Die Verkäuferin im Laden packte plötzlich meinen Arm und flüsterte: «Lauf weg, schnell!»
«Ich halte es nicht mehr aus!», zitterte Antonie Berger vor Wut. «Drei Jahre, Vera Müller, drei Jahre lang ertrage ich seine betrunkenen Geständige unter meinem Fenster! Der Polizist zuckt nur mit den Schultern. Er sagt, er könne nichts tun, bis dieser Alkoholiker jemanden verletzt!»
«Antonie, du übertreibst», erwiderte Vera und rückte ihre Brille zurecht. «Nikolaus Weber ist einfach ein gebrochener Mann. Seit seine Frau gestorben ist, hat er sich völlig aufgegeben.»
«Ein gebrochener Mann?», rief Antonie empört. «Und wir sind alle glücklich, oder? Meine Tochter Anika kämpft allein in Dresden mit zwei Kindern, dein Blutdruck spielt verrückt aber wir saufen nicht und schreien mitten in der Nacht unter fremden Fenstern!»
Sophie Hoffmann, die schweigend zugehört hatte, seufzte tief. Jedes Treffen der Nachbarinnen in der Laube ihres alten Plattenbaus endete mit Diskussionen über Nikolaus Eskapaden. Auch heute war es nicht anders.
«Reden wir über etwas anderes», schlug sie vor und schenkte Tee ein. «Das Wetter ist herrlich, der erste wirklich warme Tag dieses Frühlings.»
«Stimmt», nickte Vera dankbar. «Du bist wie immer die Stimme der Vernunft, Sophie. Wie geht es deinem Paul?»
«Ach, wie immer», lächelte Sophie. «Gestern rief er aus Berlin an. Sie beenden ein wichtiges Projekt. Er versprach, zu Pfingsten zu kommen.»
«Das ist schön», brummte Antonie, etwas beruhigt. «Sonst bist du immer allein. In deinem Alter solltest du nicht so viel arbeiten. Und dann noch dieser Staub in der Bibliothek…»
«Hör auf, Antonie», winkte Sophie ab. «Ich bin erst zweiundsechzig, das ist noch kein Alter. Außerdem liebe ich meine Bibliothek sie ist mein Leben. Und was die Einsamkeit betrifft…» Sie blickte gedankenverloren in die Ferne. «Fünfzehn Jahre sind seit Stefans Tod vergangen.»
Das Gespräch verlief ruhiger über Preise, Gesundheit, Kinder und Enkel. Als die Kanne leer war, warf Sophie einen Blick auf die Uhr.
«Oh, ich muss los! Ich wollte noch schnell zu ‘Glühwürmchen’, bevor es Abend wird. Man sagt, sie haben guten Buchweizen, zum alten Preis.»
«Geh nur», ermutigte Vera. «Aber bleib nicht zu lange. In unserer Gegend ist es in der Dämmerung nicht sicher. Unser Polizist sagte, sie suchen eine Bande.»
«Mach ihr keine Angst», mischte Antonie sich ein. «Sophie ist vernünftig, sie läuft nicht sinnlos im Dunkeln herum.»
Nachdem sie sich verabschiedet hatte, ging Sophie nach Hause, um sich umzuziehen. Die Gegend war wirklich nicht die beste eine triste Plattenbausiedlung am Rand einer Kleinstadt, dunkle Straßen. Aber tagsüber gab es nichts zu befürchten, zumal der Laden nur fünf Minuten entfernt lag.
Sie zog bequemere Schuhe an, nahm ihren Einkaufsroller und verließ das Haus. Die Frühlingssonne wärmte angenehm, in den Vorgärten spross zartes Grün. *Bald blüht der Flieder*, dachte sie und erinnerte sich, wie sie diesen Duft als Kind geliebt hatte.
«Glühwürmchen» war ein kleiner, altmodischer Laden, in dem die Verkäuferinnen jeden Kunden kannten. Sophie kam fast täglich hierher für Brot, Milch oder eben Buchweizen.
Die Glocke über der Tür klingelte leise, als sie eintrat. Nur ein älterer Herr stand an der Wursttheke, und eine junge Mutter mit Kind stöberte bei den Süßigkeiten.
«Guten Tag, Gisela!», begrüßte Sophie die Verkäuferin, eine rundliche Frau um die Fünfzig. «Habt ihr den Buchweizen schon? Die Nachbarinnen sagten, es sei eine gute Charge.»
«Hallo, Sophie!», lächelte Gisela. «Ja, gerade erst ausgepackt. Dritte Reihe, unten.»
Sophie nickte und ging hin. Tatsächlich standen dort sauber verpackte Tüten zu einem fairen Preis. Sie nahm zwei, überlegte dann, ob sie noch etwas brauchte.
Plötzlich spürte sie eine seltsame Spannung im Raum. Gisela, sonst so gesprächig, verstummte mitten im Satz. Ihr Gesicht war angespannt, die Augen flackerten unruhig.
