«Dein Sohn ist nicht von mir,» platzte mein Mann beim Abendessen heraus, doch der DNA-Test bewies etwas anderes.
«Ich verstehe nicht, warum du auf diesem Abendessen bestehst, Sabine,» sagte Helga Müller und stellte eine Vase mit Blumen in die Mitte des Tisches. Sie musterte die Tischdekoration kritisch. «Ihr und Jürgen streitet euch in letzter Zeit wie Hund und Katze. Wollt ihr den ganzen Abend so tun, als wäre alles in Ordnung?»
Sabine wischte schweigend die Kristallgläser ab, ihre Finger strichen sanft über die dünnen Wände mit einem weichen Tuch. Diese Gläser waren ein Geschenk ihrer Schwiegermutter zum zehnten Hochzeitstag. Damals schien die Zukunft voller weiterer Jubiläen. Doch jetzt, fünf Jahre später, war selbst ein gemeinsames Abendessen eine Herausforderung.
«Mama, Max ist fünfzehn. Er versteht schon alles. Aber ich will, dass er sieht, dass Jürgen und ich trotz unserer Probleme zivilisiert miteinander umgehen können. Familie ist wichtig.»
Helga seufzte und schüttelte den Kopf. Mit ihren dreiundsechzig Jahren war sie noch immer hellwach und entschlossen. Nach dem Tod ihres Mannes war sie zu ihrer Tochter und ihrem Enkel gezogen, eine feste Stütze für Sabine geworden.
«Dein Vater, Gott hab ihn selig, sagte immer: ‘Ein morscher Balken bricht unter schwerer Last.’ Verzeih meine Offenheit, aber eure Ehe ist momentan genau so ein Balken.»
Sabine stellte das letzte Glas auf den Tisch und trat ans Fenster. Der Aprilabend färbte den Himmel zartrosa. Irgendwo in der Stadt beendete ihr Mann Jürgen seinen Arbeitstag. Würde er überhaupt kommen? In den letzten drei Monaten war er ständig zu spät gekommen, und wenn er da war, wirkte er kalt und distanziert.
«Manche Dinge müssen geklärt werden, Mama. Für Max.»
Plötzlich stürmte ein großer Teenager ins Zimmer und stopfte Hefte in seinen Rucksack.
«Mama, ich gehe zu Lars, wir machen die Physik-Hausaufgaben zusammen.»
«Warte mal,» Sabine hielt ihren Sohn am Ärmel fest. «Heute ist Familienabend, hast du das vergessen? Dein Vater kommt.»
Max rollte mit theatralischem Seufzen die Augen:
«Wozu das? Er taucht sowieso die ganze Woche nicht auf. Glaubst du, ihn interessiert das?»
«Max!» fuhr ihn die Oma an. «Sprich nicht so über deinen Vater. Er arbeitet hart, um die Familie zu versorgen.»
«Ja, klar, besonders an Wochenenden und abends,» murmelte der Junge. «Mama, bitte, kann ich nicht zu Lars? Ich bin pünktlich um sieben zurück, versprochen.»
Sabine seufzte. Ihr Sohn wurde immer verschlossener, verbrachte immer weniger Zeit zu Hause. Vielleicht war es besser, ihn gehen zu lassen? Weniger Spannung.
«Gut, aber um sieben bist du da. Dein Vater will mit dir reden.»
Als Max gegangen war, schüttelte Helga den Kopf:
«Der Junge spürt alles, Sabine. Belüg ihn nicht. Wenn zwischen dir und Jürgen Schluss ist, sag es ihm direkt.»
«Es ist noch nicht vorbei, Mama,» Sabine drehte sich weg, um die Tränen zu verbergen. «Es ist nur eine schwere Phase. Jeder hat mal so etwas.»
Helga wollte etwas sagen, doch in diesem Moment schlug die Haustür zu. Jürgen war früher als sonst gekommen. Sabine wischte sich schnell die Augen und zwang sich zu einem Lächeln.
«Hallo,» sagte sie im Flur.
