Mutter

Kai heiratete mit vierundzwanzig Jahren. Seine Frau Lina war zweiundzwanzig das einzige und späte Kind eines Professors und einer Lehrerin. Bald kamen zwei Jungen im Abstand von einem Jahr zur Welt, etwas später eine Tochter.

Die Schwiegermutter ging in Rente und kümmerte sich um die Enkel.

Kai und sie hatten ein seltsames Verhältnis. Er nannte sie stets mit vollem Namen: «Hedwig Margarete», und sie antwortete mit distanziertem «Sie», wobei sie ihn konsequent «Kai-Uwe» nannte. Sie stritten nie offen, doch in ihrer Gegenwart fühlte er sich eisig und unbehaglich. Dennoch hielt sie sich stets zurück, sprach respektvoll und mischte sich nie in seine Ehe ein.

Vor einem Monat ging die Firma, in der Kai arbeitete, pleite. Beim Abendessen warf Lina hin:
«Von Mamas Rente und meinem Gehalt können wir nicht ewig leben, Kai. Such dir Arbeit.»

Leichter gesagt als getan! Dreißig Tage lang lief er von einem Vorstellungsgespräch zum nächsten ohne Erfolg.

Frustriert trat er eine leere Bierdose über den Weg. Zum Glück schwieg die Schwiegermutter noch, doch ihre Blicke sprachen Bände.

Vor der Hochzeit hatte er zufällig ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter belauscht:
«Lina, bist du sicher, dass er der Richtige ist?»
«Mama, natürlich!»
«Ich glaube, dir ist nicht klar, was für eine Verantwortung das bedeutet. Wäre dein Vater noch da»
«Mama, hör auf! Wir lieben uns, alles wird gut!»
«Und die Kinder? Kann er sie versorgen?»
«Er schafft das!»
«Es ist noch nicht zu spät, um innezuhalten, Lina. Seine Familie»
«Ich liebe ihn!»
«Hüte dich, dass du dir nicht später in den Hintern beißt!»

«Jetzt ist es soweit», dachte Kai bitter. Die Schwiegermutter hatte es vorausgesehen.

Nach Hause wollte er nicht. Es kam ihm vor, als tröstete Lina ihn nur oberflächlich mit einem «Morgen klappts bestimmt!», während ihre Mutter schweigend seufzte und die Kinder spöttisch fragten: «Papa, hast du schon Arbeit?» Das alles noch einmal zu ertragen unmöglich!

Er schlenderte am Rheinufer entlang, setzte sich auf eine Parkbank und fuhr spätabends zum Gartenhaus, wo die Familie von Mai bis Herbst wohnte. Ein Fenster war noch erleuchtet Hedwig Margaretes Schlafzimmer. Leise schlich er den Weg entlang. Plötzlich bewegte sich der Vorhang, Kai duckte sich und landete unsanft auf einem Baumstumpf.

Die Schwiegermutter blickte hinaus:
«Kai-Uwe ist spät dran. Hast du ihn angerufen, Lina?»
«Ja, Mama, nicht erreichbar. Wahrscheinlich treibt er sich wieder rum, weil er keine Arbeit findet.»

Hedwig Margaretes Stimme wurde scharf:
«Lina, wag es nicht, so über den Vater deiner Kinder zu reden!»
«Ach, Mama, übertreib nicht! Ich glaub einfach, Kai hängt rum und sucht nicht ernsthaft.»

Zum ersten Mal seit sechs Jahren hörte Kai, wie seine Schwiegermutter die Faust auf den Tisch schlug und laut wurde:
«Unverschämt! So redest du nicht über deinen Mann! Was hast du versprochen, als du ihn geheiratet hast? in guten wie in schlechten Zeiten! an seiner Seite zu stehen!»

Lina plapperte hastig:
«Mama, verzeih. Reg dich nicht auf, ja? Ich bin nur müde und gestresst. Tut mir leid.»
«Gut, geh schlafen», seufzte Hedwig Margarete.

Das Licht erlosch. Sie ging im Zimmer auf und ab, schob den Vorhang beiseite und starrte in die Dunkelheit. Plötzlich hob sie die Augen zum Himmel und bekreuzigte sich:
«Herr, Allbarmherziger und Gnädiger, beschütze den Vater meiner Enkel, den Mann meiner Tochter! Lass ihn nicht den Mut verlieren. Hilf ihm, Herr, meinem Sohn!»

Flüsternd betete sie, Tränen rollten über ihr Gesicht.

In Kais Brust wuchs eine glühende Wärme. Niemand hatte je für ihn gebetet! Nicht seine strenge Mutter, die sich ganz ihrer Arbeit im Parteibüro verschrieben hatte, nicht sein Vater, den er kaum kannte der war verschwunden, als Kai fünf war. Aufgewachsen war er in Krippe, Kindergarten, Schule und Hort. Im Studium jobbte er sofort seine Mutter verachtete Faulheit und bestand darauf, dass er für sich selbst sorgte.

Die Wärme breitete sich aus, stieg höher, füllte ihn ganz und drang als Tränen hervor. Er erinnerte sich, wie Hedwig Margarete frühmorgens Kuchen buk, den er liebte, köstliche Suppen kochte, ihre Maultaschen und Knödel wie ein Wunder schmeckten. Sie versorgte die Kinder, putzte, pflanzte Gemüse, kochte Marmelade ein, bereitete knusprige Gurken und Sauerkraut für den Winter vor

Warum hatte er das nie wahrgenommen? Warum nie ein Dankeswort? Er und Lina arbeiteten einfach, bekamen Kinder und dachten, das sei normal. Oder dachte nur er so? Einmal, als sie gemeinsam eine Doku über Australien sahen, hatte Hedwig Margarete beiläufig erwähnt, sie träume davon, diesen Kontinent zu besuchen. Er hatte scherzhaft geantwortet, es sei dort zu heiß für eine Frau im Eispanzer

Lange saß Kai noch da, den Kopf in den Händen.

Am nächsten Morgen betrat er mit Lina die Terrasse zum Frühstück. Auf dem Tisch: Kuchen, Marmelade, Tee, Milch. Die Kinder strahlten. Er hob den Blick und sagte sanft:
«Guten Morgen, Mama.»

Hedwig Margarete zuckte leicht, dann antwortete sie:
«Guten Morgen, Kai.»

Zwei Wochen später fand Kai eine Stelle. Ein Jahr darauf schickte er Hedwig Margarete trotz Protest nach Australien.

Manchmal braucht es Zeit, um zu erkennen, wer wirklich für einen betet und dass Familie nicht nur im Blute liegt, sondern im Herzen.

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