Sie weiß es besser

Für Gabriele Meier war jener Oktober, als Michael Christina heiratete, ein wahrer Albtraum. Die goldenen Herbstfarben sah sie nicht sie sah nur, wie ihr Junge, ihr Lebenssinn, ihr Meisterprojekt, in die Krallen dieser Christina geriet.

Die zukünftige Schwiegertochter hatte sie auf den ersten Blick abgelehnt. Zu selbstständig, zu unabhängig. Sah einem direkt in die Augen, hatte ihre eigene Meinung. Und das Schlimmste: ein Kind im Arm. Noch dazu ohne verheiratet zu sein. Was für eine Frau war das denn? Hat sich meinen Micha geschnappt und jetzt soll er auch noch ihr Töchterchen durchfüttern, dachte Gaby mit bitterem Groll.

Dabei gab es doch eine andere. Tanja.

Die Tochter ihrer Freundin. Jene, für die Gabriele Meier im Geiste bereits Hochzeitspläne geschmiedet hatte. Ruhig, bescheiden, folgsam. Buchhalterin. Arbeitete in einer seriösen Firma. Und vor allem sie verstand und akzeptierte die besondere Bindung zwischen Mutter und Sohn. Tanja hatte sogar einmal gesagt: Gabriele Meier, ich werde mich immer bei Ihnen beraten, Sie kennen ihn ja so gut. So etwas hörte man gern.

Aber diese Christina! Mit ihr kam man einfach nicht ins Gespräch. Auf jedes Angebot, zu helfen, Ratschläge zu geben, wie man Micha die besten Frikadellen machte oder seine Hemden bügelte, antwortete sie höflich, aber bestimmt: Danke, wir kriegen das schon alleine hin. Dieses alleine schnitt Gabriele Meier wie ein Messer. Sie war doch die Mutter! Sie wusste es besser!

***

Auch bei Christina zu Hause herrschte keine ausgelassene Freude. Mit fast 30 lebte sie noch bei ihren Eltern, zog ihre Tochter groß und sehnte sich natürlich nach Liebe. Michael schlug schnell vor, zu ihm zu ziehen, kaum einen Monat nach dem Kennenlernen allerdings zunächst ohne das Kind. Ein paar Monate später stand dann die Hochzeit an er habe endlich die Richtige gefunden und wolle ein Nest bauen.

Christina schwebte auf Wolke sieben. Das war diese wahre, berauschende Liebe, von der sie immer geträumt hatte. Wenn jemand sie bremsen wollte, sie darauf hinwies, dass Verliebtheit blind mache, dass Michael nicht reif für die Ehe sei, wurde sie sauer. Sie liebte ihn bedingungslos und war überzeugt, ihn glücklich machen zu können, ihm zu helfen, seine Flügel auszubreiten.

Einen Monat vor der Hochzeit saß sie in der Küche ihrer Mutter. Diese trank Tee und betrachtete ihre Tochter mit seltsamer Wehmut.

Christina, du weißt doch, dass Michael ein schwieriger Charakter ist?, begann sie vorsichtig.

Mama, er ist einfach sensibel!, verteidigte Christina sofort ihren Verlobten. Niemand hat ihn je verstanden. Aber ich verstehe ihn.

Es geht nicht um Verständnis, mein Kind. Er ist es gewohnt, behütet zu werden, unterm Schutz seiner Mutter zu leben, ohne Verantwortung. Bist du bereit, alles alleine zu tragen? Ihn, seine Mutter, deine Tochter?

Er wird sich von ihr lösen, wenn wir eine eigene Familie haben! Michael braucht einfach Liebe und Unterstützung. Das gebe ich ihm.

Ihre Schwester Veronika war direkter. Nach einem Besuch, bei dem Michael den ganzen Abend nur über seinen Ärger mit dem Ex-Chef redete, ohne jemanden zu Wort kommen zu lassen, zog sie die Braut beiseite:

Chris, dein Michael ist ein eingefleischter Egoist. Siehst du das nicht? Er nimmt keine Menschen um sich herum wahr, nur sich selbst interessiert ihn.

Er ist einfach aufgewühlt. Du hast nicht gesehen, wie zärtlich und lustig er sein kann!

Du idealisierst ihn, schüttelte Veronika den Kopf. Ehe ist nicht nur Zärtlichkeit, sondern auch darum, wer regelmäßig den Müll rausbringt und dir Tee bringt, wenn du krank bist.

