ende seiner Dienstzeit teilte er seinen Eltern mit, dass er eine Braut mitbringen würde.
Das ganze Dorf wartete gespannt. Als das Taxi hielt und Max in Uniform ausstieg, half er einer jungen Frau in weißem Kleid heraus.
Es war Maria.
Hier ist meine Braut, verkündete Max laut. Und sie bleibt.
Die Eltern hatten keine Wahl. Sie feierten eine große Hochzeit, und mit der Zeit akzeptierten sie Maria. Sie lebten glücklich, bekamen zwei Söhne.
Jahre später starb Siegfried, und kurz darauf Helga. Maria hatte sich um sie gekümmert, als wäre sie ihre eigene Mutter.
Nun saßen Maria und Michael still im Haus. Die Trauer würde mit der Zeit verblassen. Das Leben ging weiter.







