Ich hab mal im Handy meines schlafenden Mannes nach der Uhrzeit geschaut und da plötzlich diese Benachrichtigung gesehen, die meine Welt zerstört hat.
Nein, Frau Schneider, das geht jetzt wirklich nicht! Ich kann doch jetzt keinen Urlaub nehmen! Wir haben Quartalsabschluss und das Finanzamt steht vor der Tür! Sabine schob nervös die Papiere auf ihrem Schreibtisch hin und her, ohne ihrer Chefin in die Augen zu sehen. Bitte fragen Sie doch jemand anderen.
Wen denn? Die korpulente Frau im strengen Kostüm beugte sich bedrohlich über den Tisch. Julia ist in Elternzeit, Claudia mit ihrem kranken Kind zu Hause und Nicole versteht doch nur Bahnhof die würde alles durcheinanderbringen! Nur Sie können die Filialprüfung übernehmen!
Aber mein Sohn ist krank, meine Mutter kann nicht kommen, um zu helfen, und mein Mann ist ständig auf Dienstreise Sabine spürte, wie ihr ein Kloß im Hals stecken blieb. Ich kann doch nicht einfach für eine Woche nach Leipzig fahren!
Ihre privaten Probleme gehen mich nichts an! schnitt Frau Schneider ihr das Wort ab. Entweder Sie fahren oder Sie reichen Ihre Kündigung ein. Entscheiden Sie sich!
Sabine verließ das Büro ihrer Chefin mit dem Gefühl völliger Ohnmacht. Im Flur wurde sie von ihrer Kollegin Monika eingeholt.
Na, hats dich auch erwischt? fragte sie mitleidig. Ich hab euren Streit gehört.
Streit ist noch untertrieben seufzte Sabine. Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll. Lukas ist erst über die Lungenentzündung hinweg, Stefan ist in München auf der Baustelle. Wie ich das alles schaffen soll, keine Ahnung.
Und deine Schwiegermutter? Vielleicht könnte sie sich um den Jungen kümmern?
Sabine lachte bitter:
Ach ja, Träum weiter. Helga meint, der Enkel sei meine Aufgabe ihre ist es nur, zu kritisieren, wie ich ihn erziehe. Nein danke.
Zurück an ihrem Schreibtisch blätterte Sabine mechanisch durch die Unterlagen, aber ihre Gedanken waren weit weg. Wie immer trieb das Leben sie in die Enge. Achtunddreißig Jahre alt und immer noch zerrissen zwischen Job, Kind und Haushalt. Und Stefan war nie da, wenn sie ihn brauchte.
Abends, nachdem sie Lukas ins Bett gebracht hatte, ließ Sabine sich völlig erschöpft aufs Sofa fallen. Ihr Kopf brummte. Sie rief Stefan an, doch er ging nicht ran wahrscheinlich wieder in irgendeinem Meeting. In fünfzehn Jahren Ehe hatte sie sich an seine ständigen Dienstreisen und Überstunden gewöhnt, aber manchmal war es einfach zu viel, alles alleine zu schultern.
Endlich klingelte das Telefon Stefan.
Hallo, Schatz seine Stimme klang müde. Tut mir leid, ich konnte nicht rangehen, bin total im Stress.
Stefan, ich muss nächste Woche nach Leipzig. Geschäftsreise. Sabine kam direkt zur Sache. Lukas ist noch nicht ganz fit, Kindergarten fällt flach. Kannst du heimkommen?
Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.
Sabine, du weißt doch, das geht nicht. Hier ist totale Alarmstufe, wir geben das Projekt in zwei Wochen ab. Ich würde ja, aber
Aber du kannst nicht beendete sie den Satz für ihn. Wie immer.
Fang nicht schon wieder an, bitte in seiner Stimme lag jetzt Ärger. Ich liege hier nicht faul in der Sonne. Ich schufte für unser Geld, falls dir das entgangen ist.
Ich arbeite auch! fauchte Sabine. Aber irgendwie muss ich trotzdem noch das Kind versorgen, den Haushalt schmeißen, deine Hemden bügeln, das Essen kochen
Hör mal, lass uns das später besprechen unterbrach Stefan sie. Ich bin völlig kaputt, morgen früh gehts direkt wieder auf die Baustelle. Kann nicht deine Mutter kommen? Oder frag doch mal Petra von nebenan, ob sie nach der Schule auf Lukas aufpassen kann.
Leicht gesagt Sabine spürte, wie ihr die Tränen kamen. Na ja, ich werds schon irgendwie hinkriegen. Wie immer.