Jürgen nickte stumm und hängte seinen Mantel auf. Er sah müde und irgendwie verloren aus. Groß, breitschultrig, mit grauen Schläfen er war für Sabine immer Inbegriff von Verlässlichkeit gewesen. Zwanzig Jahre zusammen, fünfzehn verheiratet. Es schien, als wüssten sie alles voneinander. Doch in den letzten Monaten sah sie einen fremden Mann.
«Ist Max da?» fragte er und ging in die Küche.
«Er ist bei einem Freund, kommt aber um sieben zurück. Du wolltest mit ihm reden?»
Jürgen nickte und vermied ihren Blick. Er grüßte seine Schwiegermutter und setzte sich an den Tisch.
«Tee?» bot Helga an. «Es ist noch eine halbe Stunde bis zum Essen.»
«Danke, nein.» Er zückte sein Handy und vertiefte sich in Nachrichten.
Sabine wechselte einen Blick mit ihrer Mutter. Die Atmosphäre war bedrückend.
«Ich schaue mal nach dem Braten,» sagte Helga und zog sich diskret in die Küche zurück.
Sabine setzte sich Jürgen gegenüber.
«Können wir reden?»
Er hob den Blick, und in seinen Augen sah sie etwas Neues. Nicht die übliche Müdigkeit, sondern echten Schmerz.
«Worüber?» Seine Stimme klang dumpf.
«Über uns. Was los ist. Du bist kaum noch zu Hause, wir sprechen nicht mehr…»
«Was gibt es zu besprechen, Sabine?» Er legte das Handy weg. «Haben wir uns denn noch etwas zu sagen?»
«Natürlich!» Sie beugte sich vor. «Jürgen, fünfzehn Jahre zusammen. Soll das wirklich so enden? Ohne Erklärung?»
Er starrte sie lange an, als ringe er mit sich, dann schüttelte er den Kopf:
«Warten wir auf Max. Ich muss mit euch beiden reden.»
Sabine spürte, wie ihr eiskalt wurde. Etwas Unumkehrbares lag in der Luft, sie fühlte es in jedem Fiber ihres Seins.
Um sieben kam Max nach Hause. Er war aufgekratzt und bemerkte die angespannte Stimmung nicht.
«Papa, hallo!» Er schüttelte seinem Vater freudig die Hand. «Wie war die Arbeit? Du wolltest von dem neuen Projekt erzählen!»
Jürgen lächelte schwach und tätschelte Max’ Schulter:
«Später, Junge. Erst essen wir.»
Das Abendessen verlief in bedrückender Stille. Helga versuchte mit Nachbarschaftsgeschichten die Stimmung aufzulockern, Max erzählte von der Schule, doch das Gespräch stockte. Jürgen aß kaum und starrte auf einen Punkt.
«Dessert?» schlug Sabine vor, als die Hauptgerichte abgeräumt waren. «Ich habe deinen Lieblings-Napoleonschnitten gebacken.»
«Nein danke,» entgegnete Jürgen abrupt. «Wir müssen reden. Ernsthaft.»
Helga stand auf: «Ich lasse euch allein»
«Bleib bitte,» Jürgens Stimme war fest. «Was ich zu sagen habe, betrifft die ganze Familie.»
Sabine spürte, wie sich ihr Inneres vor böser Ahnung zusammenkrampfte. Ihr Mann wirkte entschlossen, fast feindselig. So hatte sie ihn noch nie gesehen.
«Ich habe lange überlegt, wie ich das sagen soll,» begann Jürgen und blickte auf den Tisch. «Aber vielleicht ist es am besten, direkt zu sein.» Er sah Max an. «Ich kann nicht länger in dieser Lüge leben. Dein Sohn ist nicht von mir, Sabine.»
Stille. Sabine spürte, wie ihr der Atem stockte. Max erstarrte mit offenem Mund. Helga fasste sich an die Brust.
«Was?» Sabine fand mühsam ihre Stimme wieder. «Was redest du da?»
«Ich weiß alles,» Jürgen sprach leise, aber jedes Wort traf wie ein Hammer. «Über deine Treffen mit Klaus vor unserer Hochzeit. Er hat es mir letzte Woche selbst erzählt. Er konnte es nicht länger geheim halten.»
«Klaus?» Sabine blickte verwirrt zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn hin und her. «Bist du verrückt? Ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen!»
