Zurück zu meinen Wurzeln

14. Oktober 2025

Ich habe mir angewöhnt, den Morgen mit einem offenen Fenster zu beginnen. In dieser Jahreszeit ist die Luft noch frisch, das sanfte Licht legt sich auf die Fensterbank und aus dem Hinterhof dringen die Stimmen der frühen Passanten sowie das kurze Trällern einer Amsel. Während der Kaffee auf dem Herd vor sich hin köchelt, schalte ich meinen Laptop ein und öffne sofort Telegram. In den letzten zwei Jahren ist dieser Kanal für mich nicht nur ein Arbeitstool, sondern auch ein eigentümliches Tagebuch beruflicher Beobachtungen geworden. Dort teile ich Ratschläge mit Kolleginnen und Kollegen, beantworte Fragen der Abonnenten und nehme typische Schwierigkeiten meines Fachgebiets auseinander stets sachlich, ohne Belehrung, mit Geduld für fremde Fehler.

Unter der Woche ist mein Tag beinahe bis auf die Minute durchgeplant: Videokonferenzen mit Kund*innen, Prüfung von Dokumenten, EMails. Selbst in den kurzen Pausen schaue ich in den Kanal. Neue Nachrichten kommen regelmäßig: jemand bittet um Rat, ein anderer dankt für eine ausführliche Erklärung eines kniffligen Sachverhalts. Manchmal schlagen die Abonnenten Themen für kommende Beiträge vor oder erzählen von eigenen Erfahrungen. Nach zwei Jahren ist die Community für mich zu einem echten Unterstützungs und Erfahrungsaustauschraum geworden.

Der Morgen verläuft ruhig: ein paar neue Fragen zu meinem letzten Beitrag, ein paar Danksagungen für das gestrige Material zu juristischen Feinheiten, ein Kollege schickt mir einen Link zu einem aktuellen Fachartikel. Ich notiere mir ein paar Ideen für zukünftige Posts und schließe das Fenster mit einem Lächeln ein arbeitsreicher Tag liegt vor mir.

Am Nachmittag, nach einem Telefonat, werfe ich einen kurzen Blick auf Telegram. Ein seltsamer Kommentar fällt mir auf: ein unbekannter Nutzer, scharfer Ton. Er wirft mir Unprofessionalität vor und bezeichnet meine Ratschläge als nutzlos. Zunächst ignoriere ich ihn, doch eine Stunde später sehe ich weitere ähnliche Beiträge von anderen Accounts alle in gleicher anklagender, herablassender Weise. Die Vorwürfe drehen sich um angebliche Fehler in meinen Materialien, Zweifel an meiner Qualifikation, sarkastische Bemerkungen über Ratschläge vom Theoretiker.

Ich antworte sachlich und mit Quellenangaben auf die erste Nachricht, erkläre die Logik meiner Empfehlungen. Doch die Negativschwelle steigt: Neue Kommentare beschuldigen mich bereits von Unehrlichkeit und Vorurteilen. Einige enthalten persönliche Abneigungen oder verspotten meinen Stil.

Am Abend versuche ich, mich mit einem Spaziergang abzulenken: Die Sonne ist noch nicht untergegangen, die Luft ist mild, das Gras vom Rasen duftet nach Schnitt. Doch meine Gedanken kehren immer wieder zum Handy zurück. In meinem Kopf schwirren Formulierungen für mögliche Antworten. Wie kann ich meine Kompetenz beweisen? Sollte ich überhaupt irgendetwas gegenüber Fremden rechtfertigen? Warum hat ein einst vertrauensvoller Raum plötzlich eine Lawine an Verurteilungen ausgelöst?

In den folgenden Tagen eskaliert die Situation. Unter jedem neuen Beitrag stapeln sich dutzende einseitige Kritik und Spottnamen; kaum noch dankende Worte oder konstruktive Fragen. Ich merke, dass ich Nachrichten nun mit Vorsicht öffne: Meine Handflächen werden feucht bei jedem neuen Ping. Abends starre ich lange auf den Laptop und überlege, was genau diese Reaktion ausgelöst hat.

