Mama, schon wieder hast du das Licht die ganze Nacht brennen lassen!, sagte Markus gereizt, als er die Küche betrat.
Ach, ich bin eingeschlafen, mein Sohn Ich habe eine Serie geschaut und nicht gemerkt, wie ich weggedöst bin, lächelte die Frau müde.
In deinem Alter solltest du dich ausruhen, nicht die Nächte vor dem Fernseher verbringen!
Die Mutter lächelte still und antwortete nicht. Sie zog ihren Morgenmantel fester um sich, damit man nicht sah, wie sie vor Kälte zitterte.
Markus lebte in derselben Stadt, besuchte sie aber selten wenn er Zeit fand.
Ich habe dir Obst und Medizin für den Blutdruck mitgebracht, sagte er hastig.
Danke, mein Junge. Gott segne dich, flüsterte sie.
Sie wollte ihm über die Wange streichen, doch er wich zurück.
Ich muss los, ein Arbeitstermin. Ich rufe nächste Woche an.
Gut, mein Lieber. Pass auf dich auf, sagte sie leise.
Als er gegangen war, stand sie lange am Fenster und sah ihm nach, wie er hinter der Straßenecke verschwand. Sie legte die Hand auf ihr Herz und flüsterte:
Pass auf dich auf denn ich bleibe nicht mehr lange.
Am nächsten Morgen warf der Postbote etwas in den alten, rostigen Briefkasten.
Gertrud ging langsam zum Tor und holte einen Umschlag heraus, auf dem stand:
Für meinen Sohn Markus, wenn ich nicht mehr bin.
Sie setzte sich an den Tisch und begann mit zitternder Hand zu schreiben:
Mein Lieber,
wenn du das liest, konnte ich nicht mehr sagen, was mir auf dem Herzen lag.
Weiß eins: Mütter sterben nicht. Sie verstecken sich nur in den Herzen ihrer Kinder, damit es nicht so wehtut.
Sie legte den Stift beiseite, betrachtete ein altes Foto den kleinen Markus mit aufgeschürften Knien.
Erinnerst du dich, als du vom Baum gefallen bist und gesagt hast, du kletterst nie wieder?
Und ich habe dir beigebracht, aufzustehen.
Jetzt möchte ich, dass du wieder aufstehst nicht mit dem Körper, sondern mit der Seele.
Sie wischte sich die Tränen weg, steckte den Brief in den Umschlag und schrieb darauf:
Am Tor hinterlassen, wenn ich nicht mehr bin.
Drei Wochen später klingelte das Telefon.
Herr Markus, hier ist die Schwester aus der Klinik Ihre Mutter ist letzte Nacht verstorben.
Er schloss wortlos die Augen.
Als er nach Hause kam, roch es nach Lavendel und Stille.
Auf dem Tisch stand ihre Lieblingstasse, an der Wand die Uhr, die längst stehengeblieben war.
Im Briefkasten lag ein Umschlag mit seinem Namen.
Mit zitternden Händen öffnete er ihn. Die Handschrift die ihrer Mutter.
Wein nicht, mein Junge. Tränen holen nichts zurück.
Im Schrank liegt dein blauer Pullover. Ich habe ihn oft gewaschen er riecht nach Kindheit.
Markus konnte sich nicht halten.
Jedes Wort traf ihn mitten ins Herz, schmerzhafter als jeder Vorwurf.
Mach dir keine Vorwürfe. Ich wusste, du hast dein eigenes Leben.
Und Mütter leben schon von den kleinen Brotkrumen der Aufmerksamkeit ihrer Kinder.
Du hast selten angerufen, aber jedes Telefonat war für mich ein Fest.
Ich will nicht, dass du leidest. Ich will, dass du weißt:
Ich war stolz auf dich.
Am Ende stand:
Wenn dir kalt ist, leg die Hand auf deine Brust.
Spürst du die Wärme? Das ist mein Herz, das noch in dir schlägt.
Er sank auf die Knie und presste den Brief an seine Brust.
Mama Mama, warum bin ich so selten gekommen?
Das Haus antwortete mit Schweigen.
Er schlief direkt auf dem Boden ein.
Als er erwachte, schien die Sonne durch die alten Vorhänge.
Er ging durch das Haus, berührte Tassen, Fotos, ihren Morgenmantel auf dem Stuhl.
Am Kühlschrank lag ein Zettel:
Markus, ich habe Kohlrouladen gemacht und sie ins Eisfach gelegt. Ich weiß, du vergisst wieder zu essen.
Wieder kamen ihm die Tränen.
Die Tage vergingen, doch Ruhe fand er nicht.
Er ging zur Arbeit, doch seine Gedanken kehrten immer zurück in das Haus mit den gelben Vorhängen.
Eines Samstags hielt er es nicht mehr aus er fuhr hin.
Er öffnete das Fenster, und Vogelgezwitscher drang herein.
Der Postbote betrat den Hof:
Guten Tag, Herr Markus. Mein Beileid.
Danke
Ihre Mutter hat noch einen Brief hinterlassen. Sie wollte, dass ich ihn übergebe, wenn Sie wieder hierherkommen.
Er öffnete den Umschlag. Dieselbe Handschrift vertraut:
Mein Sohn,
wenn du zurückgekommen bist, dann hast du mich vermisst.
Dieses Haus habe ich dir nicht als Erbe hinterlassen, sondern als lebendige Erinnerung.
Stell Blumen aufs Fenster. Mach dir Tee.
Und lass das Licht nicht nur für dich brennen lass es auch für mich. Vielleicht sehe ich es von dort oben.
Er lächelte durch die Tränen.
Mama das Licht wird jede Nacht brennen.
Er trat hinaus in den Hof und blickte zum Himmel.
In den Wolken glaubte er, eine vertraute Silhouette zu erkennen im weißen Morgenmantel mit Blumen.
Du hast mir beigebracht zu leben, Mama Jetzt lehr mich wie man ohne dich lebt.
Jahre vergingen.
Das Haus blieb lebendig.
Markus kam oft goss die Blumen, reparierte den Zaun, setzte den Teekocher auf immer für zwei.
Eines Tages brachte er seinen kleinen Sohn mit.
Hier hat deine Oma gelebt, sagte er.
Und wo ist sie jetzt, Papa?
Dort oben. Aber sie hört uns.
Der Junge schaute nach oben und winkte:
Oma! Ich hab dich lieb!
Markus lächelte durch die Tränen.
Und ihm schien, als flüsterte der Wind ihre Stimme:
Ich hab euch auch lieb. Beide.
Denn Mütter verschwinden nicht.
Sie bleiben in deinem Lächeln, darin, wie du nach jedem Fall aufstehst, wie du deinen Kindern sagst: Ich hab dich lieb.
Eine Mutterliebe ist ein Brief, der immer ankommt. Eines Abends, als der Wind sanft um das Haus strich, zündete Markus eine Kerze an und stellte sie ans Fenster.
Die Flammen zitterten nicht, als die Tür leise knarrte niemand war gekommen.
Doch er spürte es: eine Hand, die seine Wange berührte, zart wie ein Seufzer.
Er schloss die Augen, und zum ersten Mal seit Jahren fühlte er keine Kälte in der Brust nur Wärme, tief und still.
Draußen, im Schein der Laterne, flackerte das Licht nicht aus, sondern heller.







