Ich habe dich für mich geboren!
Und wohin willst du denn jetzt? Veronika Petrovnas Stimme klang vorwurfsvoll.
Erika seufzte schwer, während sie ihre Tasche schloss. Ihr Inneres verkrampfte sich bei dem vertrauten Tonfall ihrer Mutter, der einen weiteren Verhör-Marathon ankündigte.
Zur Arbeit, Mama, antwortete Erika und bemühte sich, ruhig zu klingen.
Zu welcher Arbeit?! Veronika Petrovna fuhr hoch, ihre Stimme überschlug sich fast. Du hast heute keinen Dienst, das weiß ich noch genau! Wohin willst du wirklich? Heraus mit der Sprache!
Erika drehte sich zu ihr um. Die Mutter stand im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt.
Ich soll im Laden einspringen. Ein bisschen extra Geld schadet nicht, erklärte Erika gelassen.
Du lügst! Die Mutter stieß einen schrillen Schrei aus und trat näher. Glaubst du, ich merke das nicht? Du willst doch nur mit irgendeinem Kerl herumziehen! Undankbares Ding! Ich habe dich großgezogen, dir mein Leben gegeben, und du lügst mir dreist ins Gesicht!
Veronika Petrovna war jetzt richtig in Fahrt. Ihr Gesicht lief rot an.
Erika blickte ihrer Mutter direkt in die Augen. Ihr Blick war so müde, so erfüllt von angestautem Schmerz, dass Veronika Petrovna für einen Moment verstummte.
Dann komm doch mit, wenn du mir nicht glaubst, flüsterte Erika und ging, ohne eine Antwort abzuwarten, zur Tür hinaus.
Hinter ihr hörte sie noch Geschrei, doch die Worte waren nicht mehr zu verstehen.
Auf dem Weg zur Arbeit wirbelten Erikas Gedanken wie gefangene Vögel in einem Käfig. Vierundzwanzig Jahre. Vierundzwanzig Jahre alt, und doch lebte sie unter einer Kontrolle, als wäre sie zwölf. Das kann doch nicht normal sein, dachte sie, während sie einer Pfütze auf dem Bürgersteig auswich. Andere in ihrem Alter hatten längst eigene Wohnungen, Karrieren, Beziehungen. Und sie? Nicht einmal studieren durfte sie.
Die Erinnerung schmerzte. Damals hatte sie sich so sehr auf die Pädagogik gefreut. Sie hatte gelernt, die Prüfungen bestanden, sogar die Punktzahl erreicht. Doch ihre Mutter hatte einen solchen Tobsuchtsanfall bekommen, dass Erika nachgab.
Wozu brauchst du dieses Studium? Du wirst nur herumhuren wie diese anderen Studentinnen! Und ich? Wer kümmert sich dann um mich?
Also blieb sie. Wie immer.
Es war ihre Mutter gewesen, die sie in den Laden um die Ecke vermittelt hatte. Fünf Minuten Fußweg, nicht mehr. Damit ich weiß, wo du bist.
Und sie kam tatsächlich, um nachzuschauen. Regelmäßig. Unter dem Vorwand, Brot oder Milch zu kaufen, tauchte sie plötzlich auf nur um sicherzugehen, dass ihre Tochter auch wirklich da war.
Dabei hatte alles viel früher angefangen. Erika erinnerte sich an ihre Jugend. Von zu Hause zur Schule und zurück streng nach Zeitplan. Jede Verspätung von zwei Minuten führte zu einem Kreuzverhör: Wo warst du? Mit wem hast du gesprochen? Warum bist du zu spät? Mit Klassenkameraden nach der Schule abhängen? Skandal. Eine Einladung zum Geburtstag einer Freundin? Stundenlanges Betteln, Tränen und am Ende doch ein Nein.
Wer weiß, was auf diesen Partys alles passiert!
Erika stieß die schwere Ladentür auf. Das vertraute Klingeln, der Geruch frischer Backwaren. Sie ging ins Lager, zog ihre Arbeitskleidung an und trat in den Verkaufsraum.
Irgendwie hatte sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Während sie Waren einräumte, beobachtete sie heimlich ihre Kolleginnen. Marie und Lena, beide in ihrem Alter, plauderten aufgeregt über ihre Wochenendpläne.
Am Samstag gehen wir in das neue Café, schwärmte Marie. Und dann ins Kino!
Perfekt! stimmte Lena zu. Und wenn das Wetter schön ist, machen wir sonntags einen Spaziergang im Park.
Erika wandte sich ab. Ihre Pläne bestanden aus Haushalt und Mutter. Wie immer. Putzen, kochen, Fernsehen unter Veronika Petrovnas wachsamem Blick.
Zwei Tage später. Das Wochenende begann mit einem gemeinsamen Frühstück. Erika kaute mechanisch ihr Müsli, in Gedanken versunken. Die Rebellion, die seit Wochen in ihr brodelte, hatte endlich eine klare Form angenommen.
Veronika Petrovna schlug abrupt die Hand auf den Tisch. Erika zuckte zusammen, der Löffel entglitt ihr fast.
Woran denkst du? Du siehst aus, als hätte dir jemand auf den Fuß getreten! Heraus damit!