Am fünften Tag fällt es mir schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren die Gedanken kehren immer wieder zum Kanal zurück. Es scheint, als könnte all meine jahrelange Mühe vor diesem Strom des Misstrauens verblassen. Ich antworte kaum noch auf Kommentare; jedes Wort fühlt sich verletzlich und unzureichend an. Eine tiefe Einsamkeit breitet sich in dem Raum aus, der einst freundlich wirkte.

Gestern Abend öffnete ich die Kanaleinstellungen. Meine Hände zitterten stärker als sonst; ich hielt den Atem an, bevor ich den Button zum Deaktivieren der Kommentare drückte. Dann schrieb ich kurz: Liebe Kolleg*innen, ich lege für eine Woche Pause ein. Der Kanal wird vorübergehend geschlossen, um das Format neu zu überdenken. Die letzten Zeilen fielen mir besonders schwer ich wollte alles ausführlich erklären, mich rechtfertigen, doch die Kraft dazu war erschöpft.

Als die Benachrichtigung über die Pause erschien, spürte ich Erleichterung gemischt mit Leere. Der Abend war warm; durch das angelehnte Küchenfenster zog der Duft frisch gemähten Grases herein. Ich schloss den Laptop und saß lange schweigend am Tisch, lauschte den Stimmen von draußen und fragte mich, ob ich jemals wieder zu dem zurückkehren könnte, das mir einst Freude bereitet hat.

Die Stille nach dem Abschalten des Kanals war ungewohnt. Die Gewohnheit, Nachrichten zu prüfen, blieb, doch zugleich kam ein Gefühl der Befreiung: Ich musste mich nicht mehr verteidigen, nicht mehr Rechtfertigungen finden, die allen gefallen.

Am dritten Tag der Pause kamen die ersten Nachrichten. Zuerst schrieb ein Kollege knapp und sachlich: Ich sehe, der Kanal ist still wenn du Unterstützung brauchst, ich bin da. Danach folgten weitere Nachrichten von Menschen, die mich persönlich kannten oder meine Beiträge schon lange verfolgten. Sie teilten ähnliche Erfahrungen, berichteten von eigenen Konfrontationen mit Kritik und davon, wie schwer es ist, solche Angriffe nicht persönlich zu nehmen. Ich las die Worte langsam, ließ besonders warme Zeilen mehrmals zurückkehren.

In privaten Nachrichten fragten die Abonnenten meist: Was ist passiert? Geht es dir gut? Ihre Worte waren voller Sorge und Überraschung: Für sie war der Kanal ein Ort des fachlichen Dialogs und der Rückendeckung. Ich staunte trotz der früheren Flut an Negativität wendet sich jetzt fast jeder ehrlich und ohne Forderungen an mich. Einige dankten einfach für alte Beiträge oder erinnerten an einzelne Ratschläge aus früheren Jahren.

An einem Abend erhielt ich einen langen Brief von einer jungen Kollegin aus Nürnberg: Ich verfolge dich fast von Anfang an. Deine Materialien haben mir geholfen, meine erste Stelle in unserem Beruf zu finden und Fragen zu stellen, ohne Angst. Dieser Brief blieb länger in meinem Gedächtnis als alle anderen; er löste ein seltsames Gemisch aus Dankbarkeit und leichter Verlegenheit aus, als hätte jemand mir ein wichtiges Detail ins Gedächtnis gerufen, das ich fast vergessen hatte.

Nach und nach wichen Anspannung und Grübeln einander. Warum hat die Meinung anderer so zerstörerisch gewirkt? Warum haben ein Dutzend böser Kommentare Hunderte ruhiger und dankbarer überdeckt? Ich erinnerte mich an Fälle, in denen Klient*innen nach einer schlechten Erfahrung bei einem anderen Berater*innen zu mir kamen, verunsichert, und durch eine klare Erklärung wieder Zuversicht gewannen. Ich weiß aus eigener Erfahrung: Unterstützung wirkt stärker als Kritik; sie gibt Kraft, weiterzumachen, selbst wenn das Aufgeben verlockend scheint.

Ich durchforstete meine frühesten Beiträge im Kanal sie wurden leicht und ohne Angst vor einem imaginären Gericht geschrieben. Damals dachte ich nicht an die Reaktionen Unbekannter; ich schrieb für Kolleg*innen so schlicht und ehrlich, wie ich nach einer Konferenz am runden Tisch sprechen würde. Heute wirken diese Aufzeichnungen besonders lebendig, weil sie ohne Furcht vor Spott entstanden sind.

