Elsa hatte ihr Leben lang als Lehrerin gearbeitet und musste nun wegen der kleinen Rente Gemüse auf dem Markt verkaufen. Ihr Schwiegersohn hatte eine neue Frau in die gemeinsame Wohnung gebracht, und ihre Tochter war mit dem Kind zur Mutter zurückgekehrt. Elsa half ihr, so gut sie konnte.
Mama, es tut mir leid, dass du dich so abrackern musst. Den ganzen Tag im Garten, dann auf dem Markt, sagte Lina. Du solltest dich ausruhen.
Ach, Kind. Solange ich noch Kraft habe, helfe ich dir und meinem Enkel. Ihr steht mir ja auch zur Seite den halben Garten habt ihr in zwei Tagen gehackt! Allein hätte ich das nie geschafft, antwortete Elsa. Und Sophie braucht neue Schuhe für die Schule. Soll sie etwa in alten Latschen zum Unterricht gehen?
So lebten sie, unterstützten einander und hofften, dass auch für sie einmal bessere Zeiten kommen würden. Natürlich, wenn Lina nicht allein kämpfen müsste, wäre vieles leichter.
Eines Morgens machte sich Elsa auf den Weg zum Markt. Ihr Standplatz war gut, die Kunden strömten. Das fiel auch anderen Händlern auf, darunter Ludmilla, eine alte Bekannte Elsas. Kurzerhand nahm sie Elsa den Platz weg.
Hast du verschlafen? Tut mir leid, ich hab deinen Stand schon aufgebaut. Brauche eine Stunde zum Packen, noch eine zum Auspacken heute musst du dir was anderes suchen, erklärte Ludmilla schnippisch.
Elsa stritt nicht. Das lag ihr nicht. Sie richtete sich stattdessen in der Nähe ein. Neben ihr stand Tanja, eine Marktfrau.
Und dein Schwiegersohn? Ist er zurückgekommen?, fragte Tanja.
Nein, seufzte Elsa. Er hat jetzt sein eigenes Leben.
Die jungen Leute wollen heute keine Familie, keine Kinder. Sie denken nur an sich. Mein Sohn ist auch noch nicht verheiratet, rennt nur in den Bergen herum, plauderte Tanja.
Die Zeit verging im Gespräch wie im Flug. Nachmittags tauchte ein junger Mann in merkwürdiger Kleidung auf dem Markt auf.
Sitzt der etwa ein?, wunderte sich Ludmilla, und die Händler starrten misstrauisch auf den Fremden.
Der Mann näherte sich Elsas Stand. Er wühlte in seinen leeren Taschen und fragte:
Tante, ich hab keinen Cent mehr. Könnte ich mir ein paar Äpfel borgen?
Nimm nur, was solls. Aber warum hat so ein starker Bursche kein Geld?, fragte Elsa achselzuckend.
Ich komme gerade von weiter weg. Keine Sorge, ich bin kein Mörder. Habe mich wie ein Dummkopf auf eine Frau eingelassen und saß deshalb ein.
Können deine Angehörigen nicht helfen? Warum machst du dich allein auf den Weg?
Doch. Aber ich will sie nicht anrufen. Es soll eine Überraschung sein.
Und wie weit musst du?
Nach Freiburg.
Das ist ein weiter Weg!
Der junge Mann verschwand kurz. Neben dem Markt lag der Bahnhof. Elsa sah, wie er mit einem Busfahrer sprach, dann kam er zurück.
Tante, leihen Sie mir bitte etwas Geld. Sonst komme ich nicht nach Hause. Ich gebe es zurück, sobald ich kann, bat er mit flehendem Blick.
Wie viel brauchst du?
Fünfzig Euro!
Unter den erstaunten Blicken der anderen Händler reichte Elsa ihm einen Schein.
Du kannst doch nicht zu Fuß gehen, nimm es, sagte sie.
Vielen Dank! Ich komme bestimmt wieder!, rief er. Ich heiße Paul. Und wie ist Ihr Name?
Elsa Schmidt.
Danke, Frau Schmidt!, rief er und eilte zum Bus.
Elsa, wie kannst du nur so dumm sein! Der bringt dir nie etwas zurück!, empörte sich Tanja.
Man muss einander helfen, wir sind doch keine Tiere, verteidigte sich Elsa.
Aber er ist kein Mensch. Ein Knacki bleibt ein Knacki!
Elsa winkte ab und machte sich auf den Heimweg.
Am Wochenende bekam Lina Fieber. Die Mutter sammelte Kräuter aus dem Garten und pflegte sie, so gut sie konnte.
Die Enkelin kam abends mit einem Buch angelaufen und zupfte Elsa am Ärmel:
Oma, lies mir ein Märchen vor?
Natürlich, mein Schatz, lächelte Elsa und strich ihr über das Haar.
Draußen begann es zu regnen. Während das Feuer im Ofen knisterte, deckte Lina den Tisch. Die Familie wollte zu Abend essen. Plötzlich klopfte es an der Tür.
Die Frauen wechselten einen Blick. Sie erwarteten niemanden!
Darf ich?, fragte eine Stimme, und ein fremder Mann trat ein. Elsa musterte ihn dann erkannte sie ihn.
Paul?
Ja, Frau Schmidt. Verzeihen Sie, dass ich die Schuld nicht gleich zurückgezahlt habe. Viel ist in letzter Zeit passiert.
Bei deinen Augen hätte ich dich fast nicht erkannt!, lachte Elsa. Siehst du ja richtig fein aus! Anzug, rasiert fast wie ein Herr.
Setzen Sie sich doch zu uns, lud Lina ihn schüchtern ein.
Beim Essen erzählte Paul seine Geschichte wie er zu Unrecht drei Jahre im Gefängnis gesessen hatte.
Jetzt bin ich wieder als Abteilungsleiter in der Klinik. Falls Sie mal Hilfe brauchen, kommen Sie vorbei, sagte er zum Abschluss und warf Lina einen interessierten Blick zu.
Eine Woche später hielt ein bekanntes Auto vor Elsas Haus. Paul stieg aus mit einem großen Blumenstrauß in der Hand.
Lina, schau mal aus dem Fenster! Dein Freier ist da, rief Elsa und zwinkerte. Wann feiern wir Hochzeit?
Sieh nur, lachte Lina und drückte die kleine Sophie an sich. Auch für uns gibt es noch ein Fest!
Und so zeigte sich: Wer Gutes tut, dem widerfährt oft unerwartetes Glück.







