Die Uhr tickt unaufhaltsam

Die Uhr tickt

Was sollen wir also tun, Doktor? Lydias Stimme zitterte. Jahre voller Versuche, Untersuchungen und Tränen und nun die letzte Hoffnung, ein Professor mit einem renommierten Namen.

Was tun? Leben. Oder Sein Blick glitt über sie, dann zu Sascha. Den Partner wechseln. Sie, meine Dame, sind bald vierzig. Die Uhr tickt. Sie können noch ein Kind bekommen. Nur wahrscheinlich nicht mit ihm.

Die Direktheit von Professor Stein wurde von Kollegen als Makel, von Patienten als Grausamkeit empfunden. Doch für Mark Isakowitsch war es die einzige Form der Barmherzigkeit. Er hatte zu oft gesehen, wie Jahre in fruchtlosen Versuchen verrannen, wie Frauen mit vierzig, betrogen von der Hoffnung, mit nichts dastehen. Es war seine Pflicht, klare Worte zu finden, egal wie schmerzhaft.

Glauben Sie nicht an Wunder, Doktor?, fragte Lydia. Halten Sie unsere Chancen für null?

Es gibt immer Chancen, aber ich glaube an Daten, entgegnete Stein schroff. Und die sind gnadenlos. Besser eine bittere Wahrheit als eine süße Lüge, die Ihnen die letzten Jahre raubt. Nutzen Sie neue Technologien, wenn Sie wollen doch Fakt ist: Sie sind beide gesund. Idiopathische Unfruchtbarkeit hat oft psychische Gründe. Entscheiden Sie selbst.

Natürlich war Lydia gewarnt worden, dass Dr. Stein bis zur Schroffheit direkt sein konnte. Doch fremde Geschichten zu hören war etwas anderes, als es selbst zu erleben.

Im Auto herrschte Schweigen.

Die Worte Partner wechseln hingen in der Luft wie Giftgas. Lydia blickte zu Sascha, mit dem sie durch dick und dünn gegangen war. Ihn verlassen?, dachte sie. Nach all den Jahren, in denen wir eins waren? Nicht nur den Alltag, sondern auch jedes Scheitern, jede Träne geteilt haben? Für die vage Hoffnung auf ein Kind mit einem anderen? Das ist es nicht wert.

Vielleicht ist das unsere Strafe? Ein Zeichen?, brach Sascha das Schweigen. Wir wollten so lange keine Kinder, dachten nur an Geld

Sag das nicht. Wir haben unsere Liebe, erwiderte Lydia. Ehrlich gesagt, bin ich müde vom Versuchen. Ich will einfach leben. Zu zweit. Wir sind gut zusammen. Glücklich sein geht auch ohne Kinder. Oder?

Sascha drückte stumm ihre Hand.

Zehn Jahre waren sie mehr als nur Mann und Frau gewesen. Sie waren ein Team, das alles teilte: vom Kaviarbrötchen nach dem ersten großen Deal bis zu den schlaflosen Nächten über Geschäftsplänen. Für Kinder war keine Zeit gewesen ihr Erfolg war ihr gemeinsames Kind. Wohnung, Auto, das Ferienhaus alles Ergebnis harter Arbeit.

Nach dem Besuch von Dr. Stein atmete Lydia auf. Sie holten sich zwei Katzen lange gewollt, aber wegen des möglichen Kindes aufgeschoben , kauften ein kleines Häuschen am Stadtrand und gaben den Plan auf, um jeden Preis Eltern zu werden. Das Schicksal wusste es besser, beschlossen sie, und lebten einfach.

Dann, nach anderthalb Jahren das Wunder. Zwei Striche.

Andreas wurde geboren. Lydia versank in ihrer neuen Rolle als perfekte Mutter. Sascha stürzte sich in die Arbeit, der ideale Vater und Versorger. Von außen wirkten sie wie das glückliche Paar. Ihre Ehe schien felsenfest. Sie hatten die Unfruchtbarkeit überstanden und wurden mit einem späten Wunderkind belohnt. Doch Felsbrocken zerbröckeln nicht durch Erdbeben, sondern durch das stille Wasser, das sie von innen aushöhlt.

Lydia war fünf Jahre älter als Sascha. Mit seinen 22 hatten sie sich über gemeinsame Ziele gefunden, ihre Beziehung basierte auf Respekt und Ambitionen. Doch sie hatte immer die Führung übernommen. Die erfolglosen Versuche, ein Kind zu bekommen, hatten sie zwar zusammengeschweißt, aber auch eine stille Traurigkeit in ihnen zurückgelassen. Mit der Geburt ihres Sohnes verlor Lydia das Interesse an Sascha. Sie wurden keine Eheleute mehr nur noch Mutter und Vater.

***

Der verhängnisvolle Tag begann wie jeder andere. Ein Routinebesuch in der Kinderarztpraxis. Der lange Flur roch nach Desinfektion und war erfüllt vom Weinen der Kinder. Sascha saß mit Andreas, seine Gedanken waren weit weg. Plötzlich öffnete sich die Tür, und sie trat ein. Eine Frau mit einem etwa sechsjährigen Jungen. Keine Schönheit, aber eine Energie, die ihn aufmerken ließ. Ihre Blicke trafen sich. Er sah nicht weg. Sie auch nicht. Es dauerte nur Sekunden doch die reichten.

Papa, was ist?, zupfte Andreas an seinem Ärmel.

Sascha zuckte zusammen und murmelte, ohne seinen Sohn anzusehen: Nichts, mein Junge.

Er stand auf, ging zum Wasserspender. Wieder dieser Blick. Alexander sagte etwas. Nur ein paar Worte. Doch es war wie ein Blitz. Ein stiller, vernichtender Schlag, der seine Vergangenheit in Sekunden verbrannte.

Sie hieß Olga. Sie saßen nur eine Stunde im Wartezimmer, doch in dieser Zeit erzählten sie sich alles. Von Ehen, in denen sie erstickten. Vom Gefühl, dass das Leben an ihnen vorbeizog. Von der stummen Verzweiflung, die sie jahrelang mit sich trugen. Es war keine bloße Sympathie. Es war Erkenntnis. Ein Blitz, der die Lügen ihres bisherigen Lebens entlarvte.

Zwei Wochen später kam Sascha spät nach Hause. Lydia wartete wie immer mit dem Abendessen.

Sascha, Andreas und ich haben dich so vermisst

Er betrat das Wohnzimmer, ohne den Mantel auszuziehen. und blieb stehen, die Hand am Lichtschalter. Lydia, sagte er leise, ich kann nicht mehr. Ich habe versucht, es zu ignorieren, aber seit diesem Tag in der Praxis ich sehe dich nicht mehr an, ohne an sie zu denken. Es tut mir leid. Ich will mich trennen.
Sie ließ die Kelle fallen. Das Geräusch klirrte durch den Raum wie Glas. Kein Schrei, keine Tränen nur Stille. Tiefe, endlose Stille.
Am nächsten Morgen war Sascha weg. Nur ein Zettel lag auf dem Küchentisch: *Ich habe nicht gewählt. Ich wurde gefunden.*
Lydia stand am Fenster, Andreas auf dem Arm, und sah dem Taxi nach, das ihn davontrug. Die Uhr tickte weiter. Aber diesmal hatte sie nichts mehr zu sagen.

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