Nach dem Gespräch saß sie noch lange auf dem Sofa und starrte leergedacht in den Fernseher. Die Leere in ihr wurde immer größer. Wann war ihr Leben eigentlich so geworden? Wann hatten sie aufgehört, ein Team zu sein, und waren zu zwei erschöpften Menschen geworden, die kaum noch Zeit füreinander fanden?
Die nächsten drei Tage vergingen wie im Nebel. Sabine schaffte es, die Dienstreise um eine Woche zu verschieben, überredete ihre Mutter, aus Brandenburg anzureisen, um auf Lukas aufzupassen. Stefan sollte am Samstagabend zurückkommen, kurz bevor sie nach Leipzig abreiste.
Am Freitag saß Sabine bis spätabends über den Unterlagen für die Reise. Ihre Mutter schlief schon auf dem Gästebett, Lukas in seinem Zimmer. Als das Telefon klingelte, zuckte sie zusammen.
Sabine, ich bins Stefans Stimme klang schuldbewusst. Ähm ich muss noch zwei Tage bleiben. Unvorhergesehene Probleme mit dem Projekt.
Was? Ihr war, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Stefan, ich fahre am Sonntag weg! Wir hatten uns doch geeinigt!
Ich weiß, ich weiß! seine Reue klang echt. Aber ich kann nichts machen. Entweder ich bleibe und bringe das Projekt zu Ende, oder wir bekommen alle kein Bonus. Das sind tausende Euro, Sabine.
Und dass ich mein Kind nicht mit auf Dienstreise nehmen kann, ist dir egal? Sabine sprach leise, um niemanden aufzuwecken.
Deine Mutter ist doch schon da? Dann bleibt sie halt noch ein paar Tage länger. Ich komme am Dienstag, versprochen.
Mutter ist einundsiebzig, Stefan! Sie kann kaum noch laufen mit ihren Gelenken! Sabine umklammerte das Telefon so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. Und sie hat am Montag einen Arzttermin, auf den sie seit zwei Monaten wartet!
Dann frag Petra oder nimm für ein paar Tage eine Tagesmutter Stefans Geduld war am Ende. Keine Ahnung, Sabine, du wirst dir schon was einfallen lassen! Ich kann mich doch nicht zerteilen!
Aber ich kann das, oder? Sie rang mit sich, nicht loszuschreien. Immer muss ich mich krummlegen, Lösungen finden, alles alleine regeln! Wann hast du dich das letzte Mal um Lukas gekümmert? Oder um den Haushalt? Oder Gott bewahre um mich?
Ich arbeite mich kaputt, damit ihr was zu essen habt! Stefan explodierte. Damit Lukas alles hat, was er braucht! Was willst du eigentlich noch von mir?
Dass du da bist sagte Sabine leise, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. Einfach nur da, wenn man dich braucht. Aber das ist wohl zu viel verlangt.
Sie beendete das Gespräch und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Was jetzt? Die Chefin anrufen und die Reise absagen und riskieren, den Job zu verlieren? Das kranke Kind bei der alten Mutter lassen? Eine fremde Betreuung für zwei Tage organisieren?
Völlig erschöpft von den Problemen und dem Schlafmangel schlief Sabine unruhig am Tisch ein. Sie wachte von einem steifen Nacken auf die Uhr zeigte halb drei. Mühsam rappelte sie sich hoch und ging ins Schlafzimmer.
Sie wollte den Wecker stellen, aber ihr Handy lag noch im Wohnzimmer. Statt zurückzugehen, griff sie nach Stefans Telefon auf dem Nachttisch er hatte es in der Hektik vergessen. Sie kannte den Code Lukas Geburtstag.
Ich schau nur kurz auf die Uhrzeit dachte sie, als sie das Smartphone in die Hand nahm. Der Bildschirm leuchtete auf: 02:37. Und dann tauchte eine Benachrichtigung auf.
*Schatz, danke für den wundervollen Abend. *Schatz, danke für den wundervollen Abend. Ich kann es kaum erwarten, dich morgen wiederzusehen. Endlich Zeit nur für uns. Ich liebe dich.*
Unter der Nachricht ein Foto Stefan, lächelnd, das Gesicht einer fremden Frau an seiner Schulter. Hinter ihnen das warme Licht einer Hotelbar. Das Datum: heute.
Sabine starrte auf das Display, als gehöre es nicht zu dieser Welt. Dann legte sie das Handy langsam zurück, strich die Decke glatt, setzte sich ans Fußende des Bettes und weinte nicht. Sie atmete nur. Tief. Einmal. Zweimal.
Am Morgen packte sie ihre Tasche, weckte Lukas, brachte ihn zur Schule, fuhr zum Bahnhof. Ohne Abschiedsnachricht. Ohne einen Anruf.
Und als der Zug abfuhr, ließ sie Leipzig zurück und alles, was danach kommen würde.