Nachts starre ich oft die Baumkronen vor meinem Fenster an das dichte grüne Laub wirkt wie eine undurchdringliche Wand zwischen Wohnung und Straße. In dieser Woche gönne ich mir, nicht überall hin zu eilen: Morgens genieße ich ein lockeres Frühstück mit frischen Gurken und Radieschen vom Wochenmarkt, nach der Arbeit schlendere ich durch die schattigen Pfade des Hinterhofs. Manchmal telefoniere ich mit Kolleg*innen, manchmal sitze ich einfach lange still.

Am Ende der Woche lässt die innere Angst nach. Meine berufliche Gemeinschaft erweist sich als stärker als die kurzzeitige Welle des Unmuts; freundschaftliche Nachrichten und Erzählungen von Kolleg*innen geben mir das Gefühl, gebraucht zu werden. Ich spüre ein vorsichtiges Verlangen, zum Kanal zurückzukehren jedoch anders: ohne den Drang, allen zu gefallen, und ohne jede Spitze zu beantworten.

In den letzten beiden Pausentagen vertiefte ich mich in die TelegramEinstellungen für Kanäle. Ich stellte fest, dass ich die Diskussionen nur für registrierte Gruppenmitglieder öffnen, unerwünschte Nachrichten schnell löschen und vertrauenswürdige Kolleg*innen als Moderator*innen einsetzen kann. Dieses technische Wissen schenkt mir Sicherheit: Jetzt habe ich Werkzeuge, um mich und meine Leser*innen vor Wiederholungen solcher Situationen zu schützen.

Am achten Pausetag wachte ich früh auf und fühlte sofort Ruhe die Entscheidung kam ohne inneren Druck. Ich öffnete den Laptop am Küchenfenster; die Sonne erhellte bereits den Tisch und einen Teil des Bodens. Bevor ich den Kanal wieder für alle öffnete, schrieb ich: Liebe Freund*innen, danke an alle, die mich in dieser Zeit persönlich und per Mail unterstützt haben. Ich kehre zum Kanal zurück, jetzt etwas überarbeitet: Diskussionen sind nur noch für Gruppenmitglieder, und ein einfaches Regelwerk gilt gegenseitiger Respekt ist Pflicht. Ich fügte ein paar Zeilen hinzu, warum ein offenes, professionelles Umfeld wichtig ist, jedoch vor Aggression geschützt werden muss.

Mein erster neuer Beitrag war kurz ein praktischer Hinweis zu einer kniffligen Frage der Woche; der Ton blieb wie gewohnt ruhig und zuvorkommend. Schon nach einer Stunde kamen die ersten Rückmeldungen: Dank für die Rückkehr, Fragen zum Thema, kurze Unterstützungsworte. Einer schrieb schlicht: Wir haben dich vermisst.

Ein vertrautes Leichtgewicht kehrte in mir zurück es blieb erhalten, trotz einer Woche voller Zweifel und Schweigen. Ich muss meine Kompetenz nicht mehr gegenüber Störenfrieden beweisen; ich kann meine Energie dorthin lenken, wo sie wirklich gebraucht wird in die fachliche Gemeinschaft von Kolleg*innen und Leser*innen.

Am Abend desselben Tages ging ich erneut spazieren, bevor die Dämmerung hereinbrach: Die Bäume im Hinterhof warfen lange Schatten auf die gepflasterten Wege, die Luft kühlte nach dem Tageslicht, aus den Fenstern der Nachbarhäuser drangen Gespräche beim Abendessen oder Telefonate. Dieses Mal kehrten meine Gedanken nicht zu den Sorgen der letzten Tage zurück, sondern zu neuen Themen für künftige Beiträge und zu Ideen für gemeinsame Projekte mit Kolleg*innen aus anderen Städten.

Ich fühle mich wieder Teil von etwas Größerem ohne Angst vor zufälligen Attacken von außen, sicher im Recht, den Dialog ehrlich und offen zu führen, wie ich es immer getan habe.

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