Nach der Beerdigung meines Mannes brachte mich mein Sohn auf einen einsamen Waldweg und sagte: ‚Hier ist dein Platz.‘

Nach der Beerdigung meines Mannes fuhr mich mein Sohn auf eine Waldstraße und erklärte: Hier ist dein Platz.

Nach der Beerdigung weinte ich nicht. Nicht, weil ich ihn nicht geliebt hätte wir waren zweiundvierzig Jahre verheiratet, hatten alles durchgemacht: Armut, Krankheiten, Freuden, die ehrlich gesagt nicht allzu zahlreich waren. Ich weinte nicht, weil die Tränen irgendwo tief in mir steckengeblieben waren, wie ein Stein im Hals. Sie kamen nicht heraus nicht am Grab, nicht später, als die Nachbarin einen Teller mit Weizenbrei brachte und sagte: Nun, Gertrud, halt dich tapfer. Ich nickte, lächelte höflich und schloss die Tür.

Andreas mein Sohn stand während der Beerdigung neben mir. Groß, schlank, in einem teuren schwarzen Anzug, der vermutlich mehr kostete als mein halbes Jahresgehalt. Er hielt mich am Ellenbogen, wie es sich gehört, wie man es in guter Familie lernt. Aber seine Hand war kalt. Nicht wegen des Wetters im übertragenen Sinne. Als hielte er keine Mutter, sondern eine Pflicht. Eine Last.

Bei der Trauerfeier hielt er Reden. Er sprach gut, laut, mit Pausen und Gesten. Alle nickten, lobten: Was für ein Sohn! So ein hübscher Junge! So klug! Ich saß in der Ecke und sah ihn an. Sein Gesicht so vertraut und doch so fremd. Die Augen meine. Die Nase die seines Vaters. Das Lächeln fremd. Das Lächeln eines Menschen, der längst aufgehört hatte, meiner zu sein.

Drei Tage nach der Beerdigung kam er zu mir. Ich hatte gerade Kaffee gekocht mein Mann mochte ihn morgens stark, mit Milch, ohne Zucker. Die Gewohnheit war geblieben. Andreas setzte sich an den Küchentisch, legte mir die Autoschlüssel und meinen Ausweis vor.

Mutter, sagte er, ich habe alles durchdacht. Es ist besser für dich im Altenheim. Im Wald. Ruhig, gemütlich, gute Betreuung. Dort ist die Luft sauberer, und die Leute sind wie du Rentner. Du musst nicht allein in der Wohnung sitzen. Du weißt doch, wie Vater krank war Du könntest

Er beendete den Satz nicht. Aber ich verstand. Er meinte: Du könntest auch sterben. Oder genauer: Du solltest sterben. Bald. Damit du nicht im Weg bist.

Ich schwieg. Trank meinen Kaffee. Heiß. Verbrannte mir die Lippen. Aber ich trank. Um nicht zu zittern. Um nicht zu schreien. Um ihm nicht die Tasse an den Kopf zu werfen.

Die Wohnung, begann er, und das Geschäft gehören jetzt mir. Vater hat alles vor einem Jahr auf mich überschrieben. Du weißt doch, er hat immer an mich gedacht. Damit es keinen Streit gibt.

Ich wusste es. Dass mein Mann ein Jahr vor seinem Tod alles auf unseren Sohn übertragen hatte. Ohne mich zu fragen. Ich hatte nicht widersprochen. Dachte: Na gut. Hauptsache, er ist da. Hauptsache, er kümmert sich. Dumme, naive Frau.

Du verstehst doch, fuhr er fort, dass du dort nichts mehr zu suchen hast. Du schaffst das nicht allein. Du bist müde. Du bist alt.

Das letzte Wort sprach er sanft aus. Fast mitleidig. Als stellte er eine Diagnose. Als wäre ich ein kaputter Gegenstand, den man wegwerfen muss.

Wann?, fragte ich.

Er hatte wahrscheinlich Tränen erwartet, Geschrei, Drohungen. Doch ich fragte nur: Wann?

Morgen, antwortete er. Am Vormittag. Ich komme vorbei. Alles ist bereits geregelt. Du musst nicht mal packen dort ist alles da. Nimm nur das Nötigste. Und mach dir keine Sorgen. Ich werde dich besuchen. Natürlich.

Er log. Ich wusste, er würde nicht kommen. Nicht ein einziges Mal.

Am nächsten Morgen kam er in seinem Mercedes. Ich trat mit einem Koffer hinaus. Darin: ein Foto meines Mannes, mein Ausweis, etwas Geld, das ich heimlich über Jahre zurückgelegt hatte, und ein Notizbuch mit Rezepten. Meine Lieblingsrezepte. Die, die er so gern gegessen hatte.

Andreas öffnete den Kofferraum, warf meinen Koffer hinein wie einen Sack Kartoffeln. Dann öffnete er mir die Tür. Ich setzte mich auf den Rücksitz. Er sagte nicht einmal Los gehts. Startete einfach den Motor und fuhr los.

Wir fuhren schweigend. Die Stadt verschwand hinter uns. Dann die Vororte. Dann der Wald. Die Straße wurde schmaler, unbefestigt, voller Schlaglöcher. Ich sah aus dem Fenster. Bäume. Stille. Vögel. Schönheit. Und Angst.

Andreas, sagte ich, wo genau ist dieses Altenheim?

Er antwortete nicht sofort. Dann warf er über die Schulter:

Du wirst es gleich sehen.

Nach weiteren zwanzig Minuten bog er auf einen schmalen Waldweg ab. Das Auto holperte über Baumwurzeln. Ich hielt mich an der Tür fest. Mein Herz schlug wild. Nicht vom Schütteln. Von der Ahnung.