«Lüg nicht!» Jürgen schlug mit der Faust auf den Tisch, das Geschirr klirrte. «Er hat mir Briefe gezeigt, Fotos. Ihr habt euch getroffen, als ich auf Dienstreise war. Einen Monat vor unserer Hochzeit. Die Zeiträume passen, Sabine. Ich habe nachgerechnet.»
Max sprang auf. Sein Gesicht war weiß vor Schock.
«Was… was soll das heißen?» Er starrte zwischen seinen Eltern hin und her. «Du… du bist nicht mein Vater?»
«Jürgen, hör auf,» Sabine stand ebenfalls auf. «Du weißt nicht, was du da sagst! Max ist dein Sohn, ich habe dich nie betrogen!»
«Warum sollte er lügen?» Jürgen schüttelte den Kopf. «Klaus sagte, er bereue es immer, nicht um dich gekämpft zu haben. Dass er dich zu mir gehen lässt. Jetzt hat er sich scheiden lassen und will neu anfangen. Mit dir und… seinem Sohn.»
Max rannte aus dem Zimmer, die Tür knallte. Sabine wollte ihm folgen, doch Helga hielt sie zurück.
«Lass ihn,» sagte sie. «Und du, Jürgen, hast wirklich geglaubt, ein Fremder sei dir wichtiger als die Frau, mit der du fünfzehn Jahre verbracht hast?»
«Er ist kein Fremder,» antwortete Jürgen müde. «Er war mein Freund. Bis er mir meine Braut kurz vor der Hochzeit ausspannte. Und jetzt zerstört er endgültig meine Familie.»
Sabine sank auf einen Stuhl. Plötzlich ergab alles Sinn. Klaus, Jürgens alter Freund, hatte ihr einmal den Hof gemacht. Sie hatten sich vor der Hochzeit getroffen er hatte sie angefleht, Jürgen nicht zu heiraten. Doch sie hatte ihn abgewiesen. Kein Betrug. Dass Klaus jetzt mit Lügen kam das war Rache. Raffiniert, fünfzehn Jahre aufgeschoben, aber Rache.
«Jürgen, hör zu,» sie sprach ruhig, obwohl sie innerlich kochte. «Ich habe Klaus vor der Hochzeit getroffen. Einmal. In einem Café. Er bat mich, dich nicht zu heiraten. Ich habe nein gesagt. Das war alles. Keine Affäre.»
«Und die Briefe? Die Fotos?» Jürgen zog einen zerknitterten Umschlag hervor. «Hier, sieh selbst. ‘Ich werde unsere Nacht nie vergessen.’ Deine Handschrift, Sabine. Ich würde sie überall erkennen.»
Mit zitternden Händen nahm Sabine den Brief. Die Handschrift ähnelte ihrer aber die Worte waren nicht von ihr!
«Das ist eine Fälschung,» sie schüttelte den Kopf. «Jürgen, das habe ich nicht geschrieben.»
«Hör auf zu lügen!» Er sprang auf, sein Gesicht verzerrt vor Schmerz. «Fünfzehn Jahre habe ich ein fremdes Kind großgezogen. Fünfzehn Jahre Lügen. Ich bin fertig. Ich reiche die Scheidung ein. Morgen bekommst du die Papiere.»
Er griff nach seinem Mantel und stürmte hinaus. Die Tür knallte, Stille blieb zurück.
Sabine saß reglos da. Wie konnte Klaus ihre Handschrift fälschen? Und warum?
«Was tun wir jetzt?» flüsterte Helga und umarmte ihre Tochter. «Max ist am Boden. Jürgen verrückt. Wie beweisen wir, dass alles gelogen ist?»
Sabine blickte auf. In ihren Augen lag Entschlossenheit.
«Ein DNA-Test. Das ist der einzige Weg.»
Am nächsten Tag gingen sie in eine Privatklinik. Max war still. Über Nacht schien er Jahre älter geworden.
«Mama, was wenn er… wirklich nicht mein Vater ist?» fragte er, als sie auf die Proben warteten.
«Er ist es, Max,» Sabine drückte ihn. «Ich habe nie gezweifelt.»
«Aber die Briefe…»
«Gefälscht. Klaus war immer gut im Manipulieren. Er rächt sich, weil ich deinen Vater gewählt habe.»