Erika hob den Blick. Ihr Herz schlug schneller, übersprang einen Schlag, dann noch einen. Ihr Mund war trocken. Und dann kamen die Worte von selbst:
Ich will ausziehen.
Eine schwere Stille legte sich über die Küche. Veronika Petrovnas Gesicht verfärbte sich. Erst rosa, dann rot, schließlich purpurrot.
Ausziehen? Du? Verstehst du überhaupt, was du da sagst? Die Mutter rang nach Luft. Nur hier, unter meinem Schutz, bist du sicher! Ohne mich gehst du unter! Die Welt ist grausam, Männer sind alle hinterlistige Schwindler
Mama, andere schaffen das doch auch, versuchte Erika einzuwenden.
Wenn du auch nur noch einmal davon anfängst Veronika Petrovnas Stimme wurde leise und bedrohlich sperre ich dich einfach hier ein. Gar nicht mehr rauslassen. Verstanden? Hast du mich verstanden?
Erika starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Tränen liefen ihr über die Wangen, die sie nicht einmal mehr zu unterdrücken versuchte.
Warum? flüsterte sie. Warum tust du mir das an?
Veronika Petrovna lehnte sich zurück. Ein seltsamer Ausdruck trat auf ihr Gesicht eine Mischung aus Wut und einer Art Genugtuung.
Warum? Ich habe dich schließlich für mich geboren, nicht damit du irgendwo herumstreunst. Du bleibst bei mir. Immer.
Erika erstarrte. Diese Worte trafen sie wie eiskaltes Wasser. Für sie geboren. Nicht aus Liebe, nicht aus Sehnsucht. Für sie. Wie einen Gegenstand. Wie Eigentum. Oder einen Hund
Veronika Petrovna schnaubte und erhob sich. Ohne ein weiteres Wort verließ sie den Raum und überließ Erika ihren Gedanken.
Die nächsten zwei Tage verhielt sich Erika mustergültig. Kein Widerspruch, keine Diskussionen. Veronika Petrovna taute langsam auf, überzeugt, ihre Tochter habe die Lektion gelernt. Sie lächelte sogar ein paar Mal und lobte Erikas Kochkünste.
Doch innerlich hatte Erika längst eine Entscheidung getroffen. Vor ihrer nächsten Schicht packte sie heimlich ihren Pass und ihre Ersparnisse in die Tasche das bisschen Geld, das sie vor den allgegenwärtigen Augen der Mutter versteckt hatte.
Nach der Arbeit ging sie nicht nach Hause. Stattdessen betrat sie das Büro des Filialleiters.
Herr Schneider, begann sie, kaum in der Lage, das Zittern in ihren Händen zu unterdrücken, ich muss kündigen. Sofort. Ohne Frist. Bitte helfen Sie mir.
Der Filialleiter hob überrascht die Augenbrauen. Erika war eine gute Mitarbeiterin, immer pünktlich, nie unentschuldigt abwesend.
Was ist passiert? fragte er aufrichtig besorgt.
Erika zögerte, dann erzählte sie kurz von ihrer Situation. Von der Mutter, die jeden Schritt kontrollierte, von einem Leben ohne Freiheit.
Herr Schneider überlegte, dann bot er an: Hören Sie, wir haben eine Filiale am anderen Ende der Stadt. Ich könnte Sie dorthin versetzen. Gleicher Lohn, gute Bedingungen. Und Ihre Mutter wird Mühe haben, Sie dort zu finden.
Erika nahm dankbar an. Mit einem neuen Arbeitsvertrag verließ sie den Laden. Sie fand ein Zimmer 500 Euro im Monat, kein Luxus, aber ein Anfang.
An der Bushaltestelle zog sie ihr Handy heraus, zerbrach die SIM-Karte und warf sie weg. Eine neue würde sie morgen kaufen. Die alte Nummer kannte nur ihre Mutter und ein paar Kollegen. Vorbei.
Eine Woche später lebte Erika bereits im Wohnheim. Das kleine Zimmer mit abblätternder Tapete erschien ihr wie ein Palast. Hier konnte sie aufwachen, wann sie wollte, essen, was sie wollte, und vor allem frei atmen.
Manchmal griff ihre Hand automatisch zum Telefon. Die Gewohnheit, der Mutter von jedem Schritt zu berichten, saß tief. Doch Erika hielt sich zurück. Sie wusste: Ein Anruf, und ihre Mutter würde sie finden, einen Skandal veranstalten, sie vielleicht sogar zurückholen.
Es war ungewohnt und beängstigend. Die Einsamkeit überkam sie manchmal wie eine Welle, ließ sie zweifeln. Doch dann erinnerte sie sich an diese Worte: Für mich geboren. Und wusste, sie hatte die einzig richtige Entscheidung getroffen.
In dieser Wohnung, unter dem Joch ihrer Mutter, konnte sie nicht länger existieren. Es war kein Leben, nur ein langsames Verlöschen.
Jetzt hatte sie eine Chance. Endlich für sich selbst zu leben, nicht für die krankhafte Kontrolle ihrer Mutter. Es war schwer. Manchmal unerträglich schwer. Doch Erika wusste: Es gab keinen anderen Weg. Sie musste ihr eigenes Leben führen.