Christina hörte nicht hin. Ihr schien, die Familie beneidete sie nur um die schnelle Hochzeit. Sie glaubten nicht an wahre Liebe. Dabei stritten sie und Michael in den ersten Monaten kaum. Sie liebte es, ihr neues Zuhause einzurichten, neue Rezepte auszuprobieren für den Liebsten zu kochen machte Freude. Außerdem war er oft auf Dienstreisen, sie vermissten sich einfach. Kurzum: Auf fremde Meinungen gab Christina nichts. Die Versuche der zukünftigen Schwiegermutter, ihr Lebensberater zu werden, ignorierte sie gelassen zum Glück hatte Michael eine eigene Wohnung, das stimmte sie optimistisch.

***

Hätte Gabriele Meier es verhindern können, sie hätte die Hochzeit verboten. Doch alles ging zu schnell, der Junge war schließlich erwachsen, bald 34. Die Hoffnung, er würde Christina nach drei Monaten rauswerfen wie alle vorherigen Frauen, erfüllte sich nicht. Dazu kam die große Verwandtschaft der Braut. Bei der Hochzeitsplanung machte Gabriele nicht mit. Sie war die einzige Gastgeberin auf Seiten des Bräutigams und fand, wenn die Eltern der Braut ein teures Fest wollten, war das deren Sache. Auf der Feier beobachtete sie unentwegt das Paar. Christina war offensichtlich verliebt und sah Michael mit bewundernden Augen an. Das hält nicht, dachte die Schwiegermutter. Irgendwann reichts ihr, und sie lässt ihn fallen. Mit ihr kann Michael nicht leben.

Nach der Trauung holte Christina ihre Tochter zu sich und baute ihr Eheleben auf. Gabriele Meier wohnte am anderen Ende der Stadt, rief und kam aber so oft, dass sie ihrer Schwiegertochter bald auf die Nerven ging. Sie kritisierte alles. Michael widersprach seiner Mutter nie. Vielleicht konnte er es auch nicht. Und sie, wenn sie sah, wie Christina ihn umerziehen wollte, Forderungen stellte, kochte vor Wut.

Als Michael seinen Job verlor, verdoppelte die Mutter ihre Präsenz. Täglich Anrufe. Unangekündigte Besuche mit Kuchen, Kontrollen von Kühlschrank und Schränken.

Ach Michael, du magst doch weiße Socken. Christina, warum hast du keine gekauft?

Mama, hör doch auf, murmelte Michael, aber die Socken von Mama zog er an.

Christinas Erkenntnis kam langsam und schmerzhaft. Erstens war sie in Kochen und Putzen der Mutter klar unterlegen. Zweitens musste sie mehr arbeiten, weil Michaels vorübergehende Arbeitslosigkeit ein halbes Jahr dauerte. Er wartete auf Zahlungen seiner pleitegegangenen Firma, suchte keine Stelle, hoffte, die Welt würde ihm etwas Angemessenes anbieten. Sie lebten von Christinas Gehalt und ihren bescheidenen Ersparnissen.

Einmal, als das Geld nicht mal für Basics reichte, meinte er leichtfüßig:

Ruf doch Mama an, leih dir was bis zum Gehalt.

Sie war sprachlos.

Michael, wir sind erwachsen. Wie wärs, wenn du endlich mal nach Jobs schaust?

Du glaubst nicht an mich?, sein Gesicht verzog sich. Ich geh doch nicht irgendwo hin! Oder willst du, dass ich Kisten schleppe?

Gabriele Meier fing jede Klage auf, jedes böse Wort über Christina und machte gleich ein Drama daraus:

Sie versteht dich nicht, mein Junge. Weiß dich nicht zu schätzen. Ich habs immer gesagt. Tanja hätte das nie gemacht.

Sie malte ihm eine Welt, in der man auf ihn wartete, ihn verstand und schätzte. Anders als Christinas Welt, voller Vorwürfe und seltsamer Forderungen, erwachsen zu werden. Michael schwieg. Und nickte stets, wenn Mama Teller im Spülbecken oder Sand im Flur monierte. Nach ihrem Besuch rastete er bei Christina aus: Warum kannst du nicht einfach rechtzeitig putzen, dass es keinen Ärger gibt?!

Christina war verletzt, klar. Sie kämpfte, redete, erklärte. Doch prallte an einer Mauer ab. Michael gehorchte seiner Mutter. Er wollte das Oberhaupt seiner Familie sein, war aber von Kind auf gewöhnt, dass Mama das Sagen hatte. Ihr Wort war Gesetz. Sie wusste es besser. In Krisen kein Geld, Streit mit Christina lief er instinktiv zu ihr. Weil sie Lösungen hatte. Weil sie gab. Weil es bei ihr sicher und vertraut war. Mama stand immer zu ihm. Und materiell? Michael hatte sich nie sonderlich anstrengen müssen. Der Vater, von Schuldgefühlen geplagt, sprang bei jedem Wunsch ein. Erst ein cooles Fahrrad, dann ein Moped, ein Auto, schließlich mit 30 eine Eigentumswohnung.