Max schwieg lange. Dann: «Und wenn… wenn Papa nicht mein Vater wäre… würdest du mich weniger lieben?»
Sabine spürte einen Kloß im Hals.
«Niemals,» sie umarmte ihn fester. «Du bist mein Sohn. Egal, was der Test sagt.»
Drei Tage später kam das Ergebnis: 99,9% Wahrscheinlichkeit, dass Jürgen der Vater war.
Helga bekreuzigte sich: «Gott sei Dank. Jetzt müssen wir es Jürgen zeigen.»
Doch er ging nicht ans Telefon. Sabine fuhr zu seiner Arbeit.
Im Büro der Baufirma, wo Jürgen leitender Ingenieur war, wurde sie misstrauisch empfangen. Die Sekretärin sagte, er habe Urlaub. Doch Sabine blieb hart.
«Es geht um seinen Sohn. Wenn er jetzt nicht kommt, mache ich eine Szene, über die noch lange gesprochen wird.»
Fünf Minuten später stand Jürgen vor ihr. Abgemagert, unrasiert.
«Was willst du?» fragte er müde.
Stumm reichte sie ihm das Ergebnis. Er las es, sein Gesicht veränderte sich Unverständnis, Überraschung, Schock.
«Das… ist das wahr?»
«DNA lügt nicht,» sagte Sabine. «Menschen schon. Besonders solche wie Klaus.»
Jürgen sank auf einen Stuhl, das Gesicht in den Händen.
«Gott, was habe ich getan,» flüsterte er. «Wie konnte ich glauben… Max, er…»
«Er ist am Boden,» sagte Sabine kalt. «Deine Worte haben ihn verletzt. Wie konntest du so etwas denken, Jürgen? Nach all den Jahren?»
«Er war so überzeugend,» Jürgen blickte auf. «Briefe, Fotos… Alles sah echt aus. Und wir waren so distanziert…»
Sabine schüttelte den Kopf:
«Distanziert, weil du nur gearbeitet hast. Nicht weil ich fremdgegangen bin.»
Langes Schweigen. Dann fragte Jürgen leise:
«Kannst du mir vergeben?»
«Ich weiß nicht,» antwortete Sabine ehrlich. «Aber für Max versuche ich es. Er braucht dich.»
An diesem Abend kam Jürgen mit Blumen für Sabine und einem neuen PC für Max nach Hause. Das Gespräch mit Max dauerte Stunden. Als sie herauskamen, waren beide gerührt, aber ruhig.
«Alles gut, Mama,» lächelte Max. «Papa und ich haben geredet. Passiert.»
Helga wischte sich eine Träne weg und ging kochen. Jürgen sah Sabine an:
«Ich war ein Idiot. Ich verdiene keine Vergebung. Aber ich liebe dich und Max mehr als alles. Ich werde alles tun, um euer Vertrauen zurückzugewinnen.»
Sabine musterte ihn lange. Dann nickte sie:
«Es wird ein langer Weg, Jürgen.»
«Ich weiß,» er nahm ihre Hand. «Aber wir schaffen das. Zusammen.»
Eine Woche später stand Klaus vor der Tür. Verwirrt, verängstigt.
«Sabine, entschuldige,» plapperte er. «Ich wollte nicht, dass es so weit geht. Ich war betrunken, wütend…»
Jürgen schloss ihm die Tür vor der Nase. Dann drehte er sich zu Sabine und Max:
«Niemand wird sich jemals wieder zwischen uns stellen. Ich verspreche es.»
Sabine lächelte. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte sie, wie sich die Wolken lichtete. Vor ihnen lag harte Arbeit doch sie hatten sich füreinander entschieden. Als Familie.
«Ich liebe euch,» sagte sie einfach und umarmte beide. «Ihr seid meine Männer.»
Max kicherte verlegen, doch er drängte sich näher. Jürgen küsste Sabines Haar:
«Vergib mir. Ich werde nie wieder an dir zweifeln.»
Draußen begann ein neuer Tag. Und zum ersten Mal seit langer Zeit begrüßten sie ihn gemeinsam als eine Familie, die stärker war als je zuvor.