Dann klingelte die Tür erneut. Zwei Männer betraten den Laden. Der Erste, groß und hager, mit tief ins Gesicht gezogener Basecap, musterte den Raum mit einem schnellen Blick. Der Zweite, kleiner, mit ausdrucksloser Miene, blieb wie ein Wächter an der Tür stehen.
Sophie beachtete sie kaum. Doch plötzlich stand Gisela unnatürlich nah neben ihr. Ihr Gesicht war kreidebleich.
«Kann ich Ihnen helfen?», fragte sie auffällig laut. Dann packte sie Sophies Arm und zischte: «Renn! Durch den Lagerraum, den Hinterausgang. Das sind die Räuber von gestern sie haben den Laden in der Nebenstraße ausgeraubt. Zwei Frauen landeten im Krankenhaus!»
Sophie erstarrte. *Mitten am Tag? In unserem ruhigen «Glühwürmchen»?* Doch der panische Blick der Verkäuferin ließ keine Zweifel.
«Danke, ich finde schon selbst», antwortete sie laut, dann leise: «Und Sie? Die anderen Kunden?»
«Ich habe den Alarm gedrückt», flüsterte Gisela. «Aber bis die Polizei kommt… Geh! Sie haben dich nicht bemerkt. Die Mutter mit dem Kind… die lassen sie in Ruhe. Los!»
Mit einem sanften Schubs dirigierte sie Sophie zur Tür mit dem Schild *Nur für Personal*.
Sophies Herz raste, als sie sich umdrehte die Männer waren noch beim älteren Kunden. Sie schlüpfte schnell hindurch.
Im engen Lagerraum blieb sie keuchend stehen. *Vielleicht ein Irrtum?* Doch eine innere Stimme drängte: *Lauf! Schnell!*
Sie bahnte sich einen Weg zwischen Kisten zur Hintertür. Plötzlich ein lauter Knall, ein Schrei. Ihre Hände zitterten, aber sie bewegte sich weiter. Endlich erreichte sie die verbeulte Tür. Sie drückte die Klinke.
Die Tür quietschte widerstandslos auf. Frische Luft schlug ihr entgegen. *Was jetzt?*
Der Polizeiposten war nah nur zwei Blocks entfernt. Fast rennend lief sie los.
Am Posten traf sie auf Hauptmeister Krause, der gerade abschließen wollte.
«Herr Krause!», keuchte sie. «Im ‘Glühwürmchen’… Ein Überfall! Gisela hat den Alarm ausgelöst, aber…»
Der Beamte griff sofort zur Funkgerät: «Notruf! Code 3 Überfall auf ‘Glühwürmchen’, mögliche Bewaffnung. Sofortige Verstärkung!»
Dann zu Sophie: «Bleiben Sie hier.»
Minuten später heulten Sirenen. Als Krause zurückkam, beruhigte er sie: «Alles unter Kontrolle. Beide Täter gefasst.»
«Der Knall…?»
«Eine Gaspistole. Zum Glück nur eine Warnung. Gisela hat cool reagiert. Und Sie auch.»
Später, zu Hause, trank sie beruhigenden Tee. Die Ereignisse fühlten sich unwirklich an. *Eine Bibliothekarin, eine Witwe und plötzlich mittendrin in einem Verbrechen!*
Am Abend rief Paul an. Sie erwähnte nichts aber als er von Pfingsten sprach, sagte sie: «Kommst du? Ich… ich sollte mehr unter Leute. Nicht nur Arbeit Haus Laden.»
«Natürlich», antwortete er überrascht. «Ist alles okay?»
«Ich habe nur etwas begriffen», lächelte sie. «Das Leben ist unberechenbar, Paul. Heute kaufst du Buchweizen, morgen… morgen kann alles passieren.»
Am nächsten Tag betrat sie wieder den Laden. Gisela umarmte sie fest.
«Danke! Wer weiß, wie es sonst ausgegangen wäre.»
«*Sie* haben *uns* gerettet», erwiderte Sophie gerührt.
«Ach was.» Gisela winkte ab. «Übrigens Ihr Buchweizen wartet noch. Nehmen Sie ihn?»
«Ja. Und etwas Süßes. Paul kommt zu Pfingsten.»
Das Leben normalisierte sich. Aber etwas hatte sich verändert eine neue Gewissheit, dass selbst der gewöhnlichste Tag zum Schauplatz des Unerwarteten werden kann. Oder einfach die Erkenntnis, wie kostbar jede Minute ist.
Denn alles kann sich ändern mit einem leisen Flüstern: *»Lauf weg, schnell. Lauf weg, schnell!, hatte die Verkäuferin geflüstert. Und Sophie war gelaufen. Heute stand sie wieder hier, spürte das Gewicht des Einkaufsrollers in ihrer Hand, hörte die Glocke über der Tür. Der Flieder duftete süß in der Abendluft. Sie nahm den Buchweizen, legte ein Stück Schokolade dazu. Draußen wurde es langsam dunkel. Aber zum ersten Mal seit Jahren fürchtete sie sich nicht davor.