Noch bevor der Seitensprung bekannt wurde, begriff Christina, dass sie einen ewigen Knaben geheiratet hatte und lebenslang gegen seine Mutter kämpfen würde. Als ihr also ein pikantes Video geschickt wurde, fragte sie nicht lange. Sie rief ihre Eltern, packte ihre Sachen und ging.

Gabriele Meier empfand tiefe Erleichterung. Endlich war diese dumme Ehe gescheitert. Ihr Junge war wieder bei ihr.

Als Erstes tröstete sie Michael:

Du bist ein Mann, das passiert. Sie hat es selbst verschuldet, dich so weit getrieben. Kein Wunder, wenn zu Hause keine Gemütlichkeit herrscht. Wenn ein Mann sich wohlfühlt, macht er so was nicht. Kopf hoch, mein Sohn. Alles wird gut. Mama ist für dich da. Siehst du, ich räume auf, ich koche. Und wer weiß, vielleicht schaut Tanja mal vorbei. Sie mochte dich immer.

***

Christina ging entschlossen, war aber am Boden zerstört. In ihrer Familie hielten Ehen meist ein Leben lang, eine Scheidung nach zwei Jahren war ein totales Versagen. Sie rechnete mit Diskussionen, Appellen, durchzuhalten, zu verzeihen. Doch nichts davon kam.

Dann geschah das Erstaunlichste.

Als sie ihre Mutter anrief und schluchzend herausplatzte: Ich halts nicht mehr aus. Ich lasse mich scheiden, kam nur: Gut, komm nach Hause, euer Zimmer steht bereit.

Abends, als Christina schonungslos ihre Ehe schilderte, unterbrach die Mutter nicht.

Lass dich scheiden, mein Kind, sagte sie leise, als Christina fertig war. Ist Michael dir jemals entgegengekommen?

Nie, aber du willst mich nicht umstimmen?

Nein. Dieser Mann ändert sich nie. Du wirst ihn ein Leben lang bemuttern. Willst du das?

Dasselbe sagte die Schwester: Glückwunsch! Ich bin froh, dass du endlich siehst, wies wirklich ist. Selbst die Oma, 55 Jahre verheiratet, segnete die Scheidung ab. Sogar der strenge Vater, sonst für Traditionen, hämmerte auf den Tisch: Bravo, dass du dir das nicht länger antust!

Da kochte in Christina eine ganz andere Wut hoch. Sie stürmte zu ihrer Mutter, bereit zum Streit.

Warum habt ihr alle geschwiegen?!, schrie sie, keuchend vor Tränen. Ihr habt es doch gesehen! Ihr wusstet, wie er ist! Bei der Hochzeit, vor der Hochzeit! Warum habt ihr mich nicht aufgehalten, mir verboten, ihn zu heiraten?! War euch mein Leben egal? Wars euch egal, wen ich nehme?!

Die Mutter sah sie an, unendlich müde und liebevoll:

Christina, mein Mädchen. Was hätte das geändert, sag mir? Wenn ich vor dem Standesamt auf die Knie gefallen wäre und gebettelt hätte, ihn nicht zu heiraten? Hättest du gehört? Hättest du mir geglaubt? Oder wärst du mir ewig böse gewesen, überzeugt, ich zerstöre dein Glück?

Christina schwieg. Es gab nichts zu entgegnen. Natürlich hätte sie nicht gehört. Man hatte sie gewarnt, aber sie dachte, alle seien nur neidisch.

Manchmal lernt man nur durch eigene, bittere Erfahrung, ohne Illusionen zu wählen, sagte die Mutter sanft. Wir hätten dir diesen Fehler wegnehmen können. Doch dann hättest du uns ein Leben lang die verpasste Märchenhochzeit vorgeworfen. So jetzt weißt du es. Selbst. Und dieses Wissen bleibt. Es tut weh, aber es ist deins.

Christina weinte. Nicht nur über die gescheiterte Ehe, sondern über die Erkenntnis. Sie waren nicht gleichgültig gewesen. Sie waren weise. Sie ließen sie scheitern, damit sie lernte, keinen Märchenprinzen, sondern einen echten Menschen zu sehen. Und das war eine unbezahlbare Lektion.

***

Was denkt ihr?

Eine schwierige Frage für jede Familie. Manchmal ist Liebe nicht genug. Manchmal hält man an einer Illusion fest, bis sie in tausend Scherben fällt. Und manchmal, ganz selten, sind die Menschen, die schweigen, diejenigen, die am meisten lieben.

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