Er hielt an. Stieg aus. Öffnete mir die Tür. Ich stieg aus. Nirgendwo eine Seele. Keine Gebäude. Kein Zaun. Nur Wald. Dicht, dunkel, wortlos.

Hier, sagte er. Dein Platz.

Ich blickte mich um. Sah ihn an. Sein Gesicht. Es war ruhig. Fast zufrieden.

Was soll das heißen mein Platz?, fragte ich.

Genau das, antwortete er. Du verstehst es schon. Hier ist es besser für dich. Ruhig. Friedlich. Niemand wird dich stören.

Er stellte eine Tasche neben mich. Essen für ein paar Tage. Danach nun, du bist eine kluge Frau. Du wirst dich schon zurechtfinden.

Ich erstarrte. In meinem Kopf weißes Rauschen. Als hätte jemand den Ton der Welt ausgeschaltet.

Du du lässt mich hier? Im Wald?

Er zuckte mit den Schultern.

Ich lasse dich nicht zurück. Ich gebe dich frei. Du gehst sowieso bald. Wozu brauchst du die Wohnung? Wozu die Stadt? Du störst mich. Ehrlich. Du erinnerst mich daran, dass ich etwas fühlen sollte. Aber ich will nicht. Ich habe mein eigenes Leben. Meine Familie. Frau, Kinder sie wollen nicht mit einer Oma leben. Vor allem nicht mit einer müden.

Er sagte es so leicht. Als läse er eine Einkaufsliste.

Andreas, flüsterte ich. Ich bin deine Mutter.

Warst du, korrigierte er. Jetzt bist du eine Last. Tut mir leid. Aber so ist es besser für alle.

Er stieg ins Auto. Startete den Motor. Ich stürzte zur Tür. Griff nach dem Griff.

Andreas! Warte! Ich ich gebe dir alles! Die Wohnung, das Geld, alles! Lass mich nur nicht hier!

Er trat aufs Gas. Das Auto ruckte vorwärts. Ich fiel. Schlug mein Knie auf einen Stein. Schrie. Kroch hinter dem Auto her. Aber er drehte sich nicht einmal um.

Ich saß auf dem Boden. Hielt mein Knie. Blut sickerte durch die Strumpfhose. Der Schmerz war da. Aber nicht körperlich. Der Schmerz war innen. Tiefer. Dort, wo einmal mein Herz geschlagen hatte.

Ich öffnete die Tasche. Nahm eine Wasserflasche, Brote, eine Tafel Schokolade. Andreas hatte wohl entschieden, ich sollte nicht sofort sterben. Damit sein Gewissen ihn nicht quälte. Damit er sagen konnte: Ich habe ihr eine Chance gegeben.

Ich aß die Schokolade. Trank Wasser. Stand auf. Sah mich um.

Wald. Nichts als Wald. Keine Straße. Kein Pfad. Keine menschlichen Spuren. Nur Wildwechsel. Und Stille. So dick, dass es in meinen Ohren summte.

Ich ging. Einfach los. Wohin meine Augen mich führten. Vielleicht zur Straße. Vielleicht zum Fluss. Vielleicht zum Tod. Es war mir egal.

Nach einer Stunde fand ich einen Bach. Ich kniete nieder, wusch mir das Blut vom Knie, trank das klare Wasser. Mein Spiegelbild zitterte auf der Oberfläche eine alte Frau mit hohlen Wangen, aber wachen Augen. Kein Stein mehr im Hals. Die Tränen kamen jetzt. Leise. Beständig. Ohne Schluchzen.

Ich dachte an meinen Mann. An die zweiundvierzig Jahre. Daran, dass er mich geschlagen hat, ja aber nie aus Kälte. Sondern aus Verzweiflung. Und ich blieb, weil ich wusste: Er sah mich. Mich. Nicht das, was ich nützte.

Andreas sah mich nie. Er sah eine Last. Eine Erinnerung an Schuld, an Pflicht, an etwas, das er nicht sein wollte.

Ich stand auf. Ging weiter. Am Ufer entlang. Nicht gerettet. Nicht gebrochen. Einfach gehend.

Die Nacht kam. Ich machte ein kleines Feuer mit trockenem Holz, das ich fand. Aß ein Brot. Sah in die Flammen.

Morgen würde ich weitergehen. Oder nicht. Vielleicht würde ich den Weg finden. Vielleicht nicht.

Aber ich würde nicht sterben. Nicht hier. Nicht für ihn.

Ich nahm das Notizbuch aus dem Koffer. Blätterte. Fand das Rezept für seinen Lieblingskuchen den mit den Walnüssen, den er immer zu Weihnachten aß.

Ich lächelte. Das erste Mal, seit er starb.

Und flüsterte in die Dunkelheit:
Ich bin noch da. Ich bin noch da. Die Flammen zuckten, als hätten sie mich gehört. Die Nacht war kalt, aber mein Atem ging ruhig. Irgendwo dort draußen gab es keine Straße, keine Namen, keine Papiere nur Erde, Himmel und die Sterne, die seit jeher über allem wachten. Ich schloss das Notizbuch, legte es nah ans Feuer, damit der Morgen es nicht nass fand. Dann rollte ich mich in meine Decke, lauschte dem Knistern, dem fernen Ruf eines Käuzes. Ich war allein. Doch nicht verloren. Noch nicht. Und solange ich atmete, würden sie mich nicht auslöschen.

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Nach der Beerdigung meines Mannes brachte mich mein Sohn auf einen einsamen Waldweg und sagte: ‚Hier ist dein Platz.‘
Anna parked the car a street away from her mother-in-law’s house. The clock read 5:45 PM—she had arrived earlier than planned. «Maybe this time she’ll appreciate my punctuality.